Kommentar „Magnifica humanitas“

Die Mutmach-Enzyklika

In seiner ersten Enzyklika „Magnifica Humanitas“ legt Papst Leo XIV. seine Gedanken zum „Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“ und ein Regierungsprogramm seines Pontifikats vor.

Ein Jahr nach seiner Wahl zum Papst der römisch-katholischen Kirche hat Leo XIV. heute im Vatikan bei einer aufwendigen Pressekonferenz (Video) sein erstes umfängliches Lehrschreiben vorgestellt: Die Enzyklika „Magnifica humanitas“ (lat. „großartige Menschheit“, Volltext) ist ein Mix aus Digital- und Friedensdenkschrift und unternimmt den Versuch, die Prinzipien der katholischen Soziallehre für das digitale Zeitalter zu übersetzen:

„Die von Gott geschaffene großartige Menschheit steht heute vor einer entscheidenden Wahl: Entweder sie errichtet einen neuen Turm zu Babel oder sie erbaut die Stadt, in der Gott und die Menschheit gemeinsam wohnen.“ (Nr. 1)

Das Lehrschreiben besteht aus einer knappen Einleitung, fünf inhaltlichen Kapiteln und einem Schlusswort. Wie üblich ist die Enzyklika obendrein durch eine durchgehende Nummerierung gegliedert (bis Nr. 245). Sie enthält eine zusammenfassende Schilderung der Prinzipien der katholischen Soziallehre und eine systematisierte Darstellung der Kritik an Künstlicher Intelligenz, die Papst Leo XIV. während seines ersten Amtsjahres bei zahlreichen Anlässen vorgetragen hat. Die Enzyklika ist wesentlich verständlicher formuliert (und übersetzt) als bei vatikanischen Dokumenten sonst üblich. Hier macht sich womöglich bemerkbar, dass die Muttersprache des Papstes Englisch ist.

Unterzeichnet hat Leo XIV. das Dokument bereits am 15. Mai, dem 135. Jahrestag der Veröffentlichung von „Rerum Novarum“. Mit jener ersten großen Sozialenzyklika hatte sich Papst Leo XIII. im Jahr 1891 der Sozialen Frage zugewandt und die päpstliche Aneignung der katholischen Soziallehre begonnen. Leo XIV. stellt sich in diese Tradition und führt gleich mehrere Stränge von päpstlichen Lehren und Botschaften der Gegenwart zusammen.

In memoriam Franziskus‘

Mit seinen Gedanken über die globale Wirtschaft, die Digitalisierung und die Entwicklungen auf dem Feld der Künstlichen Intelligenz schließt Leo direkt an seinen unmittelbaren Vorgänger Franziskus an. Franziskus hatte die römisch-katholische Kirche mit den Enzykliken „Laudato si’“ (2015) und „Fratelli tutti“ (2020) äußerst kapitalismuskritisch, entlang der befreiungstheologischen Tradition der „Option für die Armen“ und im Sinne einer „Sorge für unser gemeinsames Haus“ ausgerichtet. Leo nimmt diese Traditionslinien zu Beginn von „Magnifica humanitas“ auf (Nr. 14).

Im Zentrum der Enzyklika steht das gemeinsame Bauen an einer „Zivilisation der Liebe“, in der die menschliche Würde das Maß aller Dinge bleibt. Nicht Algorithmen, das Recht des Stärkeren oder die Gewinnerzielungsinteressen von (Digital-)Konzernen sollen handlungsleitend sein, sondern ein „situierter Anthropozentrismus“, „der den Menschen als Geschöpf betrachtet, das in ein Netz von Beziehungen zu anderen Lebewesen und zur gesamten Schöpfung eingebunden ist“ (Nr. 237). Auch diesen Begriff leiht sich Leo von Franziskus.

Theologisch interessierte Leser:innen werden sich über Leos Schriftauslegungen zu Beginn und zum Schluss der Enzyklika beugen: Der Papst sieht den Menschen mit Rückgriffen auf die Geschichte des Propheten Nehemia und auf den 1. Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth als cooperator dei, als „Mitarbeiter Gottes“, der im Horizont des bereits angebrochenen Gottesreiches auf einer „Baustelle der Hoffnung“ ans Werk geht (z.B. Nr. 11, 12, 185, 241, 242).

Seinen Schlussappell leiht sich der Papst schließlich aus dem Magnificat, dem „Lied der Hoffnung“ der Mutter Jesu (Nr. 243 ff.). Damit holt Leo nicht nur die katholische Marienfrömmigkeit in sein Schreiben, sondern auch die radikale Reich-Gottes-Vision des Gesangs aus dem Lukasevangelium:

„Gott hat bereits die Macht seines Arms gezeigt; er hat bereits die Hochmütigen zerstreut, die Mächtigen gestürzt, die Niedrigen erhöht, die Hungernden mit guten Gaben beschenkt und die Reichen leer ausgehen lassen. […]

In der demütigen Treue des Alltags kann auch das Zeitalter der KI zu einer Zeit werden, in der der Heilige Geist die Zivilisation der Liebe in unserem Leben zur Reife bringt. Der Herr macht weiterhin alles neu und hält jeder Epoche die Möglichkeit offen, im Licht der Menschwerdung zu einer Geschichte des Heils zu werden.“ (aus Nr. 243, 245)

So viel Hoffnung in die Menschheit und präsentische Eschatologie hat man zuletzt selten gehört. Leo hält beide einer Zeit der apokalyptischen Untergangsszenarien, des Zynismus und des vorschnellen Einknickens vor dem Recht des Stärkeren (in Sachen Frieden) und den Märkten (in Sachen Digitalisierung und Wirtschaftsleben) entgegen.

„Magnifica humanitas“ ist mehr als eine Enzyklika über Künstliche Intelligenz, als die sie in den vergangenen Monaten angekündigt wurde. Im weiteren Verlauf des Schreibens geht es Leo vor allem um Kriege und die Notwendigkeit und Möglichkeit des Friedenschaffens: „Friede [ist] weder eine naive Hoffnung noch die bloße Abwesenheit von Krieg: Er ist das stets mögliche Ergebnis von Gerechtigkeit und Nächstenliebe.“ (Nr. 205). Die Enzyklika ist eine regelrechte Charmeoffensive des Oberhaupts der römisch-katholischen Kirche in Richtung seiner Zeitgenoss:innen: Gebt die Vision des Friedens, diesen Planeten, unser „gemeinsames Haus“, und die Menschen nicht auf!

Ein Regierungsprogramm

Aus der ersten eigenständigen Enzyklika von Papst Franziskus, „Laudato si’, ist in den vergangenen elf Jahren eine globale Bewegung zur Bewahrung der Schöpfung und Bekämpfung der Klimakrise gewachsen. Wird „Magnifica humanitas“ eine ähnliche Wirkungsgeschichte beschieden sein? Was wird aus den Forderungen des Papstes nach einer Rückkehr zum Multilateralismus, nach Gerechtigkeit und Friedenssinn? Wer wird sich von Leo zur Mitarbeiter:innenschaft an der „Zivilisation der Liebe“ überreden lassen?

In den kommenden Tagen und Wochen wird die Enzyklika danach abklopft werden, was sie en detail zur Einhegung der „Künstlichen Intelligenz“ und von autonomen Waffensystemen, zur Regulierung von digitalen Plattformen und Werkzeugen und zur aktuellen politischen Sitation auf Erden zu sagen hat. Ob Leos in der „unerschöpflichen Gnade Gottes“ (Nr. 126 ff.) wurzelnder Optimismus verfängt, hängt mehr noch als am „gesunden Realismus“ seiner Gedanken jedoch daran, wie glaubwürdig seine eigene Kirche in der Welt agiert. Papst Leo setzt in „Magnifica humanitas“ wichtige Signale:

Wer das „neue Gesicht“ des Kolonialismus im „Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“ und „neue Formen der Sklaverei“ in „Wirtschaftsketten und digitalen Infrastrukturen“ beklagt (Nr. 174 ff.), muss eigene Schuld in der Vergangenheit benennen. In „Magnifica humanitas“ wiederholt der Papst darum nicht nur die Verurteilung jeglicher Sklaverei durch seine Kirche, sondern gesteht „Komplizenschaft“ und „Blindheit von gestern“ ein:

„Dies ist eine Wunde im christlichen Gedächtnis, die wir als unsere ansehen müssen. Es ist unvermeidlich, tiefen Schmerz angesichts des enormen Leidens und der Demütigung zu empfinden, die die Sklaverei für so viele Menschen bedeutete und ein Gegensatz zu ihrer grenzenlosen und vom Herrn unendlich geliebten Würde war. Dafür bitte ich im Namen der Kirche aufrichtig um Vergebung.“ (Nr. 176)

Ein zweites starkes Signal für das immer noch neue Pontifikat ist sicher auch, wovon in „Magnifica humanitas“ bewusst nicht (mehr) die Rede ist: Weder von der Gefahr des „Genderismus“ wie noch bei Franziskus ist zu lesen, noch finden sich Litaneien über LGBTQI+, Sexualität und die intime Lebensgestaltung in der Enzyklika. Vor wenigen Tagen erst betonte der Papst, Fragen der Sexualität dürften nicht kirchentrennend sein (s. hier & hier in der Eule).

Mit seinem Schreiben von der Großartigkeit des Menschen versucht Leo XIV. ein Widerwort gegen die Hyperfokussierung seiner Kirche auf die (vermeintlichen) Verfehlungen von Menschen: „Im Guten aufzubauen“ bedeute, „die Begrenztheit und Schwäche des Menschen zu akzeptieren, ohne sie als einen Fehler zu betrachten, der korrigiert werden müsste“, verkündet Leo (Nr. 12). Damit führt er den Weg von Franziskus weiter, der sich eine Kirche wünschte, die sich „allen, allen, allen“ Menschen gegenüber öffnet.

Leo gesteht zudem ein, dass die Kirche nur dann glaubwürdig für Gerechtigkeit in der Welt eintreten kann, wenn sie sich selbst von jenen „Verzerrungen“ befreit, „die Ungleichheit, Undurchsichtigkeit und Machtmissbrauch hervorrufen“. Zum „Weg der Gerechtigkeit“ gehöre, …

„… dass den Opfern von geistlichem, wirtschaftlichem, institutionellem, sexuellem Missbrauch, von Machtmissbrauch und Missbrauch des Gewissens Gehör geschenkt wird; dies umfasst auch eine Anerkennung des Schadens, gerechte Wiedergutmachung und Prävention.“ (Nr. 89)

Die Mutmach-Enzyklika

Mit „Magnifica humanitas“ will Papst Leo XIV. den Menschen und seiner Kirche Mut machen. Er warnt vor einer „eleganten Form der Kapitulation, die oft als Realismus getarnt“ daherkomme, „zu denken, dass die Probleme zu groß und wir zu klein sind und dass unsere Entscheidungen daher nichts ändern werden“.

Dieser „subtilen Versuchung“ hält er nicht nur ein Zitat aus „Der Herr der Ringe“ von J.R.R. Tolkien entgegen (Nr. 213), mit dem er nebenbei den Fantasy-vernarrten Tech-Oligarchen den Stinkefinger zeigt, sondern die gute alte Subsidiarität der katholischen Soziallehre – „der Märchenprinz aber bist Du“:

„[N]iemand ist ohne Verantwortung. Alle verfügen über einen eigenen Handlungsbereich, und genau dort – nirgendwo anders – sind wir aufgerufen, zu entscheiden, ob wir die Logik der Stärke nähren (und sei es nur durch Gleichgültigkeit, Zynismus, Lüge oder Hass) oder die Logik des Friedens hochhalten (mit Wahrheit, Besonnenheit, Nähe, Fürsorge und Dienst).“ (Nr. 212)


Alle Eule-Beiträge zum Thema „Künstliche Intelligenz“.


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