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So klug als wie zuvor?

Während die christliche Theologie an Universitäten unter Druck gerät, wird zum ersten Mal eine islamisch-theologische Fakultät in Deutschland gegründet. Und was ist an den LGBTQI+-Segnungen in München wirklich dran?

Thomas Wystrach

Liebe Eule-Leser:innen,

im berühmten Eingangsmonolog des ersten Teils der Tragödie zieht Goethes Faust eine schonungslose Bilanz seines wissenschaftlichen Lebens:

„Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh‘ ich nun, ich armer Tor,
Und bin so klug als wie zuvor!“

Trotz der umfassenden Bildung, die er im Studium der vier akademischen Hauptdisziplinen seiner Zeit erworben hat, sieht sich der Universalgelehrte nicht in der Lage, zu erkennen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Antworten auf die großen metaphysischen Fragen hält das wissenschaftliche System nicht bereit, daher wendet sich Faust in einem teuflischen Pakt der Magie zu – in der Hoffnung, durch übernatürliche Kräfte Zugang zu tieferer Wahrheit zu erlangen.

Auch mehr als zweihundert Jahre nach Veröffentlichung dieses Klassikers der deutschsprachigen Literatur ist die Theologie an den staatlichen Hochschulen im Land der „Dichter und Denker“ nicht verschwunden. Etwa 30 evangelische und römisch-katholische Fakultäten oder Fachbereiche an Universitäten sind derzeit für Forschung und Lehre in den verschiedenen Fächern der Theologie sowie für die wissenschaftliche Ausbildung von Geistlichen und Religionslehrer:innen zuständig. Das ändert sich jetzt!

Die erste Islamisch-Theologische Fakultät Deutschlands

Am 1. Juli kommt nun erstmals eine Islamisch-Theologische Fakultät dazu – an der Universität Münster. Für den dortigen Rektor Johannes Wessels ist die Gründung „ein Meilenstein für die islamische Theologie, auf den wir stolz sind. Gleichzeitig ist es ein gesellschaftspolitisches Zeichen für mehr Toleranz, das weit über Münster hinaus beachtet werden wird.“

Der neue Fachbereich geht aus dem bisherigen Zentrum für Islamische Theologie (ZIT) hervor und nimmt zum Wintersemester 2026/27 mit vier Professorinnen und vier Professoren seinen Betrieb auf, heißt es in der Pressemitteilung vom vergangenen Mittwoch. Zusammen mit der Evangelisch- und der Katholisch-Theologischen Fakultät soll in den nächsten Monaten ein „Campus der Theologien und Religionswissenschaften“ entstehen und sich „in der Stadt des Westfälischen Friedens zu einem Ort der Verständigung zwischen Wissenschaft, Politik und Religion, Medien, Kultur und Künsten entwickeln“.

Was wird gelehrt?

In den aus Anlass der Fakultätsgründung formulierten Leitlinien „Islamische Theologie in Verantwortung – Zukunft gestalten“ wird Religion als „Quelle von Sinn und Verantwortung“, als „spirituelle Ressource“ verstanden. Man stehe „für einen Islam, der die freiheitlich-demokratische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland bejaht und aktiv stärkt“, „für die klare Abgrenzung von Extremismus, Antisemitismus und Islamismus“ sowie „für die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Tradition“.

Unter dem Slogan „Für Gleichberechtigung und Geschlechtergerechtigkeit“ heißt es, „wir vertreten eine Theologie, die die volle Gleichwürdigkeit von Frauen und Männern betont“. Damit ist die Anschlussfähigkeit an die „vera aequalitas“ der römisch-katholischen Lehre gegeben, nach der Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung entkoppelt sind.

Für Lamya Kaddor, Beauftragte für Religionspolitik der grünen Bundestagsfraktion, ist die Einrichtung einer eigenständigen Fakultät für islamische Theologie an einer staatlichen Universität

„ein historischer Schritt und ein starkes Signal für die Anerkennung muslimischer Lebenswirklichkeiten in Deutschland. Erstmals erhält die islamische Theologie damit eine institutionelle Verankerung, wie sie für christliche Theologien schon lange selbstverständlich ist. (…) Die schwarz-grüne Landesregierung zeigt damit, wie moderne Religionspolitik aussehen kann: wissenschaftlich fundiert, plural und auf Augenhöhe.“

Mit der neuen Fakultät seien „enorme Chancen“ verbunden, dass sich eine „zeitgemäße islamische Theologie“ weiterentwickeln könne:

„Das ist entscheidend, um theologische Fragen aus der Mitte unserer Gesellschaft heraus zu bearbeiten und unabhängiger von Einflüssen aus dem Ausland zu werden.“

Deutlich anders sieht das der Journalist Birol Kocaman: „Der Staat formt sich weiter seinen Islam“ ist sein Beitrag im Online-Fachmagazin MiGAZIN überschrieben. Da (anders als die beiden großen Kirchen) die bestehenden islamischen Verbände wie Ditib, Islamrat und ZMD die verfassungsrechtlichen Voraussetzungen für die Anerkennung als Religionsgemeinschaften nicht erfüllen, habe man die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Islamisch-Theologische Fakultät einfach staatlicherseits vorgegeben.

„Was als historischer Aufstieg gefeiert wird, ist in Wahrheit vor allem eines: ein weiterer Fall deutscher Islampolitik, in dem der Staat und seine Institutionen Tatsachen schaffen, bevor die Frage der religiösen Legitimation wirklich geklärt ist. (…)

Was in Münster entsteht, ist deshalb nicht einfach nur ein neuer Fachbereich. Es ist ein Schaufenster für eine alte deutsche Gewohnheit: Der Staat mischt sich nicht offen in Theologie ein – er schafft nur die Strukturen, in denen später entschieden wird, welche Theologie als vernünftig, kompatibel und lehrbar gilt.“

Im Beirat für die Islamische Theologie an der Universität Münster arbeiten gleichwohl Vertreter der genannten Verbände mit – und damit sitzt im Fall der Ditib auch die türkische Religionsbehörde (weiterhin) mit am Tisch. Ist dies ein vorbildliches Modell? Eine Lösung, die auf lange Zeit hin angelegt ist?

Matthias Loretan wirft im Theologischen Feuilleton feinschwarz.net einen aufschlussreichen Blick auf die Situation im Schweizer Kanton Thurgau, wo seit 15 Jahren Islamischer Religionsunterricht (IRU) als konfessioneller Unterricht in Verantwortung muslimischer Gemeinschaften geduldet wird, während die politische Entscheidung, daraus ein staatliches Schulfach zu machen, bisher ausgeblieben ist:

„Der IRU wird praktiziert, aber nicht geregelt; akzeptiert, aber nicht geklärt. Was fehlt, ist nicht pädagogische Erfahrung, sondern politischer Entscheidungswille. So hat sich ein Zustand etabliert, der Stabilität vortäuscht, tatsächlich aber Unsicherheit produziert: Der IRU ist erlaubt, solange er klein bleibt – und blockiert, sobald er verbindlich werden soll.“

Wie viel Theologie braucht die Universität?

Mit seinem Kommentar über das „Schwinden der Theologie“ beim Humanistischen Pressedienst (hpd) stößt Ralf Nestmeyer ins bekannte Horn: Angesichts der zunehmenden Säkularisierung sei eine „schrittweise Reduzierung theologischer Fakultäten an deutschen Universitäten nicht nur sinnvoll, sondern überfällig“. Freiwerdende finanzielle Mittel könnten in die Pflegewiessenschaften, MINT-Fächer oder Lehrerausbildung fließen:

„Auch innerhalb der Geisteswissenschaften gäbe es Alternativen mit größerem Zukunftspotenzial – etwa die Religionswissenschaft, die Religion aus einer analytischen, nicht-bekenntnisgebundenen Perspektive untersucht, oder die Bereiche Philosophie und Ethik, die in einer pluralistischen Gesellschaft unverzichtbar sind.
Es entsteht der Eindruck, dass theologische Fakultäten einen politischen Bestandsschutz genießen, der sich sachlich kaum noch rechtfertigen lässt. Doch Universitäten sind keine Reservate für institutionelle Traditionen, sondern dem freiheitlichen Gemeinwohl verpflichtet.“

Der Rückgang der Studierendenzahlen der Theologie sorgt unterdessen bei beiden großen christlichen Konfessionen in Deutschland für Reformdebatten. „Wie kann es mit den theologischen Fakultäten weitergehen?“ fragten Hans Michael Heinig, Christoph Markschies und Stephan Schaede Ende März in einem vielbeachteten Gastbeitrag in der FAZ (€, Zusammenfassung des epd) und stellen fest:

„Die Erhaltung des Status quo ist schlicht keine realistische Option. Es ist vielmehr eine Frage der Zeit, bis erste Universitätsleitungen die Schließung von Standorten verlangen und Landesregierungen mit Vertragsänderungen oder gar -kündigungen drohen. Verantwortliche Akteure in Kirche und Theologie haben nur die Wahl zwischen schleichender Erosion und zufälliger Disruption einerseits – man denke nur an entsprechende Ankündigungen aus der AfD – und planvoller Konzentration und Reorganisation zum Erhalt einer in Forschung und Lehre leistungsfähigen Theologie im Konzert der Religionsforschung andererseits.“ (Hervorhebung von mir)

Die drei prominenten Protestanten sehen die Akteure in Theologie und Kirchen überfordert und hoffen darauf, dass der Wissenschaftsrat mit den Fachvertreter:innen gemeinsam das Feld evaluieren und sinnvolle Zielstellungen identifizieren kann:

„Wer hingegen dem Religionsrecht und den Staatskirchenverträgen zumutet, eine universitäre Disziplin auf Dauer vor Kapazitätsanpassungen zu schützen, untergräbt mittelfristig sowohl die Akzeptanz der Theologie im Verbund der anderen Fächer als auch die Legitimation eines Kernelements im kooperativ-freiheitlichen Religionsverfassungsrecht.“ (Hervorhebung von mir)

In einem „Standpunkt“ bei katholisch.de begrüßte Thomas Arnold, früher Leiter der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen, jetzt im Innenministerium in Sachsen für strategische Planung, Organisationsentwicklung und Controlling zuständig, den Lösungsansatz der evangelischen Kollegen. Auch der Rektor der Jesuiten-Hochschule Sankt Georgen, Wolfgang Beck (s. hier in der Eule), fordert angesichts sinkender Studierendenzahlen mehr Zusammenarbeit in der Theologie. Es sei nicht mehr angemessen, am bisherigen System festzuhalten. Der Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät Bonn, Jochen Sauermeister, hingegen wendet sich strikt gegen Bestrebungen, die Priesterausbildung allein durch die Kirche durchführen zu lassen:

„Aus gutem Grund strebt der Staat danach, die Ausbildung islamischer Geistlicher und Religionslehrer an staatlichen Hochschulen zu organisieren. Theologie als Wissenschaft dient auch der Selbstaufklärung von Religion. Wir sollten als Gesellschaft Religion als politischen Faktor nicht sich selbst überlassen.“

Laut Andreas Müller, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Kiel und Vorsitzender des Evangelisch-Theologischen Fakultätentages (E-TFT) gehört die Theologie, ganz wie bei Goethe, zur Universitas der Universität. Es sind aber auch die Religionen und Kirchen, die vom Miteinander an Universitäten profitieren. Theologie braucht die öffentliche Debatte an der Universität und heute besonders auch im digitalen Raum. Die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Erfurt macht daher nun ihre Zeitschrift Theologie der Gegenwart (ThG) ab sofort im Open Access kostenfrei zugänglich.

Aktuell im Magazin

„Schließungen sind nicht der richtige Weg“ – Interview mit Andreas Müller

Die Zahl der Theologiestudierenden geht zurück. Deshalb wird über die Reform des Studiums und die Schließung von Fakultäten und Instituten nachgedacht. Hat die Theologie eine Zukunft an der Universität? Darüber hat Philipp Greifenstein mit Andreas Müller, dem Vorsitzenden des Evangelisch-Theologischen Fakultätentages (E-TFT) gesprochen.

„Es gibt andere Orchideenfächer, die noch viel orchideenhafter sind als die Theologie. Wir sollten nicht allein mit Auslastungszahlen für oder gegen ein Fach argumentieren. Ich trete für eine Universität ein, an der das Ideal der Universitas hochgehalten wird und nicht nur das angeboten wird, was vermeintlich der Wirtschaft dient.“

3 Hot Takes zu Trump vs. Leo – Philipp Greifenstein („Re:mind“-Newsletter)

Was können wir aus dem Streit der MAGA-Bewegung mit Papst Leo XIV. lernen? Wer gegen MAGA und die AfD zu Felde ziehen will, muss sich auch selbst befragen, meint Philipp Greifenstein:

„Wie steht es um „traditionalistisch patriarchale Rollenbilder“ in den Kirchen? Wie leben wir in unseren christlichen Gemeinden ein „solidarisches Miteinander“ vor? Worin unterscheidet sich notwendige und zielführende Institutionenkritik von der Verachtung, die ihnen gegenüber von Rechts vorgetragen wird? Oder erschöpft sich Widerstand gegen die AfD / MAGA darin, den Status Quo erhalten zu wollen?“


LGBTQI+: Der Segen hängt weiterhin schief

Vor einem Jahr wurde die Handreichung „Segen gibt der Liebe Kraft“, ein Text der Gemeinsamen Konferenz von Deutschen Bischofskonferenz und Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), veröffentlicht. Seitdem wird sie kontrovers diskutiert: Eine einheitliche Richtung in allen deutschen Bistümern ist bisher nicht zu erkennen. Das Dokument hat keine rechtliche Verbindlichkeit, solange der einzelne Bischof das nicht ausdrücklich für seine Diözese erklärt.

Ursprünglich ein Auftrag der Synodalversammlung des Synodalen Weges im März 2023, wurde das Thema durch die Vatikan-Erklärung „Fiducia supplicans“ im Dezember des gleichen Jahres quasi weltkirchlich gekapert. Mit der von ihm gebilligten Deklaration des Glaubensdikasteriums erneuerte Papst Franziskus seine ablehnende Haltung zu Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare in der römisch-katholischen Kirche, gleichzeitig wurde vielfach von einem „kirchenpolitischen Signal“ gesprochen, weil der barmherzige Umgangs mit Menschen, die nicht der Lehre der Kirche gemäß leben, in den Rang kirchlicher Lehre erhoben wurde.

Der Bonner Kirchenrechtler Norbert Lüdecke kritisierte hingegen hier bei uns in der Eule das Dokument und seine Rezeption, mit der eine „Pastoral subtiler Demütigung“ fortgeschrieben werde. Ebenfalls in der Eule warnte Eule-Redakteur Philipp Greifenstein davor, allzu schnell in mediale Jubelchöre einzustimmen, wenn in der römisch-katholischen Kirche (vermeintlich) gute Nachrichten für die Anerkennung von LGBTQI+ produziert werden.

Im Erzbistum München und Freising soll künftig die Handreichung von DBK und ZdK zum Segen für Paare, die nicht kirchlich heiraten können oder wollen, eingesetzt werden. In einem Brief an die Seelsorgerinnen und Seelsorger hat Kardinal Reinhard Marx das Dokument als Grundlage des pastoralen Handelns empfohlen, wie ein Sprecher der Erzdiözese gegenüber dem Portal katholisch.de bestätigte. Die Ökumenische Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) begrüßte Marx‘ Entscheidung:

„Das ist ein Fortschritt gegenüber der bisherigen Situation, dass vielen Menschen der Segen Gottes von kirchlicher Seite verweigert wurde. Der im synodalen Weg formulierte Wunsch, Gottes Segen allen liebenden Menschen zuzusprechen, wird mit der Handreichung jedoch nicht erreicht.

Wir hoffen, dass sich weitere Bistümer diesem Beispiel zeitnah anschließen, in denen die Handreichung noch nicht in Kraft gesetzt worden ist. Bei Segnungen für queere und geschieden-wiederverheiratete Paare darf es in Deutschland nicht zu einem Flickenteppich kommen.“

Die verhaltene Freude währte nicht lange: Papst Leo hat auf dem Heimflug von seiner Reise in afrikanische Länder auf Nachfrage von Journalist:innen daran erinnert, der Vatikan habe den deutschen Bischöfen bereits klargemacht, „dass wir die förmlichen Segnungen von gleichgeschlechtlichen Paaren nicht billigen“.

Da für den Pontifex nach eigener Aussage allerdings Themen wie Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit „eine viel höhere Priorität“ als Fragen zur Sexualität haben, ist nicht damit zu rechnen, dass es zu einem baldigen disziplinarischen Durchgreifen aus Rom kommt, wie man das unter Johannes Paul II. oder Benedikt XVI. erleben musste.


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Ein schönes Wochenende wünscht
Thomas Wystrach


Ein guter Satz

„J.D. Vance hat versucht, den Papst in Sachen Theologie zu belehren. Nur noch eine Frage der Zeit, bis er die Aufstellung von Nagelsmann kritisiert.

— „ZDF heute-show“ auf Bluesky


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