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Masel tov! – Die #LaTdH vom 19. Juli

70 Jahre Zentralrat der Juden in Deutschland und die Herausforderungen für einen Trialog auf Augenhöhe. Außerdem: Kirchenbrand in Nantes, ausbleibende Trauer und noch ein bittersüßer Geburtstag.

„Jetzt aber hören wir täglich von Angriffen auf Ausländer, wöchentlich von Schändungen jüdischer Friedhöfe – ganz zu schweigen von zunehmenden antisemitischen Äußerungen gegenüber Juden. Ich bin darüber zutiefst erschüttert. Der Wind bläst uns so stark entgegen wie noch nie in den letzten 50 Jahren. Ich mache mir allergrößte Sorgen über diese Entwicklung.“

– der damalige Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, im Interview mit dem Berliner Tagesspiegel im Jahr 2000

Debatte

70 Jahre Zentralrat der Juden

Heute vor 70 Jahren wurde der Zentralrat der Juden in Deutschland gegründet. Heute repräsentiert er ca. 100 000 Jüdinnen und Juden aus 105 jüdischen Gemeinden, und somit ca. 95 % der religiös gebundenen Jüdinnen und Juden in Deutschland. Damit ist er als Vertreter jüdischer Interessen ein unverzichtbares Organ in der religiös und weltanschaulich pluralen Gesellschaft. Umgekehrt hat auch die nicht-jüdische Mehrheitsgesellschaft im Zentralrat einen verlässlichen Ansprechpartner.

Daraus ergeben sich bisweilen auch Dilemmata: Ist der Zentralrat Teil eines „Integrationstheaters“ (Max Czollek), das die Anpassung (religiöser) Minderheiten an die (christliche) Mehrheitsgesellschaft inszeniert und damit das Integrationsparadigma immer wieder neu validiert?

Und was ist vom Alleinvertretungsanspruch des Zentralrates zu halten, wenn nicht nur eine zwar kleine Minderheit (liberaler) religiöser Jüdinnen und Juden, sondern gut die Hälfte der Menschen jüdischer Herkunft in Deutschland sich nicht von ihm repräsentiert sehen? Wer spricht für die ebenfalls ca. 100 000 nicht-religiösen Jüdinnen und Juden?

Ein Erfolgsmodell

Die Bedeutung des Zentralrates für das Leben von Jüdinnen und Juden in Deutschland wird dieser Tage in zahlreichen Glückwünschen beschworen: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Bischof Bätzing, und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, vorneweg.

Für die ebenfalls pluralen großen Kirchen ist der Zentralrat, unter dessen Dach liberale und orthodoxe Gemeinden firmieren, der wichtigste Ansprechpartner sowohl beim interreligiösen Dialog als auch bei der kooperativen Gestaltung einer demokratischen Zivilgesellschaft. Man erkennt sich wieder in der Zielsetzung, aus dem je Eigenen in die ganze Gesellschaft hineinzuwirken.

So wird man – nicht nur des runden Geburtstages wegen – aus den christlichen Kirchen keine Kritik am Jubilar hören. Es gehört sich eingedenk der deutschen Geschichte auch einfach nicht, dass ausgerechnet Christen Juden gut gemeinte Ratschläge erteilen.

Der Zentralrat ist nie allein eine religiöse Größe gewesen, sondern immer auch – dringend notwendiger – Mahner und Erinnerer an die Shoah. Auch deshalb, und nicht nur allein aufgrund der Größenverhältnisse, wird der Dialog eben nicht auf Augenhöhe geführt – aller gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz.

Wichtig wird das besonders dann, wenn aus dem Di- ein Trialog zwischen Christentum, Judentum und Islam werden soll, wie er einer religiös pluralen Gesellschaft eigentlich angemessen wäre. Der scheitert nicht zuletzt daran, dass die Muslime in Deutschland eben keinen Zentralrat haben, der als Ansprechpartner für andere religiöse und gesellschaftliche Akteure dienen kann. Stattdessen verlassen wird uns auf eine vom jeweiligen Bundesminister des Inneren angeführte „Islamkonferenz“ (wir berichteten). „Augenhöhe“ als Chiffre für volle Anerkennung und Verantwortung sieht anders aus. Für die Muslime gilt: Mehr Zentralrat wagen!

„Seehofer hofiert National-Islamisten“ – Frederik Schindler (Welt)

Ausdrücklich nicht gemeint, ist damit der „Zentralrat der Muslime in Deutschland“ (ZMD). Ein splitterkleiner Dachverband von noch winzigeren muslimischen Verbänden, der vielleicht 10 000, vielleicht 20 000 Muslime vertritt, also für nicht einmal 1 % der Muslime in Deutschland spricht. Und ja, auf die Größe kommt es hier (schon auch) an!

Eben jener ZMD sieht sich derzeit scharfer Kritik vor allem aus den Reihen der Union ausgesetzt, weil eine der Splittergruppen unter seinem Dach, die Union der Türkisch-Islamischen Kulturvereine in Europa (ATIB), als „türkisch-nationalistische“ Organisation Eingang in den neuesten Verfasssungsschutzbericht gefunden hat.

Nun liegt mir nichts ferner als islamistischen Rechtsextremismus zu verniedlichen, aber es ist schon erstaunlich, dass das die Reaktion der Union auf einen Verfassungsschutzbericht ist, der klar und deutlich den schnöden völkisch-deutschen Rechtsextremismus als größte Bedrohung der Demokratie ausmacht.

Die Imame der Atib-Gemeinden werden durch die türkische Religionsbehörde Diyanet entsandt. Nach Erkenntnissen der Linksfraktion hat Atib gemeinsam mit anderen Ülkücü-Verbänden „Einfluss auf zahlreiche Kultur- und Elternvereine, Unternehmerverbände, Jugendgruppen, Fußballklubs und Moscheen“.

Laut Selbstdarstellung tritt der Verband für die „Förderung der Völkerverständigung, für Akzeptanz und Freundschaft der unterschiedlichen Kulturen“ ein. „Anders als von der Atib nach außen propagiert, erzeugt der Dachverband eine desintegrative Wirkung und fördert einen türkischen Nationalismus mit rechtsextremistischen Einflüssen“, heißt es im aktuellen Verfassungsschutzbericht.

Bequemerweise verzichtet dieser Artikel von Frederik Schindler (@Freddy2805) wie die meisten der Berichte zum Fall ATIB auf den Hinweis, dass der ZMD eben nicht die Zentral- oder Alleinvertretung der Muslime in Deutschland darstellt. Da kann der ZMD-Vorsitzende Ayman Mazyek auch noch hundertmal in TV-Talkshows den Quoten-Muslim geben.

Am Fall ATIB wird deutlich, was den Muslimen im Vergleich zu den Juden in Deutschland fehlt: Eigene Religionsbedienstete, die in Deutschland ausgebildet und von den Religionsgemeinschaften selbst (und nicht vom türkischen Religionsministerium) bezahlt werden und eine organisatorische und geistige Unabhängigkeit von Herkunfts- und Heimatländern, die sich ja durchaus in ausdrücklicher Solidarität ausdrücken kann, wie die des Zentralrats der Juden zu Israel – trotzdem kommen nur Antisemiten auf die Idee, den Zentralrat als 5. Kolonne des Staates Israel zu diffamieren.

Die Muslime in Deutschland sollten, wollen sie eine ähnliche Erfolgsgeschichte schreiben wie die zahlenmäßig viel kleinere jüdische Gemeinschaft, dringend einen richtigen Zentralrat gründen, in dem unterschiedliche muslimische „Konfessionen“ und Frömmigkeitskulturen Platz finden. „Wir alle“, d.h. die demokratische Zivilgesellschaft, brauchen dringend muslimische Ansprechpartner*innen, die ihre Rechte und Pflichten mutig selbst in die Hand nehmen.

Augenhöhe verpasst – Max Czollek (taz)

Ein Bespiel für das Tri-Lemma des muslimisch-christlich-jüdischen Dialogs vor dem Hintergrund einer immer weniger durch Religionszugehörigkeit formierten pluralen Gesellschaft ist das Projekt „Prävention durch Dialog“ des Zentralrates der Juden und der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz (CDU), das Max Czollek (@rubenmcloop) in der taz einer gründlichen Kritik unterzieht.

Insofern dieses Projekt ausschließlich auf das Gespräch mit Muslim*innen zielt, bezieht sich der Begriff „Prävention“ offensichtlich auf Antisemitismus und Islamismus. Rechtsextremismus ist dem Projekt sozusagen extern. Den enthusiastisch angekündigten, bundesweiten Dialogformaten im Rahmen des Programms entzieht das gleich zu Beginn die Grundlage – denn der Titel „Prävention durch Dialog“ formuliert einen Initialverdacht.

Nun ist schon für sich genommen kurios, wie das vom Zentralrat vorgestellte Programm eine jüdische Erfahrung mit der christlichen Mehrheit mit umgekehrten Vorzeichen reproduziert. Zugleich spiegelt sich darin die Bereitschaft vieler deutscher Juden*Jüdinnen, ihren Teil zu jenem Integrationstheater beizutragen, der vonseiten der Bundesregierung als Modus Operandi in Bezug auf Muslim*innen gilt.

Trialog der Zukunft

Ein Zentralrat kann nie perfekt sein, doch geht ja kein Weg daran vorbei, dass religiöse Minderheiten sich möglichst lautstark und darum zumindest im Notwendigen einig in das Konzert der gesellschaftlichen Akteur*innen einmischen. Wie Max Czollek schreibt, sind Juden und Muslime auch Verbündete.

Umso mehr die Kirchenmitgliedschaft zurückgeht, werden auch die christlichen Kirchen sich im gleichen Boot wiederfinden. Bisher haben die Kirchen sich, z.B. beim Religionsunterricht, für die muslimische Gemeinschaft stark gemacht. Wieviel wird in 20 Jahren von der Lobbymacht der Kirchen noch übrig sein? Die Vertretung gemeinsamer ethischer Anliegen und Interessen im Verhältnis zum Staat machen einen Trialog auf Augenhöhe unverzichtbar.

nachgefasst

„Wichtiges religiöses Erbe zerstört“ – Martin Bohne (tagesschau.de)

Gestern brannte die Kathedrale von Nantes. Im Inneren der Kirche ist beträchtlicher Schaden entstanden, die Orgel der Kirche z.B. wurde komplett vernichtet. Nach Notre-Dame im vergangenen Jahr ist wieder ein bedeutendes Gotteshaus und Kulturdenkmal betroffen. Da sich der Brand von drei Brandherden aus ausbreitete, ermittelt die Polizei wegen des Verdachts auf Brandstiftung.

Mit dem Brand sei ein wichtiger Teil des religiösen Erbes und ein Symbol des katholischen Glaubens zerstört worden, bedauerte die französische Bischofskonferenz. Vor 50 Jahren war die Kathedrale von Nantes schon einmal von einem Feuer heimgesucht worden. Damals wurde der Dachstuhl zerstört und es dauerte 13 Jahre bis die Kirche für Gläubige und Touristen wieder zugänglich war.

Von der Unfähigkeit zu trauern – Margarete Stokowski (Spiegel)

Margarete Stokowski (@marga_owski) fragt sich in ihrer Spiegel-Kolumne, warum um die Toten der Corona-Krise in Deutschland kaum öffentlich getrauert wird. Man mag anfügen: Wo bleiben bei diesem Thema die Kirchen?

„Ihr verdrängt den Tod.“ Damit wollen die einen sagen, dass die Corona-Pandemie noch nicht vorbei ist und man weiter aufpassen sollte, und die anderen, dass Menschen doch eh sterben und man das mal anerkennen sollte, Pandemie hin oder her. Aber diejenigen, die behaupten, die „Bitte weiter aufpassen“-Seite würde die Sterblichkeit von Menschen verdrängen, reden dann selbst doch auffällig wenig über den Tod.

Papst von Regensburg – Christian Feldmann (Christ & Welt)

Nach dem Tod Georg Ratzingers könnte nun offen auch über dessen Verfehlungen gesprochen werden, meint Christian Feldmann in der Christ & Welt. Bei den Regensburger Domspatzen deckte der damalige Kapellmeister Gewaltverbrechen und sexuellen Missbrauch, von dem er ausweislich der Berichte zum Missbrauchsgeschehen bei den Domspatzen Kenntnis hatte. Wir berichteten seinerzeit über die Inhalte des Berichts zur Vorschule des Chores und zum Gymnasium und Internat.

Buntes

Heute religiös sein, heißt interreligiös sein – Regina Polak (feinschwarz.net)

Regina Polak schreibt auf feinschwarz.net über gelingenden interreligiösen Dialog zwischen Jüdinnen und Juden, Muslimen und Christ*innen aus röm.-kath. Perspektive. Es ist kompliziert, und es wird auch nicht einfacher werden, wenn man tatsächlich auf Augenhöhe spricht.

Hinzu kommt, dass jede Konfession bzw. Religion höchst plurale und oft widersprüchliche theologische Grundlagen für den Dialog formuliert und Vertreter*innen der einzelnen Gemeinschaften je nach gesellschaftlicher Mehr- oder Minderheitsposition, gesellschaftlichem Status und Image, historischen Entwicklungen und politischem Kontext höchst divergierende Lehren und Vorstellungen davon haben, was interreligiöser Dialog denn sein, wozu er dienen und was er erreichen soll. Dies wird spätestens dann erkennbar, wenn nicht nur die christliche Mehrheit die – zumeist dogmatischen – Themen vorgibt, sondern auch die Vertreter*innen anderen Religionen Themen und Interessen formulieren.

Vor 150 Jahren hat sich der Papst für unfehlbar erklärt: Warum das, was er sagt, die unumstössliche Wahrheit ist – und was das für die heutige Kirche bedeutet – Josef Hochstrasser (Neue Zürcher Zeitung)

Hinter diesem Ungetüm von einer Überschrift verbirgt sich ein andekdotenreicher Artikel zum 150. Jahrestag der Verkündigung der Papst-Dogmen von Unfehlbarkeit und Jurisdiktionsprimat. Fachlich komplexer, aber nicht weniger saftig beschreibt der Bonner röm.-kath. Kirchenrechtler Norbert Lüdecke die Lage im Interview mit Thomas Wystrach (@wystrach) hier in der Eule.

Mit den Papst-Dogmen verbunden ist die Abspaltung der Alt-Katholischen Kirche (@Altkatholisch), die folgerichtig auch einen bedeutsamen „Geburtstag“ feiert. Zwischen „Gedenken und Feiern“ sieht Bischof Matthias Ring seine Kirche. Und: Erst Ende Juni wurde mit Priesterin Anja Goller zum ersten Mal eine Frau Generalvikarin und damit Stellvertreterin des Bischofs der Altkatholiken in Deutschland.

Vatikan gibt Leitfaden für Umgang mit Missbrauchsfällen heraus (KNA, epd, katholisch.de)

Die geltenden Normen zum kirchenrechtlichen Umgang mit Missbrauchsfällen können nun in einem Leitfaden der Glaubenskongregation verständlich erklärt nachgelesen werden. Das Dokument ist eigentlich als Hilfe für Bistümer und Ordensgemeinschaften gedacht, die für die Durchführung des Prozederes entweder keine ausreichenden Kompetenzen haben oder aus anderen Gründen mangelhaft vorgehen. Es bietet aber auch für Beobachter*innen und Berichterstatter*innen einen guten Überblick.

Ein Blog zum kirchlichen Datenschutz. Wozu das denn? – Felix Neumann (Artikel 91)

Beim kirchlichen Datenschutz fühlen sich eigentlich alle Akteur*innen missverstanden: Datenschutzbeauftragte, weil sie als Angsthasen und Digitalverweiger abgestempelt werden. Praktiker*innen, weil sie die Regeln als unmäßige Einengung ihres Weges zu den Menschen empfinden. Gesetzgeber*innen, weil ihre feingewebten Texte je nach Neigung und nicht selten entgegen der eigentlichen Intention ausgelegt werden.

Felix Neumann (@fxneumann), Redakteur bei katholisch.de, unternimmt nun auf einem neuen Blog den Versuch, Datenschutz in Kirchen und Religionsgemeinschaften zu erklären – und Missverständnisse abzubauen. Dabei gelingt es ihm, das Sujet spannend darzustellen und so manchen Krimi zu erzählen. Für interessierte Beobachter*innen und vor allem Berichterstatter*innen ein unverzichtbares Hilfsmittel.

Trump, der „Gesalbte Gottes“ – Sinje Stadtlich (Deutschlandfunk)

Sinje Stadtlich (@SinjeStadtlich) berichtet für den Deutschlandfunk von der religiösen Überhöhung des US-Präsidenten. Der hält bekanntlich sehr viel auf sich selbst und wird von treuen Kirchgänger*innen immer wieder als „Gesalbter Gottes“ bezeichnet. Was steckt dahinter?

„Die Evangelikalen argumentieren, dass die politischen Führer auch dann ein Instrument Gottes sein können, wenn sie persönlich keine tugendhaften Menschen sind. Diese Tradition lässt sich zurückführen auf die babylonische Gefangenschaft: Als die Juden nach 70 Jahren im Exil nach Jerusalem zurückkehren durften, geschah dies dank des Perserkönigs Kyros. Er war selbst kein Jude, aber er wurde als Werkzeug Gottes betrachtet, er wurde ‚der Gesalbte Gottes‘ genannt.“

Ein Kampf an Gottes Seite – Jörg Herrmann (FAZ)

Jörg Herrmann, Direktor der Evangelischen Akademie der @nordkirche_de in Hamburg, schreibt in Anknüpfung an Dorothee Sölle, Gottfried Leibnitz, Harold Kushner und Hans Jonas über die Rolle der Christ*innen (nicht der Kirchen, liebe FAZ-Redaktion) in der Corona-Krise. Wenn man das Konzert der Denker*innen so weit zieht wie Herrmann, wird die Deutungskompetenz der Theologie durchaus deutlich.

Ein guter Satz

„Was soll das Gerede um die Leitkultur? Ist es etwa deutsche Leitkultur, Fremde zu jagen, Synagogen anzuzünden, Obdachlose zu töten?“

– Paul Spiegel, Rede zum Jahrestag der Novemberpogrome 1938, 9. November 2000 in Berlin

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