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Mit Kirchenmusik gegen den Krieg: „Das schenkt mir Hoffnung!“

Dariia Lytvishko studiert Kirchenmusik und setzt sich mit Benefiz-Konzerten für die Menschen in ihrer ukrainischen Heimat ein. Was schenkt ihr in dieser schweren Zeit Hoffnung?

Eule: Du spielst gemeinsam mit einer russischen Freundin, Olga Zhukova, Benefizkonzerte für die Ukraine. Welches Zeichen wollt ihr damit senden?

Lytvishko: Im Zentrum stehen natürlich die Spenden, mit denen Menschen konkret geholfen werden kann. Aber wir wollen natürlich auch ein Signal setzen, damit sich Deutsche und auch Russen hier in Deutschland solidarisch mit den Menschen in der Ukraine erklären. Es gibt auch Russen, die sagen: „Da halte ich mich fern davon, ich bin unpolitisch.“ Ich glaube, das verrät schon eine andere Haltung.

Ich bin dagegen, Menschen aufgrund ihrer Nationalität abzustempeln, aber man muss genau hinschauen: Es gibt Russen, die den Krieg entsetzlich finden, sich einsetzen und helfen. Es gibt so viele Möglichkeiten, die auch nicht immer mit Geld zu tun haben! Für Russen, die sich einfach nur beklagen, sie würden ausgegrenzt, habe ich kein Verständnis. Statt sich über eine angebliche Diskriminierung zu beschweren, könnten sie auch helfen.

Eule: Ich höre von Konflikten auch in den Kirchen zwischen Menschen aus der Ukraine und aus Russland. Da gibt es eine Menge Streit. Vielleicht auch, weil man diesen Konflikten viele Jahre aus dem Weg gegangen ist.

Lytvishko: Das hätte einfach nicht passieren dürfen, dass Russland in ein anderes Land einfällt. Wir sind doch nicht im Mittelalter! Ich finde die pro-russischen Demos in Deutschland entsetzlich. Was soll das? Am Anfang wurde häufig gesagt, das wäre Putins Krieg, aber das Problem ist, dass er von vielen Menschen unterstützt wird, natürlich in Russland, aber eben auch überall in Europa und in Deutschland. Ich frage mich dann: Was machen die dann hier? Wenn Russland so toll ist, warum wollen sie dann nicht dort leben? Aber nein, man bleibt natürlich im warmen, sicheren Westen sitzen. Ich finde das eine berechtigte Frage, die nichts mit Diskriminierung zu tun hat. Menschen, die den Krieg, die Vergewaltigungen und Kindermorde unterstützen, die kann man nicht akzeptieren.

Eule: Deine Eltern leben in der Ukraine. Deine Mutter ist inzwischen nach Deutschland geflohen, aber dein Vater ist in der Ukraine.

Lytvishko: Ja, zum Glück aber in der Westukraine. Im Vergleich zur Ostukraine ist das eine etwas weniger bedrohliche Situation. Aber wir wissen natürlich nicht, wie es weiter geht.

Eule: Gemeinsam habt ihr 10 Konzerte organisiert, bei denen 13 000 Euro an Spenden zusammengekommen sind. An welche Organisationen geht das Geld?

Lytvishko: Wir beteiligen uns damit an verschiedenen Hilfseinsätzen. Zu Beginn der Konzerte gab es hier im Kirchenkreis Herford eine super Aktion, dass alle eingesammelten Spenden durch den Kirchenkreis verdoppelt wurden. Von den Spenden wurden Hilfstransporte in die Ukraine über die Evangelische Jugendarbeit im Kirchenkreis und ihre Kontakte organisiert, ein Teil wurde auch als Geldspende weitergegeben. Bei manchen Konzerten ging das Geld an die Diakonie Katastrophenhilfe, bei anderen an die ukrainische Organisation „Helping to leave“ und bei einem Konzert haben wir für eine polnische Kirchgemeinde gesammelt, die vor Ort Hilfe organisiert.

Eule: Welche Projekte hast Du noch vor?

Lytvishko: Es wird nach Ostern weitere Benefizkonzerte geben, auch in unterschiedlichen Besetzungen. Ein anderes Vorhaben ist die Gründung eines Orchesters mit ukrainischen Musikerinnen und Musikern für Benefizkonzerte, die wir bewusst unter die Überschrift „Wir wollen Danke sagen!“ stellen wollen. Es gibt eine unglaubliche Hilfsbereitschaft von einfachen, normalen Bürgern und mit diesen Konzerten wollen wir dafür danken.

Ich merke, wie meinen Landsleuten geholfen wird,auch meiner Mutter, die inzwischen hier ist. Das ist einfach unglaublich und schenkt mir Hoffnung! Aus so schrecklichen Situationen wie dem Krieg können auch gute Sachen entstehen, wenn sich weltweit Menschen für so eine gute Sache zusammentun und sich solidarisch zeigen. Dafür suche ich gerade nach Musikerinnen und Musikern.

Eule: Deine Familie lebt in der Ukraine, Du studierst in Herford Kirchenmusik. Wann hast Du mit der Musik begonnen?

Lytvishko: Ich wurde mit Drei ans Klavier gesetzt, aber so richtig drangeblieben bin ich dann mit acht Jahren. Unsere Eltern haben Wert darauf gelegt, dass wir schon auch was lernen und nicht nur draußen spielen – das habe ich aber am liebsten gemacht! Ich habe dann eine Musikschule und schließlich eine Klavier-Ausbildung besucht.

Eule: Waren Deine Eltern da also sehr hinterher? Es gibt ja dieses Klischee von der „sowjetischen Musikerziehung“, die als sehr streng gilt.

Lytvishko: Nein, eigentlich nicht, und ich finde solche Pauschalisierungen auch schlecht. Kindern sollte die Möglichkeit gegeben werden, zum Beispiel ein Instrument zu lernen. Sie müssen ja auch in die Schule gehen, da könnte man ja auch sagen: Armes Kind, bleib doch zuhause! Für Kinder ist es wichtig, ihnen Möglichkeiten zu geben, sich auszudrücken und sich weiterzuentwickeln.

Ich habe über die Arbeit mit einem Kinderchor viel Kontakt zu Eltern, die dafür auch eine Menge Mühe in Kauf nehmen. Ich habe hier an der Marienkirche in Herford eine Stelle, an der ich einen Kinder- und einen Jugendchor aufgebaut habe. Da ist zwar eine Menge während Corona kaputt gegangen, aber man sieht einfach, wie wichtig diese Arbeit ist.

Eule: Wie kommt man aus der Ukraine ausgerechnet zum Kirchenmusik-Studium nach Deutschland?

Lytvishko: Begonnen habe ich hier als Gaststudentin. In diesem ersten Jahr habe ich mich umschauen können und mich auch auf die Aufnahmeprüfung vorbereiten können, die auch Fächer wie Orgel und Chorleitung umfasste, die ich zuvor nicht gelernt hatte. 2015 habe ich dann einen Bachelor-Studienplatz bekommen. Ich lebe seit siebeneinhalb Jahren in Deutschland und mache diesen Sommer meinen Masterabschluss.

Eule: Auf Instagram sieht man dich an der Orgel spielen. Ist das Deine Leidenschaft?

Lytvishko: Die Kirchenmusik hat viele Fächer und mir sind Chorleitung und die Arbeit mit Menschen lieber. Aber ich finde, es kommt bei der Orgel und bei älterer Kirchenmusik auf die Vermittlung an. Für Instagram habe ich schon in Verkleidung und mit hochhackigen Schuhen Orgel gespielt. Einfach aus Spaß und um zu zeigen, dass klassische Musik nicht langweilig sein muss.

Ich finde Diskussionen darüber, ob Orgeln in Kirchen noch einen Platz haben, sehr schwierig. Als ob man eine Orgel mit einem E-Piano ersetzen könnte! Für mich ist das kein Gegeneinander von Pop-Musik und klassischer Kirchenmusik, beides hat seine Berechtigung. Dass in jeder kleinen Dorfkirche in Deutschland eine Orgel steht, das ist einfach Luxus, das ist Kulturerbe! Das einfach wegzuschmeißen, halte ich für falsch, denn das betrifft eben nicht nur die Kirchgemeinden. Wo gibt es sonst auf der Welt so eine vielfältige Orgellandschaft? Nirgendwo! Wir würden ja auch nicht eine 1000 Jahre alte Kirche einfach abreißen, weil man heute anders baut.

Eule: Zum Kirchenmusikstudium gehört auch die moderne Kirchenmusik dazu. Es ist ja nicht so, dass ihr da ausschließlich auf der Orgelbank sitzt und Bach spielt.

Lytvishko: Natürlich nicht! Man weiß ja auch nicht, welche Anforderungen sich auf einer zukünftigen Arbeitsstelle stellen. Deshalb lernen wir zum Beispiel auch Pop-Chorleitung, weil es natürlich viele Kinder-, Jugend- und Gospelchöre und Bands gibt.

Eule: Du berichtest von einen Projekten auf Instagram, bist Du aber auch als Privatperson zu erkennen. Wie nutzt Du Social Media?

Lytvishko: Ich nutze das sehr gern und habe da Online-Freunde kennengelernt, die mir sehr wichtig sind. Ich weiß natürlich, dass es Leute gibt, die Instagram nur als Werbefläche benutzen, aber für mich ist es persönlicher. Natürlich machen wir dort jetzt auch Werbung für die Benefizkonzerte, aber das wäre ohne die persönliche Seite kalt. Ich finde, alles muss eine Seele haben.

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