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Foto: Myranda Kali, Cross Bokeh (Flickr), CC BY-NC-ND 2.0

Neue Rechte Geistlichkeit?

Nur wenige kirchliche Mitarbeiter unterschrieben die „Erklärung 2018“. Ist die Neue Rechte innerhalb der Kirchen ein Flop? Ein Kommentar von Daniel Fetzer zur Recherche „Die Pfarrer der Neuen Rechten“.

An sich ist es keine Meldung wert, was Philipp Greifensteins detaillierte Recherche zur „Erklärung 2018“ zutage fördert: 1,5% der Unterzeichnenden lassen „sich als Theologen bzw. Pastoren, Pfarrer oder Priester, Gemeindereferenten oder Religionslehrer identifizierten.“

Warum sollte es auch anders sein? Noch sind die Kirchen gesellschaftliche Institutionen und bleiben damit von gesellschaftlichen Entwicklungen nicht unberührt. Es überrascht kaum, dass sich auch kirchliche Mitarbeiter (und eine Pfarrerin i.R.) offen rechts positionieren.

Drehende Winde und braune Ränder

Denn der Diskurs zum Umgang mit Flüchtlingen hat sich seit 2015 grundlegend verändert. Wer kann sich noch vorstellen, dass die BILD damals eine #refugeeswelcome-Kampagne startete? Heute wettern die hohen Kreise der CSU gegen den Gebrauch rechtsstaatlicher Mittel – Stichwort „Anti-Abschiebe-Industrie“ – und bedienen sich des Vokabulars der Neuen Rechten, die von „Asylindustrie“ sprechen. Die große Koalition beginnt damit, „Ankerzentren“ zu bauen, zweijährige Kinder kommen in Abschiebehaft oder werden an europäischen Grenzen erschossen, ohne dass es zu hörenswerten Protesten kommt.

Schon seit Jahren trommeln evangelikale und rechtskatholische Medien für die Agenda der Neuen Rechten und auch für die AfD. Wer dafür Beispiele möchte, gebe in beliebiger Kombination die Stichworte „kath.net“, „Genderwahn“, „idea“, „Flüchtlinge“ oder „AfD“ ein. In den Kommentarspalten der gefundenen Artikel zeigt sich, wie erfolgreich neurechtes Gedankengut bei rechtskonservativen Christen verfängt.

Dieses Phänomen lässt sich schon seit einiger Zeit beobachten. Offenkundig wurde die Verbindung des christlichen rechten Randes mit der Neuen Rechten jedoch erst, seit mit Sarrazin und Pegida rechtsextreme Meinungen in der Öffentlichkeit breit diskutiert werden.

Angesichts dessen überrascht es vielmehr, dass sich innerhalb der beiden großen Kirchen nur 32 Personen öffentlich zur „Erklärung 2018“ bekennen (Anm. d. Red: Bezugsgröße sind die 2 018 Unterzeichner der ursprünglichen Erklärung.) Sicher – die Zustimmung zu fremdenfeindlicher „Flüchtlingskritik“ wird auch dort weiter verbreitetet sein, die Unterzeichnenden stellen vermutlich nur die Spitze eines bräunlichen Eisbergs dar.

Klare kirchliche Position

Der evangelischen und katholischen Kirche gelang es größtenteils, im politischen Diskurs zu Flüchtlingen mit einer Stimme zu sprechen und sich damit Gehör zu verschaffen. Das Kirchenasyl wurde gegen massive Kritik – meistens vonseiten der christlich-demokratischen Parteien – verteidigt. So stehen die Kirchen als eine der wenigen gesellschaftlichen Institutionen da, die sich der rechtspopulistischen Agenda nicht anbiedern.

Ob dies der Grund ist, dass nur eine marginale Anzahl kirchlicher AkademikerInnen die „Erklärung 2018“ unterzeichneten? Oder fehlender Mut, sich gegen die offenkundige Mehrheitsmeinung des Arbeitgebers zu stellen? Inwiefern wappnet das Ernstnehmen der christlichen Botschaft vor rechtspopulistischen Versuchungen?

„Unter den evangelischen Unterzeichnern überwiegt die Gruppe derer, die sich mit dem Pietismus und Evangelikalismus identifizieren“, stellt Philipp Greifenstein fest. Diese Feststellung wird in Frage gestellt:

Zurecht: Meiner Meinung zeichnen sich die eigentlich „Bibeltreuen“ dadurch aus, die Not der geflüchteten Menschen anzuerkennen, und das häufig zitierte Gebot aus Lev. 19,34 ernst zu nehmen:“Der Fremde soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland.“

Die Rechtspopulisten der AfD verfangen hier nicht mit pauschaler Fremdenfeindlichkeit, sondern mit anderen Themen, wie Philipp Greifenstein es richtig darstellt: „Aus ihrer Bibellese entnehmen sie die Ablehnung der Homosexualität und die Verteidigung der „natürlichen Schöpfungsordnung“ im Verhältnis von Männern und Frauen.“

Die Zustimmung zur „Erklärung 2018“ in kirchlichen Kreisen fällt vermutlich aufgrund ihrer monothematischen Ausrichtung auf Flüchtlinge so gering aus. Anders sieht es bei Petitionen aus, die sich gegen „Gender“ richten: Schwäbische Pietisten protestierten 2015 gegen den Bildungsplan der baden-württembergischen Landesregierung und erhielten damit mehr Unterschriften, als die „Erklärung 2018“ (192.000 vs. 165.300).

Schulterschluss und Vernetzung

Auch wenn andere Themen der Neuen Rechten geeigneter sind, die Frommen im Lande an der Urne für die AfD stimmen zu lassen: Die Recherche zu den Unterzeichnenden der „Erklärung 2018“ belegt, dass die Bereitschaft in kirchlichen Reihen steigt, sich öffentlich zur Anti-Flüchtlingspropaganda zu bekennen.

Dies muss nicht unbedingt problematisch sein. Für die Kirchen ist innerkirchliche Pluralität kein ungewohnter Zustand. Hier in Württemberg streitet die Evangelische Landeskirche noch immer erbittert um gleichgeschlechtliche Liebe; auf katholischer Seite ist die Bischofskonferenz so uneinig, dass Papst Franziskus in den Streit eingreift.

Gefährlich wird es jedoch dann, wenn es den rechtspopulistischen Agitatoren – der AfD, der Identitären Bewegung, dem letzten Rest von PEGIDA – gelänge, die Diskussion in Kirchengemeinderäten, Konferenzen und Synoden so zu vergiften und polarisieren, wie es ihnen in der öffentlichen Auseinandersetzung um Flüchtlinge gelang. Das wird dann der Fall sein, wenn weitere kirchliche MitarbeiterInnen sich über die AfD oder Plattformen wie Junge Freiheit, Sezession oder Compact vernetzen.

Die Recherche zur „Erklärung 2018“ belegt, dass diese Vernetzung fortschreitet. Darum stellt sich folgerichtig die Frage: „Wie reagieren, wenn langjährige und bewährte Mitarbeiter ihre Position zur Agitation gegen Geflüchtete und Minderheiten nutzen?“ Von der Qualität der Antworten auf diese Frage hängt es ab, ob sich das polarisierende Gift des rechten Populismus in den Kirchengemeinden ausbreitet – oder nicht.

Die Pfarrer der Neuen Rechten

2 Kommentare zum Artikel

Peter Collatz

Dass ich am Ende meines Berufslebens als Pfarrer noch einmal dem Jargon von Kaderleiter und Parteisekretär meines DDR- Betriebes in den 70-er Jahre begegnen werde – und das in der KIRCHE ….wunderlich, wunderlich.

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Daniel Fetzer

Hallo Herr Collatz,

Ich würde mich freuen, wenn Sie das etwas ausführlicher beschreiben könnten: Welchen Jargon meinen Sie, und welche Parallelen zu den Kaderleitern sehen Sie?

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