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Noch Raum über – Die #LaTdH vom 30. Juni

Mit der Seenotrettung hat die Kirche ein Herzensanliegen (wieder) gefunden, bei dem sie wirklich etwas ausrichten kann. Außerdem: Rückblicke auf den Kirchentag, Kayfabe-Predigt und bischöfliche Schleimerei.

Heute ist der 2. Sonntag nach Trinitatis. Wie zum Beweis, dass die schier unendliche Nummernreihe bis in den Herbst einiges bereithält, passt der Inhalt des Sonntags (hier bei Kirchenjahr evangelisch von @elkb und @VELKD_Presse) zur Lage im Mittelmeer und auf der Sea-Watch 3, mit der sich die Evangelen hierzulande erst auf dem Kirchentag, dann in einer Petition (s. #LaTdH von letzter Woche) und nun auch in Beratungen der Kirchengremien auseinandersetzen. Da steht im Evangelium nach Lukas:

„Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen und Verkrüppelten und Blinden und Lahmen herein.“ Und der Knecht sprach: „Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da.“ Und der Herr sprach zu dem Knecht: „Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde.“

Debatte

Ehrenbürger*innen, Landung auf Lampedusa, Haft

Noch am Donnerstag hatte die gesamte Crew der Sea-Watch 3 im Verbund mit dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm (@landesbischof), vom Bürgermeister Palermos Leoluca Orlando die Ehrenbürgerschaft der Stadt verliehen bekommen, am Freitag dann fuhr sie mitsamt den noch verbliebenen 40 Flüchtlingen in den Hafen der Insel Lampedusa ein und kurz darauf wurde ihre Kapitänin Carola Rackete in Polizeigewahrsam genommen.

Die Flüchtlinge sind sicher an Land.

Sie sollen nun auf die fünf europäischen Länder verteilt werden, die sich zur Aufnahme bereiterklärt hatten. Was weiterhin fehlt, ist ein anerkannter europäischer Verteilschlüssel für jene Flüchtlinge, die auf der Überfahrt nach Europa in Seenot geraten und gerettet werden. So haben es Rechtsradikale wie der italienische Innenminister Salvini leicht, die Helfer*innen zu verunglimpfen. Dramen wie dieser Tage vor Lampedusa nutzen rechter Propaganda, weil sie die Uneinigkeit der EU in der Flüchtlingsfrage vor Augen führen.

Oliver Meiler schreibt in der Süddeutschen Zeitung, Carola Rackete brauche keinen Heldenstatus, sondern einen schnellen Freispruch, denn das internationale Seerecht stünde nun einmal auch vor jenem Gesetz, das sich Salvini extra für die Seenothelfer*innen aus dem Ärmel geschüttelt hat.

Derweil haben Klaas Heufer-Umlauf & Jan Böhmermann zu einer Spendensammlung zugunsten von Sea-Watch und Rackete aufgerufen. Aus den Spenden sollen die Prozesskosten und die mögliche Strafe bezahlt werden. Der EKD-Ratsvorsitzende kommentierte den Vorgang am Samstag wie folgt (und medienwirksam bis ins Regionalradio der sächsischen Provinz):

„Dass Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete heute Nacht beim Anlegen im Hafen von Lampedusa tatsächlich festgenommen wurde, macht mich traurig und zornig. Eine junge Frau wird in einem europäischen Land verhaftet, weil sie Menschenleben gerettet hat und die geretteten Menschen sicher an Land bringen will. Eine Schande für Europa!“

„Man lässt keine Menschen ertrinken. Punkt.“

Einer von zwei emblematischen Sätzen von Sandra Bils (@PastorSandy) bei der Abschlusspredigt des Kirchentages im Westfalenstadion ist auch im System Kirche nachhaltig hängen geblieben. Die auf dem Kirchentag als Resolution gestartete Petition für ein eigenes Rettungsschiff der Evangelen haben inzwischen knapp 28 000 Menschen unterzeichnet, und die Kirchenkonferenz der Gliedkirchen der EKD hat sich mit dem Thema bereits unter der Woche befasst. Auch in die laufenden Beratungen des Rates der EKD ist das Thema aufgenommen worden.

Doch vielleicht braucht es ja gar kein eigenes Schiff, sondern einen gezielteren Einsatz der verfügbaren Mittel. Das Erzbistum München und Freising spendete im Herbst 50 000 € an die Mission Lifeline. Vor allem scheint mir das politische Gewicht der Kirchen für dieses Anliegen gut eingesetzt. Die europäischen Ökumene kann hier dem Kontinent voran gehen!

nachgefasst

Kirchentag 2019

Der zweite Bilssche Hammersatz vom Mittelkreis des halbvollen Stadions her handelte von #GottesgeliebterGurkentruppe. Dass wir dank Sandra Bils die Tage direkt nach dem Kirchentag nun also über Gurken reden, Gurken posten, Gurken liken hat vielleicht auch die phallischen Gelüste der Vulvenkritiker gestillt. Alle anderen genießen es, das protestantische Zentraldiktum simul iustus et peccator in griffiger Form und hashtaggeeignet wiedergefunden zu haben. Er wird die geknickte Gurke nicht aussortieren!

Meine Hoffnungen von letzter Woche auf eine Predigt, die „einen tonalen Wechsel weg von der Bräsigkeit kirchlicher Verkündigung“ bringt, haben sich erfüllt. Die Predigt von Sandra Bils findet sich hier.

Zwei sehr unterschiedliche Rückblicke auf den Kirchentag 2019 in Dortmund:

Julia Schönbeck (@schaumbuergerin) schreibt auf ihrem Blog über ihre schwierige Kirchentagserfahrung 2019. Trotzdem sich der Kirchentag für so barrierefrei wie noch nie erklärte, hatte sie durchweg Schwierigkeiten – auch mit den zuständigen Stellen. Der Kirchentag hat auf Schönbecks Text reagiert und gelobt, sich die Kritik zu Herzen zu nehmen.

Sebastian Baer-Henney (@luthersoehnchen) zieht ein viel positiveres Fazit und bezieht in seine Gedanken Überlegungen zur Außenwirkung dieses protestantischen Happenings mit ein:

Mir kam es so vor, als wäre das Programm diesmal weniger prätentiös gewesen als beim letzten Mal. Kein Barack Obama, ein gesundes Maß hochkarätig besetzter Podien, relevante tagespolitische Themen kirchlich durchleuchtet, tiefe theologische Gedanken ohne Pomp. Vielleicht ist das nur eine gefühlte Wahrheit, aber ich fand den Kirchentag diesmal auch inhaltlich eher Dortmund als Berlin, bodenständiger, handgemachter, dabei aber ausgewogen und gut. Ich habe gelesen, dass das Absicht war. Und es hat funktioniert. Und ich glaube, dass das wahrgenommen wurde. Zumindest sprechen die Menschen über die Kirche und die Seenotrettung, über Kirchentage als politische Veranstaltungen und über das, was die Menschen in der Kirche so tun.

An das pilgernde Volk Gottes in Deutschland – Papst Franziskus (DBK)

Mitten in die Beratungen des Ständigen Rates der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) platzte diese Woche ein Schreiben Papst Franziskus‘ an alle Katholiken in Deutschland, das „pilgernde Volk Gottes“. Seit gestern steht das gesamte Schreiben der Öffentlichkeit zur Verfügung – bissi lang geraten ist es schon.

Ein paar ganz fixe Leser unter den deutschen röm.-kath. Bischöfen gibt es aber, sodass der Streit darüber wie das Schreiben des Pontifex denn nun zu verstehen ist, bereits entbrannt ist. Schreibt Franziskus nun pro „synodaler Weg“ (findet Kardinal Marx, klar) oder contra (zu viel) Veränderung (Kardinal Woelki, auch klar)? Aus sprachhygienischen Gründen unterbleibt hier eine Zitation aus den Bischofserklärungen zum Papstschreiben – aus denen müsste man erst einmal den triefenden Schleim ablassen.

Buntes

Zwischen Krise und Kritik. – Claudia Gärtner (feinschwarz.net)

Der Missbrauchsskandal und Reformstau der Kirche gefährden auch die Zukunft des konfessionellen Religionsunterrichts, meint Claudia Gärtner, katholische Professorin für Praktische Theologie an der Uni Dortmund, im Theologischen Feuilleton feinschwarz.net. Zusammengefasst: Angesichts der Krise der Kirche fällt es katholischen Religionslehrer*innen schwer über Kirche auch einmal einnehmend-werbend zu sprechen. Ob das überhaupt die Aufgabe konfessionellen Religionsunterrichts an Schulen ist?

„Läuft die Unterrichtsreihe nicht Gefahr, dass die Schüler*innen am Ende die katholische Ekklesiologie ablehnen und alle evangelisch werden wollen?“ Betretenes Schweigen – kann das das Ziel des katholischen Religionsunterrichts sein? Die Studierenden sind verunsichert und realisieren im anschließenden Gespräch eine Spannung in ihrem eigenen Denken: Die lehrplankonforme Vermittlung theologischen Grundwissens, die sachkundliche Einführung in die ekklesiologischen Grundlagen findet ihre Unterstützung, wobei sie weder für sich selbst noch für ihre zukünftigen Schüler*innen hierin ein Angebot entdecken, dass sie inhaltlich als überzeugend oder lebensweltlich relevant betrachten.

Ich verstehe eine solche Verunsicherung als ersten Schritt auf einem gemeinsamen Bildungsweg, den Lehrer*innen und Schüler*innen gemeinsam gehen können – und der natürlich weder seinen Ausgang, noch sein Ziel in einem vollumfänglichen Bekenntnis zur röm.-kath. Kirche finden muss. Wenn das – allgemeine Praxis im konfessionellen Religionsunterricht, immerhin – nicht mehr möglich sein sollte, dann braucht es den Reli-Unterricht an staatlichen Schulen tatsächlich nicht (mehr).

Mordfall Lübcke: Diese Menschen machen die Arbeit, die der Verfassungsschutz nicht macht – Matern Boeselager (Vice)

Für die deutsche Vice hat Matern Boeselager (@m_boeselager) zwei Akteure der Antifa-Recherche zu ihrer Arbeit befragt. Viele Medien beziehen sich inzwischen auf Antifa-Quellen, zuletzt bei der Recherche zum Täter im Mordfall Lübcke. Ohne die Antifa-Reporter*innen bliebe die rechtsextreme Szene unter sich.

Glaubst du, ihr wisst mehr über die Szene als der Verfassungsschutz?
Es ist ziemlich schwer einzuschätzen, was der Verfassungsschutz weiß. Aber Fakt ist: Wir haben sehr viele Informationen und wir bringen die früher an die Öffentlichkeit. Deshalb sagen wir manchmal scherzhaft, dass wir schneller arbeiten, als es der Verfassungsschutz erlaubt. Ist aber auch nicht schwer: In Hessen will der Verfassungsschutz die NSU-Akten ja 120 Jahre unter Verschluss halten.

Gott hat in Sachen Schöpfung keine Nachhilfe nötig – Peter Otten (katholisch.de)

Peter Otten (@PeterOtten), sonst im Theosalon, schreibt anlässlich des 50. Jahrestages des ersten Christopher Street Days bei katholisch.de über die röm.-kath. Verurteilung von Homosexuellen:

Mir geht das ehrlich gesagt schwer auf die Nerven. Wer schon mal einen Menschen kennen gelernt hat, der schon auf der Brücke stand, weil er von seinen Mitchristen nicht akzeptiert wird, wie er ist weiß wovon ich spreche. Mitten in Köln. Ist das zu fassen?

„Bei euch ist das nicht so“, sagt Jesus einmal, als er über Macht nachdenkt. Und ein alter Psalm geht so: „Gott, du selbst hast mein Innerstes geschaffen, hast mich gewoben im Schoß meiner Mutter. Ich danke dir, dass ich so staunenswert und wunderbar gestaltet bin. Ich weiß es genau: Wunderbar sind deine Werke.“ […] Gott hat seine Schöpfung schon ziemlich gut gemacht. Nachhilfe hat er da echt nicht nötig.

Bibel

Aufruf zum Semitismus – Till Magnus Steiner (Dei Verbum)

Till Magnus Steiner (@TillMSteiner) schreibt im Anschluss an ein Radiointerview des Deutschlandfunks mit dem Baden-Württembergischen Antisemitismus-Beauftragten Michael Blume (@BlumeEvolution) über die biblische Herkunft des Semitismus und landet darum natürlich bei Sem, dem Sohne Noahs:

Ein antisemitisch-denkender Mensch findet genügend Aussagen in der Bibel, die er oder sie so deuten kann, um im Hass gegen das Judentum sich zu stärken. Die Botschaft der Bibel, wenn man auf sie hört, ist jedoch keine antisemitische! Daher sei ein Sem, sei die Hoffnung für den Neuanfang der Menschheit im Angesicht ihrer Bosheit! Verhalte Dich wie der Sohn eines Gerechten – selbst wenn Dein Vorbild strauchelt.

In seinen Text steigt Steiner mit einem Zitat des jüdischen Shoa-Forschers Yehuda Bauer ein, den er für die Tagespost interviewt hat. Das Gespräch enthält streitbare und nachdenkenswerte Gedanken über das Wiedererstarken des Antisemitismus. Über den islamistischen Antisemitismus hat Bauer im Herbst 2018 ein Buch im LIT-Verlag vorgelegt („Der islamische Antisemitismus: Eine aktuelle Bedrohung.“), zu dem der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung Felix Klein ein Vorwort beigesteuert hat.

Predigt

Rede zur Literatur „KAYFABE UND LITERATUR“ – Clemens J. Setz (43. Tage der deutsprachigen Literatur)

Der Wettbewerb um den „Ingeborg-Bachmann-Preis“ bei den 43. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt wurde dieses Jahr mit der Rede von Clemens J. Setz eröffnet. Kayfabe ist ein Begriff aus dem Wrestling und meint das Ineinander von Bühnenfigur und Darsteller*in. Ein mir bis dato unbekanntes Konzept, das es – ausgelegt von Clemens Setz für die Literatur – doch vermag, etwas Licht in die Frage nach der Person der Prediger*in zu bringen. Das ist auch im Blick auf die beginnende Influencer*innen-Kultur in den deutschsprachigen Kirchen relevant.

Die Etymologie dieses Wortes ist unbekannt. Kurz gesagt, bedeutet es so viel wie »Wahrung der Vierten Wand« – nach der sogenannten Vierten Wand im Theater, also der unsichtbaren Barriere zwischen Schauspielern und Publikum – oder auch »Wahrung der suspension of disbelief«. Das heißt: Wrestler dürfen niemals aus ihrer Rolle fallen, nicht einmal, so zumindest der Idealfall, wenn sie allein sind.

Setz unterwirft das Storytelling der Literatur, vielmehr aber noch das von Wirtschaft und Politik einer gründlichen Kritik. Dazu sammelt er in seiner unterhaltsamen Rede Beispiele aus Kunstbetrieb und politischem Zeitgeschehen – und schreibt so an einer weiteren (Meta-)Erzählung. Was er über den Bachmannpreis sagt, das gelte auch für das Predigen:

In Wahrheit ist der Bewerb ein für kurze Zeit hochtourig laufendes Fabriklein, das einen konzentrierten Datenstrom aus Fiktionen produziert, die, so wollen wir es uns wünschen, ihre vorübergehenden Trägerseelen heil lassen, die niemanden rekrutieren, abrichten oder verschicken wollen und die womöglich das in unseren Ländern vielleicht schon in naher Zukunft allmählich wiedererwachende Schamgefühl erheben und einbetten können in sinnvolle Zusammenhänge. Fiktionen, die, selbst wenn man sie gnadenlos ernst nimmt, den Geschöpfen ihre Mündigkeit belassen, auch wenn diese noch so sehr und so beharrlich nach dem Gegenteil verlangen.

Ein guter Satz

„Nach der Leugnung des Fegefeuers brauchte die protestantische Kultur irgendwann doch wieder so etwas wie eine Drohkulisse. Also erfand man Holzkugeln und Organza-Stoffe und bunte Schals und überprüfte, wer diesem Anblick wirklich standhalten und sich dennoch wohlfühlen konnte.“

– Pastorin Ellen Radtkes (@medycki) Antwort darauf, warum es gestaltete Mitten braucht

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