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Ob Christ oder Jude – heut‘ sind wir alle bekloppt!

Shalom & Alaaf: Jüdinnen und Juden feiern im Kölner Karneval. Benedikt Heider erlebt beim jüdischen Karnevalsverein „Kölsche Kippa Köpp“ Frohsinn und Geschichtsbewusstsein.

Sonntagmorgen in einem Kölner Veranstaltungsraum: Von draußen dringen Trommelschläge herein. Pauken, Trompeten und Fanfaren stimmen mit ein. Glockenspiel erklingt. Ein Mönch in brauner Kutte stellt schnell sein Bierglas auf den Tisch und springt auf. Die Gruppe bunter Clowns neben ihm klatscht im Takt der anschwellenden Marschmusik. Der Pirat mit Federhut am Nachbartisch schaut erwartungsvoll zum Eingang. In diesem Moment blitzt die goldene Spitze einer rot-weißen Standarte durch die Tür. RamTaTa – Einmarsch der „Kölsche Funke Rut-Wieß“. Karneval am Rhein: Kölle Alaaf!

Um die sechzig Männer in rot-weißer Gardeuniform folgen ihrer Standarte durch ein Meer bunt kostümierter Jecken, so heißen die Kölner Karnevalist:innen. Der Duft von frisch gezapftem Kölsch liegt in der Luft. An der blau-weiß geschmückten Bühne angekommen heißt es „Mariechen danz“ und das Tanzpaar der „Roten Funken“ zeigt den rund 200 Besucher:innen sein Können.

Funkenmarsch, Tanzmariechen und Kölsch: Das ist Grundrezept der mehr als 1000 Veranstaltungen einer Karnevalssession. So heißt die Zeit zwischen dem 11.11. und Veilchendienstag, dem Tag zwischen Rosenmontag und Aschermittwoch. Und das sind nur die offiziellen Veranstaltungen der Mitgliedsgesellschaften des „Festkomitees Kölner Karneval“, der Kölner-Karnevals-Aufsichts- und Organisationsbehörde.

Die meisten Rheinländer:innen kennen, lieben und leben ihren Karneval, der auch im kölschen Dialekt auf seine christlichen Wurzeln verweist und Fastelovend (Abend vor dem Fasten) heißt. Doch Einiges ist bei dieser blau-weißen Veranstaltung mit rot-weißen Funken anders: Draußen auf dem Bürgersteig stehen Polizist:innen, die eindeutig echter sind als der braun gewandete Mönch im Saal (in Köln soll es durchaus schon zu unangenehmen Verwechslungen gekommen sein…); vor der Tür steht ein Sicherheitsmann, der akribisch die Personalausweise der Jecken mit seiner Gästeliste abgleicht, bevor er sie anschließend durch eine schwere Tür in eine Sicherheitsschleuse mit Metalldetektoren ins Warme lässt. Das Tanzpaar der „Roten Funken“ wirbelt nämlich an diesem Vormittag durch den Festsaal der Kölner Synagogengemeinde. Fliegt das Funkemariechen durch die Luft, trennen sie nur wenige Zentimeter und eine Zwischendecke vom Gebetsraum der Synagoge.

Eingeladen zu „Falafel und Kölsch“ hat Aaron Knappstein. Er ist Präsident des jüdischen Karnevalsvereins „Kölsche Kippa Köpp“. „Ich hatte schon ein Kostüm an, bevor ich wusste, dass ich Jude bin“, sagt er. Damit gewährt er einen präzisen Einblick in die kölsche Seele. Knappstein ist seit 2019 Präsident des jüdischen Karnevalsvereins. Der 52-Jährige ist Mitglied der Jüdisch Liberalen Gemeinde und engagiert sich außerdem in der „StattGarde Colonia Ahoj“ – einem Karnevalsverein, der seine Wurzeln im queeren Kölner Karneval hat und seit einigen Jahren zu den etablierten Kölner Gesellschaften gehört.

Auf die Unterschiede seines jüdischen Karnevalsvereins zu anderen angesprochen, wiegelt Knappstein ab. Der Karneval stehe auch bei den „Kippa Köpp“ im Vordergrund. Auch bei Veranstaltungen anderer Gesellschaften gebe es schließlich Sicherheitspersonal. Aber natürlich seien Betrunkene nicht das einzige Problem eines jüdischen Karnevalsvereins, sagt er und meint damit antisemitistische Übergriffe auf jüdische Menschen in Deutschland. „Et is, wie et is“, kommentiert Knappstein die Situation nach kölscher Manier.

Hymnische Rührseligkeit und religiöse Bezüge

Der Kölner Karneval feiert das Leben, ergeht sich in Lokalpatriotismus und Wir-Gefühl, besingt alte Zeiten und vergisst dabei auch die Verstorbenen nicht. Religiöse Bezüge in den Texten Kölner Gassenhauer sind nicht zu verleugnen und eher Regel als Ausnahme. Hymnische Rührseligkeit gehört zum Karneval wie der Dom zu Köln. So singt die Kölner Band Kasalla bei ihren Auftritten

„Op die Liebe, op et Lävve, op die Freiheit und d’r Dud. Kumm mer drinke uch met denne die im Himmel sin: Alle Jläser huh!“ („Auf die Liebe, auf das Leben, auf die Freiheit und den Tod. Komm wir trinken auch mit denen, die im Himmel sind: Alle Gläser hoch!“)

– und alle liegen sich in den Armen. Den rheinischen Gepflogenheiten entsprechend wird auch in den Räumlichkeiten der Kölner Synagoge geschunkelt und getanzt. Doch die nachdenklichen Momente dieser Veranstaltung haben eine andere Qualität als bei anderen Veranstaltungen des Festkomitees an diesem Wochenende in der Stadt. Die Geschichte der Juden in Deutschland kommt an diesem Vormittag zwischen blau-weißen Luftballons und roten Funken immer wieder zur Sprache.

„Natürlich bringen wir als jüdischer Karnevalsverein auch andere Aspekte mit in den Karneval. Die Geschichte der Jüd:innen in Deutschland ist ein wichtiger Teil unserer Identität“, sagt Knappstein, der im NS-Dokumentationszentrum Köln zur jüdischen Geschichte der Domstadt forscht. „Andere Gesellschaften haben ihr Totengedenken oft zu Beginn der Session im November. Wir „Kippa Köpp“ machen dieses Gedenken bewusst in der heißen Phase des Karnevals am 27. Januar, dem Holocaust-Gedenktag“, erklärt Knappstein. Das gehöre für sie einfach zusammen.

Jüdischer Karneval mit großer Tradition

Auch der Kölner Karneval und jüdische Kölner:innen gehören schon immer zusammen, sagt Knappstein. In diesem Jahr feiert das „Festkomitee Kölner Karneval“ 200-jähriges Jubiläum. In dessen Anfängen wurde das jecke Köln noch nicht wie heute vom Kölner Dreigestirn (Bauer, Jungfrau, Prinz), sondern von Held Carneval regiert. Ihm zur Seite stand die Figur der Venetia. Der Kölner Jude und Bankier Simon Oppenheim verkörperte 1824 die Heldin Venetia und spielte damit eine zentrale Rolle im Karneval.

Am Tulpensonntag, dem Tag zwischen Nelkensamstag und Rosenmontag, des Jahres 1824 zog er als Prinzessin verkleidet feierlich in die Stadt ein, nahm Quartier in einem Hotel und ließ sich dort als Ehrengast huldigen. Auch heute residiert das Kölner Dreigestirn über Wochen in einem Hotel in der Kölner Innenstadt und bestreitet von dort seine unzähligen Auftritte. Den Höhepunkt erlebte Oppenheim am Rosenmontag. An diesem Tag zogen zwei Karnevalszüge durch die Kölner Straßen, der „nordische Zug“, vom Helden Carneval, der „südliche Zug“ von Oppenheim als Venetia. Im Kölner Zentrum, auf dem Neumarkt trafen sich die beiden. Die beiden Tolitäten tauschten ihre Karnevalsorden aus, und der Kölner Bannerrat kredenzte dem Paar den Ehrenwein.

Die Geschichte der in den Festsaal einmarschierten „Roten Funken“ bietet ebenfalls Beleg für die Verbindung von Kölner Jüd:innen zum Karneval. So lag der Anteil jüdischer Mitglieder bei den „Roten Funken“ in der Kaiserzeit bisweilen über dem Anteil jüdischer Bürger:innen an der städtischen Bevölkerung. In der 200-jährigen Geschichte des Kölner Karnevals gab es jedoch auch antisemitische Tendenzen. Die „Kippa Köpp“ dokumentieren beispielsweise die Geschichte eines Gastwirtes und Roten Funks, der verfügte, dass Kölner Jüd:innen das Weinlokal seiner Familie nicht betreten durften.

Im Kölner Karneval kam und kommt die Vielfalt der Stadtgesellschaft zusammen. Die kölschen „Kippa Köpp“ von Aaron Knappstein knüpfen mit ihrem Namen an eine rund 100-jährige Kölner Tradition an: 1922 wurde der „Kleine Kölner Klub“ (KKK) gegründet. Der „KKK“ war eine Karnevalsgesellschaft jüdischer Textilkaufleute. Mit Beginn der NS-Herrschaft musste er sich auflösen. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg verboten die britischen Besatzer alles Völkische und damit auch den Karneval. Der Kölner Moritz Goldschmidt bewahrte die Fahnen der Kölner Karnevalsgesellschaften in den Räumen der Synagogengemeinde auf. Da dort von den Besatzern nicht nach Völkischem gesucht wurde, konnten die Fahnen gerettet werden.

Manches im Kölner Karnevalstreiben erinnert an Purimbräuche der jüdischen Tradition. Darauf angesprochen, erzählt Knappstein von seinen Forschungen zum jüdischen Leben in Köln: „Früher habe ich mich gegen diesen Vergleich gesträubt. Aber bei meinen Recherchen habe ich herausgefunden, dass Kölner Jüd:innen tatsächlich Purim karnevalsähnlich und mit rheinischen Abenden gefeiert haben.“ Also gebe es auch hier Überschneidungen. „Als Jude kann ich eben auch nach Aschermittwoch noch Karneval feiern“, sagt Knappstein und freut sich.

Mit Kippa, Kostüm und Gästen der anderen Karnevalsvereine. Foto: Benedikt Heider

Falafel, Humus und Kölsch: Shalom und Alaaf!

Kölns oberster Karnevalist, der Präsident des Festkomitees, Christoph Kuckelkorn, sei schon einige Zeit mit jüdischen Karnevalist:innen im Gespräch gewesen, berichtet Knappstein. „Die jüdische Karnevalstradition hat ihm gefehlt.“ 2017 habe sich Kuckelkorn dann mit Karnevalisten der „StattGarde“, der roten und blauen Funken sowie der Karnevalsgesellschaft „Alt-Köllen“ zusammengesetzt und über die Gründung eines jüdischen Vereins nachgedacht. Dann habe es nicht mehr lange gedauert und die „Kippa Köpp“ waren gegründet.

2019 lud der Verein dann zur ersten öffentlichen Veranstaltung in die Räume der Synagogengemeinde ein. „Das fanden natürlich nicht alle gut. Die Kölner Synagoge ist orthodox“, erinnert sich Knappstein. Jedoch erhalte der Verein Unterstützung durch den Kölner Rabbiner Yechiel Leo Brukner. „Aktuell sind bei uns etwa ein Drittel liberal, ein Drittel orthodox und ein Drittel nicht-jüdisch“, dröselt Knappstein die Vereinszusammensetzung auf. In diesen Tagen haben die „Kippa Köpp“ 30 aktive Mitglieder, zehn Hospitant:innen und rund 70 Fördermitglieder. Festkomiteespräsident Kuckelkorn ist Ehrenmitglied.

Das erste Fördermitglied war Mario Lambertz. Er sitzt heute mit Karnevalisten der „StattGarde“ und „Luftflotte“ an einem Tisch in der Synagogengemeinde. Auf der blau-weiß dekorierten Tafel stehen Falafel, Humus und israelische Salate und wie es sich in Köln gehört: reichlich Kölsch. Die Jecken haben sich 2019 bei den „Kippa Köpp“ kennengelernt.

„Ich habe mit Religion nichts am Hut, aber als ich von einem jüdischen Karnevalsverein in Köln gehört habe, habe ich sofort Aaron angerufen“, erzählt Lambertz. Er ist seit zwölf Jahren im Kölner Karneval aktiv. Nach Übergriffen und Anschlägen auf Jüd:innen und jüdische Einrichtungen in Deutschland sei für ihn klar gewesen, dass er ein gesellschaftspolitisches Zeichen setzen möchte. „Das größte Problem sind die Vorurteile“, sagt er. Die habe jeder. „Ich habe auch Vorurteile, aber wer mich sieht denkt vielleicht auch auf den ersten Blick ,Was kommt denn da für ein Glatzkopf?‘“. Im Karneval sei aber jeder gleich, betont Lambertz und zitiert eine der Kölner Karnevalshymnen der Musikgruppe Bläck Fööss:

„Grieche, Türke, Jude, Moslem un Buddhist, mir all, mir sin nur Minsche, vür’m Herjott simmer glich.“ („Grieche, Türke, Jude, Moslem und Buddhist, wir alle sind nur Menschen, vorm Herrgott sind wir gleich.“)

Wie viele im Saal trägt Lambertz die Uniform seiner Heimatgesellschaft, aber das Krätzchen (die auch „Schiffchen“ genannte Komiteesmütze) der „Kippa Köpp“. An diesem Mützchen sind Kölner Karnevalist:innen zu unterscheiden beziehungsweise zu erkennen. Als Fördermitglied darf Lambertz das „Kippa Köpp“-Krätzchen tragen, das eine Besonderheit aufweist (Foto): Eine Ecke des blau-weißen Schiffchens lässt sich hochklappen. Zum Vorschein kommen dann ein Davidsstern und eine Menora, als Symbole für das Judentum und Israel. Das Design stammt von einem Mitglied der „Kippa Köpp“. Unter Davidstern und Menora steht ein Gebet für Reisende: „Herr und Gott und Gott unserer Vorfahren, möge es dein Wille sein, uns in Frieden zu leiten …“

„Wir kommen alle, alle, alle in den Himmel“

Karneval in der Synagoge, die Kippa im Vereinsnamen und ein Gebet auf dem Kopf: So viele und derart prominente Religionsbezüge gibt es bei anderen Karnevalsvereinen nicht, selbst wenn sie einen Feldhillije (Feldheiligen), so heißen Gardeseelsorger:innen in Köln, oder Sessions-Gottesdienste haben. Beim Thema Religion wird Knappstein grundsätzlich: „Natürlich gibt es Religion im Karneval! Aber sie macht keinen Unterschied.“ Das mache den Kölner Karneval so besonders. Für Jüd:innen gehöre ihr Jüdisch-Sein zur Identität – „selbst wenn sie nicht praktizieren“, sagt Knappstein. „Viele meiner Kölner Freund:innen sagen, wenn sie aus der Kirche ausgetreten sind ,Ich bin nichts.‘“ Das könne kein Jude von sich behaupten.

Für die nächsten Jahre hofft Knappstein, die „Kippa Köpp“ gut in die Zukunft zu führen. Das Medienecho sei gewaltig, berichtet er. Aus ganz Deutschland bekämen sie Unterstützung. Sie wollen nun ihre Veranstaltungen in der Stadt etablieren und den Zusammenhalt von Mitgliedern und Förderer:innen stärken. Dazu gibt es Stammtische und Ausflüge. „Mein Ziel ist es den Kölner Jüd:innen den Karneval näher zu bringen und den Kölner:innen das Judentum.“

Im Saal wird weiter gefeiert. Fördermitglieder in den unterschiedlichen Uniformen ihrer Gesellschaften stehen mit Lambertz beim Kölsch, die blauen Bommel ihrer Kippa-Krätzchen wiegen hin und her und aus den Lautsprechern schallt ein weiterer kölscher Hit:

„Wir kommen alle, alle, alle in den Himmel, weil wir so brav sind, weil wir so brav sind. Das sieht selbst der Petrus ein, er sagt: ,Ich lass’ gern euch rein, ihr ward auf Erden schon die reinsten Engelein!‘“


Ob Christ oder Jude – heut‘ sind wir alle bekloppt

Wie es sich für einen Kölner Karnevalsverein gehört, haben auch die „Kippa Köpp“ ein eigenes Lied. Es wurde von dem Kölner Musiker Rolly Brings geschrieben und greift Zitate aus Kölner Karnevalsliedern auf:

„En Pappnas em Jeseech, en Kippa om Kopp: Shalom-Alaaf-Shalom! Ov Chress udder Jüdd – hück simmer all beklopp: Shalom-Alaaf-Shalom! Wenn et Trömmelche jeiht, dann stommer all parat: Shalom-Alaaf-Shalom! Dann fiere mer zesamme un trecke durch uns Stadt: Shalom-Alaaf-Shalom!“

(Eine Pappnase im Gesicht, eine Kippa auf dem Kopf: Shalom-Alaaf-Shalom! Ob Christ oder Jude – heute sind wir alle bekloppt: Shalom-Alaaf-Shalom! Dann feiern wir zusammen und ziehen durch die Stadt: Shalom-Alaaf-Shalom!)

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