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Papa ante portas – Die #LaTdH vom 30. Mai

Papst Franziskus lässt im Erzbistum Köln bei Kardinal Woelki genau hinschauen. Außerdem: Versöhnungstheater, echter Trialog und Lehren aus der Geschichte.

Herzlich Willkommen!

Von wegen „kurze Wochen“ – trotz der Feiertage Pfingstmontag und Fronleichnam ist einiges in Bewegung in der deutschen Kirchen- und Religionslandschaft. Neben der dramatischen Eskalation im Erzbistum Köln ist mit der Grundsteinlegung zum „House of One“ ein vielversprechender Beitrag zum interreligiösen Dialog an die breitere Öffentlichkeit getreten.

Dies und mehr finden Sie in den heutigen #LaTdH.
Eine spannende Lektüre wünscht

Ihr Thomas Wystrach


Debatte

„Sancta Colonia Dei Gratia Romanae Ecclesiae Fidelis Filia“ (Heiliges Köln, durch Gottes Gnade getreue Tochter der römischen Kirche): So lautet die Umschrift des ältesten erhaltenen Kölner Stadtsiegels aus dem 12. Jahrhundert – und das prägte bis vor wenigen Jahren auch die Selbstwahrnehmung im Erzbistum Köln, eine der wichtigsten (und finanziell stärksten) Diözesen der römisch-katholischen Kirche.

Traditionell ist der Kölner Erzbischof ein Kardinal und bekleidet damit eine weltkirchliche Spitzenposition. In der Nachkriegszeit waren Josef Frings und sein Nachfolger Joseph Höffner zudem auch Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz; Kardinal Meisner galt als enger Vertrauter der Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. sowie als „Strippenzieher“ bei der Besetzung deutscher Bischofsstühle mit Kölner Klerikern.

Vor diesem Hintergrund gewinnt die jüngste Entwicklung im Erzbistum Köln an Brisanz: Für immer mehr engagierte Gläubige, Mitarbeiter:innen und Priester ist Kardinal Woelki zur persona non grata geworden.

Frohe Pfingsten, Herr Kardinal! – Norbert Bicher (Blog der Republik)

Im „Blog der Republik“ (@BlogderRepublik) beschreibt der Journalist Norbert Bicher die verfahrene Situation in der Erzdiözese:

Die Kirche als Spielwiese von Würdenträgern, die abgehoben von den Gläubigen ihr Ding machen. Oberhirten, denen es gleich zu sein scheint, ob die Lämmer noch folgen können oder wollen. Aber sie folgen nicht mehr.

Wie gestört das Verhältnis ist, demonstrierte ausgerechnet am Pfingstwochenende die Düsseldorfer Pfarrgemeinde St. Margareta. Sie lud den zuständigen Kölner Erzbischof und Kardinal Rainer Maria Woelki aus, der Jugendlichen Ende Mai das Sakrament der Firmung spenden wollte. Der Oberhirte sei nach der Vertuschung von sexueller Gewalt für sie nicht mehr glaubwürdig. Offene Meuterei an der Basis. Woelki ziemlich allein im Dom.

140 Gläubige hatten ihre Ablehnung in einem Offenen Brief an Woelki öffentlich gemacht, bei einem Gespräch mit den Gremien der Pfarre musste Woelki in der vergangenen Woche vor laufenden Kameras durch ein Spalier roter Karten laufen.

Auch die „mittlere Ebene“, fast alle Kreis- und Stadtdechanten des Erzbistums, haben sich in großer Sorge an ihren Oberhirten gewandt. Jetzt hat offenbar auch der Papst das Vertrauen in die Leitungsqualitäten des Erzbischofs verloren und eine Apostolische Visitation angeordnet.

Franziskus übt in Köln seine Aufsichtspflicht aus – Interview mit Georg Bier (KNA, katholisch.de)

Was bedeutet die Anordnung einer Apostolischen Visitation für das Erzbistum Köln durch den Papst? Ist Kardinal Rainer Maria Woelki damit entmachtet? Der Freiburger Kirchenrechtler Georg Bier erklärt im Gespräch mit Michael Jacquemain (@Jacquemain_KNA) die Einzelheiten:

Viel hängt davon ab, wie der Auftrag formuliert ist. Aber unabhängig davon, ob der Papst um eine Empfehlung bittet oder ein Visitator von sich aus Konsequenzen empfiehlt: Am Ende macht sich das Kirchenoberhaupt ein eigenes Bild und entscheidet allein.

Sein Münsteraner Kollege Thomas Schüller (@tschueller61) sieht in der Entscheidung des Papstes eine Misstrauenserklärung gegenüber der „lame duck“ Woelki. Für einen Kardinal sei das „die größte Klatsche, die es überhaupt gibt“, erklärte Schüller gegenüber dem WDR.

Gelbe Karte aus Rom? – Interview mit Ingo Brüggenjürgen (Domradio)

Das Erzbistum bleibe im Krisenmodus und komme nicht aus den Schlagzeilen, analysiert @domradio-Chefredakteur Ingo Brüggenjürgen die Ankündigung der Visitation und ihre möglichen Auswirkungen für Kardinal Woelki:

Köln gilt als die treueste Tochter Roms und an dieser Treue zu Rom hat der Kölner Kardinal nie auch nur den leisesten Zweifel aufkommen lassen. Klar ist aber auch, dass der Kardinal jetzt zwar nicht wie am Donnerstagabend von Teilen der Basis in Düsseldorf die rote Karte gezeigt bekommen hat, aber eine gelbe Karte aus Rom.

Das ist meiner Ansicht nach das deutliche Signal, dass man nun genauer hinschaut. Auch wenn die Kirche keine Videobeweise wie im Fußball kennt, so weiß der Kardinal jetzt schon, was das für ihn und für das Erzbistum bedeutet.

Franziskus‘ Misstrauensvotum – Georg Löwisch (ZEITonline)

Georg Löwisch (@georgloewisch) erinnert bei ZEITonline an die Vorgeschichte: Den Streit um das zurückgehaltene erste Gutachten der Kanzlei WSW und die anschließende Neubeauftragung der Gercke-Untersuchung. Für den Chefredakteur von Christ & Welt (@christundwelt) hat es in der Bewertung der Kölner Aufarbeitungskrise den „Denkfehler gegeben“, Woelki habe das erste Missbrauchsgutachten verhindern wollen, damit eigene Fehler nicht herauskommen:

Womöglich wollte der konservative Woelki einfach kein Gutachten in seinem Auftrag, in dem kirchenpolitisch relevanten Forderungen das Wort geredet wird, die seinen eigenen diametral widersprechen. Das wollte nur das breite Publikum nicht glauben, weil es Kirchenpolitik nicht wichtig nimmt. Doch für viele Gläubige geht es genau darum: Ändert die Kirche wirklich etwas? Betreibt sie nur Krisenmanagement? Oder will sie die Ursachen ihrer Krise lösen?

Warum der Papst in der Woelki-Affäre jetzt zum scharfen Schwert greift – Lucas Wiegelmann (DIE WELT)

Der Vatikan schickt Visitatoren nach Köln, auch um „eventuelle Fehler“ Kardinal Woelkis beim Thema Missbrauch zu untersuchen. Sie dürften sich dabei auch für einen Vorgang interessieren, den Woelki selbst einen „besonderen Fall“ nennt.

Für den Kardinal kommt der Besuch zur Unzeit, meint Lucas Wiegelmann (@wiegelmann) in der WELT. Bei den „vertrauensbildenden Maßnahmen des Kardinals“ scheine einiges schiefzulaufen:

Personen im Umfeld Woelkis berichten von einer zunehmenden Verhärtung des Kardinals, von mangelnder Empathie, von fehlendem Schuldbewusstsein. Woelki, heißt es, betrachte den ganzen Wirbel um ihn letztlich nur als Ergebnis einer Medienkampagne. Seine Gesprächsangebote hätten einen entsprechend schalen Beigeschmack.

Nach langem Zögern habe Papst Franziskus mit seiner Entscheidung Woelki jetzt zu einem „Wackelkardinal“ gemacht, kommentiert Wiegelmann an gleicher Stelle – und spekuliert über die Zukunft des Kölner Erzbischofs:

Woelki genießt noch immer Sympathien in Rom, weil er eine seltene konservative Stimme der Vernunft im ansonsten weitgehend realitätsfernen Reformprozess „Synodaler Weg“ ist. Insofern mag er nicht nur disziplinarisch, sondern auch machtpolitisch weiterhin Chancen haben, sich im Amt zu halten.

Wenn aber ein Erzbischof weder vom Kirchenvolk noch von den eigenen Mitarbeitern noch vom Papst vorbehaltloses Vertrauen entgegengebracht bekommt, fragt sich, wie er dieses Amt noch sinnvoll ausüben soll.

Das Drama von Chur muss Köln erspart werden – Raphael Rauch (kath.ch)

Im Schweizer Portal @kath_ch zieht Redaktionsleiter Raphael Rauch (@raphael_rauch) Parallelen zur über Jahrzehnte lang verfahrenen Situation im Bistum Chur, in der die Hardliner-Bischöfe Haas und Huonder für eine extreme Polarisierung unter den Gläubigen sorgten. Dieses „Drama von Chur“ müsse Köln erspart bleiben:

Selbst wenn die Visitation den Kölner Kardinal am Ende entlasten sollte: Ein Hirte, der seine Herde in den Kirchenaustritt treibt, ist nicht mehr tragbar. Kardinal Woelki sollte zurücktreten und den Weg frei machen für einen Neuanfang.

Während führende Geistliche und VertreterInnen der Laien im Erzbistum Köln die angekündigte Visitation durch den Vatikan begrüßen, meldet die Kirchenreform-Gruppe „Maria 2.0“ angesichts der „großen Solidarität unter den kirchlichen Würdenträgern“ Zweifel an der Objektivität der Untersuchung an.

Kardinal Woelki selbst findet es laut einer ersten Stellungnahme „gut und richtig für die Aufarbeitung und die Folgen, dass es jetzt mit der Visitation auch einen Blick von außen auf unser Bistum gibt“.

Kurz vor Redaktionsschluss dieser #LaTdH am Samstagabend wurde bekannt, dass Woelki am kommenden Montag in aller Eile die komplette Leitung des Priesterseminars in Bonn auswechseln werde – ein weiterer Paukenschlag noch vor Beginn der Visitation …

nachgefasst

Warum Frauen in der Männerkirche stören sollten – Katharina Ganz im Gespräch mit Christiane Florin (DLF)

Die Ordensoberin Katharina Ganz machte 2019 bei einer Audienz im Vatikan eine kritische Bemerkung. Papst Franziskus riet ihr daraufhin, eine neue Kirche zu gründen. Doch die Theologin bleibt römisch-katholisch – und schreibt.

In ihrem neuen Buch „Frauen stören“ schildert sie das ganz normale klerikale Patriarchat. Auf die Frage der Journalistin Christiane Florin (@ChristianeFlori) in einem Interview im Deutschlandfunk (@DLF), ob die nötigen Veränderungen mit einem „Schrittchen-für-Schrittchen-Plan zur Gleichberechtigung“ oder nur „mit einem großen Schritt“ möglich seien, antwortete Ganz:

Ich kann letztlich nicht sagen, welche Strategie oder Taktik oder Vorgehensweise zielführend sein wird, was ich eben auch immer wieder höre aus der Bischofskonferenz oder auch beim Synodalen Weg ist diese Scheibchentaktik. Man versucht, das kirchenrechtlich Mögliche zu erreichen, weil man weiß, dass die Frage der Frauenordination im Vatikan kein Gehör finden wird.

Geburtstagsgeschenk für die Kirche: Das ganze Volk Gottes wird gehört – Claudia Nothelle (katholisch.de)

„Der Synodale Weg“ (@DerSynodaleWeg) sei holprig, meint Claudia Nothelle (@cnothelle), Aufsichtsratsvorsitzende der römisch-katholischen Journalistenschule ifp und Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK). Doch der Reformdialog sei ein erster Schritt hin zu einem „Gespräch auf Augenhöhe“ in der Kirche. Deshalb freut sich Nothelle, dass Papst Franziskus der gesamten Weltkirche verordnet habe, bis zur Bischofssynode 2023 einen ähnlichen Pfad einzuschlagen.

Germany Takes the Synodal Path – Massimo Faggioli (Commonweal Magazine, englisch)

Bemerkenswerterweise fand der deutsche Synodale Weg bereits vor der Ankündigung aus Rom auch im Ausland Beachtung. Konservative Befürchtungen, dies sei ein Schritt in Richtung Schisma oder Nationalkirche, hält Massimo Faggioli (@MassimoFaggioli) in seinem Kommentar im Magazin Commonweal (@commonwealmag) jedoch für unbegründet: 

Rome’s reaction to the synodal process as it unfolds, in terms of what might arise in regard to institutional and doctrinal development, remains to be seen. There seems to be a gap emerging between the German synod’s openness to doctrinal development and Francis’s eminently pastoral understanding of synodality.

Buntes

Katholischer Buchpreis: Erlösung ereignet sich im Erzählen – Peter Otten (katholisch.de)

Der Roman „Papierklavier“ war für den Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis vorgeschlagen. Doch die Deutsche Bischofskonferenz hat sich dagegen entschieden, den Preis zu verleihen. Da das bereits gekürte Buch die „christliche Lebenshaltung“ doch nicht verdeutliche. Dadurch entstehe ein misslicher Eindruck, kommentiert Peter Otten (@PeterOtten):

Schade, dass die Bischöfe nicht in den Diskurs gehen. Das macht wenig Hoffnung auf eine Diskurskultur in der katholischen Kirche, in der es einstweilen bei Auf-Augenhöhe-Beschwörungen bleibt. Nun gibt es eine Initiative von Theologinnen und Theologen, die einen „christlichen Kinder- und Jugendbuchpreis“ in Eigenregie (@ckjbuchpreis) an die verschmähten Autorinnen vergeben wollen und dafür Geld sammeln.

Religionspädagoge Markus Tomberg (@MarkusTomberg), Mitglied in der Jury für den Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis, erklärt im @katholisch_de-Interview, was gute Literatur für Kinder und Jugendliche ausmacht.

Die Evangelikalen und das apokalyptische Weltbild – Thorsten Dietz (RefLab)

Dass Teile der Evangelikalen sich in den letzten Jahrzehnten gesellschaftlich isoliert und radikalisiert haben, sieht Thorsten Dietz (@DietzThorsten) auch in einem apokalyptischen Denken dieser Gruppen begründet, das sich fundamentalistisch auf ausgewählte Bibelstellen mit prophetischen und endzeitlichen Inhalten beruft. Dieses Denken finde jedoch auch innerhalb der evangelikalen Welt zunehmend Widerspruch, erklärt er in seinem neuen Blogbeitrag im RefLab (@ref_lab), einem Projekt der Reformierten Kirche Zürich:

Im „Bible Belt“, jenen US-Bundesstaaten mit einem hohen Anteil an evangelikalen Christen, ist die Impfbereitschaft auffällig gering. In Israel verweigern sich orthodoxe Juden den staatlichen Appellen. Hat Impfskepsis etwas mit dem Glauben zu tun, oder eher mit anderen sozio-kulturellen Faktoren? Diesen Fragen geht Andreas Beckmann in seinem Beitrag „Impfen und Gottvertrauen“ im DLF nach.

Drei Religionen unter einem Dach: Baustart beim Berliner „House of One“ – Steffen Zimmermann (katholisch.de) 

Allzu oft bleibt der interreligiöse Dialog nur ein vielbeschworener Wunsch. Im Zentrum Berlins soll er nun jedoch Wirklichkeit werden – mit dem „House of One“ (@House_of_One_DE), einem gemeinsamen „Bet- und Lehrhaus“ von Christen, Juden und Muslimen. Am vergangenen Donnerstag wurde am Petriplatz der Grundstein für einen dreistufiger Ziegelbau in kubischen Formen gelegt.

Im Inneren umfasst das „House of One“ laut den Plänen drei separate Gebetsräume – eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee – sowie einen zentralen Raum der Begegnung, durch den Vertreter anderer Religionen und Weltanschauungen sowie die säkulare Stadtgesellschaft ausdrücklich eingeladen und einbezogen werden sollen.

Theologie

Der Jude Jesus – Marie Wildermann (DLF)

Wann wurde aus dem Reformer Jesus von Nazareth der Begründer einer neuen Religion? Die Trennung von Judentum und Christentum zog sich über mehrere Jahrhunderte hin. Die Abwertung des Jüdischen gehört zu den Identitätsmerkmalen der jungen Kirche. Bis heute ist sie nicht überwunden, stellt Marie Wildermann fest.

„Wie Jesus zum Arier wurde“, ist auch der Titel des wegweisenden Aufsatzes von über Geschichte und Nachwirkungen des Eisenacher „Entjudungsinstituts“ (hier in der Eule). Die Wirkungsgeschichte des Instituts bezeichnet der Jenaer Kirchengeschichtler Christoph Spehr im Eule-Interview als „bleibenden Stachel im christlichen Fleisch“.

Anerkennung statt Umklammerung – Hanna Liss (Jüdische Allgemeine)

An der Universität Leipzig ist eine Juniorprofessur für Judaistik durch das Bund-Länder-Programm zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses ausgeschrieben. Hanna Liss (@Hannahfjs) stört sich am „schalen Nachgeschmack“, dass diese Stelle nicht etwa im Fach Judaistik/Jüdische Theologie, sondern an einer Evangelisch-Theologischen Fakultät angesiedelt sei.

In der Jüdischen Allgemeinen (@JuedischeOnline), erklärt die Professorin für Bibel und Jüdische Bibelauslegung an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg, warum Judaistik nichts am Institut für Alttestamentliche Wissenschaft zu suchen habe:

Der aufs Erste wohlmeinende Anspruch, dass die angehenden Theologen im Rahmen der theologischen Ausbildung die Grundlagenliteraturen des Judentums lernen sollen, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als der altneue Versuch, den hegemonialen Anspruch der christlichen (und zumeist protestantischen) Theologie auf die Jüdischen Studien und ihre Themen zu zementieren. (…)

Wegstationen: Die Münchener Pfingsterklärung 1871 – Günter Eßer (alt-katholisch.de)

Mit der Exkommunikation des Kirchenhistorikers Ignaz von Döllinger durch den Erzbischof von München im April 1871 erhielt der Protest gegen die Papstdogmen des Ersten Vatikanischen Konzils eine neue Dimension. Viele fragten sich, wie es jetzt weitergehen sollte, nachdem der unbestrittene Motor der Protestbewegung ausgeschaltet worden war. Diese Frage stellten sich auch Freunde und Weggefährten Döllingers, die auf seine Einladung hin am Pfingstfest 1871 in München zu einer Lagebesprechung zusammengekommen waren.

Am Ende ihres Treffens vom 28. bis 30. Mai, heute vor 150 Jahren, verabschiedeten sie eine wesentlich von Döllinger entworfene Erklärung, in der sie ihren Protest gegen die vom Konzil verabschiedeten Dekrete über Unfehlbarkeit und Jurisdiktionsprimat des Papstes zusammenfassten. In seinem Beitrag auf der Website des Katholischen Bistums der Alt-Katholiken in Deutschland (@Altkatholisch) erinnert Günter Eßer an diese Wegstation alt-katholischer Kirchwerdung.

Die Hoffnungen auf eine „echte Reform der Kirche“ klingen angesichts der Debatte um die Anliegen des „Synodalen  Wegs“ bleibend aktuell:

Zum einen müsse es um den Abbau von Missbräuchen gehen, die sich in der Kirche im Laufe der Jahrhunderte eingeschlichen hätten und die durch die Dogmen nur noch gestärkt und unantastbar gemacht worden seien; zum anderen sei es notwendig, den Ortskirchen, bei aller notwendigen Einheit der Gesamtkirche, eine größere Selbständigkeit zuzugestehen. Schließlich wird eine Beteiligung aller Kirchenmitglieder an den Entscheidungen der Kirche, also eine synodale Kirchenstruktur gefordert.

Predigt

Testamentseröffnung – Heinz Janssen (Heidelberger Predigtforum)

Zum heutigen Tagesevangelium (Mt 28, 16-20) hat Pfr. Heinz Janssen einen ungewöhnlichen Vorschlag für eine performative Bibel-Auslegung veröffentlicht. Die Predigt zum „Missionsbefehl“ („Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker“) und der Zusage Jesu („ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“) folgt im ersten Teil der Dynamik einer Testamentseröffnung.

Die Gemeinde wird anfangs zu „Zeugen“, dann aber wird sie in eine „Erbengemeinschaft“ hineingenommen und ermutigt, unter dem Zuspruch, dass Jesus, der Auferstandene, bei ihnen ist, das Erbe anzutreten. Die Predigt mündet in eine Reflexion über „alle Gewalt“ (so Martin Luthers Übersetzung des griechischen Wortes exousia) und darüber, wie wir heute im Sinne jener Testamentseröffnung Kirche sein können.

Ein guter Satz

„Das plurale Deutschland der Gegenwart ist eine post-nationalsozialistische und post-koloniale Gesellschaft. In einer solchen Gegenwart ist Normalität nicht verfügbar.“

– Max Czollek (@rubenmcloop) in seinem lesenswerten Essay zum „Versöhnungstheater“ bei der Bundeszentrale für politische Bildung.

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