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Foto: Thierry Ehrmann (Flickr), CC BY 2.0

Podcast: Hat Luther genagelt?

Gemeinsam mit In Ya Face haben wir eine Podcast-Episode des Gesprächs mit Benjamin Hasselhorn produziert, inkl. einer Zugabe zur Kritik am Reformationsjubiläum aus der Wissenschaft.

Luther hat die 95 Thesen am 31. Oktober 1517 leibhaftig angeschlagen, davon sind Mirko Gutjahr und Benjamin Hasselhorn überzeugt. In ihrem Buch „Tatsache! Die Wahrheit über Luthers Thesenanschlag“ argumentieren sie für die Historizität des Thesenanschlags und den Rebellen Martin Luther.

Unser Redakteur Philipp Greifenstein (@rockToamna) hat mit Benjamin Hasselhorn (@b_hasselhorn) über das Buch, Martin Luther, das Reformationsjubiläum im vergangenen Jahr und den Beitrag der Wissenschaft gesprochen. Das Interview könnt ihr hier in der Eule nachlesen.

Gemeinsam mit dem Team vom Podcast In Ya Face – Theologie ohne Schnick-Schnack haben wir das ganze Gespräch als Podcast produziert, inkl. einer Zugabe, in der die beiden vor allem über das schwierige Verhältnis der Wissenschaft zum Reformationsjubiläum 2017 sprechen.


Encore

Hasselhorn: Es ist ja wirklich bezeichnend, dass in Wittenberg die vehementesten Befürworter des Thesenanschlags Katholiken sind. Der entschiedenste unter ihnen ist sicher Ministerpräsident Rainer Haseloff, der den Protestanten nicht zu Unrecht sagt: Lernt von uns Katholiken wie Tradition eigentlich geht! Lernt endlich, Wittenberg als heiligen Ort zu begreifen! Lernt endlich, den Thesenanschlag nicht dauern in Frage zu stellen!

Eule: Da hat Haseloff als Wittenberger und Ministerpräsident natürlich auch seine eigenen Anliegen im Gepäck.

Hasselhorn: Selbstverständlich hat er das, trotzdem lohnt es sich, über die dauernde Intellektualisierung und Dekonstruktion mal nachzudenken. Das spielte ja 1983 beim vorletzten größeren Jubiläum auch eine Rolle. Vor allem in der Bundesrepublik war es so, dass die Hauptausstellung damals in Nürnberg auch schon diesen „fremden Luther“ in den Fokus stellte. Die wurde von Wissenschaftlern gestaltet, denen wichtig war, Luther ganz konsequent zu historisieren und überhaupt keine Fragen zu stellen, was das mit heute zu tun hat.

Das Presseecho war entsprechend verhalten. Es gab eine interessante Kontroverse innerhalb mit der FAZ-Redaktion, die erst vor kurzem von Jan Scheunemann in einer Arbeit über das Luthergedenken im 20. Jahrhundert aufgerollt wurde, über die Frage, wie fremd man einem Publikum die eigene Geschichte eigentlich präsentieren darf. Und der Rezensent ich glaube der Süddeutschen Zeitung hat damals einfach lapidar geschrieben: „Das Ergebnis solchen Bemühens ist nicht Objektivität, sondern Langeweile.“ Und das ist eine große Gefahr. Wenn sie davon überzeugt sind, dass ihre Forschungsgegenstände relevant sind, dann haben sie auch die Pflicht das zu kommunizieren.

Eule: Meine Wahrnehmung ist die, dass Kirchengeschichtler oder Theologen auf jedem Podium zu Luther oder Reformation in die Spielverderber-Rolle schlüpfen. Zuerst wird immer gesagt, was alles nicht stimmen kann. Ist es das, was sie angiekst?

Hasselhorn: Ja, unbedingt.

Eule: Die universitäre, deutsche, evangelische Theologie hat sich ja sehr kritisch zum Reformationsjubiläum verhalten. Hätten die Organisatoren im Rückblick auf 1983, sie hatten es gerade angesprochen, sagen sollen: Wir haben es schon einmal so gemacht, wie ihr es für richtig haltet, jetzt machen wir es halt anders?

Hasselhorn: Die Praktiker des Reformationsjubiläums aus Kirche und Zivilgesellschaft haben sich von dieser massiven Skepsis aus der Wissenschaft nicht allzu sehr irritieren lassen. Das haben wir in Wittenberg ja auch so gemacht: Wir haben unsere Projekte und Ausstellungen gemacht und mit den Wissenschaftlern zusammengearbeitet, die das Anliegen geteilt haben.

Aber natürlich: Schon allein aus Selbsterhaltungstrieb – hätte ich immer gedacht – muss man jede Gelegenheit nutzen, wenn das eigene Thema plötzlich auf öffentliches Interesse stößt. Was mich sehr wundert ist, dass eine Wissenschaft, die ja nun eigentlich auf die Reformation zurückgeht, so eine Scheu vor der Öffentlichkeit hat. So eine Scheu davor, dass überhaupt auch nur Leute, die sich nicht schon seit 20 Jahren mit dem Thema intensiv befassen, sich auch mit dem Thema auseinandersetzen, und ihnen auch keine Zugangsmöglichkeiten eröffnet. Da stellt sich auf Dauer natürlich die Frage: Brauchen wir eine solche Wissenschaft eigentlich?

Eule: Die Wissenschaftler sagen nun, dass sei genau ihre Funktion, die kritische Begleitung, nicht selbst Akteur sein, sondern hinterherschauen. In der Frage zumindest, bei anderen aktuellen theologischen Fragen wird ja durchaus der Anspruch formuliert, im Vorfeld erst einmal alles hermetisch zu durchdenken.

Hasselhorn: Da lohnt es sich den gesellschaftlichen Kontext mitzubedenken. In einer Gesellschaft, in der alle dem Luthermythos huldigen, wäre das selbstverständlich Aufgabe der Wissenschaft. In einer Gesellschaft, wo den niemand mehr kennt, ist die kritische Funktion sinnlos.

Ich habe letztes Jahr häufig den Test gemacht. In Neukölln, wo im Schnitt niemand von irgendwas wusste. Wenn man dann versucht zu erklären, was es mit dem Reformationsjubiläum s auf sich hat und sagt, das ist der 500. Jahrestags des Datums, an dem Luther die Thesen nicht angeschlagen hat, funktioniert das nicht.

Eule: Also hat die Wissenschaft da eine Vermittlerrolle? Das wird ein Grund sein, warum aus dieser Richtung gegen ihr Buch geschossen wird. Dort fühlt man sich also zurecht getroffen?

Hasselhorn: Wir haben natürlich mit Widerspruch gerechnet, weil es schon letztes Jahr Streit darüber gab, als wir als Symbol für den Wittenberger Teil derdie Nationalen Sonderausstellungen den Hammer genutzt haben. Das hat unglaubliche Kritik ausgelöst. Wie wir denn dazu kämen, die Mythen des 19. Jahrhunderts so unreflektiert zu nutzen!

Da spielt auch so eine Art Generationenkonflikt eine Rolle, weil inzwischen Kultur- und Symbolgeschichtsforschung soweit sind, dass man sich viel entspannter mit so einer Wirkungsgeschichte befassen kann. Wir haben gelernt, dass die Rezeptionsgeschichte selbst Teil der Geschichte ist und dass diese historisierende Wächterfunktion sich tot läuft und in der Gefahr steht irrelevant zu werden.

Vor diesem Hintergrund muss die Vermittlungsrolle wieder ernster genommen werden. Herr Gutjahr und ich meinen schon, dass in unserem Buch auch neue Argumente drin stehen – nur, weil es im Moment ja auch Kritik daran gibt, dass nichts davon neu sei -, aber wir haben auch nie behauptet, das Rad neu erfunden zu haben. Wir wollen nur den gegenwärtigen Forschungsstand, ergänzt mit ein paar Argumenten von uns der Öffentlichkeit präsentieren, weil wir den Eindruck haben, dass die Wissenschaft das in den letzten Jahren versäumt hat.

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