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Foto: Tim Green (Flickr), CC BY 2.0

Power to the People

Warum der Vorschlag, Gremien der Evangelischen Kirche per Los zu besetzen, nicht weltfremd ist, sondern Welt- und Gottvertrauen ausdrΓΌckt.

Ende November bin ich mit einem Thema aufgekreuzt, das in den Kirchen bisher kaum eine Rolle gespielt hat: Mandate für Kirchenvorstände und Synoden sollten per Los vergeben werden. Im Anschluss an den Einführungsartikel hat sich eine lebendige Diskussion (vor allem auf Twitter) ergeben. Hier ein Einblick in das Für und Wider:

Zwei große Themen

Durch die Verpackung in einen langen Artikel – die von Knut Dahl-Ruddies (@knuuut) zurecht angepriesene „Arschbombe“ – ist etwas untergegangen, dass es eigentlich um zwei große Themen geht.

Einmal natürlich darum, die Vielfalt von Lebenswegen, Berufen, Bildungshintergründen & Frömmigkeiten allgemein zu stärken. Es geht bei Kirchens um Teilhabe. Teilhabe am alten Glauben, am Leben der Gemeinde, Kommunion. Es sollte uns aber auch um Teilhabe aller an den Entscheidungen von Kirchgemeinden, Kirchenkreisen, Landeskirchen und am Ende auch der ganzen Evangelischen Kirche gehen.

Alle Milieustudien weisen darauf hin, dass die Evangelische Kirche sich in den letzten Jahrzehnten lebensweltlich verengt hat. Überall versuchen haupt- und ehrenamtliche Kirchenpeople darum, die „Kirchenfernen“ wieder einzuholen. Das wird mit neuen, frischen und niedrigschwelligen Angeboten versucht. All das ist richtig und gut.

Es geht bei Kirchens aber auch um Macht. Es ist nicht genug, die „Kirchenfernen“ einzuladen, sei es auch zu sehr attraktiven Angeboten, sie müssen eingebunden, verantwortlich gemacht werden. Das bedeutet einen Machtverzicht für diejenigen, die schon da sind.

Das zweite große Thema ist, dass mit der Losbestimmung eine einfache Möglichkeit geschaffen werden kann, Quoten für Kirchenvorstände und Synoden einzuführen. Im Prinzip kann man damit fördern, wen immer man will: Jugendliche, junge Erwachsene, Ruheständler, Frauen. Der Losentscheid packt hier das Problem an der Wurzel, nämlich, dass Menschen aus diesen Gruppen seltener kandidieren.

Erst auf der EKD-Synode im November wurde auf den immer noch bedenklich geringen Fortschritt bei der Gleichberechtigung von Frauen und Männern in der Kirche berichtet. Es herrscht vor allem ein Mangel an Frauen in Leitungsfunktionen.

Kirchenvorstände und Synoden, die mit gleich vielen Männern und Frauen besetzt wären, können konkret auf Stellenbesetzungen einzuwirken. Auch wenn natürlich mehr Frauen nicht einfach mehr Frauen in Leitungsämter wählen. Die Geschlechterparität der Gremien wäre zuerst ein Kulturwandel, bevor sich daraus über einen längeren Zeitraum auch Gleichberechtigung in den Leitungsämtern ergeben kann.

Erklärung des Losverfahrens (ausklappen)

Erbhöfe auflösen

Ob die Leute tatsächlich ein Mandat antreten würden, zu dem sie gekommen sind wie die Jungfrau zum Kinde (#Weihnachten), ist in der Tat eine spannende Frage. Manche Kirchengemeinde steht im Moment vor dem Problem, genug Bewerber zu finden, die bei Kirchenvorstandswahlen antreten. Beim ehrenamtlichen Engagement in Synoden sieht das nicht anders aus. Daraus ergeben sich zum Teil sehr lange Amtszeiten. Man kennt sich und man kennt sich aus. Mein weiß, wie die Dinge so zu laufen haben. Ich habe das „Erbhöfe“ genannt.

Ich bin Optimist und fände darüber hinaus eine experimentierfreudige Kirche gar nicht so übel. Vor allem aber scheint mir dieses Argument eben eines der alteingessenen Kirchenpeople zu sein.

Am Ende geht es ja nicht um die klassisch Kirchenfernen. Es geht um Leute, die Mitglied der Kirche sind, die Kirchensteuer zahlen, die sich – warum auch immer – verbunden fühlen. Sonst wären sie ja schon lange nicht mehr dabei. Ja, diese Verbundenheit kann auch nur daran liegen, dass man solange Oma noch lebt, lieber nicht austritt. Sei’s drum!

Wir als Kirche brauchen diese Stimmen! Als mit Ingo Dachwitz auf der EKD-Synode 2015 ein junger Mann ohne klassischen Gemeindehintergrund für den Rat der EKD kandidierte, wurde er von den Synodalen bei der Wahl regelrecht abgewatscht – wie es Hanno Terbuyken (@dailybug) von evangelisch.de ausdrückte.

Die Kirche gehört nicht allein denjenigen, die schon immer da waren. „Power to the People“ meint das ganze Kirchenvolk, nicht nur dessen hochengagierte Speerspitze. Es ist tatsächlich wie bei Erbhöfen. Sie werden von Generation zu Generation weitergegeben, häufig ohne Blick auf Eignung und Kompetenzen. Stattdessen spielen vielleicht alte Meriten eine Rolle. Die Zugewanderten aber schlüpfen irgendwo zur Miete oder gar nur in der Scheune unter.

Gut evangelisch

Im Bild vom Priestertum aller Getaufen ist aufbewahrt, worum es Protestanten seit jeher geht: Du stehst vor Gott und brauchst keine Vermittlung durch ein Weiheamt. Aus dieser Gleichheit vor Gott ergibt sich die Gleichberechtigung untereinander. Wer in der Evangelischen Kirche getauft und konfirmiert ist (oder sich als Erwachsener taufen lässt, konvertiert etc.), der hat die gleichen Rechte und Pflichten.

De facto hat sich manchenorts aber doch eine „Priesterkaste“ gebildet. Häufig genug besteht sie aus den Hauptamtlichen. Manchmal sind es auch die hochengagierten Ehrenamtlichen, an denen die neuen Kirchenpeople erst einmal vorbei müssen, wenn es um die Gestaltung des Gemeindelebens geht. Wir alle stehen in der Gefahr, Kirche nur so zu gestalten, wie wir sie selbst gerne hätten. Das ist dann halt eine Kirche für wenige Menschen und für die, die schon da sind.

Der autoritären Versuchung widerstehen

Bei vielen Institutionen unserer Gesellschaft erleben wir gerade wieder einmal stärker, dass demokratische und liberale Prinzipien in der Gefahr stehen, geschleift zu werden. Die Verteidiger freiheitlicher, demokratischer und partizipativer Gesellschaften dürfen nicht ihrerseits der Versuchung erliegen, autoritäre Lösungen zu suchen. Die Kräfte des Bösen besiegt man nicht, indem man ihnen ähnlich wird – #BartyCrouch.

Für die Kirchen sieht die autoritäre Versuchung etwas weniger dramatisch aus, aber sie ist doch da: Die Sehnsucht nach dem einen großen Wurf, mit dem sich die Probleme der Kirche erledigen. Das Gefühl, es bedürfte stärkerer Lenkung von oben. Gleichzeitig gibt es nahezu überall die Angst, bei Großprojekten und Reformvorhaben auf der Strecke zu bleiben. Das hat die Agenda der „Kirche der Freiheit“ ebenso gezeigt wie manche Reaktion auf das Reformationsjubiläumstohuwabuhu.

Sowohl liberale als als auch sehr konservative Christ_innen sind immer wieder unzufrieden mit ihrer Kirche, fühlen sich nicht mehr zu Hause. Den einen ändert sich die Kirche viel zu langsam, den anderen viel zu schnell. Solchen Widersprüchen wird man nicht mit mehr Zentralisierung und Führung von oben beikommen.

Die Einführung des Losentscheids ist Partizipation, Teilhabe pur. Sie sendet ein deutliches Zeichen: Wir haben keine Angst vor der Welt, vor der Zukunft, vor den Menschen.

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