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Crack in the Wall, Foto: Vidar Nordli-Mathisen (Unsplash)

Problem Osten

Dreißig Jahre nach der Wende ist der Osten der Republik immer noch ein Problemfall. Das hat zwei Ursachen, die Peter Stosiek aus eigener Erfahrung heraus beleuchtet.

Dreißig Jahre ist es her, dass so ein spontaner Prozess im Osten Deutschlands losging, den man „Friedliche Revolution“ nannte, der am Ende die Mauern des Kalten Krieges sprengte und zum wundersamen Zusammenwachsen von Ost und West führen sollte. So prognostizierte man damals.

Wenn man den Politikern, Soziologen, Journalisten und vor allem den meisten Menschen auf den Straßen von heute glaubt, dann lässt dieses Happy End allerdings auf sich warten. Nicht nur, dass der Osten immer noch in Wirtschaft, Technik, Wissenschaft und Infrastruktur hinterherhinkt. Es ist ein Bodensatz von Unzufriedenheit, Missmut und Wut zurückgeblieben, der sich nicht nur in Pegida und AfD als Ost-Problemen artikuliert und für den die meisten Westdeutschen kein Verständnis haben.

Was wollt ihr denn noch, fragen die? Die demokratischen Freiheiten habt ihr allesamt bekommen, reisen dürft ihr jetzt wohin ihr wollt, die Stasi seid ihr los, wir pumpen Jahr für Jahr Milliarden in eure klammen Kassen. Es geht euch doch gut, den meisten jedenfalls. Ihr seid schlicht undankbar. Ihr solltet die Ärmel hochkrempeln und nicht länger lamentieren.

Wer das sagt, übersieht zwei Tatbestände:

DDR bestand aus mehr als individuellen „Lebensleistungen“

Zum einen hat man von den Ostdeutschen eine Generalverdammung ihrer gesamten DDR-Vergangenheit verlangt. Übrig geblieben sind nur eine diffuse „Lebensleistung“ und der grüne Pfeil. Dabei wusste jeder ehemalige DDR-Bürger, dass manches in seinem alten Staat gut oder gar besser geregelt war.

Angefangen bei der gegenwärtig diskutierten Impfpflicht über die ärztliche Breiten-Versorgung durch ein Netz staatlicher Polikliniken, Ambulanzen Dispensaires und Betriebsambulanzen, über das landesweite Krebsregister und die reibungslosen Organspenden bei Widerspruchslösung, bis hin zu Klinikärzten, denen der ambulante Sektor nicht vom privaten Sektor verbaut war.

Zum Neurologen oder zum Augenarzt zu kommen, war kein Problem. Der Arzt war Gehaltsempfänger, kein Privatunternehmer in Sachen Heilkunst, die Kliniken staatlich-kommunale Einrichtungen zur Wahrnehmung öffentlicher Aufgaben und keine Gesundheitskonzerne mit Diktat der Rendite. Es gab nicht hunderte von konkurrierenden, kaum unterscheidbaren Krankenkassen, sondern eine SVK für alle. Die war billig, überschaubar und bezahlte das, was notwendig war. Auch das Gebiss. Privatstationen und Privatversicherungen gab es nicht, sie haben keinem gefehlt.

Die jungen Ärzte wurden zu einem „Landjahr“ verpflichtet, als Tribut an die Gesellschaft, die ihnen das Studium ermöglichte. Damit löste sich an den meisten Stellen das Landproblem, denn viele fanden Gefallen und blieben. An erster Stelle standen eben nicht die Exklusivrechte des Individuums, sondern die Bedürfnisse der Gemeinschaft.

Das sind nur Beispiele aus dem Gesundheitswesen, die ich aus meiner biopgraphischen Expertise heraus nennen kann. Darüber hinaus gab es mittels der Berufslenkung – wie bei den Ärzten – keinen Lehrermangel auf dem Lande, es gab keine Arbeitslosen und Obdachlosen in der Stadt, Theater, Bücher und Konzerte waren von allen bezahlbar. Es gab keine staatlich eingetriebene Kirchensteuer, und Religion war kein Schulfach. Die Grundnahrungsmittel waren spottbillig, der öffentliche Verkehr ebenfalls, und auf der Autobahn gab es ein Tempolimit von 100 km/h.

Das alles müsste man nennen und in die Waagschale werfen, damit der Lebensleistung des Ostens auch Leben eingehaucht wird. Wer in einem total falschen System gelebt hat, kann sich später kaum als Richtiger empfinden. Wenn man ausschließlich als ehemaliger Gefängnisinsasse definiert wird, ist es schwer, seine Würde in der Freiheit zu entdecken.

Kolonisierung durch den Westen

Den zweiten Tatbestand möchte ich „Kolonisierung“ nennen. Das Muster der Kolonisierung ist in der Geschichte immer das gleiche. Da kommt eine stärkere Population und verleibt sich eine schwächere ein. Das muss nicht mit Gewalt erfolgen.

Die Azteken haben die Spanier auch erst einmal mit Blumen und Kniebeugen begrüßt. Dann haben aber die weißen Götter die Kommandohöhen besetzt. Und bis heute gehalten. Kein Azteke ist in Mexiko mehr ans Ruder gekommen und kein Inka in Südamerika. Kolonisierung ist nicht Vernichtung oder Versklavung. Kolonisierung ist Bemächtigung. Die Bemächtigung der Kommandohöhen des Ostens hat im Finanz-, Wirtschafts-, Wissenschafts- und Kulturbereich schnell und gnadenlos stattgefunden und eine westdeutsche Dominanz in diesen Bereichen geschaffen, die sich seither selbst erhält und vermehrt.

Der Görlitzer Soziologe Kollmorgen hat in der Sächsischen Zeitung (vom 13.02.19) geschrieben, es wäre unklar, „ob die Ostdeutschen nicht aufsteigen dürfen oder nicht können oder nicht wollen“. In der gleichen Richtung äußerte sich Alt-Bundespräsident Gauck, der den Ostdeutschen mangelnde Konkurrenz-Fähigkeit attestierte. An solchen Meinungen wird man mit Fug zweifeln dürfen.

Vor unser aller Augen hat sich der gesamte Finanzsektor, von Banken bis Börsen, nach der Wende in Windeseile „wessifiziert“. In die gleiche Richtung ging es mit der Wirtschaft, die ebenso schnell von der Treuhand in Richtung Westen verschleudert wurde – denn nur da gab es genügend Investoren und Spekulanten -, ohne wenigstens darüber nachzudenken oder nachdenken zu lassen, ob man für das „Volkseigentum“ eine gerechtere Transformation hätte finden können, als die gnadenlose Privatisierung, etwa östliche Genossenschaften oder Gesellschaften.

Genauso schnell ging es mit leitenden Stellen in Universität und Kultur, die einfach abgesägt und neu ausgeschrieben wurden. Da standen einem „Alt-Ordinarius“ manchmal zehn westliche Konkurrenten der zweiten und dritten Reihe gegenüber, die es gelernt hatten, auf dem akademischen Parkett wesentlich eleganter zu tanzen.

Das alles war und ist eine Verletzung der Ost-Seele, und die ist jetzt durch eine Ost-Quote kaum mehr zu heilen. Aber einfach an das „Selbstbewusstsein“ der Ostdeutschen zu appellieren, wäre ebenso fatal. Hier muss über das Problem der Ost-Prägung weiter nachgedacht werden.

Dazu gehört auch die Einsicht, dass die DDR nicht gleich Stasi war und auch nicht gleich SED. Am Ende könnte ein spezifische Ost-Betrag zur deutschen Einheit stehen, der bisher ausgeblieben ist.

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