Die Probleme der Betroffenenbeteiligung enttabuisieren
Der Rückzug von Nancy Janz aus dem Beteiligungsforum in der EKD (BeFo) und der Forschungsbericht zur Pfadfinder*innenschaft Sankt Georg kratzen an einem Tabu der Aufarbeitung: Konflikte unter Betroffenen.

Liebe Eule-Leser:innen,
gestern wurde der Abschlussbericht des „Forschungsprojekts zur Aufarbeitung sexualisierter und spiritueller Gewalt in der Deutschen Pfadfinder*innenschaft Sankt Georg (DPSG)“ (PDF) der Öffentlichkeit präsentiert. Eine erste sehr gründliche Einordnung hat Felix Neumann für katholisch.de geschrieben. Er beleuchtet die jugendverbands- und pfadfindertypischen Risikofaktoren, die sexualisierte Gewalt in der DPSG begünstigten.
Im Zentrum steht die DPSG als „hyperinkludierende Gemeinschaft“. Die Forschenden der Studie für den Verband christlicher Pfadfinder*innen (VCP) – wir berichteten – nutzten dafür im Januar 2026 den Begriff der „gierigen Institution“. Die ausführliche Präsentation und eine erste Lektüre haben bei mir allerdings deutlich mehr Fragen ausgelöst als beantwortet. Gerade auch im Vergleich zu anderen Studien zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt.
Über weite Passagen hinweg beschreiben die Forschenden der Universitäten Marburg und Gießen die Schwierigkeiten im Forschungsprozess. (Von einem koordinierten Aufarbeitungsprozess mag ich aus Respekt vor der Vielzahl solcher Bemühungen in Gemeinden, Landeskirchen und Bistümern kaum sprechen.) Darunter fallen die mangelnde Mitwirkung seitens der Stämme und regionalen Untergliederungen der DPSG sowie der katholischen (Erz-)Bistümer. Letztere legen gewaltige Teile ihrer Jugendarbeit in die Hände des Jugendverbands mit ca. 80.000 Mitgliedern.
Während des Forschungsprozesses gab es u.a. deswegen massive Verzögerungen, die sich auf die Qualität der Mitgliederbefragungen auswirkten, die im Zentrum der Forschungsarbeit stehen. Diese Befragungen selbst sind, so unterschiedlich sie jeweils angelegt sind, nicht repräsentativ und beziehen sich zum Teil auf wirklich wenig Rückmeldungen. Ein Fragebogen zum Thema wurde auf einer DPSG-Großveranstaltung nur von 45 der 4.000 Teilnehmer:innen verwertbar ausgefüllt.
Und dann wäre da die „Dysfunktionalität“ des Aufarbeitungsbeirats. Dort sollten Verbandsvertreter:innen, Expert:innen und eine Vertretung der Bistümer (die nie wahrgenommen wurde) mit Betroffenen zusammen den Forschungsprozess begleiten und wenn nötig leiten. Aufgrund von zahlreichen Personalwechseln beim Verband und Konflikten unter den Betroffenen war der Beirat im Grunde nicht arbeitsfähig. Über solche Interna wird sonst wenig gesprochen, weil eine öffentliche Auseinandersetzung im Konflikt mit den Persönlichkeitsrechten der Beteiligten liegt (Wo ist das öffentliche Interesse?) – und weil Konflikte unter Betroffenen sich zu einen veritablen Tabu-Thema auf dem Feld der kirchlichen Aufarbeitung ausgewachsen haben.
Versuchen wir einmal, genauer hinzuschauen! Auch, weil in dieser Woche Nancy Janz ihren Rücktritt vom Amt der Betroffenengruppensprecherin im Beteiligungsforum sexualisierte Gewalt in der EKD (BeFo) bekanntgegeben und ihren Rückzug aus dem Gremium angekündigt hat. Im Interview bei Claudia Keller von der Chrismon erläutert sie ihre Beweggründe. Janz beklagt das schleppende Tempo und die uneinheitliche Umsetzung der BeFo-Beschlüsse in den Landeskirchen. Darüber haben wir im Januar ausführlich berichtet (s. hier & hier in der Eule). Es lohnt sich aber, auch die zweite Hälfte des Interviews aufmerksam zu lesen. Denn auch bei ihrem Rücktritt spielen Konflikte mit anderen Betroffenen keine geringe Rolle.
Seit das Beteiligungsforum im Jahr 2022, nach dem Scheitern der bisherigen Aufarbeitungs- und Beiratsstrukturen in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), an den Start gegangen ist, arbeiteten Betroffene dort mit Vertreter:innen der Kirche (und zunehmend der Diakonie) an wichtigen Reformvorhaben auf dem Handlungsfeld sexualisierte Gewalt. Zunächst war die Gruppe der Betroffenen acht Personen stark. Zum Teil standen die Betroffenenvertreter:innen in Dienst- oder Arbeitsverhältnissen mit der Kirche.
Nancy Janz war von Anfang an dabei und maßgeblich in die Konzeption des neuen Beteiligungsformats involviert. Janz und Detlev Zander wurden zu SprecherInnen der Betroffenengruppe bestimmt und vertraten das BeFo und seine Arbeit auf den EKD-Synoden und gemeinsam mit den (wechselnden) SprecherInnen der kirchlichen Beauftragten in der Öffentlichkeit und den Medien. Beide standen deshalb – auch mit ihren eigenen Biografien und ihrer persönlichen Betroffenheit – immer wieder im Fokus der Aufmerksamkeit.
Ein zweischneidiges Schwert, denn es gibt einen Unterschied zwischen der eigenen Betroffenenheit und einer individuellen Aufarbeitung und dem stellvertretenden Engagement für Betroffeneninteressen und der Mitwirkung bei institutioneller Aufarbeitung. Seit zwei Jahren leitet Janz zudem die Fachstelle sexualisierte Gewalt der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK).
Konflikte im und um das BeFo
Von Anfang an gab es sowohl Konflikte unter den Betroffenvertreter:innen im BeFo um verschiedene Sachfragen und die Haltung gegenüber der Institution Kirche als auch mit Betroffenen außerhalb des BeFos und kirchlicher Strukturen. Struktur und Arbeit des BeFo in die kirchlichen Gliederungen und in weitere Betroffenenkreise hinein zu kommunizieren, bleibt eine schwierige Aufgabe. Ausgerechnet das als Brückenschlag gedachte Projekt des digitalen Betroffenennetzwerks BeNe ist zu einer Vollkatastrophe geworden. Konflikte mit anderen Betroffenen wurden dort nicht etwa sachlich bearbeitet und ausgeräumt, sondern die BeNe-Struktur gibt selbst Anlass zu Beschwerden und Streit.
Trotz der enormen Komplexität der Aufgaben und ungeklärter Konflikte im Umfeld hat das BeFo gerade wegen des Engagements der Betroffenen in den vergangenen Jahren einige Erfolge vorzuweisen: Davon zeugen der umfängliche „ForuM-Maßnahmenplan“ im Anschluss an die „ForuM“-Studie von 2024 sowie der Start der Unabhängigen regionalen Aufarbeitungskommissionen (URAKS) im vergangenen Jahr (wir berichteten) und des neuen Anerkennungsverfahrens in diesem Jahr (wir berichteten). Die neue Anerkennungsrichtlinie der EKD wäre 2024/2025 ohne die Mitwirkung der Betroffenen niemals zustande gekommen. Als nächstes steht u.a. eine umfassende Novelle der EKD-Gewaltschutzrichtlinie im Lichte der „ForuM“-Ergebnisse auf der Tagesordnung.
Die Arbeit der Betroffenenvertreter:innen im BeFo ist zermürbend, weil sich Kirche und Diakonie zu langsam und zu wenig bewegen. Hinzu kamen vor allem im vergangenen Jahr Konflikte innerhalb der Betroffenengruppe, die im Verlauf mehrerer Monate zu mehreren Umstruktierungen von Verantwortlichkeiten und Rücktritten führten.
Der DPSG-Forschungsbericht (s.o.) hält fest, dass im Forschungsbeirat eine konstruktive Arbeit erst dadurch (wieder) möglich wurde, dass sich die beiden im Streit liegenden Betroffenvertreter aus dem Gremium zurückzogen (das dann gleichwohl ohne Betroffenenbeteiligung da stand). Zugleich halten die Forschenden fest, dass die anderen Beteiligten den „Streit“ damit für erledigt hielten und keine weiteren Maßnahmen zur Arbeitsfähigkeit ergriffen.
Auch im BeFo kommt es im Zuge der Konflikte und des ohnehin anstehenden „Generationenwechsels“ nun zu personellen Veränderungen (wie übrigens auf Seiten der kirchlichen/diakonischen Beauftragten auch immer wieder). Doch würde man am Kern der Sache vorbeigehen, wenn man diese allein auf den Streit zwischen Betroffenen im BeFo zurückführte. Angefragt sind auch die kirchlichen/diakonischen Beteiligten, die Strukturen der Mitwirkung – und die Communities von Betroffenen, die jenseits kirchlicher Gremien aktiv sind.
Verantwortung übernehmen
Inzwischen arbeiten in den Betroffenenvertretungen der URAK-Verbünde, in den URAKs selbst und im BeFo viele Betroffene sexualisierter Gewalt an der institutionellen Aufarbeitung mit. Ein gewaltiger Ressourcen- und Kraftaufwand für die schuldig gewordene Kirche, deren Sinn auf leitenden Ebenen nicht in Frage gestellt wird. Unterstützungsstrukturen für Betroffenenbeteiligung kosten richtig viel Geld. Und die Kirche sollte sich das Engagement von Betroffenen auch etwas kosten lassen.
Im Chrismon-Interview beklagt Janz, die kirchlichen Beauftragten hätten sich nicht getraut, „die Konflikte innerhalb der Betroffenengruppe anzusprechen“ und verweist auf das schwierige Verhältnis von „Außen“ und „Innen“ bei der institutionellen Aufarbeitung:
„Wir Betroffenen untereinander konnten es nicht. So klar muss ich das leider feststellen. Und die kirchlichen Beauftragten trauten sich nicht, die Konflikte innerhalb der Betroffenengruppe anzusprechen. Denn dann würde es womöglich von außen heißen: Wie, jetzt übernimmt die Kirche die Deutungsmacht?
Also hat niemand die Verantwortung übernommen, die Spannungen blieben und wirkten untergründig leider weiter, es geht ja um hochemotionale Themen. Da wiederholt sich etwas, was wir in allen kirchlichen Prozessen immer wieder vorfinden: dass nicht klar ist, wer die Verantwortung übernimmt. Es gibt auch eine große Angst vonseiten der Kirche, etwas falsch zu machen. Und bevor man etwas falsch macht, macht man lieber nichts.“
Bei der Verantwortungsdiffusion handelt es sich mit der „ForuM“-Studie um ein systemisches Problem der evangelischen Kirche – und, schaut man auf die DPSG, von allen föderativen, Multilevel.Organisationen. Der Druck von außen, insbesondere von Betroffenen, die jede Mitwirkung und Kompromisse mit der Kirche skandalisieren, tut sein Übriges: Wie kann eine Betroffenenvertretung trotz des enormen Drucks von außen und in der Auseinandersetzung mit der Organisation Kirche ein atmendes und lebendiges System bleiben? Sicher nicht, indem sich die Organisation und kirchliche/diakonische Handelnde als nicht-zuständig erklären.
Ohne die Mitwirkung und -Entscheidung von Betroffenen verlieren die Aufarbeitungsbemühungen der evangelischen Kirchen und der Diakonie jede Glaubwürdigkeit. Zugleich wurzeln die unterschiedlichen Konflikte am Ende im Vertrauensverlust der Institution selbst. Die Einführung der neuen Anerkennungsleistungen inklusive des umstrittenen Anhaltskatalogs ist der Prüfstein für das BeFo. Können Kirche und Diakonie das Versprechen halten, dass sie mit dem BeFo gegeben haben?
Das BeFo muss als Struktur halten. Das bedeutet aber nicht, dass es sich nicht verändern darf – und vielleicht sogar muss. Dazu muss gehören, die verbale, systemische und psychische Gewalt zu thematisieren, der Betroffene in Aufarbeitungskontexten ausgesetzt sind. Detlev Zander erklärte nach dem Rücktritt von Nancy Janz, die Betroffenengruppe im BeFo sei – auch durch Neuzugänge – weiterhin arbeitsfähig. Transparenz und Zugänglichkeit der Strukturen bleiben jedoch als Probleme aktuell und können nicht allein von der Betroffenengruppe bearbeitet werden.
Gegen die Zermürbung vorgehen
Das BeFo müsste vielleicht, allein schon um die Arbeitslast zu verringern, stärker ein Ort der Koordination und Entscheidung werden als Schauplatz umständlicher Verhandlungen. Mehrfachbelastungen in den Arbeitsgruppen des BeFo sollten reduziert werden. Vielleicht können die Betroffenenforen in den URAK-Verbünden eine gute Rolle als konstruktive Kommunikationsorte zwischen den unterschiedlichen Beteiligungsformaten und -Graden von Betroffenen spielen. Für die Ergebnisse des BeFo haben nicht nur die Betroffenensprecher:innen gerade zu stehen, sondern alle Leitenden in Kirche und Diakonie.
Die zunehmende Zermürbung von engagierten Betroffenenaktivist:innen sollte auch Anlass dazu sein, den gegenseitigen Umgang in den Betroffenen-Communities kritisch zu hinterfragen. Da solche Probleme ganz offensichtlich systemisch sind, in den Missbrauchs- und Ohnmachtserfahrungen von Betroffenen und kirchlich/diakonisch Handelnden selbst wurzeln und sich gerade dort entzünden, wo sich Betroffene in den Organisationen engagieren, in denen ihnen Gewalt angetan wurde, müsste ein solcher Reflektionsprozess auf einer anderen Ebene angesiedelt werden.
Die Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen (UBSKM), Kerstin Claus, und der dortige Betroffenenrat müssten sich hier engagieren und den Diskurs gestalten, gerade im Blick darauf, dass Beteiligungsformate wie das BeFo in allen anderen gesellschaftlichen Systemen und Organisationen immer noch nur Zukunftsmusik sind. Scheitert die Betroffenenbeteiligung in der evangelischen Kirche, sinkt der Druck in anderen Kontexten, richtige Partizipation überhaupt in Angriff zu nehmen.
Aktuell im Magazin
Erinnerungskultur: Wer (ge-)denkt mit? – Carlotta Israel („Sektion F“)
Zwischen Holocaust-Gedenktag und „Black History Month“ begibt sich Carlotta Israel auf di Suche nach einer intersektionalen Praxis des Gedenkens in Kirche und Gesellschaft:
„Ich hoffe, die Kirchen beteiligen sich weiterhin und verstärkt an einer intersektional vielfältigen Erinnerungskultur: An jenen Gedenktagen, die schon in den Rang offizieller (evangelischer) Gedenktage aufgerückt sind, weil mit ihnen auch die Schuldgeschichte der (eigenen) Kirche, die besondere Beziehung des Christentums zum Judentum und die Solidarität mit Jüdinnen und Juden verbunden ist. Und zu neuen Erinnerungsanlässen wie dem „Black History Month“:
Auch hier gibt es für die Kirchen mit Blick auf ihre Verstrickung in den Kolonialismus und wegen ihrer Verantwortung für den Frieden in unserer post-migrantischen Gesellschaft gute Gründe, sich zu engagieren. Aber bitte nicht mit übertönenden Trompeten oder einem übergriffigem Allein-Gedenkanspruch, sondern im Kontakt mit vielfältigen Akteur*innen.“
Eule-Podcast RE: Januar 2026 – Kirchen gegen ICE, Aufarbeitung & Synodaler Weg – Michael Greder und Philipp Greifenstein (59 Minuten)
Im Monatsrückblick des „Eule-Podcast“ geht es um wichtige Themen des Januar 2026: Wie steht es zwei Jahre nach Veröffentlichung der „ForuM“-Studie um die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche und Diakonie? Welche Entwicklungen gab es im Januar bei den Anerkennungsleistungen für Missbrauchsbetroffene? Was hat der Synodale Weg gebracht? Außerdem sprechen wir über den Widerstand von Christ:innen und Kirchen in den USA gegen ICE und die Trump-Regierung und wie immer gibt es am Ende der Episode auch eine gute Nachricht des Monats.
Es fühlt sich fast so an, als würd‘ sich etwas tun – Philipp Greifenstein („Re:mind“-Newsletter)
Was hat der Synodale Weg gebracht, der gerade mit einem letzten Treffen in Stuttgart an sein Ende kommt? Zentrale Fragen des katholischen Dialog- und Reformprozesses bleiben auch nach sechs Jahren unbeantwortet.
Ein schönes Wochenende wünscht
Philipp Greifenstein
Ein guter Satz
„was ihr einer meiner geringsten töchter getan habt das habt ihr mir getan“
– marzuq märzenbecher auf Bluesky
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