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Schritt nach vorn – Die #LaTdH vom 6. Juni

Der Rücktrittswunsch von Kardinal Marx ist ein Schritt nach vorn. Außerdem: „Sea-Eye 4“ festgesetzt, Nonne wegen Kirchenasyls verurteilt und schwierige Erinnerungen.

Herzlich Willkommen!

Gestern wurde mit der „Sea-Eye 4“ auch das zweite #United4Rescue-Rettungsschiff im Hafen von Palermo festgesetzt. Damit werden nun beide Rettungsschiffe, an deren Beschaffung und Umbau sich das Bündnis mit großer Unterstützung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) beteiligt hat, daran gehindert, auf dem Mittelmeer Leben zu retten. Das Geschehen habe ich gestern hier in der Eule eingeordnet.

Die Kirchennachricht der Woche aber ist sicher das Rücktrittsgesuch von Kardinal Reinhard Marx, der nicht weiter Erzbischof von München und Freising bleiben möchte.

Eine gute Woche wünscht
Philipp Greifenstein


Debatte

Am Freitag veröffentlichte das Erzbistum München und Freising (@ebmuc) einen Brief von Kardinal Reinhard Marx an Papst Franziskus mit Datum vom 21. Mai diesen Jahres (PDF), der ein Rücktrittsgesuch enthält: Marx will nicht weiter Chef des Erzbistums bleiben und bittet den Papst „deshalb sehr, diesen Verzicht anzunehmen“. Seinen Wunsch erläuterte Marx in einer Persönlichen Erklärung (PDF) und auf einer Pressekonferenz (Video).

Um Verantwortung zu übernehmen reicht es aus meiner Sicht deshalb nicht aus, erst und nur dann zu reagieren, wenn einzelnen Verantwortlichen aus den Akten Fehler und Versäumnisse nachgewiesen werden, sondern deutlich zu machen, dass wir als Bischöfe auch für die Institution Kirche als Ganze stehen.

Es geht auch nicht an, einfach die Missstände weitgehend mit der Vergangenheit und den Amtsträgern der damaligen Zeit zu verbinden und so zu „begraben“. Ich empfinde jedenfalls meine persönliche Schuld und Mitverantwortung auch durch Schweigen, Versäumnisse und zu starke Konzentration auf das Ansehen der Institution. (aus dem Brief an Papst Franziskus)

Bevor wir zur Deutung des Vorgangs kommen, für die Marx reichlich Material lieferte und in die Beobachter:innen und Journalist:innen sogleich beherzt einstiegen, nur kurz zu den Fakten:

Den Amtsverzicht hat Papst Franziskus bisher nicht angenommen, aber er hat der Veröffentlichtung des Briefes vom 21. Mai in privater Korrespondenz mit Marx (per Email) zugestimmt. Mit dem erbetenen Rücktritt vom Amt des Erzbischofs ist weder ein Rückzug von gesamtkirchlichen Beauftragungen noch die Aufgabe des Kardinalstitels verbunden.

Meinung: Kardinal Reinhard Marx – Ein Rücktritt als Symbol – Christoph Strack (Deutsche Welle)

Für die Deutsche Welle kommentiert Christoph Strack (@Strack_C) das Ansinnen des Kardinals: Er hebt den symbolischen Gehalt des Rücktrittswunsches hervor, der vor allem seine Brüder im bischöflichen Amt unter Druck setze:

Aber dieser Schritt, sein Rücktrittsangebot, ist ein Symbol weit über sein Bischofsamt in München und seine persönliche Verantwortung hinaus. Sei es für ungeklärte Vorgänge unter seinem Vor-Vorgänger Kardinal Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI., sei es für alle die im deutschen Episkopat, die sich winden und die sich auf ihre Anwälte verlassen. Seit Monaten wird deutschlandweit über das Erzbistum Köln und seinen Erzbischof Kardinal Rainer Maria Woelki geflucht.

Deshalb: „Im Kern geht es für mich darum, Mitverantwortung zu tragen für die Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten.“ Marx-Sätze wie diese sind ein Signal an die vielen Bischöfe in Deutschland. Verantwortung – das ist etwas konkretes.

Wie Strack haben auch viele andere Kommentator:innen bemerkt, dass Marx in seinen Statements „ich“ sagt und von persönlicher Schuld und Verantwortung spricht – etwas, das Missbrauchs-Betroffene seit vielen Jahren von den Bischöfen einfordern. Und ein Kontrast auch zu vormaligen Äußerungen Marxens, wie seinem legendären „Nein“ zu Bischofsrücktritten auf die Nachfrage von Christiane Florin (@christianeflori) bei der Vorstellung der MHG-Studie 2018.

Taking responsibility or abandoning a sinking ship? – Robert Mickens (La Croix International, englisch, €)

Ohne persönliche Verantwortungsübernahme geht es jetzt nicht mehr, meint Marx. Nachdem er, wie der Vatikanexperte Robert Mickens (@robinrome) bei La Croix beschreibt, spätestens seit 2010 die Bewältigung der Missbrauchskrise zum bestimmenden Anliegen seiner Arbeit gemacht hat, blieb ihm mehr und anderes zu tun auch kaum noch übrig.

Auf Marx geht die Gründung des Centers for Child Protection (CCP) an der Päpstliche Universität Gregoriana mit Mitteln seines Erzbistums und die Gründung der Päpstlichen Kommission für den Schutz von Minderjährigen zurück. Die Stiftung Spes et Salus („Hoffnung und Heil“) für Missbrauchsbetroffene hat er aus seinem Privatvermögen (500 000 €) ermöglicht. Er hat den sog. Synodalen Weg angeschoben, die MHG-Studie mitbeauftragt und verteidigt, gehört zu den wenigen engen Beratern des Papstes.

„The real Panzer Kardinal“ jedenfalls hat, so Mickens, die Messlatte für persönliche Verantwortungsübernahme hoch gelegt – vor allem, wenn Papst Franziskus durch die Annahme des Rücktrittsgesuches jene final validiert.

If the pope accepts his resignation he’d be under intense pressure to demand others to voluntarily step down as well. The cardinal of Munich obviously thought long and hard about this. […] The resignation is not about him. It’s about the urgency of a profound and radical reform of the Church. […] The ball is now in the pope’s court.

Akzeptiert der Papst seinen Rücktritt, wird er unter großem Druck stehen, auch von anderen ihren „freiwilligen Rücktritt“ zu fordern. Der Münchener Kardinal hat darüber offensichtlich gründlich nachgedacht. […] Beim Rücktritt geht es nicht um ihn. Es geht um die Notwendigkeit einer tiefgehenden und radikalen Reform der Kirche. […] Der Papst ist nun am Zug. (Übersetzung von mir)

Die ersten Bischöfe jedenfalls wollen von der höher gelegten Messlatte schon jetzt nichts wissen: Der Missbrauchs-Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Bischof Stephan Ackermann (Trier), hat für sich einen Rücktritt am Samstag ausgeschlossen, auch der DBK-Vorsitzende Bischof Georg Bätzing (Limburg) umging das Thema im „Tagesthemen“-Interview am Freitag lieber.

Er sprach sich aber sonst recht deutlich aus, z.B. für das Weiheamt von Frauen („… das wird nicht enden an der Grenze des sakramentalen Amtes. Das sage ich voraus und ich hoffe es.“) und machte auch deutlich, dass er den Zeitpunkt für einen stilvollen Abgang aus dem Amt für den Kölner Kollegen für verpasst hält.

Aufruf zum Umsturz – Raoul Löbbert (ZEITonline)

Auf ZEITonline ergänzt Christ & Welt-Chefkorrespondent Raoul Löbbert (@RaoulLoebbert) die Zugzwang-Deutungen um einen wichtigen Punkt, denn „ganz so selbstbestimmt und selbstlos wie Marx tut, ist seine Entscheidung nicht“. Löbbers rückt damit so manche euphorische Lobeshymne angesichts der persönlichen Verantwortungsübernahme des Kardinals gerade, denn es gibt für sie genügend Anlass:

Da wären die möglichen Pflichtverletzungen als Bischof von Trier, denen Löbbert selbst mit der Christ & Welt vor kurzem nachging, da wäre auch der Streit um den Münchener Betroffenenbeirat und der Fakt, dass sich das dortige Aufarbeitungsgutachten verzögert.

Man verrät kein Geheimnis, wenn man darauf hinweist, dass viele Menschen Marx sympathisch finden. Weil er sich – mit viel Geld seines Erzbistums – für Flüchtlinge und Katastrophenopfer einsetzt, weil er auf dem sog. Synodalen Weg weiterkommen will, weil seine westfälische Bodenständigkeit ihn konkret werden lässt – allein die Sprache seiner Rücktritts-Erklärungen weicht erfreulich vom katholischen Salbadern ab -, weil er sowieso und irgendwie als Reformer gilt.

Ihm gegenüber steht der Kölner Erzbischof Kardinal Rainer Maria Woelki von dem Beobachter:innen zu seiner Berliner Zeit übrigens auch mal sehr begeistert waren. Und noch heute könnte man Woelki für sein Engagement für Arme und Flüchtlinge loben. Allein, das Lob bleibt einem im Halse stecken.

Marx hat recht: Das Ansehen der Bischöfe ist an einem Tiefpunkt angekommen. Den einen kritisieren, heißt aber nicht, den anderen hochzujubeln – auch wenn es einem in die kirchenpolitische Agenda passt. So viel Selbstkritik gerade des Reformlagers darf, nein, muss bitte sein – schon im Blick auf die Missbrauchs-Betroffenen.

Am Ende sind beide, Marx wie Woelki, Teil eines Systems, und wie Marx in seiner Stellungnahme vor der Presse am Freitag sagte:

Wie fängt die Freiheit an? Indem man etwas lässt. Vermögen und dann Macht. Jedenfalls als Ausdruck, als Möglichkeit, dass man deutlich macht, dass das auch dazugehört. Und deswegen hoffe ich, dass das vielleicht ein kleiner Impuls sein kann, dieses kleine Zeichen vielleicht, dass wir motiviert sind das Evangelium weiter voranzubringen und nicht um unsere Personen ständig zu kreisen, sondern um das Evangelium.

nachgefasst

Apostolische Visitation – das katholisch Normale im Außergewöhnlichen – Norbert Lüdecke (Theosalon)

Der Bonner Kirchenrechtler Norbert Lüdecke ordnet im Theosalon die Apostolische Visitation im Erzbistum Köln ein. Was kann eine Überprüfung der Kölner Zustände bringen, die von „verlässlichen Stützen des katholischen Papalsystems“ durchgeführt wird, darunter sogar von einem Freund des Erzbistums?

Nebenbei gibt Lüdecke allen Bistums-Angehörigen und -Mitarbeiter:innen, die von den Visitatoren befragt werden könnten, (k)eine kostenlose Rechtsberatung mit auf den Weg. Sein Fazit:

Und selbst wenn alle betroffenen Hierarchen ihre Ämter verlieren und aus dem Domkapitel ausscheiden, muss Katholiken klar sein, was sich durch eine neue Person im Amt tatsächlich ändert. Warum handelt Kardinal Woelki, wie er es tut? Weil er es kann! Wenn sein Nachfolger sich vielleicht freundlicher, kommunikativer, kooperativer verhält, dann tut er dies, weil er es will, obwohl auch er jederzeit anders könnte. Der Austausch von Personen ändert am System nichts. Wenn es daher von allen Seiten heißt, die Apostolische Visitation sei eine Chance, bleibt die entscheidende Frage: Für wen?

Verurteilung einer Ordensfrau nach Kirchenasyl – Christoph Strack (Deutsche Welle)

Die katholische Ordensfrau Juliana Seelmann wurde vom Amtsgericht Würzburg wegen Gewährung von Kirchenasyl schuldig gesprochen. Die Franziskanerin hatte zwei Frauen aus Nigeria geholfen, die zwei Mal aus der Zwangsprostitution in Italien nach Deutschland geflohen waren.

Dem Richter fiel dazu die Bemerkung ein: „Wir leben in einer Demokratie, nicht in einem Gottesstaat.“ Einer Demokratie, immerhin, die innerhalb der EU Misshandlung und Entrechtung von geflüchteten Menschen zulässt. Christoph Strack ordnet den aktuellen Fall außerdem in die politische Landschaft ein.

Buntes

Den Islam kartieren? Ein Fehlversuch – Reinhard Schulze (Journal21.ch)

In Österreich sorgte in den vergangenen Tagen das Ansinnen für lautstarken Protest, islamische Gemeinden des Landes in einer virtuellen Karte zusammenzufassen. Nach vielen Beschwerden ist das Angebot inzwischen nicht mehr verfügbar. Hintergründe und Einordnung bietet Reinhard Schulze bei @journal21.

Erstellt hatte die Landkarte die Dokumentationsstelle für den politischen Islam, die 2020 als Staatsfonds mit Mitteln des Integrationsministeriums eingerichtet worden war. Sie solle einen religiös motivierten politischen Extremismus (den «politischen Islam») wissenschaftlich erforschen, dokumentieren und die entsprechenden Ergebnisse für die Öffentlichkeit aufbereiten.

Dieser Kontext macht klar, dass die Islamlandkarte vor allem dazu dient, eine Topographie des «politischen Islam» in Österreich zu erstellen. […] Dabei handelt es sich um eine politische, nicht um eine wissenschaftliche Definition. Sie erlaubt offensichtlich keine Option für einen politischen Islam, der nicht rundweg abzulehnen wäre, der Menschenrechte nicht verletzen oder «schleichend» versuchen würde, die Demokratie auszuhebeln.

Religionsunterricht in NRW: Ditib ist wieder Schulpartner (dpa, taz)

Massive Kritik wird an der Beteiligung der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib) am islamischen Religionsunterricht in Nordrhein-Westfalen geübt. Der größte muslimische Verband in Deutschland ist wegen seiner Abhängigkeit von der türkischen Religionsbehörde Diyanet umstritten.

Der Religionsunterricht wird von nach deutschen staatlichen Lehrplänen ausgebildeten Religionslehrern erteilt. Sie brauchen aber auch eine religiöse Lehrerlaubnis – und die „Idschaza“ erteilt die neue Kommission. Diese wird aber nicht von der Ditib dominiert, wie das Schulministerium klarstellt. Beteiligt sind auch etwa der Verband der Islamischen Kulturzentren oder die Islamische Religionsgemeinschaft NRW.

Kirsten Fehrs bleibt Hamburger Bischöfin: Große Mehrheit – Benjamin Lassiwe (KNA, Domradio)

Die Bischöfin für den Sprengel Hamburg und Lübeck der Nordkirche (@nordkirche_de), Kirsten Fehrs, wurde gestern auf einer hybriden Synodentagung für weitere acht Jahre in ihrem Amt bestätigt. Eine große Mehrheit der Synodalen sprach sich für die ehemalige Sprecherin des EKD-Beauftragtenrates für den Schutz vor sexualisierter Gewalt aus. Wie Benjamin Lassiwe (@lassiwe) in seinem Bericht nachzeichnet, widmete sich Fehrs in ihrer Rede vor der Synode kirchenpolitischen Fragen, die über ihren Sprengel hinausweisen.

40 Jahre Aids: Wie eine Krankheit unser Land veränderte – Daniel Killy (RND)

Daniel Killy (@dkilly) erinnert daran, wie vor 40 Jahren AIDS das Klima in Deutschland und weltweit verändert, und entdeckt nachdenklich stimmende Parallelen zur Corona-Pandemie:

Bis sich in Deutschland die Erkenntnis durchsetzte, dass Aids als Krankheit jeden treffen konnte, vergingen einige Jahre. Aber sie veränderten alles. Die Unbefangenheit beim Sex war verflogen, die Angst vor Begegnungen mit fremden Menschen groß, das Misstrauen ebenso. […]

Allmählich beruhigte sich das Land wieder, die Diskriminierungen nahmen ab, je mehr über die Krankheit bekannt wurde. Die schlichte Wahrheit, dass Menschen nicht Schuld daran haben können, an einem Virus zu erkranken, verfestigte sich allerdings nicht so recht.

Theologie

Juden & Muslime – So nah. Und doch so fern! (ARTE)

Wie konnte sich die Beziehung zwischen Juden und Muslimen zu dem entwickeln, was sie heute ist? Eine vierteilige ARTE-Reihe erzählt 1400 Jahre jüdisch-muslimischer Geschichte, von der Geburt Mohammeds bis zum heutigen Israel. Ein aufwändig produzierter Rückblick auf eine gemeinsame, wechselvolle Vergangenheit, die von Konflikten genauso geprägt ist wie von Jahrhunderten friedlichen Zusammenlebens.

Ein guter Satz

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