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Seltsame Diskussionen – Links am Tag des Herrn vom 25. Juni

Eine Antisemitismus-Doku, (nicht) demonstrierende Muslime, zweifelhafte Humanisten, katholische Führungsfrauen und der Tod ist auch nicht mehr, was er war.

Jeden Sonntag geben wir euch mit den Links am Tag des Herrn einen Überblick darüber, was unter Kirchenleuten diskutiert wird. In einem Einführungsartikel haben wir euch aufgeschrieben, was es mit den Links auf sich hat.

Debatte I

Antisemitismus-Debatte – Altpapier (evangelisch.de)

Ganz und gar kein Randphänomen ist der Antisemitismus in Europa. Am Mittwoch lief in der ARD die in vielerlei Hinsicht schwierige Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt“ (Mediathek). Ein Film, dessen Weg zur Ausstrahlung äußerst kompliziert war. Das Medien-Watchblog Altpapier (@altpapier) auf evangelisch.de hat sich die letzten Wochen (!) über bemüht, die Begleitgeräusche zu sortieren. Einen Überblick kann man sich zum Beispiel hier und hier verschaffen.

Eine wohlwollende Rezension der Doku von Gideon Böss auf Facebook (entdeckt im Altpapier) enthält jedoch auch einige berechtige Kritikpunkte:

„Gleichzeitig stimmt die Kritik, dass der Film einen zu starken Schwerpunkt auf Israel/Palästina setzt. Dieser Bezug ist zwar sehr wichtig, weil der arabische Judenhass sich vor allem über diesen Konflikt nährt, aber die Dokumentation verliert sich zu sehr darin, die Korruption und Bigotterie der internationalen Hilfsorganisationen und der in Reichtum lebende Hamas-Elite aufzuzeigen.

Auch fällt auf, dass Antisemitismus in erster Linie als Problem von Linken und vor allem Arabern vorkommt. Gibt es in Europa wirklich keinen Judenhass aus dem rechten Eck mehr? Kann man den tatsächlich so sehr ignorieren, dass er in einer groß angelegten Dokumentation keine Rolle spielen muss?“

Wir waren schon weiter. Nach der „Antisemitismusdebatte“ der ARD – Juna Grossmann (irgendwie jüdisch)

Noch viel mehr wurde über die Dokumentation, den europäischen Antisemitismus und Gaza geschrieben, gesendet, diskutiert. Diesen Text aber muss man lesen! Juna Grossmann (@IrgendwieJuna) hat „sacken lassen“ und sich dann doch – zum Glück – entschieden, ihren Text zu veröffentlichen:

„Ich wollte mich nicht dem aussetzen, was zu erwarten war. Ich erlebte es dennoch. Erlebte es schon deshalb, da mir allein wegen meiner „Herkunft“ Meinungen und Ansichten unterstellt werden. Das ist nichts Neues. Im besten Falle finde ich es verwunderlich, befremdlich. Im konkreten Fall fühle ich mich mehr und mehr als würde ich aus einem schlechten Traum nicht mehr aufwachen. Ich schrieb dennoch, schrieb meine Emotionen auf, meine Verzweiflung, meine Einsamkeit darin.“

Debatte II

Enttäuschung – Michael Seemann (mspr0.de)

Einer der besseren unter den vielen Artikeln, die zur großangesagten Anti-Terror-Kundgebung einiger Islam-Verbände erschienen sind. Klar, die Ton-Bild-Schere ist zwischen Ankündigung und tatsächlicher Beteiligung arg weit aufgegangen. Das kennen Evangelen ja aus eigener Erfahrung (s. Kirchentage auf dem Weg). Ich kann die Enttäuschung ob der geringen Beteiligung verstehen, die von Michael Seemann (@mspro) und vielen anderen geäußert wird, aber ich finde sie auch reichlich wohlfeil. Wie Seemann selbst eingesteht:

„Um ehrlich zu sein, bin ich eher ein unterdurchschnittlicher Antifaschist.“

Ich finde jedenfalls den Vergleich mit der durchschnittlichen Beteiligung an Demos gegen Rechts nicht völlig abwegig. Seemanns Schlussplädoyer, das er als PS tarnt, bleibt Verpflichtung für uns alle.

Guter Moslem, böser Moslem – Fabian Köhler (Deutschlandfunk Kultur)

Der Islam- und Politikwissenschaftler Fabian Köhler (@fabikde) schreibt einmal auf, was sich nicht wenige wohlwollende, nicht-muslimische Beobachter diese Woche angesicht der innermuslimischen Streitigkeiten gedacht haben dürften. Er weist damit auch auf eines der größten Probleme der Muslime hierzulande hin: Ihre Uneinigkeit.

„Seit nunmehr einer Woche ringen islamische Interessenvertreter und Muslime des öffentlichen Lebens um die anscheinend wirklich wichtige Positionierung: Stecken die, die mitdemonstrierten, im Arsch der Mehrheitsgesellschaft? Oder die, die es nicht taten, mit einem Fuß im IS-Ausbildungslager?“

„Friedensmarsch #nichtmituns Muslime und Freunde gegen Gewalt“. Davor und Danach. – Serdar Günes (Serdargunes‘ Blog)

Der Islam- und Politikwissenschaftler Serdar Günes (@serdarguenes) hat auf seinem Blog eine Liste mit interessanten Artikeln zur Debatte angelegt.

Randständiges

Humanisten auf dem Weg zum Humanismus – Sebastian Bartoschek (jungle.world)

Ein Bericht vom „ersten Humanistentag als freistehende[m] Event“, der Auskunft gibt über diesen „Kirchentag der Kirchenkritiker“. Irgendwie scheinen die dieselben Probleme zu haben wie „wir“. Vielleicht könnte man, ließe man die alberne Polemik, z.B. weibliche Genitalverstümmelung mit der männlichen Beschneidung gleichzusetzen, mal bei Seite, an gemeinsamen Zielen arbeiten. Unter einer humanistischen Schule jedenfalls stelle ich mir nichts Schlechtes vor.

Berliner Stadtschloss bekommt Kuppelkreuz – Tagesspiegel

Das Kuppelkreuz kommt. Wie Lorenz Maroldt (@LorenzMaroldt) im Checkpoint schrieb:

„Was der Koalition die Tegel-Schließung, ist dem Stadtschlossstiftungsrat das Kuppelkreuz: Muss unbedingt sein, teilte er am Donnerstag noch einmal mit, was ohnehin längst Beschlusslage ist. Aus der Kulturverwaltung hieß es, damit sei die Entscheidung gefallen, man werde aber weiter diskutieren. Wie lange noch und mit wem, wurde nicht mitgeteilt.“

Was will man denn mit wem noch diskutieren, wenn alles entschieden ist? Wem die Bahn vor der Nase abgefahren ist, dem nützt der Blick auf die Uhr nun auch nichts mehr. Erzbischof Koch meinte noch beitragen zu müssen:

„Es hat mich erschreckt, dass im Laufe der Debatte Aussagen aus einer nicht-christlichen Haltung immer mehr zu anti-christlichen Stellungnahmen wurden.“

Calm down, Nancy!

Sind Christen wirklich die meistverfolgte Religionsgemeinschaft? – Fabian Köhler (Schantall und die Scharia)

Fabian Köhler (@fabikde) zum Zweiten: Auf seinem Blog Schantall und Scharia schreibt er u.a. über populäre Fehlannahmen im Bezug auf den Islam. Eines seiner Steckenpferde ist die Arbeit des evangelikalen Vereins OpenDoors, dessen Christenverfolgungs-Statistiken recht zweifelhafter Natur sind. Hier hat Fabian einmal eine richtige Studie zum Thema ausgegraben und erklärt:

„Forscher des renommierten und bisher der religiösen und politischen Parteinahme unverdächtigen amerikanischen Pew-Instituts habend das Ausmaß der weltweiten Christenverfolgung jetzt einmal versucht, in Zahlen zu fassen. Das Ergebnis ihrer Anfang Juni veröffentlichten Studie bietet etwas, das man bei der bisherigen Debatte um die Verfolgung von Christen, kaum erlebte: Differenzierungen.“

„Es wird euch nichts geschenkt“: Marx will möglichst viele Frauen – domradio.de

Kardinal Marx will mehr Frauen in Führungspositionen, was er sich vor ein paar Jahren noch gar nicht vorstellen konnte. Jetzt gab es ein Mentoring-Programm mit erstaunlichen Erfolgen. Trotzdem beteiligen sich längst nicht alle deutschen Diözesen daran.

„Zugleich bekannte der Kardinal, dass der Ausschluss von Frauen aus Weiheämtern der katholischen Kirche „nicht gerade hilft, in der Welt als Vorreiter der Gleichberechtigung zu erscheinen“.“

„Überall war Helmut Kohl“ – Silke Burmester (Deutschlandfunk)

Ein Meta-Text über die Kohl-Berichterstattung, die mit keinem anderen Wort besser beschrieben werden kann als „seltsam“. Auch Die Eule hat diese Woche so etwas wie einen Kohl-Nachruf veröffentlicht. Silke Burmester (@SilkeBurmester) schreibt u.a.:

„So wird selbst das Ableben zum Event, das – wenn man schon nicht live dabei sein konnte – doch bitte so schnell wie möglich in all seinen Facetten dargestellt werden muss. Da reicht die Nachricht, der Nachruf nicht aus, nein, da muss sofort mit allem verfügbarem Material auf Sendung gegangen werden, […] Ein Tod, ist kein Tod mehr. Er hat die Kraft des Innehaltens, der Besinnung verloren.“

Bibel

The Bible is too hard to understand … – Tim Owens (inexhaustible significance, englisch)

Tim Owens schreibt, warum am Beginn jeder Beschäftigung mit der Bibel der Satz „Die Bibel ist zu schwer zu verstehen …“ stehen sollte. Denn: Sola scriptura meint nicht, dass man die Bibel alleine lesen soll.

„Yes, sola scriptura (by scripture alone) means that the Bible alone contains enough knowledge for salvation and holiness–not that we should read the Bible alone! And yes, the Holy Spirit will teach us all things, but he tends to explain the Bible the same way He gave it to us: through the people of God.“

Predigt

Das Fest machen die Gäste: Predigt zu Matthäus 22,1-14 – Kathrin Oxen (evangelisch.de)

Moves, moves, moves! Gelegentlich ist dramaturgisches Predigen ernüchternd, aber in dieser Predigt zu einer komplizierten Perikope geht es auf. Mir gefällt vor allem, dass der Text nicht geglättet wird, sondern in seinen Härten bestehen bleibt.

„Es tut ihnen leid, sie entschuldigen sich, sie lassen herzlich grüßen, sie wären so gerne gekommen, es sollte nicht sein. Man kann nicht auf zwei Hochzeiten tanzen, nur auf einer und nicht auf dieser.
Wir nippen am Sekt und nicken und verstehen das, […].“

Ein guter Satz

„Denn dieses ist genug zu wahrer Einigkeit der christlichen Kirchen, daß da einträchtiglich nach reinem Verstand das Evangelium gepredigt und die Sacrament dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden.“

– zum Gedenktag etwas protestantische Kirchenlehre aus Philipp Melanchthons Feder, CA 7, auch im Kontext gut

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