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Es fühlt sich fast so an, als würd‘ sich etwas tun

Was hat der Synodale Weg gebracht, der gerade mit einem letzten Treffen in Stuttgart an sein Ende kommt? Zentrale Fragen des katholischen Dialog- und Reformprozesses bleiben auch nach sechs Jahren unbeantwortet.

Liebe Eule-Leser:innen,

seit gestern treffen sich die Teilnehmer:innen des Synodalen Weges ein letztes Mal zu einer Synodalversammlung, um sechs Jahre nach Beginn des Dialogprozesses zwischen römisch-katholischen Bischöfen und Lai:innen in Deutschland ein Fazit zu ziehen. Die Bilanz des Synodalen Weges fällt bestenfalls gemischt aus. Das wird umso offensichtlicher, je weiter man sich bei der Urteilsfindung von den Voten der Teilnehmer:innen emanzipiert.

Um die Jahreswende habe ich mich gefragt, ob es nötig und angeraten ist, für die Berichterstattung nach Stuttgart zu fahren. Gespräche mit katholischen Akteur:innen und Journalist:innen ergaben ein recht eindeutiges Stimmungsbild darüber, was von der letzten Sitzung des Synodalen Weges zu erwarten sei. Es werde sicher „langweilig“, war im Konzert der Meinungen noch die freundlichste Variante. Einschätzungen wie „sinnlos“, „hat sich erledigt“ und „interessiert doch eh keine:n (mehr)“ überwogen. Ist die Geringschätzung, die dem Dialogprozess entgegengebracht wird, einfach ein Symptom der Erschöpfung nach jahrelangen – häufig fruchtlosen – Kirchenreformdebatten? Und warum spielen so viele Menschen das „Partizipationstheater“ trotzdem mit?

Ich bin jedenfalls nicht nach Stuttgart gefahren, sondern verfolge die Sitzung am heimischen Bildschirm per Livestream. Ich verhehle nicht, dass ich bereits gestern Abend wieder einiger erstaunlicher Dissonanzen angesichtig wurde zwischen der Außen- und Eigenwahrnehmung des Synodalen Weges. Was hat der Synodale Weg gebracht?

Im heute frisch erschienenen Monatsrückblick des „Eule-Podcast“ diskutieren Michael Greder und ich u.a. darüber, welche Folgen der Synodale Weg gezeitigt hat. Vor allem geht es dabei um die neue Synodalkonferenz, die von Deutscher Bischofskonferenz (DBK) und Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) eingerichtet werden soll. Über die Satzung dieses neuen Beratungsgremiums auf nationaler Ebene hatte der Synodale Ausschuss als Nachfolgegremium der Synodalversammlungen in den vergangenen beiden Jahren beraten.

Der Synodale Ausschuss selbst und das ZdK stimmten der Satzung der neuen Synodalkonferenz bereits Ende vergangenen Jahres zu (Volltext der Satzung als PDF). Eine Zustimmung der DBK soll auf der Frühjahrsvollversammlung im Februar eingeholt werden. Und dann?

Dann steht noch die recognitio ad experimentum des Apostolischen Stuhls aus. Ohne diese formelle Erklärung, dass die Satzung wenigstens nicht im offenen Widerspruch zum geltenden Kirchenrecht steht, geht garnix voran. Und selbst wenn diese Genehmigung zweiter Güte aus dem Vatikan vorliegt, wird es sich – nach ziemlich einhelliger kirchenrechtlicher Überzeugung – bei der Synodalkonferenz erneut wieder „nur“ um ein gemeinsames Beratungsgremium handeln.

Die erneut vor allem von Kirchenrechtlern dominierte (Fach-)Debatte über die Synodalkonferenz lässt sich gut anhand der Beiträge des Tübinger Kirchenrechtlers Bernhard Anuth bei feinschwarz.net und des Mainzer Kirchenrechtlers Matthias Pulte bei der COMMUNIO nachvollziehen.

In Dissonanz zu diesem kläglichen Ertrag nach zwei (oder sechs) Jahren Arbeit an einer Verstetigung der synodalen Prozesse auf nationaler Ebene stehen die Einschätzungen von Teilnehmer:innen des Synodalen Weges wie der ehemaligen ZdK-Vizepräsidentin Claudia Lücking-Michel (ebenfalls bei feinschwarz.net) oder gestern Abend im Livestream von Charlotte Kreuter-Kirchhof, immerhin Juraprofessorin in Düsseldorf und Vize-Koordinatorin des Vatikanischen Wirtschaftsrates.

Mit der offenbar ernst gemeinten Frage, ob man hier nicht gerade Kirchengeschichte schreibe, trat ZdK-Vize Thomas Söding vor das Plenum. Die Antwort ist ziemlich klar: Natürlich werden diese Bemühungen Teil einer gründlichen Kirchengeschichtsschreibung werden, aber ob sie auch als signifikante Reformschritte oder gar Meilensteine vermerkt werden müssen, darf bezweifelt werden.

Was ist eigentlich Synodalität?

Im Hintergrund der Frage nach Sinn und Unsinn der Synodalkonferenz und des bisherigen Synodalen Weges steht die Frage danach, was in der römisch-katholischen Kirche eigentlich mit Synodalität gemeint sein soll. Darüber wird seit Beginn des Dialogprozesses gestritten. Benedikt Heider hat vor fünf Jahren hier in der Eule mit Rückgriff auf die Expertise der Erfurter Theologieprofessorin und Synodaler Weg-Teilnehmerin Julia Knop in die Fragestellung eingeführt (und im „Eule-Podcast“ mit Michael Greder diskutiert).

Seitdem wurde auf dem weltweiten Synodalen Prozess von Papst Franziskus, der in einer (zweigeteilten) Bischofssynode (+ Gäst:innen) zur Synodalität mündete, ein anderes Synodalitätsverständnis eingeübt und vorgetragen als deutsche Reformer:innen es sich wünschen – und es bei den Sitzungen des Synodalen Weges immer wieder gefordert, wenngleich nicht performativ durchgezogen wurde.

Symptomatisch dafür erklärte heute Morgen der Würzburger Bischof Franz Jung bei der Einbringung des Monitoringberichts zu den Beschlüssen des Synodalen Weges, die schwierigste Aufgabe seiner Arbeitsgruppe habe darin bestanden, zunächst einmal zu klären, was die Synodalversammlung eigentlich „beschlossen“ habe. Wohlgemerkt: Es geht dabei ohnehin nur um Empfehlungen und Bitten an die Bischöfe und den Papst. Der bisher nicht öffentliche Bericht ist offenbar nach den Handlungstexten und nicht nach den umfangreichen Grundlagentexten strukturiert, die bei den fünf Tagungen des Synodalen Weges verabschiedet wurden, und bietet keine Aufschlüsselung der Reformfortschritte nach (Erz-)Bistümern.

Entscheiden oder nur beraten?

In der Sprache des gestern auf der Stuttgarter Sitzung vorgestellten Evaluationsberichtes zum Synodalen Weg (PDF) geht es um den Unterschied zwischen einem votierenden und einem hierarchischen Synodalitätsverständnis. Nach „Weltsynode“ und Synodalem Weg inkl. aller Einsprüche aus Rom in den vergangenen Jahren ist klar, dass römisch-katholisch nur letzteres gemeint sein kann. In der Satzung der neuen Synodalkonferenz ist folgerichtig die Rede von gemeinsamer Beratung und Beschlussfassung und eben nicht mehr von gemeinsamen Entscheidungen.

In der Aussprache wünschte sich Bischof Bertram Meier (Augsburg) „als Dogmatiker“ dennoch von den Eichstätter Wissenschaftler:innen, die den Bericht auf (schmaler) empirischer Grundlage verfasst haben, nämlich den Rückmeldungen der Teilnehmer:innen des Synodalen Weges selbst (unter ihnen nur von 29 % der teilnehmenden Bischöfe), Inspiration dazu, wie man beide Synodalitätsverständnisse irgendwie harmonisieren könnte. Eine Antwort blieben auch sie schuldig und verwiesen auf kommende Publikationen. Das ist also der Stand nach sechs Jahren bei der Kernfrage des Synodalen Weges schlechthin.

Aktuell im Magazin

Aufarbeitung im VCP: Neue Studie und Streit um Anerkennung – Philipp Greifenstein

Eine neue wissenschaftliche Studie beschreibt Ausmaß und Hintergründe sexualisierter Gewalt im Verband Christlicher Pfadfinder*innen (VCP). Neben Fortschritten bei der Aufarbeitung gibt es auch Streit um die Anerkennungsleistungen für Betroffene.

„Kern des Streits ist, ob die Anerkennungsleistungen für den VCP, der bundesweit aktiv ist, allein von der Diakonie Hessen im Rahmen ihres „Finanzierungsverbunds Diakonie“ getragen werden müssen. Im Rahmen dieser Regelung übernimmt der diakonische Landesverband Anteile der Anerkennungsleistungen für Betroffene, um finanzschwache Mitgliedseinrichtungen zu entlasten. Zu diesen Mitgliedern gehören die Jugendverbände, die über keine Einnahmequellen jenseits ihrer (häufig geringen) Mitgliederbeiträge verfügen. Der VCP beispielsweise hat einen Jahreshaushalt von ca. 2,6 Millionen Euro. Die Kosten der Aufarbeitungsstudie von 300.000 Euro hat der Verband über drei Haushaltsjahre verteilt allein gestemmt.“

Eule-Podcast RE: Januar 2026 – Kirchen gegen ICE, Aufarbeitung & Synodaler Weg – Michael Greder und Philipp Greifenstein (59 Minuten)

Im Monatsrückblick des „Eule-Podcast“ geht es um wichtige Themen des Januar 2026: Wie steht es zwei Jahre nach Veröffentlichung der „ForuM-Studie“ um die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche und Diakonie? Welche Entwicklungen gab es im Januar bei den Anerkennungsleistungen für Missbrauchsbetroffene? Was hat der Synodale Weg gebracht?

Außerdem sprechen wir über den Widerstand von Christ:innen und Kirchen in den USA gegen ICE und die Trump-Regierung und wie immer gibt es am Ende der Episode auch eine gute Nachricht des Monats.


Intensiv wird in vielen Ländern über die Einführung von Social-Media-Verboten für Jugendliche diskutiert. In Großbritannien und Frankreich befassen sich die Parlamente mit entsprechenden Gesetzesentwürfen, in Australien wurde ein Verbot bereits im Dezember 2025 eingeführt. Gewichtige Stellungnahmen aus den Kirchen in Deutschland zur Debatte fehlen bisher, von einer einhelligen Positionierung ganz zu schweigen. Im Interview mit Karsten Frerichs vom epd äußert sich die „Medienbischöfin“ (sic!) der evangelischen Kirche, die pfälzische Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst, eher verhalten zu den Möglichkeiten von Verboten (und einer Reihe weiterer (Medien-)Themen).

Bei den zeitzeichen habe ich in gestern im Rahmen der Online-Kolumne über Sinn und Unsinn von Social-Media-Verboten für Kinder und Jugendliche geschrieben. In meinen Text habe ich auch die Expertise der Frankfurter Erziehungswissenschaftlerin Denise Klinge einfließen lassen.

„Der beste – wenngleich nicht hundertprozentige – Schutz vor den Gefahren von Social-Media-Plattformen und digitalen Werkzeugen ist ein vertrauensvolles Miteinander, das wir jungen Menschen schuldig sind, während sie sich die (digitalisierte) Welt erschließen. Das setzt voraus, dass wir Erwachsenen einen Umgang mit unseren – zuweilen uneingestandenen – Ängsten in der Digitalität und um junge Menschen finden. Gemeinsame Versuche führen, da bin ich mir sicher, am Ende zum Erfolg.“


Ein schönes Wochenende wünscht
Philipp Greifenstein


Ein guter Satz

„Besonders zufrieden sind diejenigen [Teilnehmer:innen des Synodalen Weges], die glauben, dass der Synodale Weg einen großen Beitrag zur Erneuerung der katholischen Kirche in Deutschland geleistet hat.“

– Evaluationsbericht zum Synodalen Weg, Prof. Dr. Katharina Karl und Markus Dumberger, S. 54


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