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Synodalität: Das Stille-Post-Spiel guter Katholik:innen

An vielen Orten in der römisch-katholischen Kirche wird der Synodalität das Wort geredet. Doch meinen Katholik:innen damit jeweils höchst unterschiedliche Dinge. Eine Aufklärung.

Ein Gespenst geht um in der katholischen Kirche: Synodalität. Fällt dieses Wort, reagieren katholische Akteuer:innen mit einer Mischung aus Freude und Hoffnung, Trauer und Angst – zuweilen im Modus allgemeiner Verzweiflung und Ratlosigkeit.

Julia Knop, Professorin für Dogmatik in Erfurt, verortet in ihren Veröffentlichungen die Kontroversen rund um das Verständnis von Synodalität auf dem Schlachtfeld katholischer Identitätsfindung. Während die einen von der Etablierung demokratischer Strukturen und Prozesse träumen, macht Rom seit Jahren gebetsmühlenartig und unmissverständlich klar, was wahre – also richtige, katholische – Synodalität bedeutet.

Vor allem im Pontifikat Papst Franziskus‘ ist Synodalität eines der bestimmenden Themen. Mit seinem Segen veröffentlichte die Internationale Theologische Kommission 2018 ein Dokument zur „Synodalität in Leben und Sendung der Kirche“. Beeindruckend fortschrittlich liest man dort, dass gerade Synodalität die notwendige „Aufwertung der spezifischen und qualifizierten Einbringung der Laien – unter ihnen besonders der Frauen – in den jeweiligen Kompetenzgebieten“ ermögliche.

Synodalität in der communio hierachica

Was sich – für katholische Verhältnisse – befremdlich modern anhört, hat jedoch seine Tücken. So legt das römische Kirchenrecht fest, dass die Beteiligung von Lai:innen eine Option, aber keine Pflicht ist (CIC/1983 c. 228). Stets obliegt es Klerikern, Lai:innen als geeignet zu befinden und anschließend ihre Hilfe in Anspruch zu nehmen – oder eben auch nicht. Das Konzept wird katholischerseits als Prinzip des suo modo bezeichnet und ist des Pudels Kern katholischer Synodenvorstellung.

Für Professorin Julia Knop* ist Synodalität eine kirchliche Tugend, die standesspezifisch zu üben ist. Mit Blick auf die römisch-katholische Spielart von Synodalität bemerkt sie:

„Der Struktur der communio hierarchica entspreche eine Kultur der communicatio hierarchica. Die Bischöfe sollen gut zuhören, bevor sie beraten und entscheiden. Die Gläubigen sollen sich, zumindest sofern sie gefragt werden, kundig zu Wort melden. Sie kommen aber aufgrund ihres Ordinationsdefizits (bisher) niemals in eine Entscheidungsposition.“

Rom weiß seine Zuordnung von Entscheidung und Rezeption, Amt und Gemeinde, Hierarchie und Kollegialität schon in biblischer Zeit verbürgt. Die Menschheitsgeschichte rezipieren römische Theolog:innen als Synodengeschichte – gut katholisch und heilsplankonform: Bei Adam und Eva geht’s los, die Erzväter waren freilich auch schon synodal unterwegs und schließlich brachte das Jerusalemer Apostelkonzil dem synodalen Gedanken den entscheidenden Durchbruch.

Der Verlauf des Konzils von Jerusalem ist für die Internationale Theologische Kommission ein lebendiges Beispiel für das Zusammenwirken der Kirche als gefügte und gegliederte Wirklichkeit, in der jede:r einen Platz und eine spezifische Rolle habe. Julia Knop analysiert:

„Durchgängig werden in diesen Geschichtsschreibungen aber, wo immer das möglich ist, römisch-katholische Identitätsmarker – der Primat des Papstes, eine amtlich-hierarchische Binnengliederung der Kirche und eine eucharistisch fundierte Ekklesiologie – eingetragen“.

Wer ist zum decision taking berufen?

Römische Wortmeldungen betonen immer wieder die Beteiligung aller in synodalen Prozessen – in ihren je verschiedenen Rollen und demnach mit differenzierter Beitrags- und Handlungskompetenz. Die Idee des suo modo – also die spezifische, vom Geschlecht und Stand abhängige Art und Weise des Handelns in der katholischen Kirche, ist fundamental für das Verständnis von Synodalität im römisch-katholischen Sinne:

„Wie nämlich im menschlichen Körper die einzelnen Teile in ihrer Besonderheit notwendig sind, so haben auch in der Kirche durch die Taufe alle an derselben Würde teil, und alle müssen ihren Beitrag »in dem Maß, wie Christus [die Gnade] ihm geschenkt hat« leisten, um den Heilsplan zu erfüllen.“

Aus dieser Gnade ergibt sich für römische Theolog:innen die Berufung und damit die spezifische (Handlungs-)Kompetenz im katholischen Mikrokosmos. Aus den verschiedenen Berufungen des Gottesvolkes (Lai:innen: Zeugnis geben und verkündigen; Bischöfe: „lehren, heiligen und regieren“) ergeben sich die Fähigkeiten zum decision making und decision taking.

Die Kompetenz des decision taking kommt durch göttliche Anordnung und Einsetzung allein den Hirten bzw. dem Papst als katholischem Ober-Hirten, dank ganz besonderer Geistbegabung zu. Die Schwelle(n) von decision making und decision taking werden durch das Amt – also geschlechtsspezifisch gezogen, fasst Knop den Status quo zusammen. Stets gehe es dabei um Vollmacht von oben; Delegation, Legitimation oder gar Kontrolle von unten seien in diesem System nicht vorgesehen. Nur mittels ihrer geistlichen Autorität sind Bischöfe und allen voran der Papst befähigt – so das römische Dokument – zum Aufbau des ganzen Leibes Christi Substanzielles beizutragen.

Es handle sich bei dieser Kompetenz um wesentlich mehr als eine einfache Beauftragung oder Repräsentation des Volkes. Ausgehend von den jeweiligen Fähigkeiten und Kompetenzen (suo modo) müsse zudem stets darauf geachtet werden, Lai:innen nicht zu klerikalisieren und Kleriker nicht zu laisieren.

Synodalität ist nicht Kollegialität

Die Zuweisung spezifischer Arten und Weisen der Beteiligung (suo modo) spiegelt sich in zwei weiteren, grundlegenden Ideen katholischer Synodalität wider. Die römische Kirche unterscheidet zwischen Synodalität und Kollegialität. Während Synodalität die Beteiligung des ganzen Gottesvolkes (suo modo und bei Bedarf) beschreibt, ist mit Kollegialität allein das Verhältnis der Bischöfe untereinander und – hierarchisch abgestuft – auch zwischen Bischofskollegium und Papst gemeint. Die je untere Ebene kann – wenn von der nächsthöheren gewünscht – beraten, die höhere Ebene hingegen stets frei entscheiden.

Auch Bischöfe handeln immer cum (mit) und – wie Franziskus nicht müde wird einzuschärfen – sub Petro (unter Petrus (= dem Papst)). Die römische Bischofssynode beispielsweise ist ein Beratungsgremium des Papstes. Wenn er mag, fragt er sie um Rat – verbindlich ist dabei nichts. Das sollte mit Blick auf den von Franziskus angestoßenen weltweiten „Synodalen Prozess“ nachdenklich stimmen.

Ähnlich verhält es sich auf dem deutschen Synodalen Weg mit dem Verhältnis von Synodalen (Lai:innen wie Klerikern) und Bischöfen. Die römische Zentrale macht auch hier klar: Synodalität könne nur authentisch sein, wenn sie in ihrem Wesen das kollegiale Bischofsamt nicht übergehe, sondern ihm dienlich sei. Die einzelnen Vorsteher der Teilkirchen (Bischöfe) werden als Bindeglieder zwischen ihrem Sprengel (Teilkirche) und ihrer Kollegialität mit dem Papst verstanden. Diese ekklesiologischen Gedanken können im katholischen Synoden-Dreisatz zusammengefasst werden: „Alle“ – „Einige“ – „Einer“.

Diese Trias bezeichnet Knop als spezifische, amtlich-hierarchische Relationierung der Akteur:innen:

„Synodalität in der communio hierarchica zu strukturieren bedeutet dem Dokument zufolge, Konsultation, Beratung und Entscheidung der Sache, Zuständigkeit und Phase im Prozess der Entscheidungsfindung nach zu differenzieren und konsequent vertikal zu organisieren.“

Synodalität vertikal organisiert: Stille Post auf katholisch

In dieser synodalen Dynamik werde der gemeinschaftliche Aspekt, der das ganze Gottesvolk einschließe, die kollegiale Dimension des Bischofsamtes und das Amt des Papstes adäquat miteinander vereint, ist man sich in der römischen Zentrale sicher. Dem Bischof von Rom kommt es dabei zu „als Hirte und Lehrer aller Christen“ zu hören, was „Einige“ von „Allen“ berichten – quasi Stille Post auf katholisch.

Als „Garant des Gehorsams und der Übereinstimmung der Kirche mit dem Willen Gottes“ ist es die Aufgabe des Papstes zur rechten Unter- und Entscheidung zu kommen. Das, so die römische Idee, kann er kraft seines Amtes. Praktischerweise kann – im Gegensatz zur Stillen Post – nach katholischer Plausibilität am Ende nur das Ergebnis stehen, das der Heilige Geist in den Wortmeldungen des Kirchenvolkes intendiert hat.

Die katholische Idee des sensus fidelium, der selbst stets nur kongruent mit den ewigen (katholischen) Wahrheit(en) sein kann, garantiert dafür. Julia Knop fasst zusammen:

„In der Bewegung von unten nach oben gilt: Wer konsultiert wird (alle), berät nicht, setzt nicht einmal das Thema der Beratungen, und wer berät (einige), entscheidet nicht. Und in umgekehrter Richtung gilt: Wer entscheidet (einer), benennt seine Berater (einige), und wer berät, formuliert die Fragen und definiert die Themen, zu denen er von wiederum anderen (allen) etwas hören möchte“.

Angst vor der Demokratie

Neben dieser hierarchischen Orchestrierung katholischer Synodalität zeichnet sich das römische Synodenverständnis noch durch eine weitere Besonderheit aus: Die Angst vor Demokratie und etablierten, parlamentarischen Gestaltungsformen.

Der Bonner Kirchenrechtler Norbert Lüdecke illustriert in seinem aktuellen Buch „Die Täuschung“ (dazu: Interview in der Eule) anhand vieler Beispiele die „Angst vor Konkurrenz und das ständige Schreckgespenst einer Parlamentarisierung der Kirche und damit einer Bedrohung der Kirchenstruktur und vor allem der Position der Bischöfe“. Diese kirchenamtliche Demokratie- und Parlamentsphobie, die Aversisuon gegen andere, das hierarchische Gefüge womöglich unterminierende Modelle prägt sowohl das Verhältnis von Klerikern und Lai:innen, als auch die Beziehungen innerhalb des Klerus.

Beschwörend wird aus Rom darauf hingewiesen, dass katholische Synodalität mitnichten eine Demokratisierung der Kirche bedeute; und selbst innerhalb der klerikalen Hierarchie scheint die Sorge vor einem ungeordneten Konziliarismus zu wachsen. Werde Synodalität und im Falle der Bischöfe Kollegialität nicht korrekt ausgeübt, sei die päpstliche Autorität gefährdet und ein Schisma wahrscheinlich sowie jegliche Kirchenreform sowieso undenkbar.

Die gottgewollte und -gegebene Hierarchie stehe immer im Dienst des Gottesvolkes. Überhaupt könne es in synodalen Prozessen nicht darum gehen zu debattieren, oder gar die Position der anderen „mit schlagenden Argumenten zu bekämpfen“, vielmehr handle es sich um einen spirituellen Prozess, der geistgewirkt für alle von Nutzen sein solle. Die Kommunikation solle – so wünscht man es sich in Rom – stets dem Wunsch nach Einmütigkeit folgen, statt konfliktreich dem Wettbewerb um dem besseren Argument zu frönen.

Katholische Synoden sind Beratungsgremien

Synodales Geschehen ist – von seinem klerikal-verbindlichen Abschluss abgesehen – im katholischen Mikrokosmos immer beratend. Egal ob im Rahmen einer Bischofssynode, bei Diözesansynoden, in der Pfarrgemeinde oder auf dem Synodalen Weg – die Entscheidung liegt immer in der Hand geweihter Entscheider.

Somit bleibt für Katholik:innen systemimmanent nur die Option, auf die Selbstbeschränkung der Hierarchen zu hoffen, wie es die Regensburger Professorin Sabine Demel vorschlägt. Vor Ort hieße das:

„Der Diözesanbischof bindet sich selbst an den repräsentativ erteilten Rat des diözesanen Gottesvolkes […]. Als letztverantwortlicher Leiter der Diözese kann der Diözesanbischof zwar von niemandem zu einer solchen Selbstbindung gezwungen, aber auch von niemandem daran gehindert werden.“

Synodalität innerhalb der katholischen Kirche mit Partizipation oder gar Entscheidungskompetenz von Nicht-Kleriker:innen gleichzusetzen, verkennt das amtskirchliche Sendungsbewusstsein. Kraft göttlicher Einsetzung definieren sich römisch-katholische Kleriker als bevollmächtigt zu lehren, zu ordnen und zu entscheiden. Die von Papst Franziskus stets geforderte Unterscheidung der Geister kommt ihnen qua Berufung und Amt zu.

Anders als in demokratisch verfassten Lebensbereichen zählt hier nicht die Stimme oder gar Meinung Einzelner, sondern stets das Gemeinwohl, woran jüngst der Apostolische Nuntius in Deutschland, Nikola Eterović, der vormals im Vatikan verantwortlich für die Bischofssynoden war, erinnerte. Katholischerseits scheint man überzeugt, dass das Gemeinwohl umso besser im Blick ist, je mehr „Überblick“ der Entscheider hat.

Rhetorische Verdrehung der katholischen Standespyramide

Am katholischen Wesen der Synodalität könne die Welt genesen, ist man sich in Rom sicher:

„Eine synodale Kirche ist wie ein »für die Völker aufgestelltes Zeichen« in einer Welt, die – obwohl sie Beteiligung, Solidarität und Transparenz in der Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten fordert – oft das Schicksal ganzer Völker den gierigen Händen begrenzter Machtgruppierungen überlässt.“

Da in der katholischen Kirche „Macht“ stets mit dem Feigenblatt des „Dienstes“ versehen ist, wundert es nicht, dass Franziskus von „Synodalität von unten“ und „Synodalität von oben“ spricht. Selbst letztere stellt er auf den Kopf, wenn er in seinen Ansprachen das Bild der absolutistischen Pyramide umdreht und seine Rolle in katho-logischer Bescheidenheit als servus servorum Dei inszeniert.

Dabei zeichnet er das Bild einer „umgekehrten Pyramide“, die das Volk Gottes, das Bischofskollegium und darin, in seinem besonderen Amt der Einheit, den Nachfolger Petri einschließe und adäquat darstelle. In dieser Pyramide befindet sich die Spitze unter der Basis. Für Franziskus ist diese Form der Synodalität eine konstitutive Dimension der Kirche. In diesem Modus Operandi sieht der Pontifex den geeignetsten Interpretationsrahmen für das Verständnis kirchlicher Hierarchie.

Kirche und Synode seien daher vorbehaltslos synonym zu verwenden. Folglich könne eine katholische Synode, Versammlung oder ein Rat niemals eine Entscheidung treffen ohne die legitimen Hirten. Immer müsse sich der synodale Vorgang „im Leib einer hierarchisch strukturierten Gemeinschaft vollziehen“ – weil Gott das so wolle – vor allem von der Kirche im dritten Jahrtausend – so sagt es sein irdischer Stellvertreter in Rom.

Die rhetorische Verdrehung der katholischen Standespyramide wirkt dabei fast wie ein päpstliches Anbiedern an den sonst verschmähten Zeitgeist. Dass diese Verkehrung allein auf moralisch-rhetorischer Ebene geschieht und der im selben Dokument dargestellten Zuordnung von decision making und decision taking außerhalb katholischer Binnenplausibilität widerspricht, verschweigen der Papst und seine Theolog:innen gern.

Julia Knop wirft die Frage auf, ob der Kopfstand pyramidaler Strukturen und kirchlicher Hierarchien, bei dem die Spitze die Basis tragen wolle, wirklich tragfähig sei. Zudem stellt die Theologin die wohl alles entscheidende Frage „ob die Spitze willens und gelenkig genug ist, den Kopfstand zu üben“ – letztlich bleibt dies aber – wie sollte es anders sein – ihrem freien Ermessen überlassen.


* Julia Knops Aufsatz „Communio hierarchica – communicatio hierarchica: Synodalität nach römisch-katholischer Fa­çon“ findet sich im Sammelband „Synodalität in der katholischen Kirche – Die Studie der Internationalen Theologischen Kommission im Diskurs“, Verlag Herder 2020 (52 €, Verlagswebsite).

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