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Tröstet das Volk – Die #LaTdH vom 6. September

Braucht die Trauer um die Corona-Toten die große Geste? Welche Rolle spielen die Kirchen? Außerdem: Jüdische und muslimische Studien und eine Hafeneinfahrt.

Debatte

Steinmeier schlägt Gedenkfeier für Opfer vor (tagesschau.de)

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier schlägt ein offizielles Gedenken an die Corona-Toten vor. Er wolle sich mit den anderen Verfassungsorganen darüber beraten, ob und wie eine zentrale Gedenkfeier durchgeführt werden kann.

„Der Corona-Tod ist ein einsamer Tod“, sagte Steinmeier dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Viele Patienten in Krankenhäusern und Altenheimen seien ohne den Beistand ihrer Angehörigen gestorben, die Hinterbliebenen hätten nicht Abschied nehmen können. „Wir müssen den Menschen in ihrer Trauer helfen und darüber nachdenken, wie wir unser Mitgefühl ausdrücken können“, sagte der Bundespräsident.

Ein dezidiert öffentliches Trauern und Thematisieren des Sterbens forderte Arnd Henze (@arndhenze) bereits Ende April auf @zeitzeichenNET. In einem kontrovers diskutierten Artikel zum Umgang der Kirchen mit der Corona-Krise beklagte er nicht nur, dass die Kirchen-Debatten sich viel mehr um den Sonntagsgottesdienst dreh(t)en als um die Seelsorge in Pflegeheimen und Krankenhäusern, sondern auch, dass die Kirchen ihre Kompetenz im Umgang mit Tod und Sterben vernachlässigten.

Stattdessen wird das Sterben schamhaft tabuisiert. Das vollmundige Versprechen, dass Trauer auch unter den schmerzhaften Einschränkungen bei Beerdigungen ein öffentlicher Vorgang bleibt, wird durch die Praxis an vielen Orten täglich dementiert. Das Sterben wird verschwiegen. Wo sind die digitalen Kondolenzbücher, wo der digitale Trauergottesdienst, in dem aus der abstrakten Zahl von Toten das lebendige Gedenken an konkrete Menschen wird, deren Geschichten in der Isolation des Heimes oder der Intensivstation im Krankenhaus so einsam zu Ende gingen?

Nun hat sich seitdem ja auch im Umgang mit der Corona-Pandemie hierzulande einiges getan. Oder wie es der Bundespräsident in Form eines ermuternden Satzes sagt: „Wir haben den Corona-Ausnahmezustand gemeistert, jetzt werden wir nicht an der Corona-Normalität scheitern“. Die Frage, wie Trauer digitale Formen finden kann, ist in den Hintergrund gerückt. Doch für die Kirchen bleibt die Herausforderung bestehen, dem Sterben und der Trauer um die Toten Raum zu geben. Sind denn nicht Sterbe- und Trauerkultur ihre Kernkompetenzen?

Während Bestattungen, in vielen Gemeinde-, Fernseh- und Onlinegottesdiensten wurde das Leid der Corona-Betroffenen und -Patient:innen thematisiert. Es ist nicht so, dass die Kirchen ganz geschwiegen hätten. Aber die große Geste fehlt bisher. Nun braucht es diese ganz sicher nicht als Selbstzweck, aber doch vielleicht deshalb, weil selbst viele Christ:innen die Stimme ihrer Kirchen bisher kaum zur Kenntnis nehmen konnten.

Eine Möglichkeit könnte sein, die ohnehin anstehenden kirchlichen Trauerfeste im Lichte der Corona-Pandemie zu begehen. Am Toten-/Ewigkeitssonntag wird traditionell der Toten des vergangenen Jahres in den Gemeinden erinnert. An Allerheiligen/Allerseelen begeht auch die katholische Kirche ihr Totengedenken bewusst im Horizont von Gottes Ewigkeit, von der aus gesehen eben doch noch Anderes über Leben, Sterben und Tod gesagt werden kann als auf einem Staatsakt mit Bundespräsident.

Und dann wäre da noch der Volkstrauertag am 15. November, der immerhin ein staatlicher Gedenktag ist, und zu dem in vielen Kirchen ebenfalls spezielle Gottesdienste bzw. Gedenkfeiern stattfinden. Trotzdem sich in den letzten Jahren der Fokus auf „alle Opfer von Krieg, Gewaltherrschaft und Terrorismus“ weitete, wird er im Parlament nach wie vor als Soldatengedenken gefeiert und nicht wenige Kirchgemeinden halten vor den Gedenksteinen für die Gefallenen des 1. und 2. Weltkrieges inne. Eine missverständliche Tradition, die in vielen mühsamen Ansprachen von Geistlichen und Politiker:innen eingeordnet wird.

Im Jahr 2020 könnte der Volkstrauertag nicht umgewidmet, aber doch tatsächlich zu einem Trauertag der Bevölkerung erweitert werden, an dem den Corona-Toten gedacht, die Lasten von Krankheit und Armut bedacht und die Kostbarkeit des Lebens erinnert wird. Auch die Verlusterfahrungen und die Beschwernisse derjenigen, die auf andere Weise von der Pandemie und ihrer Bekämpfung betroffen sind, könnten und sollten thematisiert werden. Der ZDF-Fernsehgottesdienst am 15. November kommt übrigens aus der katholischen Kirche St. Sebastian in Würselen.

Das Schweigen – Jagoda Marinić (Süddeutsche Zeitung)

Ein anderes Corona-Schweigen thematisiert Jagoda Marinić (@jagodamarinic) in ihrer Kolumne bei der Süddeutschen Zeitung. Das Ausbleiben sinnvoller und notwendiger Kritik an den Maßnahmen zur Corona-Bekämpfung ist, wenn nicht sogar Anlass für die „Corona-Proteste“, so doch eine Bedingung dafür, dass nur die Verschwörungsschwurbler und Rechtsradikalen als Nicht-Zustimmende sichtbar sind. Dabei gäben die Maßnahmen genug Anlass für eine sachliche Kritik:

Ich empfinde keinerlei politische Sympathie für die Corona-Protestierenden, die sich vergangenen Samstag in Berlin von Rechtsextremen die Aufmerksamkeit haben stehlen lassen und sich von Nazis nicht abzugrenzen wissen. Paradoxerweise lenken die medienwirksamen, doch in weiten Teilen hohlen Proteste von den wirklichen Problemen dieser Krise ab. Meist hört man nur krudeste Theorien vor den Kameras und winkt ab. Verschenkt ist der Raum für wichtige Kritik und schwierige Schicksale. Vielleicht wären weniger Bürger auf Verschwörungszyniker hereingefallen, wenn es schon früher kluge kritische Stimmen gegeben hätte.

Nun hat es diese Stimmen ja durchaus gegeben, aber gesamtgesellschaftlich trifft Marinić‘ Beobachtung sicher zu. Kritiker:innen von Regierungsmaßnahmen und Exekutiventscheidungen setzen sich dem Verdacht aus, „Coronaleugner“ zu sein. Das behindert die dringend notwendige Debatte darüber, wer eigentlich die Lasten der Krise am stärksten zu schultern, wer unter welchen Maßnahmen sinnvollerweise oder vergebens gelitten hat(te).

Für die Kirchen heißt das bestimmt, noch einmal kritisch darauf zu schauen, warum das Thema Gottesdienst (analog wie digital) über Wochen alle anderen Themen aus Diakonie und Gemeindearbeit (Kinder und Jugendliche z.B.) überlagerte. Es war und ist ja nicht so, dass nicht gesendet würde. Die Diakonie (@diakonie) gibt fast jeden Tag eine Pressemitteilung zu den Corona-Folgen heraus. Entstanden ist ein beeindruckendes Archiv von Wasserstandsmeldungen und Hilferufen, die kaum ein Echo fanden.

Nun arbeiten bei Diakonie und Caritas durchaus geschickte und vor allem bemühte Kommunikator:innen, weshalb eine (Selbst-)Kritik der christlichen Medien und auch des eigenen Kosument:innen-Verhaltens angemessen ist. Welche Nachrichten verstärken wir eigentlich, im privaten und beruflichen Umfeld, aber auch mit unseren Social-Media-Accounts? Oder sind die Anliegen von Kindern und Familien, Obdach- oder Arbeitslosen auch für Christ:innen vernachlässigbare Partikularinteressen?

Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind. (Sprüche 31,8)

nachgefasst

„Corona-Proteste“

Corona-Demo: Antwort auf eine Anmaßung – Jörg Dechert (pixelpastor)

Mit Jörg Dechert (@pixelpastor), immerhin Vorstandsvorsitzender von ERF Medien und Mitglied im Geschäftsführenden Vorstand der Deutschen Evangelischen Allianz, hat sich diese Woche ein prominenter Vertreter der Frommen im Lande zu Wort gemeldet und die „Corona-Proteste“ in Berlin scharf kritisiert. Das erfordert Mut, denn die vergleichsweise wenigen, aber überzeugten Christ:innen, die an den Protesten analog und digital teilnehmen, hören Kritik an ihrem Mitgehen mit Verschwörungsideologen und Rechtsradikalen nicht gern.

Und manche von euch, die ihr Christen seid, habt in euren Gemeinden immer zu höchster Vorsicht aufgerufen gegenüber „Irrlehrern“ und den „Zeitgeist“ – und nun fällt euch nichts besseres ein, als jegliche Besonnenheit über Bord und euch den schillerndsten Irrlichtern an den Hals zu werfen? Wo ist der „Geist der Kraft, Liebe und Besonnenheit“ geblieben (2. Timotheus 1,7)?

„Rechtsoffen“, antimodern und wissenschaftsfeindlich – Zur Phänomenologie der „Querdenker“-Demonstranten – Liane Bednarz (starke-meinungen.de)

Liane Bednarz (@L_Bednarz) beschäftigt sich seit Jahren aus einer dezidiert konservativen Haltung heraus mit Extremismus und der christlichen Rechten. In einer ausführlichen Analyse, inkl. zahlreicher weiterer Leseempfehlungen, widmet sie sich den „Corona-Protesten“ und zeigt, was auch Christ:innen neben anderen Milieus an dieser Bewegung anziehend finden.

Die Aversion gegen die Moderne ist, das kann man ohne Übertreibung sagen, sogar ihr zentrales Bindeglied. Das trifft auch auf jenen Teil der besonders strengen Christen, oftmals mit ausgeprägtem Rechtsdrall, zu, die beständig gegen die Moderne und den „Zeitgeist“, wettern, seit Monaten durch die Verbreitung von Verschwörungstheorien gegen die Corona-Schutzmaßnahmen auffallen und emsig in den sozialen Medien auf die bisherigen Demos aufmerksam gemacht haben.

Dort, also in den sozialen Medien, kann man sogar Videos sehen, in denen Christen dieser Provenienz auf der Berliner Demo am vergangenen Wochenende in evangelikaler Manier Lobpreisgesänge anstimmten – ein mehr als bizarrer Anblick.

Seenotrettung

Am Dienstag wurde bekannt, dass dem #United4Rescue-Rettungsschiff „Sea Watch 4“ ein sicherer Hafen in Palermo zugewiesen wurde. Leoluca Orlando, der Bürgermeister der Stadt, hat im vergangenen Jahr zahlreiche Termine mit dem EKD-Ratsvorsitzenden @landesbischof Heinrich Bedford-Strohm absolviert (u.a. auf dem Evangelischen Kirchentag). Im letzten Sommer wurde Bedford-Strohm zum Ehrenbürger Palermos ernannt.

Am 12. Tag nach der ersten Rettungsaktion der „Sea Watch 4“ verließen die zuletzt 353 geretteten Menschen das Schiff und wurden zunächst auf ein anderes Schiff zur präventiven Quarantäne gebracht.

Buntes

Jüngste Synodale über Regionenkonferenzen: „Der Synodale Weg lebt!“ – Johanna Müller (katholisch.de)

Die jüngste Teilnehmerin des „Synodalen Weges“, Johanna Müller (16), schreibt über ihre Erfahrung bei der Regionalkonferenz in Dortmund. Die Regionalkonferenzen ersetzten dieser Tage coronabedingt die eigentlich vorgesehene Plenumssitzung. Was wird nun aus dem „Synodalen Weg“? Große Hoffnungen jedenfalls sind nachhaltig geweckt worden. Können sie auch eingelöst werden?

Antisemitismus-Forschung: Wiener Theologie-Dekan widerspricht Sobotka (kathpress)

Der österreichische Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka hat mehr wissenschaftliches Engagement gegen Antisemitismus (besonders bei muslimischen Migranten) gefordert. Der Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien, Johann Pock (@pock_j), widerspricht ihm in einem Offenen Brief, in dem er die zahlreichen bereits bestehenden Initiativen verteidigt.

Für mich als Piefke schauen sich diese für ein Land mit nicht einmal 9 Millionen Bewohnern sehr umfangreich an. Ob die wesentlich größere deutsche Universitätslandschaft da mithalten kann?

„Mit viel Vorsicht“ – Interview mit Karin Prien (Jüdische Allgemeine)

Karin Prien (@PrienKarin) ist Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Schleswig-Holstein sowie Vorsitzende des Jüdischen Forums der CDU. Im Interview mit der Jüdischen Allgemeinen spricht sie über die Folgen der Corona-Pandemie für Schulen und jüdische Gemeinden, den erstarkenden Antisemitismus und ihr Selbstverständnis als Jüdin in der Politik.

Warum man noch selbstbewusst Christ in Deutschland sein kann – Andreas Püttmann (katholisch.de)

In einem „Standpunkt“ auf katholisch.de fasst Andreas Püttmann (@Puettmann_Bonn) Ergebnisse der internationalen PEW-Studie „The Global God Divide“ zusammen und entdeckt wider die Unkenrufe der Abendlands-Verteidiger:innen und Kulturkämpfer:innen, dass die Deutschen es überdurchschnittlich gerne mit der Religion halten.

Es kann also nicht alles an unseren Kirchen und am deutschen Religionsverfassungsrecht so verkehrt sein, wie es von interessierter Seite gern gezeichnet wird. Unter ähnlichen kulturellen Bedingungen sieht es woanders teils erheblich düsterer aus. Die in konservativen Kirchenkreisen lange als vorbildlich gepriesene stärkere Religiosität manch anderen Landes zeigt sich angesichts des Säkularisierungsdrucks und der Anbrandung von Ideologien und Idiotien weniger fundiert und orientierungsstark als gedacht.

Theologie

Das Leben gehört nicht dir allein – Mechthild Klein (Deutschlandfunk)

Für den Deutschlandfunk hat Mechthild Klein (@mechthild_klein) Stimmen aus der islamischen Theologie zum Thema Sterbehilfe zusammengetragen. Denn so einfach, wie es ein oberflächlicher Blick auf den Islam ausschauen lässt, ist es natürlich nicht:

Die islamische Theologin Mira Sievers wünscht sich mehr Mut bei der Formulierung persönlicher Positionen in der Sterbehilfe-Diskussion. Die persönliche Erfahrung sei immer auch eine eigene Größe, die die islamische Theologie berücksichtigen müsse. Niemand könne von außen sagen, wann für einen Menschen das erträgliche Maß überschritten sei.

Die islamische Theologin Mira Sievers ist eine interessante Persönlichkeit und spannende neue Stimme des Islams in Deutschland. Deutschlandfunk Kultur stellt sie in einem Porträt vor:

28 Jahre alt ist sie erst und schon Professorin. Mira Sievers spricht Arabisch, Türkisch und Persisch, studierte als eine der ersten in Deutschland das Fach Islamische Theologie. Als Katholikin getauft, konvertierte sie mit 15 zum Islam.

Das ist ja krank: Scham und Krankheit – Joana Lewandowski (RefLab)

Joana Lewandowski (@Heilige_Johanna) schreibt im schweizerischen Gruppen-Blog RefLab über Krankheit und Scham. Das ist genauso lesenswert wie ihre „Das Salz des Internets“-Kolumne bei ntv meistens ist.

Weil das RefLab ein kirchliches Angebot ist, frage ich mich aber doch, ob außer einer netten Bemerkung im Wartezimmer und aufmerksamen Zuhören gerade aus reformierter Perspektive nicht noch Anderes zum Thema zu sagen wäre. Welche Rolle spielt Scham gerade in den Kirchen der Reformation, in denen die Einzelne direkt vor Gott steht? Welche Theologie(n) stärken Schamgefühle und wie kann man anders von Gott sprechen?

Ein guter Satz

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