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Bild: Nicolas Poussin - A Dance to the Music of Time (gemeinfrei)

Und mit Euch gehen in ein neues Jahr

Zum Jahreswechsel erinnert sich Philipp Greifenstein an das vergangene Seuchenjahr und einen Moment schlechthinniger Abhängigkeit. 2020 ist nicht vorüber:

Endlich ist es vorbei, das Seuchenjahr 2020! Wird uns das kommende Jahr 2021 Besseres bescheren? Natürlich ist so ein Jahreswechsel eine künstliche Angelegenheit. Was sollte sich am 1. Januar 2021 tatsächlich geändert haben?

Unterschätzen sollten wir die Macht des Kalenders dennoch nicht. Es hat seinen guten Grund, dass viele Menschen die Wartezeit im Advent mit einem Kalender gestalten. Und so drückt sich auch im Bedürfnis, die Jahreswende bewusst anzugehen, etwas Gewichtiges aus. Mit dem „Bye bye 2020“ verbindet sich in diesem Jahr, vielleicht so sehr wie nie zu meinen Lebzeiten, die Hoffnung, es möge doch das nächste Jahr besser werden als das zurückliegende.

Mit dem Abschied verbindet sich auch die Hoffnung, die Beschwernisse und den Ärger des Jahres hinter sich zu lassen, zu vergessen. Beeindruckt hat mich in diesen Tagen ein Artikel im New Yorker, in dem die Kolumnistin auf das politische Jahr in den USA zurückblickt. Sie zwingt sich, all die Lügen Donald Trumps zu erinnern. Ein Unterfangen, das ihr schwerfällt, weil es derer so viele gab. Wie viele europäische Leser:innen hatte ich die meisten nicht mehr im Gedächtnis oder gar nie wahrgenommen. Susan Glasser fordert, dass die Lügen und Fehler des Jahres 2020 nicht in Vergessenheit geraten. Nur so können wir aus ihnen lernen.

Eule-Jahresrückblick und Leser:innen-Favoriten

Eva Kramer-Well und Philipp Greifestein lassen die Themen des Jahres 2020 in einem Podcast-Jahresrückblick Revue passieren: Was lernen die Kirchen aus der Krise? Welche anderen Themen außer Corona waren in diesem Jahr bemerkenswert? Und welche Themen sind im Seuchenjahr (zu Unrecht) untergegangen? Außerdem haben wir die Favoriten unserer Leser:innen unter den Eule-Artikeln des Jahres aufbereitet. Hier entlang.

Ein Satz zwischen Hoffnung und Drohung

Den Jahreswechsel dazu zu nutzen, 2020 als Ausnahme, als Seuchenjahr, von unserem sonstigen Leben abzutrennen, erscheint wenig klug. Der prominenteste theologische Satz des Jahres – zumindest, wenn man ihn als solchen framed – stammt aus dem Munde des Bundesgesundheitsministers. „Wir werden einander viel verzeihen müssen“, sagte Jens Spahn zu Beginn der Pandemie-Reaktionen in Deutschland. Am Ende des Jahres ist klar: In diesem Satz steckt nicht allein die Hoffnung auf Versöhnung und gesellschaftlichen Zusammenhalt trotz der Krise, sondern auch eine Drohung.

Denn 2020 ist eine Kränkung. Besonders für diejenigen, die Deutschland seinen Nachbarn und dem Rest der Welt schon immer für irgendwie überlegen hielten. Ja, das vergleichsweise frühe Einschreiten gegen die Pandemie im Frühjahr verhinderte ein „deutsches Bergamo“. Daran sieht man, wie bedeutsam zwei, drei Wochen für das Leben von Menschen sein können. Denn es lag weder an der Härte der Maßnahmen, noch an ihrer Klugheit, dass sie funktionierten.

Das zeigen dieser Tage auch Zahlen der Hans-Böckler-Stiftung, die nachweisen, was viele Bürger:innen schon erspürten: Der „November-Lockdown“ griff nicht nur epidemiologisch zu kurz, sondern auch in seiner psychologischen Wirkung auf die Bevölkerung, als Kommunikationsgeschehen. Noch im Frühjahr wurden die Einschränkungen mit kreativen Appellen flankiert, bis hin zum Klatschen für Pfleger:innen und Ärzt:innen. Die Kreativwirtschaft vom Streamingdienst über das öffentlich-rechtliche Fernsehen bis zum Orchester vor Ort verschrieben sich der Resilienzförderung. Partikularinteressen standen, so schien es, einmal hinter dem großen Ganzen zurück.

Dahinter verbarg sich schon damals die Gefahr, die legitimen Interessen eben jener gesellschaftlichen Teilgruppen ganz aus dem Blick zu verlieren, die unter Pandemie und Pandemie-Bekämpfung am meisten zu leiden haben. Die Hans-Böckler-Stiftung hat ermittelt, dass 65 % der Kinder ihre familiäre Situation als belastend empfinden. Unglücklichsein hängt nicht allein am Wohlstand der Eltern, doch darf man am Ende des Jahres bitte nicht schon wieder die 2,8 Millionen Kinder und Jugendlichen vergessen, die in Deutschland von Armut bedroht aufwachsen.

An ihnen und den vielen Alten, die unfreiwillig allein und isoliert durch das Jahr gegangen sind, gehen auch die Diskussionen um „Impfprivilegien“ vorbei. Wer in seinem Leben noch nie ein Restaurant, ein Theater oder ein Museum von innen gesehen hat, oder darauf krankheits- und altersbedingt schon lange verzichten muss, wird sich von der Aussicht darauf, nach zweimaliger Spritzensetzung seine verbürgten Grundrechte wieder vollumfänglich nutzen zu dürfen, kaum erheitern lassen.

Auch Todsünden vergeben?

Es gibt, das hat das Jahr 2020 mit aller Härte vor Augen geführt, kein Grundrecht auf soziale Teilhabe in diesem Land. Noch steht das, was Intellektuelle, Kulturschaffende, Kirchenleute und auch Journalist:innen dafür halten, tatsächlich für viele Menschen im Fokus. Das Leben ist bedroht und das gute Leben allzumal, auch das ist eine Lehre aus dem Seuchenjahr. Ohne die Unterstützung aus staatlichen Systemen und von Wohlfahrtsorganisationen schaffen es viele Menschen nicht.

Die Corona-Krise zeigt, dass Politik kein Späßchen für die Besserverdienenden und Intellektuellen sein darf und kann. Der katholische Publizist Andreas Püttmann zählt in seinem politischen Jahresrückblick beim Kölner Domradio eine beindruckende Reihe von Maßnahmen und Entwicklungen auf, die nicht allein das Jahr 2020 in einem generellen, irgendwie überpersonellen Sinne geprägt haben, sondern Einfluss auf das konkrete Leben von Menschen hatten.

„Wir werden einander viel verzeihen müssen.“ – Stimmt dieser Satz auch für Hochmut, Geiz, Neid? Und was ist mit der Acedia? Jener Todsünde, deren Schattierungen mit Faulheit, Feigheit, Ignoranz, Überdruss und Trägheit des Herzens beschrieben werden. Die Herausforderung des Verzeihens und Vergebens hat ja nicht allein eine politische Dimension, sondern eine persönliche und private. Welche Ignoranz und Trägheit des Herzens sind wir bereit im Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis zu verzeihen? Welchen Hochmut und Neid können wir uns selbst vergeben?

Wenn Gott uns wieder Freude schenkt an „dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken“, heißt es in Dietrich Bonhoeffers „Von guten Mächten“. Es wird traditionell in vielen Gottesdiensten zum Jahreswechsel gesungen. Ich habe das immer auch als Anmaßung empfunden, sich die Worte Bonhoeffers aus dem Nazi-Gefängnis als wohlsituierte, abgesicherte und frohgemute Christengemeinde zu eigen zu machen. Setzen die Ereignisse des Jahres 2020 diese Praxis, die wegen der vielen Absagen von Gottesdiensten dieses Jahr an vielen Orten unterbleibt, ins Recht?

Die stillen Opfer

Wenn Bonhoeffer vom „schweren Kelch, den bittern, des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand“ schreibt, dann stimmt das für die Erkrankten, Verstorbenen und ihre Angehörigen. Auch für diejenigen, die aufgrund der verordneten Isolation in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen einsam sterben mussten – an den Orten, an die wir Tod und Sterben in unserer Gesellschaft sowieso outgesourced haben. Es stimmt auch für die, denen die Möglichkeit zum Abschiednehmen genommen wurde.

„Wenn sich alle als Opfer fühlen, werden die stillen Opfer gerne übersehen“, mahnte der Theologe und Autor Andreas G. Weiß im November. Das Mit-Betroffensein gehört für mich zu einer der Kernerfahrungen des Jahres. Von dem vielen Leid, über das wir auch hier in der Eule beständig berichten, war und bin ich ausdrücklich nicht betroffen. Nicht von Missbrauch, nicht von Flucht und Vertreibung, nicht von himmelschreiender Ungerechtigkeit, nicht von Armut. Und so geht es vielen Menschen. Von Corona aber sind wir alle betroffen, wenn auch in unterschiedlichen Härtegraden.

Zu diesem Jahreswechsel erinnere ich mich an einen Moment schlechthinniger Abhängigkeit aus dem Frühjahr: Es muss die sechste oder siebte, vielleicht auch achte oder neunte Woche des „Lockdowns“ gewesen sein, als wir wie jeden Tag zum Mittagessen zusammensaßen. Wir warteten gespannt auf die Ergebnisse der jüngsten Verhandlungen der MinisterpräsidentInnen mit der Bundesregierung.

Das Gefühl, als Familie mit Kind bisher überhaupt nicht „im Blick“ der Politik gewesen zu sein, hatte sich in den zurückliegenden Tagen zu einem einigermaßen manifesten Frust verstärkt. Da nordete mich das Tischgebet ein: „Jeden Tierlein hat sein Essen, jedes Blümlein trinkt von dir, hast auch unser nicht vergessen, guter Gott, wir danken dir.“

Hast auch unser nicht vergessen. In den viel beschrieenen Sozialen Netzwerken, die in diesem Jahr ihr destruktives Potential so deutlich wie kaum je entfalteten, teilen zur Jahreswende viele Menschen ihre Erinnerungen an 2020, ausdrücklich auch die positiven. Vielleicht ist das der angemessene Ritus zur Jahreswende 20/21 und für den stillen Januar, der seinen Namen immerhin einer römischen Gottheit mit zwei Gesichtern verdankt, eines für die Vergangenheit und eines für die Zukunft?

Wer 2020 als etwas Vergangenes von sich abspaltet, um ein Christa-Wolf-Wort ins Spiel zu bringen, der stellt sich fremd gegenüber den Opfern und ihrem Leid, und auch gegenüber dem Schönen, Verlässlichen und Erlernten des Jahres. Dem Hochmut und der Trägheit des Herzens stehen erstaunliche Liebesdienste, das Bemühen um Gerechtigkeit und erwiesene Solidarität gegenüber. Es gibt auch Grund zur Dankbarkeit.

Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.


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