Fußweg bei der Grabeskirche in Jerusalem (Foto: Lisa Furkner, Unsplash)
Nahostkonflikt und Kirche

Unsere doppelte Solidarität?

Verena Mildner-Misz klärt über Konfliktlinien und Wenden im protestantischen Blick auf den Nahostkonflikt auf. Die Kirche sollte sich mutiger in den aktuellen politischen Streit einbringen.

Am Vorabend des 3. Jahrestages des Terroranschlags der Hamas auf Israel diskutierten wir beim Eule-Live-Abend im Anschluss an den Vortrag „Unser Streit? Protestantische Perspektiven auf den Nahostkonflikt“ von Dr. Verena Mildner-Misz über aktuelle Perspektiven auf den Nahostkonflikt. Impulse aus dem christlich-jüdischen Dialog und Positionierungen aus rund 70 Jahren evangelischen Nachdenkens über Israel bieten auch heute Orientierung in einer Konfliktlage, die sich mit dem 7. Oktober 2023 und dem anschließenden Gaza-Krieg weiter polarisiert hat.

Soli-Aufkleber in den Städten und Social-Media-Kampagnen der Konfliktparteien sowie die jüngste Debatte um israelbezogenen Antisemitismus im Anschluss an die Landtagswahl in Berlin (vgl. „Eule-Podcast RE: September 2026“) waren Ausgangspunkt einer lebendigen Debatte beim Eule-Live-Abend, die durch die historische Orientierung von Verena Mildner-Misz initiiert und geerdet wurde.

In ihrer Dissertation „Westdeutscher Protestantismus und Nahostkonflikt“ (Vandenhoeck & Ruprecht, 2026) hat Mildner-Misz über die „Genese und Entwicklung einer theologisch-politischen Kontroverse (1967–1989)“ geforscht. Die Promotionsarbeit wurde mit dem Hans-Ehrenberg-Wissenschaftspreis ausgezeichnet.

Am Anfang steht die Theologie

Ein zentraler Befund der Forschungen von Verena Mildner-Misz ist, dass das kirchliche Nachdenken über den Nahostkonflikt in Deutschland seinen Ausgang in der theologischen Frage nach dem Verhältnis von Christentum und Judentum nahm. Der 1948 gegründete Staat Israel spielte in den ersten Nachkriegsjahren in den evangelischen Debatten ebenso wenig eine Rolle wie die Verantwortungsübernahme für die Shoah.

In theologischen und kirchlichen Stellungnahmen blieb man zudem dem antijudaistischen Denkmuster verhaftet, die Erwählung des Volkes Israel habe sich durch das Heilshandeln Jesu Christi erledigt. Gleich zu Beginn ihres Vortrags zitiert Mildner-Misz beispielhaft aus dem „Wort zur Judenfrage“ des Bruderrates in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) von 1948:

„Dass Gott nicht mit sich spotten lässt, ist die stumme Predigt des jüdischen Schicksals, uns zur Warnung, den Juden zur Mahnung, ob sie sich nicht bekehren möchten, zu dem, bei dem allein auch ihr Heil steht.“

Die Wende hin zur Rede von der bleibenden Erwählung Israels wurde im Protestantismus erst später, vor allem während der „langen 60er Jahre“ eingeleitet. Bedeutsam für die Debatte waren die EKD-Studien „Christen und Juden“ (ab 1975), ein weiterer Meilenstein die Absage an die Notwendigkeit der Judenmission (erst) von 2016.

In der Ökumene bleiben solche Fortschritte im jüdisch-christlichen Dialog, die vor dem Hintergrund der Verstrickung der deutschen Kirchen in die Shoah erzielt wurden, jedoch bis heute selten und umstritten – das gilt für evangelikale Gruppen an den Rändern der evangelischen Kirchen und noch mehr für Schwesternkirchen unterschiedlicher konfessioneller Tradition, mit denen die evangelischen Kirchen Deutschlands in Europa und weltweit beispielsweise im Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK, „Weltkirchenrat“) verbunden sind. Die Bekenntnisse gegen Antisemitismus, die von diesen Kirchen kommunziert werden, entstünden häufig ohne eine kritische Befassung mit der eigenen antijudaistisch durchwirkten theologischen Tradition, erklärte Mildner-Misz.

Existenzrecht Israels als evangelische Leitlinie

Erst mit dem Sechstagekrieg von 1967 lässt sich laut Verena Mildner-Misz von einer evangelischen Nahost-Debatte sprechen, die sich nicht mehr vornehmlich auf theologische Fragestellungen fokussiere. Weiterhin drehte sich die Diskussion zwar fast ausschließlich um das Judentum, nun aber wurde Israel in seiner Staatlichkeit wahrgenommen – und besonders im Lichte der einsetzenden Shoah-Erinnerung als Schutzort für Jüdinnen und Juden aus aller Welt und insbesondere für Überlebende des Holocaust verteidigt.

Die Politik kehrte in den evangelischen Israel-Diskurs demnach gemeinsam mit der Vergangenheitsbewältigung im Bezug auf den Nationalsozialismus ein. Wechselwirkungen gab es mit der zunehmenden Politisierung der Gesellschaft ab dem Beginn der 1960er Jahre, die schließlich in der Studentenbewegung mündeten. Für die Frontstellungen und die Lebendigkeit des evangelischen Diskurses über den Nahen Osten spielten die Evangelischen Studentengemeinden eine wichtige Rolle.

Ein weiterer entscheidender Faktor, erklärte Verena Mildner-Misz, war auch die massenmediale Repräsentation des Kriegshandelns durch das Fernsehen. Das Geschehen rückte den Zuschauer:innen vor deutschen Bildschirmen nahe: Die Parallele zur gegenwärtigen massen- und sozial-medialen Bewirtschaftung des Konflikts ist offensichtlich.

Im Jahr 1975 wurde das Existenzrecht Israels zur Leitlinie der in der EKD verbundenen Kirchen. Eine Positionierung, die in unmittelbarer Reaktion auf die Anti-Zionismus-Resolution der Vereinten Nationen desselben Jahres vorgenommen wurde. Die theologische Vorarbeit zu dieser klaren politischen Stellungnahme wurde in „Christen und Juden“ (I) geleistet. Das Judentum erscheint darin nicht mehr allein als theologische Frage an Christ:innen. Es werden vielmehr konkrete politische Konsequenzen aus dem veränderten Verhältnis des Christentums zum Judentum gefordert. Die Unterstützung von Jüdinnen und Juden inner- und außerhalb Israels gehört ist seitdem eine bleibende Verpflichtung der evangelischen Kirchen in Deutschland.

Die Palästina-Frage, das Schicksal der Palästinenser:innen in der Region wie auch in der Diaspora, auch die Perspektiven der christlichen Glaubensgeschwister unter ihnen spielten zu diesem Zeitpunkt in den offiziellen Stellungnahmen der Kirche keine Rolle, wurden bestenfalls als Leerstelle markiert. Vor allem in den 1980er-Jahren wurde diese Lücke im protestantischen Blick auf den Nahostkonflikt zunehmend gefüllt. Im Jahr 1985 konnte die Evangelische Mittelost-Kommission (EMOK) dann von der „doppelten kritischen Solidarität“ als einer neuen kirchlichen Leitlinie schreiben.

Die „doppelte Solidarität“ ist herausgefordert

Wer das aktuelle Statement der EKD-Ratsvorsitzenden, Bischöfin Kirsten Fehrs (Hamburg und Lübeck, Nordkirche) zum 3. Jahrestag des Terrorangriffs vom 7. Oktober liest, wird darin Absatz für Absatz die Entwicklung und Weitung der protestantischen Perspektiven auf den gesamten Nahostkonflikt nachvollziehen können.

Nachdem Fehrs sich zum unmittelbaren Anlass des Gedenkens äußert und den Opfern und Angehörigen ihre Anteilnahme zusichert, werden auch der Gaza-Krieg und das Schicksal der dortigen palästinensischen Bevölkerung in den Blick genommen. In einem weiteren Absatz mahnt die EKD-Ratsvorsitzende, das Leid der einen dürfe nicht gegen das Leid der anderen aufgerechnet werden:

„Die Trauer um die Opfer des 7. Oktober wird nicht kleiner, wenn wir auch um die Opfer des Krieges in Gaza trauern, eines Krieges, der ohne den Terrorangriff der Hamas nicht über den Gazastreifen hereingebrochen wäre. Unsere Anteilnahme am Leid dieser palästinensischen Bevölkerung nimmt nichts von unserer Solidarität mit den Menschen in Israel.“

Die evangelischen Statements der jüngeren Vergangenheit weisen gleichwohl auf eine zunehmende Infragestellung des Grundparadigmas der „doppelten kritischen Solidarität“ durch die zunehmende Komplexität des Konflikts und insbesondere durch die israelische Kriegsführung und Politik hin. Das aktuelle Statement der EKD-Ratsvorsitzenden ist dafür ein gutes Beispiel: Wie und durch wen ist der Krieg über den Gazastreifen „hereingebrochen“? Was bedeutet „Solidarität mit den Menschen in Israel“, die ja keineswegs alle Jüdinnen und Juden sind, heute für die evangelische Kirche? Und wie steht es um die Solidarität mit den (christlichen) Palästinenser:innen im Westjordanland und den Geflüchteten in den Anrainerstaaten, die im Statement keine Erwähnung finden?

Eine bemerkenswerte Lücke in den evangelischen Statements sei, so Mildner-Misz, die weitgehende Abwesenheit des interreligiösen Dialogs. Dessen Möglichkeiten und Grenzen spielten – wohl auch, weil Erkenntnisse des jüdisch-christlichen nicht einfach auf den islamisch-christlichen Dialog übertragen werden könnten – nur eine untergeordnete Rolle für den aktuellen evangelischen Diskurs.

Einen weiteren Mangel sieht Mildner-Misz in den nur zaghaften Verurteilungen der palästinensischen Gewalt, die häufig nur in einer allgemein formulierten Friedensbitte mitgemeint ist. Insgesamt werde der Nahostkonflikt im Protestantismus zwar als ungemein konfliktbeladen und polarisiert empfunden, jedoch nach wie vor zu häufig als selbstbezügliches Binnengespräch bearbeitet. Es brauche viel intensiveren Dialog mit Israelis, Palästinenser:innen, Jüdinnen und Juden und Muslimen in Deutschland, die vom Nahostkonflikt (un-)mittelbar betroffen sind, empfiehlt Mildner-Misz.

Der Gefahr, nur auf sich selbst und das eigene (theologische) Selbstverständnis zu schauen, ohne die Perspektiven der Anderen, Glaubensgeschwister oder -Cousins und heute auch zunehmend säkulare Akteur:innen angemessen wahr- und ernstzunehmen, kann die evangelische Kirche wehren, indem sie bereits bestehende oder erst in den letzten Jahren eingeschlafene Beziehungen zu Akteur:innen in Israel und den palästinensischen Gebieten weiter vertieft.

Ein Mindestmaß an Waffenruhe und Sicherheit ist dafür notwendig, für das deutsche Protestant:innen vornehmlich wohl nur in jener Weise beten können, wie es die EKD-Ratsvorsitzende zum Schluss ihres Statements empfiehlt. Berührungsängste vor Gesprächspartner:innen im Nahen Osten mit unterschiedlichen politischer Orientierung, so ein Substrat aus der Diskussion beim Eule-Live-Abend, sollten für Kirchenvertreter:innen nicht handlungsleitend sein. Vielmehr sollten sie mutig vom eigenen, auch problematischen Erbe erzählen, und eine aufgeklärte theologisch-religiöse Perspektive in die emotionalisierte politische Debatte einbringen.


Alle Eule-Beiträge zum Thema „Nahost-Konflikt“.

Alle Eule-Beiträge zum Thema „Antisemitismus“.


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