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Unter Heiden (21): „Muss mich das wirklich interessieren?“

Es gibt Gegenden, da ist es wahrscheinlicher von Wölfen angefallen zu werden, als Muslimen zu begegnen. Müssen wir trotzdem über den Islam in Deutschland reden?

„Muss mich das“, fragt die junge Freiwillige, „wirklich interessieren?“ Wir stehen in der Pause des FSJ-Seminars zusammen, eine kleine Gruppe Freiwilliger und ich. An diesem kalten Wintertag in Halle spreche ich mit den FSJlern und FSJlerinnen über den Islam in Deutschland.

Das Thema hatte sich irgendwann aufgedrängt, in Pausengesprächen mit Freiwilligen, in der Seminarreflexion mit Teamern. Immer häufiger waren wir am Thema Islam knapp vorbei geschrammt oder hatten uns – Störungen haben Vorrang –  einen Teil der kostbaren Seminarzeit mit diesem „Nebenthema“ befasst. Seit Herbst 2016 also mache ich den Islam in Deutschland zum ordentlichen Seminarthema.

„Muss mich das wirklich interessieren?“

Meine Seminargruppen bestehen zu fast gleich großen Teilen aus jungen Frauen und Männern, die ein Jahr lang Freiwilligendienst leisten. Sie sind überwiegend zwischen 16 und 20 Jahren alt. Viele von ihnen arbeiten in Krankenhäusern, ein paar in Kindergärten und Einrichtungen der Behindertenhilfe. Alle leben und arbeiten in Sachsen-Anhalt, die meisten in der Nähe von oder direkt in Magdeburg oder Halle.

Bis zur Pause, in der wir jetzt zusammenstehen, habe ich der Gruppe vor allem Diagramme und Tabellen gezeigt. Umso weniger Flüchtlinge nach Deutschland kommen, desto anstrengender wird das. Damals nämlich standen die Zahlen in auffälligem Kontrast zur Nachrichtenlage und besonders zu deren Verkürzung durch AfD & Co.. Das registrierten die Freiwilligen ohne mein Zutun. „He, warte mal! Wenn zwei Drittel der Muslime in Deutschland türkische Wurzeln haben, dann sind das doch keine Flüchtlinge, oder?“ „Wenn rund 20 % der Deutschen Migrationshintergrund haben, dann können das doch unmöglich alles Muslime sein, oder?“

Wir unterscheiden Begriffe voneinander. Was nennt man Migration und was Flucht? Was heißt eigentlich Muslim sein? Wir tasten uns vor: Wie kann es eigentlich sein, dass ausgerechnet in Regionen mit geringer Migrationsquote und vergleichsweise wenigen Flüchtlingen rechtsextreme Gewalt terroristische Qualität und Ausmaße gewinnt? Und schließlich: Woran erkennt man denn eine_n Muslim_in?

Halbes Zweidrittelwissen

Sarah Kuttner ist Urheberin eines witzigen Buches: „Das oblatendünne Eis des halben Zweidrittelwissens“. Gelegentlich gibt es bei Seminaren solche Begegnungen. Da kommt einer ins Schwimmen, der sich bisher seiner Sache und „Ausländerkritik“ sicher war. „In Deutschland gibt’s gar nicht 20 % Muslime?“ Nope, es sind ca. 5 %, und dass auch nur, wenn man grob zählt. Z.B. alle diejenigen für den Islam vereinnahmt, die einfach nur aus muslimischen Ländern oder Familien stammen. Auf die Krux dieser Fabrikation von Religionszugehörigkeitszahlen hat zuletzt (und lesenswert) Michael Blume in seinem Buch „Islam in der Krise“ hingewiesen.

In keinem einzigen Seminar ist mir ein_e offen rechtsextrem auftretende_r Teilnehmer_in begegnet. Nicht bei den Freiwilligen in Halle und Magdeburg, nicht in Aschersleben und Stendal. Nicht bei den deutlich älteren Mitarbeitern einer Erstaufnahmeeinrichtung.

Was nicht heißen soll, dass Ressentiments und Fehleinschätzungen, rassistische Stereotype und (ab und zu) schnöde Weltdummheit unter ihnen überhaupt keinen Platz haben. Allein, sie entstammen keinem gefügten Weltbild, auch keinem rechten. Sie sind Folge des halben Zweidrittelwissens, das wir ihnen zumuten, in den Nachrichten, in der Schule, im Gespräch. Diese, unsere Respektlosigkeit quittieren nicht wenige mit Gleichgültigkeit: „Muss mich das wirklich interessieren?“

Kein Persilschein

Ich möchte den Jugendlichen und jungen Erwachsenen keinen Persilschein ausstellen. Sie sind für ihr (Nicht-)Handeln und ihr (Nicht-)Wissen selbst verantwortlich. Rassistische Kackscheiße bleibt Kackscheiße, auch wenn sie nur nebenher und ohne Sinn produziert wird.

Der Blick auf die große Mehrheit der Teilnehmer_innen in meinen Seminaren aber bewahrt mich vor einer folgenschweren Fehleinschätzung. Die weiß nämlich darum, dass 1) nicht alles, was hochgekocht wird, tatsächlich so schrecklich, drängend und skandalös ist. 2) Dass sie hier in Deutschland echt priviligiert leben und es darum nicht wahnsinnig überraschend ist, dass auch andere Menschen hierher kommen und auf Arbeit und Sicherheit hoffen. Und 3) Dass ihnen von Flüchtlingen und Migrant_innen keine unmäßige Gefahr droht, weder am Arbeitsmarkt, noch auf dem Heimweg.

Gott hilf, Kopftuchträgerinnen! – Foto: Montecruz Foto (Flickr), CC BY-SA 2.0

Man sollte nicht denken, die sachsen-anhaltinische Jugend wäre auf den Kopf gefallen oder gefühlskalt. Gefühlsmäßig „stimmt“ es bei der großen Mehrheit. Allein, gefühlten Wahrheiten auf Seiten der abgewandten Minderheit kommt man damit nicht bei.

Ja, sie sind für ihr (Nicht-)Handeln und (Nicht-)Wissen selbst verantwortlich, aber wir haben sie mit ihrem mehrheitlich gutem Willen im Stich gelassen. Es wird gerne gesagt, dass der Extremismus dort blüht, wo die Bildung darniederliegt. Und natürlich ist das was dran. Ich wünschte diese Jugendlichen hätten meine Lehrer_innen gehabt. Irgendwann war jede_r von uns mal ein – mehr oder weniger – neugierige_r Jugendliche_r. Gut, wenn man dann kundige Partner hat.

Platz für Demokratisierung

Aber das Problem unseres Bildungsektors, bestimmt im Osten, geht tiefer: Es ist unsere Haltung. Die ungute Mischung aus für-dumm-verkaufen und bemuttern, die niemals aufrechte Demokrat_innen und weltkluge Bürger_innen hervorbringen wird. Weil sie selbst zutiefst undemokratisch ist, autoritär und gleichgültig.

Nur in den seltensten Fällen gibt es Lehrer_innen, die vor ihrer Klasse den „kleinen Höcke“ markieren. Aber es gibt sie natürlich. Lehrer_innen, die dem Raunen und einer flüsternden Sehnsucht nach Führung, nach Schlussstrichen, nach Autorität und einfachen Lösungen Raum geben. Es ist ein ekelhaftes Grüppchen, dass sich die eigene demokratiezersetzende Tätigkeit vom demokratischen Staat bezahlen lässt. Feiglinge allesamt, die meinen ihnen zum Schutze und zum Zwecke der Lehre überlassene Kinder und Jugendliche tröpfchenweise indoktrinieren zu können. Solchen Kotzbrocken kommt ein Kultusministerium nicht bei, Schüler_innen, Eltern und Kolleg_innen müssen sich hier verbünden.

Viel häufiger aber scheinen die Gemeinschafts- oder Sach- oder Sozialkundelehrer_innen, die Religions- und Ethiklehrer_innen schlicht überfordert zu sein. Unterfinanziert und selbst mit Quatschvorgaben geknebelt, von der Politik und Eltern gering geschätzt, von Schüler_innen bemitleidet oder getriezt. Wem würden Sie am ehesten verzeihen?

„Wir müssen reden“

Wer selbstbestimmte Menschen und verantwortungsbewusste Bürger_innen bilden will, der muss die Schulen demokratisieren und Platz in den Lehrplänen schaffen für das, was immer wieder als so wichtig beschworen wird.

Wir brauchen mehr Mut zur Religion. Wir müssen nicht einfach nur reden, wir müssen über Religion reden. Andreas Fincke hat Recht damit, wenn er schreibt, dass Christen und Muslime im Osten gemeinsam der konfessionslosen Mehrheitsgesellschaft gegenüberstehen, also irgendwie Schicksalsgenossen sind. Beide Gruppen gehören aber zu diesem Land und dieses Land gehört auch ihnen. Sie sollten sich aus ihm nicht vertreiben lassen oder durch mangelnden Mut den freiwilligen Rückzug antreten.

Dass dies auch das Land und der Staat der Muslime ist, bedeutet im Umkehrschluss, dass sie auch Verantwortung tragen. Wir haben im letzten Jahrzehnt seit Gründung der Islamkonferenz 2006 die Muslime häufig behandelt wie unsere Schüler_innen: Motzen und bemuttern. Schön im Wechsel, und offiziell heißt es natürlich „Fördern und Fordern“. Der Islam in Deutschland ist aber kein Sozialfall.

Muslime, Christen und junge Menschen aller Couleur sollten sich selbstverständlich als Bürger_innen dieses Landes wahrnehmen. Als ersten Schritt dahin empfehle ich – einer Demokratie würdig -, sie auch als solche ernstzunehmen und zu adressieren.

„Muss mich das wirklich interessieren?“

Meine Anwort auf die verschlafene Frage der Freiwilligen: Nein, es muss dich nicht interessieren. Das ist deine freie Entscheidung. Gerade einmal 0,1 % der in Sachsen-Anhalt lebenden Menschen sind (wahrscheinlich) Muslime. Weil jeden Tag mehr Menschen die öffentlichen Verkehrsmittel in Berlin nutzen als zwischen Altmark und Kyffhäuser leben, entspricht das ca. 2000 Menschen.

Es gibt Gegenden, da ist es wahrscheinlicher von Wölfen angefallen zu werden, als Muslimen zu begegnen. Daran haben die Flüchtlinge nur kurzfristig etwas geändert. Klar, in den größeren und kleineren Städten sieht man schon mal ne Frau im Hidschāb. Jep, so heißt das, nicht Burka.

Also: Nein, es muss dich gar nicht interessieren. Vielleicht aber wartest Du den zweiten Teil des Seminars noch ab. Den Teil, in dem wir unser Kopftuch-Experiment auswerten und darüber sprechen, ob sich unser Umgang mit der Freiwilligen geändert hat, die so nett und mutig war, für den Verlauf des Seminars einen Hidschāb zu tragen.

Aber im Grunde: Nein, es muss dich gar nicht interessieren, solange Du nicht brandschatzend vor Flüchtlingsunterkünfte ziehst. Jede_n für fremd hältst und am liebsten verschwinden lassen würdest, der nicht so winterlicht blass ausschaut wie Du. Wenn Du keine Angst vor der „Umvolkung“ hast, und ihr Anstand und Vernunft opferst. Du an der Wahlurne keine Scheiße baust und dich wenn nötig für den Bestand des Staates einsetzt, der dir dein friedliches und geruhsames Leben garantiert. Du ganz generell ein zuvorkommender, so medium interessierter und freundlicher Mensch bist, der sich an Menschen nicht stört, die ein bischen anders sind als Du.

Dann muss dich das wirklich nicht interessieren.

Ein Kommentar zum Artikel

dierk schäfer

Da leistet jemand eine gute Arbeit. Chapeau!

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