Die Die Eule Eule

Foto: Christliches Medienmagazin pro (Flickr), CC BY-SA 2.0

Von Verstehen, Verständnis und Verstanden-Werden

Wolfgang Huber, Altbischof der EKBO und ehemaliger Ratsvorsitzender der EKD, provoziert mit seiner Kritik an der „political correctness“. Ihm widersprechen zwei junge Theologen:

In seiner theologischen Enzyklopädie bestimmte Friedrich Schleiermacher das Ideal des Kirchenfürsten als eine Person, die gleichermaßen Theologe als auch Kleriker ist. Es handelt sich dabei also um jemanden, der sowohl im akademischen Feld Wesentliches leistet, als auch im Predigtamt große Wirksamkeit entfaltet.

Wenn es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und zu Beginn des 21. Jahrhunderts jemanden gibt, der sich diesem Ideal annähert, dann wahrscheinlich der ehemalige Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) und frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) Wolfgang Huber, der vor seinem Bischofsamt Professor für Systematische Theologie und Ethik in Heidelberg war und dort seine Vorstellung einer öffentlichen Theologie entwickelte, die in der Tradition Dietrich Bonhoeffers und Karl Barths vom Evangelium her gesellschaftlich wirksam wird.

Huber ist seit einiger Zeit auf Twitter aktiv. Jedenfalls nutzt er das Medium, um auf eigene Veröffentlichungen und Vorträge hinzuweisen. Vor einigen Wochen twitterte er in diesem Zusammenhang ein Verdikt gegen Soziale Netzwerke, was ihm einige Kritik einbrachte und die Twitter-Theologen*-Community beinahe geschlossen gegen ihn aufbrachte.

Wolfgang Huber und die #digitaleKirche

Die Kritik Wolfgang Hubers insbesondere an Twitter hat in den vergangenen Wochen mehrere Widerreden und eine Debatte über das Selbstverständnis der Kirche im Digitalen ausgelöst: In der Christ & Welt widersprach Hanna Jacobs (@hannagelb) Huber in ihrer Kolumne deutlich. In einem Kommentar in diesem Magazin nannte Philipp Greifenstein (@rockToamna) den Altbischof einen „Troll emeritus“. Die ganze Debatte haben wir in den #LaTdH vom 13. Januar, 20. Januar3. Februar verfolgt.

Kritik an der „political correctness“

Nun gab Huber am Dienstag vergangener Woche ein weiteres Interview in der Märkischen Allgemeinen, in dem er auf die Frage nach Sozialen Netzwerken nur am Rande einging. Dass dieses Interview dennoch im Netz wieder viel Aufmerksamkeit auf sich zog, liegt insbesondere an folgender Passage :

Frage: Viele Menschen haben heute das Gefühl, ihre Meinung wäre nichts mehr wert. Sie fühlen sich nicht gehört. Sie wenden sich jenen zu, die einfache Antworten auf die komplizierten Fragen der Moderne bieten.

Huber: Wir müssen uns eingestehen, dass uns zwei Dinge blockieren. Zum einen gibt es einen ausgesprochenen Hang zur Political Correctness, einschließlich strenger Regeln, wie man gender-gerecht zu sprechen hat. Das führt zu einer Verengung gesellschaftlicher Diskussionen. Zum anderen gibt es das Verlangen, alles sagen zu dürfen, auch wenn man übertreibt und populistisch argumentiert. Das verführt Menschen zu der Vorstellung, dass der Mut zur Wahrheit sich in vereinfachenden und groben Ausdrucksweisen zeigt.

Die Rezeption auf Twitter hat nun – kritisch wie befürwortend – vor allem auf den ersten Teil der Antwort abgehoben. Gegen diese Lesart ist erst einmal darauf hinzuweisen, dass es Huber in diesem Kontext offensichtlich nicht nur um eine Kritik der „Political Correctness“, sondern um zwei gegenläufige Fehlentwicklungen geht. Hier spricht sich eine auf Ausgewogenheit zielende und darin äußerst bischöfliche Perspektive aus: der Dienst an der Einheit der Kirche verpflichtet, die Mitte zu suchen und Abstand von den Extremen zu halten. Dennoch kann man nicht sagen, dass Huber missverstanden wurde.

Denn an seiner Äußerung lässt sich beispielhaft zeigen, wie eine solche vermeintliche Neutralposition kippt, sobald das Verständnis – möglicherweise ungewollt, aber dennoch allzu deutlich – sich ungleich auf die verschiedenen Extreme verteilt.

Denn es stecken in diesem Teil der Antwort zwei Vorannahmen, die sich mehr oder weniger durch das ganze Interview ziehen und die sich etwa so wiedergeben lassen: Es gebe zu wenig Verständnis für die nicht nur wirtschaftlich, sondern insbesondere von den Diskursen der gesellschaftlichen Elite abgehängten Normalbürger. Und das habe wiederum mit einem falschen, übervorsichtigen Bemühen um sprachliche Korrektheit zu tun.

Verwendung eines rechten Kampfbegriffs

Nun ist bereits die Verwendung des Begriffs der „Political Correctness“ alles andere als eine unverfängliche und wertfreie Beschreibung des Sachverhaltes. Der Begriff ist ein Kampfbegriff, den vor allem rechts-konservative Kreise verwenden, um Forderungen nach Sensibilität in der Sprache zu kritisieren. Diese werden als unzulässige Bevormundung und Einschränkung empfunden.

Hinter dem Vorbehalt gegen „Political Correctness“ steckt auch die Vorstellung, dass eine solche Sprachrücksicht die Wahrheit verschleiert: Man darf nicht mehr sagen, was ist, sondern muss sagen, was von „denen da oben“ gewünscht ist. Politisch korrekte Sprache steht für einen politisch gewollten Zwang, der dem „gesunden Sprachempfinden“ quasi von außen und oben durch die herrschenden Eliten entgegengesetzt wird.

Und wer, so das Narrativ weiter, sich nicht daran hält, wird aus dem politischen Gespräch ausgegrenzt. Dass eine solche Ächtung freilich jenseits gewisser linker Binnendiskurse kaum aufzuweisen ist, steht auf einem anderen Blatt. Im Gegenteil scheinen so einige prominente Stimmen in der Medienlandschaft gut vom Tabubruch gegen vermeintliche Sprachverbote zu leben. Will Huber sich etwa in diese Reihe stellen?

Es ist auffällig, dass Huber keine Bemerkung darauf verschwendet, welche Bedürfnisse hinter der Forderung nach sprachlicher Selbstkontrolle stehen. Freilich lässt sich diskutieren, ob man wirklich jede vorgeschlagene Sprachregelung übernehmen muss. Doch ist es so unverständlich, dass Menschen, die oft schon seit zwei Generationen hier leben, nicht mehr ständig auf ihre angebliche „Fremdheit“ festgelegt werden wollen? Oder dass es bei überwiegend weiblichem Nachwuchs für das kirchliche Amt manchen fragwürdig erscheint, wenn die Bischöfin und Pfarrerin weiter lediglich mitverhandelt werden, als Sonderfälle im generischen Maskulinum?

Huber sucht das Gespräch mit AfD-Anhänger*innen

Offenbar sorgt sich Huber mehr um diejenigen, die sich dieser „politisch korrekten“ Sprache nicht fügen. Vielleicht weil sie es nicht können. Oder auch, weil sie es nicht wollen. Dass Huber hier vor allem an die Wähler oder Anhänger der AfD denkt, sagt er später im Interview selbst. Es sei zwar darauf hinzuweisen, dass es Positionen innerhalb der Partei gibt, die nicht vereinbar mit dem „Grundkonsens unserer Gesellschaft“ sind. Aber dies dürfe nicht zu einem Verdikt über die Menschen führen. Vielmehr sei mit ihnen das Gespräch zu suchen.

An dieser Position Hubers ist nun zweierlei zu kritisieren:

Zunächst die Annahme, es sei mit der AfD und ihren Anhängern nicht genug gesprochen worden, der Dialog müsse weitergehen. Dies scheint mit Blick auf die vergangenen Jahre und die mediale Berichterstattung bizarr. Kaum eine Partei hat solche mediale Aufmerksamkeit und auch die oft noch in Abwesenheit ausgeübte Diskurshoheit über bestimmte Themen wie die AfD.

Selbst wenn die Partei (noch) nirgends in Regierungsverantwortung ist, wirken ihre Themen und Positionen vielfach in die aktuelle Tagespolitik hinein. Keinesfalls nur, aber insbesondere in der CSU lässt sich eine Aufnahme oder Berücksichtigung genau der Ängste nachweisen, als deren Sprecher sich die Rechtspopulisten bis in die Mitte Gehör verschafft haben.

Huber scheint der rechten Selbstdarstellung als Opfer des „Systems“ auf den Leim zu gehen, denn es trifft bei Lichte besehen überhaupt nicht zu, dass hier die Ausgrenzung großer Menschengruppen und ihrer Ängste aus der öffentlichen Debatte betrieben wird. Das Gegenteil scheint eher der Fall.

Vielleicht war es bis jetzt ein durch gesellschaftliche Sanktionen geschütztes Tabu, gewisse Dinge nicht auszusprechen. Vermutlich gab es ja immer schon Menschen, die gerne sagen wollen würden, dass die Ausländer weg müssen. Und die das vielleicht auch eben nicht nur sagen wollen würden. Aktuell brechen einige dieser Tabus.

Daran sind – so viel sei angedeutet – sicher nicht allein jene Netzwerke schuld, denen Huber mit einer süffisanten, aber schon auf der Ebene der Beschreibung schlicht falschen Bemerkung das „Soziale“ abspricht. Die deutsche Geschichte wird in der Erinnerung neu vermessen. Dabei sind online wie offline Plattformen und mittlerweile sogar eine Partei entstanden, um Menschen mit entsprechenden Ansichten zusammenzubringen.

Vom Brechen dieser Tabus könnten wohl die meisten Pfarrerinnen und Pfarrer berichten. Wie oft kommt es vor, dass man auf einem Fest oder beim Besuch plötzlich in eine Diskussion über Einwanderung und „den“ Islam verwickelt werden soll? Viele Kolleginnen und Kollegen bewähren sich in solchen Situationen als Seelsorger, treten untragbaren Thesen ausdauernd und respektvoll entgegen. Aber Menschen – meist Männer –, die in den Sog des Rechtspopulismus geraten sind, verhalten sich meist nicht wie dankbare Hündchen, die nach ein paar Krumen vom Brot der Aufmerksamkeit schnappen.

Der Rechtspopulismus ist ein Vampir, der Energie und Aufmerksamkeit absaugt, die anderen Menschen in der Gemeinde nicht zugute kommen können. Nicht zuletzt wird so auch desensibilisiert und der Pfad bereitet, um Worten (politische) Taten folgen zu lassen. Hubers altbischöfliche Einschätzung entspricht nicht den Herausforderungen der gemeindlichen Praxis.

Vielleicht fehlt es Huber an solchen Gesprächserfahrungen? Sein Blick auf die Herausforderung erscheint deshalb etwas entrückt, wenn nicht naiv. Seine Nachfolger*innen Margot Käßmann und Heinrich Bedford-Strohm könnten ihm wohl plastisch aus eigenem Erleben schildern, was es bedeutet, als Hassobjekt den Angriffen dieser neu-alten Rechten ausgesetzt zu sein.

Huber scheint offensichtlich zu denken, dass diese Rechtspopulisten und ihre Anhänger im offenen Diskurs grundsätzlich zu überzeugen sind. Er scheint zu meinen, dass der zwanglose Zwang des besseren Arguments die Menschen, die diese Partei wählen, zurück zu den weniger radikalen Parteien führt. Deshalb ist er gegen eine pauschale Ausgrenzung, etwa auf dem Kirchentag („Ich halte dieses Signal für falsch.“). Man kann solche Verdikte ja diskutieren, doch sollte man auch die ernüchternden Erfahrungen nicht ausblenden und insbesondere die Gefahren nicht unterschätzen!

Es ist mittlerweile bekannt, wie virtuos gerade Politiker der AfD das Spiel von vordergründiger Mäßigung und kalkuliertem Tabubruch beherrschen. Huber scheint nicht damit zu rechnen, dass Rechtspopulisten die Situation eines Dialogs zu ihren Gunsten drehen könnten.

Doch auch ein wacher, rhetorisch versierter und charismatischer Gesprächspartner wie Huber läuft da schnell in die Falle. Dann erscheint er neben den Populisten als abgehobener und spitzfindiger Intellektueller, abgekoppelt vom wahren Volkswillen. Vorkommnisse wie bei den Bürgerdialogen in Bautzen – im Raum einer Kirche abgehalten! – zeigen, wie die Stimmung im Saal aufgepeitscht werden kann.

Eine „Kirche der Freiheit“?

Angesichts dessen ist weniger ein offenes Ohr, als Kampfgeist und höchste Wachsamkeit geboten. Sprechend übrigens auch, dass Huber im Fall der Potsdamer Garnisonkirche gar nicht in Erwägung zieht, dass die Umbestimmung der historischen Bezüge fehlschlagen und der Ort doch wieder Symbol eines aggressiven Nationalismus werden könnte.

Huber sollte sich klarmachen, dass die evangelischen Landeskirchen für viele dieser Menschen zusammen mit den öffentlich-rechtlichen Medien, den sogenannten „Altparteien“ und vielen Kulturinstitutionen als Pfeiler eines durchweg verrotteten Systems gelten. Sie träumen bestenfalls von einer Kirche, die sich in den Dienst der nationalen Sache stellen lässt. Von einer Kirche des „deutschen Waldes“, nicht der judäischen Wüste. Von einer Kirche, die tatkräftig Druck auf all jene ausübt, die von der politischen, religiösen, sexuellen oder ästhetischen Norm selbsternannter Volkstribune abweichen. Die sich ansonsten weitgehend aus der Gesellschaft zurückzieht.

Das ist mit Sicherheit nicht die „Kirche der Freiheit“, als deren Vordenker Huber gilt. Und deswegen hat öffentliche Theologie hier nicht für Verständnis zu werben, sondern zu zeigen und zu verkünden, dass hier Grenzen überschritten sind. Wenn deshalb der eine oder andere Kirchensteuerzahler wegbricht, dann sei es eben so …

Mitdiskutieren