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Warnruf vor den Gotteskriegern

Annika Brockschmidt erklärt in „Amerikas Gotteskrieger“ umfassend, wie die christliche Rechte in den USA zum konservativen Mainstream werden konnte. Ein teilweise einseitiger Warnruf.

Unweit des Ortes, an dem sich am 6. Januar 2021 der Sturm auf das Kapitol ereignete, steht das „Museum of the Bible“, das 2017 vom evangelikalen Unternehmer Steve Green (Hobby Lobby) und dem Kreationisten Ken Ham eröffnet wurde. Gebaut mit Hilfe von Großspenden der National Christian Foundation und gefeiert mit einer Gala im Trump-Hotel, steht das „Museum of the Bible“ im Herzen der US-Hauptstadt für Annika Brockschmidt als Sinnbild dafür, wie weit die Religious Right mittlerweile in den konservativen Mainstream vorgedrungen ist. Augenfällig vermittelt es dort deren Kernaussage: Dass Amerika eine christliche Nation ist und immer war.

In ihrem neuen Buch „Amerikas Gotteskrieger“ beschreibt die studierte Historikerin und Journalistin den Aufstieg der Religiösen Rechten in den USA seit den 1950er-Jahren. Sie zeichnet dabei das düstere Bild einer straff organisierten religionspolitischen Bewegung, die geduldig daran arbeitet, die eigenen Interessen gegenüber der amerikanischen Mehrheit durchzusetzen.

Die strategischen Grundpfeiler in diesem Streben sind ein erfolgreicher Geschichtsrevisionismus, der die eigentlichen rassistischen Motive der Bewegung verschleiert, ein weit verzweigtes Netz an Organisationen und Einzelplayern, die auf verschiedenen legislativen, judikativen und medialen Ebenen agieren, und die pragmatische Entscheidung zur taktischen Flexibilität, was Repräsentanten, Themen und mögliche Kooperationspartner angeht.

Amerikanische Gründungsmythen

Aktuell wird der Kampf um die wahre Geschichte der USA exemplarisch am „1619 Project“ der New York Times ausgefochten, das die Geburt der Nation mit einem strukturellen Rassismus verknüpft. Als Antwort auf diese der Critical Race Theory folgenden Darstellung US-amerikanischer Geschichte berief Donald Trump während seiner Präsidentschaft die „1776 Commission“ ein, um der „anti-amerikanischen Philosophie“ des „1619 Projects“ entgegenzuwirken und den christlichen Charakter der Gründerväter stärker herauszustellen.

Wie Brockschmidt eindrücklich zeigt, geht der christliche Geschichtsrevisionismus jedoch weit über diese öffentlichkeitswirksamen Projekte hinaus. Das weißen Amerikaner:innen vorbehaltene Geschichtsnarrativ wird entscheidend durch Einzelpersonen in strategisch wichtigen Bildungsgremien gefördert, die über Bildungspläne darüber entscheiden, welche Geschichtsbilder verbreitet werden. Auf diese Weise werden teils rassistische Darstellungen von den USA als wesentlich weißer und christlicher Nation und Teil der christlichen Weltordnung über Generationen weitergetragen.

Teil des effektiven Geschichtsrevisionismus sind indessen auch die vielen „kleinen“ christlichen Traditionen. Sie scheinen alt zu sein, gehen aber selten auf die Gründerväter zurück, sondern sind häufig von christlichen Nationalisten forcierte Nebenprodukte des Kalten Krieges, so zum Beispiel das National Prayer Breakfast (1953) oder die Wendung „In God we Trust“ auf Geldscheinen (1955).

Machtgewinn: Allianzen über theologische Überzeugungen hinweg

In ihrer Darstellung erschließt Brockschmidt den Lesenden nach und nach das unübersichtliche Geflecht von religiösen und politischen Organisationen und Interessengruppen, die auf unterschiedlichen Ebenen versuchen, die Macht der Religious Right zu erweitern: Während sich bestimmte Organisationen speziell auf die Rekrutierung neuer Anhänger:innen fokussieren, konzentrieren sich andere auf den Aufbau von Netzwerken auf legislativer oder judikativer Ebene sowie in der Medienwelt.

Wie erfolgreich diese Lobbyarbeit mittlerweile auch auf Bundesebene ist, zeigte nicht zuletzt der Einzug von drei konservativen RichterInnen am Obersten Gerichtshof, die alle auf Empfehlung der einflussreichen „Federalist Society“ nominiert wurden. Dass politischer Konsens bei Kooperationen oft mehr zählt als theologische Übereinstimmungen, sticht bei der Lektüre von Brockschmidts Buch immer wieder heraus, wenn zum Beispiel politische Strategen aus dem katholischen Lager aktiv Zweckgemeinschaften mit konservativen Evangelikalen bildeten, um mächtige Organisationen wie die „Heritage Foundation“ oder auch die „Moral Majority“ über konfessionelle Grenzen hinweg zu gründen.

Wie Brockschmidt detailliert nachzeichnet, spielten bei der effektiven Gewinnung neuer Wähler:innen vor allem religiös-geprägte Echokammern eine große Rolle. Spätestens seit den 1960er-Jahren wurde ideologischer Zusammenhalt nicht unwesentlich über den gemeinsamen Medienkonsum hergestellt: über christliche Radio- und Fernsehanstalten oder spezielle Buchläden, deren Angebot – von Erziehungs- über Beziehungs- und Lebensratgebern bis hin zu christlichen Endzeit-Thrillern– eine einheitliche Welt malte. Durch die Erschaffung von christlichen Medienimperien konnte so eine übergreifende Botschaft an alle Christinnen und Christen gesandt werden.

Mit der Betonung der ähnlichen kulturellen Prägung knüpft Brockschmidt hier an aktuelle Debatten führender Religionshistoriker:innen (wie Anthea Butler oder Daniel Silliman) an. Sie verstehen vor allem weiße Evangelikale nicht zuerst als religiöse Gruppe, sondern als politische bzw. kulturelle speech community, deren Mitglieder dieselben Medien konsumieren, und daraus hergeleitet, dieselben politischen Interessen und sexualethischen Werte vertreten.

Offensichtliche Spannungen – man denke daran, dass die christliche Rechte, die eheliche Treue und sexuelle Enthaltsamkeit vor der Ehe hochhält, einen Mann wie Donald Trump unterstützen konnte – diskutiert Brockschmidt unter dem Gesichtspunkt einer spezifischen Konstruktion von Männlichkeit.

Die Liaison mit Trump: Tradition des white privilege

Schließlich weiß Brockschmidt auch die strategische Flexibilität der christlichen Rechten bei der Wahl von Interessensvertretern und Themen eindrucksvoll zu schildern: Im Kapitel „Gotteskrieger im Weißen Haus“ zeichnet sie auf, wie pragmatisch die Religious Right in der Zusammenarbeit mit Politiker:innen sein kann, wenn es dem ultimativen Ziel dahinter dient – der Erhaltung der eigenen Privilegien.

So entzog die Religiöse Rechte dem moralisch starken, aber außenpolitisch defensiv auftretenden Evangelikalen Jimmy Carter 1980 das Vertrauen und wandte sich stattdessen dem geschiedenen Hollywood-Schauspieler Ronald Reagan zu, womit sie ihm ins Amt verhalf. Ebenso unterstützte sie in den Vorwahlen der Republikanischen Partei 1988 nicht den landesweit bekannten „Televangelisten“ Pat Robertson, sondern George H. W. Bush, um sich weiter im Mainstream zu etablieren. Auch die enge Liaison mit Trump sollte Kenner der amerikanischen Politik daher nicht mehr wirklich überraschen.

Selbst bei der Themenwahl waren strategische Entscheidungen oft von großer Bedeutung: Während heute das Thema „Abtreibung“ als Kernthema zur Mobilisierung von Wähler:innen schlechthin gilt, unterstützten prominente Evangelikale wie Billy Graham bis in die 1960-Jahre hinein noch Organisationen wie Planned Parenthood, denn die Ablehnung der Abtreibung war zwar konservativen Katholik:innen wichtig, aber nicht unbedingt Evangelikalen.

Stattdessen, so lautet Brockschmidts Kernthese, war es die „Bewahrung des christlichen Amerikas“ (S. 60), will heißen: die Bewahrung von weißen Privilegien und die Warnung vor dem drohenden Umsturz der Gesellschaft durch die Aufhebung der Segregation, die als eigentliche Motivation und Agenda der Bewegung diente und aus der Religious Right eine geschlossene Bewegung machten.

Polarisierende Endzeitrhetorik

Zuletzt bietet Brockschmidt noch einen Einblick in die weite Verbreitung von Verschwörungsmythen innerhalb der christlichen Rechten. Wie stark endzeitlich geprägt die verwendete Kulturkampf-Rhetorik um den Mythos einer Verdrängung des Christentums ist und wie schnell sie dadurch zu Radikalisierung führen kann, klingt gerade hier immer wieder an:  Allen voran dient die „neue Dolchstoßlegende“ von der gestohlenen Wahl Donald Trumps dazu, weiterhin aktiv Wut unter Anhänger:innen zu schüren. (Mehr dazu hier in der Eule-Kolumne „Die rechte Ecke“ von Philipp Greifenstein. Anm. d. Red.)

Brockschmidts Buch soll ein Warnruf sein: „Nur wenn die Mischung von White Supremacy, entfesseltem Kapitalismus, Gender, Sexualität, dem Streben nach politischer Macht, autoritären und teils faschistischen Tendenzen analysiert wird, ist es möglich, die Bewegung nicht einfach als angebliche Randerscheinung der Extremen Rechten abzutun.“ (S. 22) Die amerikanische Religiöse Rechte ist aus einem Randphänomen zum konservativen Mainstream geworden.

Auf dem hiesigen Büchermarkt ist Brockschmidts Analyse ein Novum, das die Zusammenhänge dieser komplexen Bewegung für ein deutsches Publikum nachvollziehbar erschließt. Ähnlich wie ihr Forschungsgegenstand verfällt Brockschmidt jedoch in eine polarisierende Endzeitrhetorik, die nicht mehr viel Raum lässt für gegenwärtige Dynamiken. Und dabei zeigen aktuelle Entwicklungen in vielen christlich geprägten konservativen Gemeinschaften, dass kontroverse Debatten angestoßen werden können. Gerade vor dem Hintergrund zunehmender Sichtbarkeit von „Exvangelicals“ auf Instagram, United Methodist Pastoren als Drag Queens im TV oder kritischen „Mormon:innen“ auf Twitter scheint ein hermetisches Verschließen vor gesellschaftlicher Pluralität selbst in diesem Milieu nur noch schwer möglich zu sein.

Gleichzeitig setzt sich eine neue Generation von Religionshistoriker:innen, wie Kristin Kobes Du Mez, Beth Allison Barr oder Matthew Avery Sutton, die selbst aus diesem religiös-konservativen Milieu kommt, zunehmend kritisch mit der eigenen Geschichte auseinander und lässt hoffen, dass der Kampf um die Deutungshoheit auch unter konservativen Christen noch nicht entschieden ist.

Dürfte ich mir ein Folgebuch wünschen, so würde es „Amerikas Gotteskriegerinnen“ heißen. Es würde spezifisch das Phänomen religiös-konservativer Frauen wie Phyllis Schlafly – dem Symbol des Anti-Feminismus der 1970er – oder Trumps spirituelle Beraterin Paula White in den Blick nehmen. Denn auch wenn diese Frauen, wie Brockschmidt richtig feststellt, selten offizielle Positionen einnehmen, so wäre ein Aufstieg der Religious Right ohne ihre politischen Netzwerke und Kommunikationsstrategien undenkbar gewesen und so manche politische Überraschung, wie das Scheitern des Verfassungszusatzes zur Gleichstellung („Equal Rights Amendment“), hätte es nicht gegeben. Auch die Geschichte der Religious Right hat (mindestens) zwei Seiten; und diese zweite sollte unbedingt auch erzählt werden, wenn man verstehen will, warum diese Bewegung so viel Schlagkraft hat.


Annika Brockschmidt:
Amerikas Gotteskrieger
Wie die Religiöse Rechte die Demokratie gefährdet
Rowohlt Verlag
416 Seiten
16 €


„BücherFest“: Eine Woche für das Buch

Wir lesen, um uns und die Welt besser zu verstehen, um gut unterhalten zu werden, um etwas zu lernen. Von Roger Willemsen stammt der Satz: „Das Leben kann man nicht verlängern, aber wir können es verdichten.“ So wollen wir uns am Ende des Jahres bewusst den Büchern und der Literatur zuwenden – kompakt verdichtet in einer Kalenderwoche.

In der Woche vom 2. bis zum 3. Advent wollen wir Euch in der Eule Sachbücher, schöne Literatur und Schmöker vorstellen. Zwischen den aktuellen Kirchen- und Religionsnachrichten, Recherchen, Interviews und Podcasts finden inzwischen nur noch selten „klassische“ Rezensionen Platz in unserem Magazin. Rechtzeitig vor dem Weihnachtsfest stellen Eule-Autor:innen Euch lohnenswerte Lektüren vor – oder raten dringend ab.

Unter allen Eule-Abonnent:innen verlosen wir in dieser Woche ein Exemplar von Fabian Vogts „Die Zehn Gebote für Neugierige“ (Evangelische Verlagsanstalt). An der Verlosung nehmen alle Menschen teil, die bis einschließlich 11. Dezember 2021 ein Eule-Abo abgeschlossen haben.

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