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Die rechte Ecke: Töchter Gottes auf Abwegen

Charismatische Autorinnen verbreiten im Netz gefährliche Propaganda über den US-Präsidenten und die Corona-Pandemie. Rechte Christ:innen sind in der evangelikalen Szene gut vernetzt.

„Ich glaube einfach, dass Gott Präsidenten einsetzt und auch aussetzt!“ Was Inka Hammond und Gaby Wentland in einer Videobotschaft verkündigen, ist starker Tobak für die Millionen von US-Wähler:innen, die sich dieser Tage in langen Schlangen die Beine in den Bauch stehen, um ihre Stimme bei der anstehenden Wahl abzugeben.

Nicht nur, dass Gott selbst Donald Trump zum US-Präsidenten erwählt hat, Hammond und Wentland fahren damit fort, ihn als Werkzeug Gottes, als Retter der Christenheit und seines Landes zu preisen. Hammond habe, so gibt sie im Video bekannt, schon vor Monaten von Gott die Anweisung erhalten, den US-Präsidenten gegen üble Angriffe in Schutz zu nehmen. Wentland schließt sich ihr in emphatischen Gebetsformulierungen an.

Nun könnte man dieses Video, das von Hammond obendrein inzwischen von Facebook, YouTube und Instagram gelöscht wurde, einfach als neuesten Klamauk eine hyperfrommen Blase im Netz abtun, wenn sich darin nicht vertraute Erzählungen der christlichen Rechten aus den USA fänden, die hierzulande zwar langsam, doch stetig in den evangelikalen Diskurs eingespeist werden. Weil die Akteurinnen gerade keine „Netzaktivistinnen“ sind, die in den Sozialen Netzwerken vor sich hin zetern, sondern einflussreiche Personen der evangelikalen Bewegung, muss man sich mit ihrer Verkündigung auseinandersetzen.

Charismatische „Nationentheologie“

In Hammonds und Wentlands Video sind zwei inzwischen sehr verbreitete evangelikale Erzählungen miteinander verschränkt: Die erste ist aufmerksamen Leser:innen der Eule bereits aus den Frühjahr bekannt, als sie bei „Deutschland betet gemeinsam“ die Sprache des vorgeschlagenenen Gebetes und die Wortmeldungen einiger Akteur:innen prägte. Die Rede ist von der „Nationentheologie“, die im Umfeld evangelikaler Zionisten und der Gebetshausbewegung charismatischer Christen gepflegt wird.

Darin ist immer wieder die Rede davon, dass ein ganzes Land sich „unter die Herrschaft Gottes“ stellen soll, dass man „stellvertretend für ganz Deutschland“ um Vergebung und/oder Segen bitte. Die nationalen Anklänge wirken im deutschen Kontext doppelt missverständlich:

Problematisch ist nicht allein die Selbstidentifikation der Bewegung mit dem biblischen Volk Israel, dessen Texte und Verheißungen ohne weitere Erklärungen oder Einordnungen „übernommen“ werden. Die Christen werden nahtlos als Nachfolger des durch viele Bedrängnisse hindurch bewahrten jüdischen Volkes verstanden („alter“ vs. „neuer“ Bund). Diese alte antisemitische Erzählung des Christentums wird noch dadurch verschärft, dass ständig nicht von Christen, sondern en passant eben von den Deutschen die Rede ist, die auf diese besondere Weise in der Gunst Gottes stünden.

Der offensichtliche Widerspruch, dass es die Deutschen waren, die sich durch Krieg und Shoah nicht zuletzt am auserwählten Volk Gottes versündigten, wird mit einer Versöhnungs- und Segensrhetorik verschleiert, die deutsche Schuld unsichtbar macht. An dieser Stelle erweist sich der charismatische Evangelikalismus anknüpfungsfähig an solche rechtsradikalen Erzählungen, die eine Überwindung des „Schuldkultes“ der Deutschen fordern.

„Wir proklamieren den Namen Jesus über Deutschland. Wir glauben, dass Gott die Schuld unseres Landes vergeben hat. Wir glauben, dass unser Land durch unsere Buße im Blut Jesu gewaschen wurde und nun gereinigt, geheiligt und frei gesprochen wurde.“ (Facebook-Seite „Christen in der AfD“)

Bei der „Nationentheologie“ handelt es sich aber nicht um eine völkische Ideologie, wie sie von den Deutschen Christen aus der Zeit des Nationalsozialismus bekannt ist. Auch wenn manche Formulierung aus dem Munde Hammonds und Wentlands, auf Hitler statt auf den US-Präsidenten gemünzt, in den Schriften der Nazi-Christen zu finden ist. Vielmehr verdankt sich der charismatische Nationengedanke der Idee, man lebe in einer Endzeit, in der sich alle Völker – inklusive der Juden – bekehren müssten, um die Wiederkunft Christi einzuleiten. Deshalb werden mit Übergabegebeten und Segenszusprüchen explizit einzelne Länder bzw. Kontinente adressiert („Europe shall be saved“, „Deutschland betet gemeinsam“).

Außenstehende Beobachter:innen vermuten eine solche politisch aufgeladene Endzeitideologie vor allem bei „Sekten“ und randständigen Extremistengruppen, nicht im Feed einer fröhlich-frommen Jugendbuchautorin oder bei einem Gebets-Event, das von zahlreichen Politiker:innen und Kirchenleuten unterstützt wird. Sie läuft denn auch häufig unbewusst mit. Zum Beispiel in der Gebetssprache, die zu kritisieren viele zufällige Gäste sich nicht anmaßen. Gelegentlich wird der „Nationalismus“ der Formulierungen moniert, eine wirksame Kritik aber muss diese charismatische „Nationentheologie“ und den ihr innewohnenden Antisemitismus zunächst einmal begreifen, um ihn wirksam zu bekämpfen.

Trump als Wiedergänger Kyros des Großen

Die zweite evangelikale Erzählung, die Hammond und Wentland verbreiten, ist wesentlich weniger opak, sondern bibeltreuen Christen aller Couleur leichter zugänglich. Sie dient als Türöffner hinein in die Gedankenwelt rechter Christen, weil sie in der wortgetreuen Lesart der Bibel wurzelt, die biblische Überlieferungen und Erzählungen als zutreffende Geschichtsschreibung missversteht.

Donald Trump wird mit dem persischen König Kyros des Großen gleichgesetzt, dem die Juden nach biblischer Erzählung die Rückkehr aus dem Exil und den Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem verdanken. Kyros sei, trotzdem er einer anderen Religion zugehörte, zum „Messias“ des Volkes Israel geworden. Ebenso sei Trump „Retter des christlichen Glaubens“, obwohl er selbst – durch Wort und Tat bezeugt – kein frommer Christ ist.

Bei diesem Mythos, der unter den US-Evangelikalen inzwischen weite Verbreitung gefunden hat, handelt es sich um eine doppelte Konstruktion: Zunächst wird das breite und widersprüchliche historische Wissen um Biografie und Bedeutung des persischen Herrschers Kyros II. auf die wenigen biblischen Beschreibungen seiner Person enggeführt. Dabei handelt es sich bei ihnen selbst um Erinnerungspolitik, wie archäologische und text-kritische Erkenntnisse erweisen. Richtig ist wohl, dass Kyros gegenüber den vielen Religionen in seinem Herrschaftsbereich insofern tolerant war, als dass er die private Religionsausübung gestattete, und dass unter seiner Herrschaft Teile des Volkes Israel aus dem Exil zurückkehrten.

Donald Trump ist jedenfalls weder dem historischen, noch dem biblisch bezeugten Kyros gleichzusetzen, sondern ein gewöhnlicher rechtsradikaler Populist, der obendrein eine Abneigung gegen fromme Christen pflegt. Wohl aber hat er sich unter den US-Evangelikalen durch die Berufung konservativer Richter an den Supreme Court und taktische Bauchpinselei hohe Zustimmung erworben. Weiße Evangelikale gehören zu seinen treuesten Anhängern, weil er ihren Rassismus und ihre Pluralismus-Ängste geschickt bespielt.

Trump zeigt sich den Evangelikalen, wie sie ihn sehen wollen und lässt ihre Fantasie den Rest erledigen. Dass ihr „Werkzeug Gottes“ Frauen am liebsten ungefragt in den Schritt greift, außereheliche Affären führt, schutzlose Kinder ihren Eltern entreißt, auf Gewalt und rassistische Ideologen ebenso wie auf kraftmeierische Despoten abfährt – also alles in allem in Rhetorik, Habitus und Politik das exakte Gegenteil eines gerechten, christlichen Herrschers ist -, stößt ihnen kaum mehr auf.

Die Kyros-Analogie ist nichts anderes als eine Rationalisierungsstrategie, um genau diesen offensichtlichen Widerspruch vor sich selbst zu rechtfertigen. Als Waffe im Kulturkampf wird sie von evangelikalen Führern bewusst eingesetzt, um einen religiösen Wahn anzufeuern, der Donald Trump die Wiederwahl sichern soll. Hierbei erweist es sich abermals als nützlich, dass die US-Amerikaner wie selbstverständlich davon ausgehen, ähnlich wie das biblische Israel ein „auserwähltes Volk“ zu sein. Spätestens bei der Übersetzung in den deutschen Kontext wird der inhärente Antisemitismus dieser Ideologie transparent.

Akteurinnen der christlichen Rechten

In der Kolumne „Die rechte Ecke“ soll es erklärtermaßen weniger um rechte Ideologie oder Theoriebildung gehen, sondern um rechte Akteur:innen in Kirchen und Theologie. Sind evangelikale und/oder charismatisch geprägte Christen, die Kyros-Mythos oder Nationentheologie aufsitzen, automatisch rechte Christen?

Das wird man nicht von allen sagen können, die zum Beispiel Hammonds und Wentlands Video in den Sozialen Netzwerken einen Like oder wohlwollenden Kommentar spendierten. Vielmehr ist davon auszugehen, dass vielen Zuschauer:innen die ideologischen Hintergründe verborgen bleiben. Predigten und insbesondere Gebete, die „von Herzen kommen“, entziehen sich szenetypisch der Kritik, weil die Protagonist:innen göttliche Inspiration für sich in Anspruch nehmen.

Das funktioniert trotz aller – auch evangelikaler – Warnungen vor Privatoffenbarungen immer noch erstaunlich gut. Besonders im Netz, wo Authentizität Vorrang vor redlicher Theologie genießt. Es ist hier nicht zuletzt an evangelikalen Theolog:innen gelegen, den haarsträubenden Ideologien entgegenzutreten, die im Namen ihrer Bewegung verbreitet werden. Hammond und Wentland sind jedoch ganz und gar keine Außenseiterinnen, sondern in der evangelikalen Bewegung hierzulande tief verwurzelt.

Inka Hammond ist nicht nur in den Sozialen Netzwerken sehr präsent – wo sie sich in den vergangenen Wochen zunehmend als „Corona-Kritikerin“ positioniert (s.u.) -, sondern vor allem als Autorin der „Tochter Gottes“-Produkte im evangelikalen SCM-Verlag. Hammonds Jugend- und Kinderbücher werden mit großem Aufwand verlegt und für die Arbeit mit Kinder- und Jugendgruppen aufbereitet.

Ich frage mich immer: wenn es hier wirklich um unsere Gesundheit gehen würde, um das Wohl aller, dann würde man sich bemühen die Menschen dazu zu ermutigen, sich gesund zu ernähren, Zeit an der frischen Luft zu verbringen, Sport zu treiben, Gesellschaft zu genießen – all die Dinge, die unserem Immunsystem gut tun! Und nicht jeden Tag neue Schreckensmeldungen (die, ganz nebenbei gesagt, schlicht und ergreifend nicht stimmen) und eine völlig verzerrte Darstellung von Zahlen vermitteln. Dieser Virus hat eine Überlebensrate von fast 100% – das muss man sich mal überlegen. (Inka Hammond zur Corona-Pandemie auf Facebook)

Laut Verlag wurde ihr Buch „Tochter Gottes, erhebe dich“ in kürzester Zeit zum Bestseller. Aufgrund der prominenten Positionierung im SCM-Verlagsprogramm werden ihre Bücher auf vielen Büchertischen ausgelegt und in Magazinen und Katalogen weit über die evangelikale Bewegung hinaus beworben.

Als Autorin beim rechtspopulistischen kath.net und Referentin beim Gebetshaus Augsburg und weiteren evangelikalen und charismatischen Vereinen erreicht sie regelmäßig ein fünfstelliges Publikum. Man übertreibt nicht, Hammond eine der führenden christlichen Autorinnen Deutschlands zu nennen.

Ihre Gesprächs- und Gebetspartnerin Gaby Wentland bewirbt sich selbst als „Pastorenfrau und Buchautorin“. Wentland wirkte 16 Jahre lang als Missionarin des pfingstlerischen „Propheten“ Reinhard Bonnke in Afrika und leitet heute eine Gemeinde in Hamburg. Sie engagiert sich mit einem eigenen Verein gegen Menschenhandel, die dazu gehörigen Medien werden bei Gerth Medien vertrieben, einer Marke des SCM-Verlags.

Vor allem aber ist Wentland seit Jahren Mitglied im Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA), der führende und „bewährte“ Akteur:innen des deutschen Evangelikalismus umfasst und die Arbeit des evangelikalen Dachverbandes „leitet und verantwortet“.

In ihren Predigten und Gebeten hat so ziemlich alles einen Platz, womit sich in Krisenzeiten Aufmerksamkeit und Umsatz generieren lässt. Corona ist ihr eine Chance, die Gott den Menschen geschenkt hat. Mit Hinweis auf Exodus 15, 26 rät sie gar vom Besuch von Ärzten und wissenschaftlichen Diagnosen ab, denn „unheilbare Krankheiten können im Namen Jesu einfach weichen“. Die Bibel wird von ihr nach Gutdünken für die Verkündigung ihres Wohlstands-Evangeliums ausgeschlachtet. Auch ihre „Alltagssieger“-Community umfasst online tausende Nutzer:innen.

Bibel, Trump, Corona-Schwurbel

Corona-Schwurbler finden sich bei weitem nicht nur unter evangelikalen und charismatischen Christen, so ist erst vor kurzem der Pfarrer i.R. und Esoterik-Aficionado Jürgen Fliege auf einer „Corona-Demo“ in München aufgetreten. Bei evangelikalen und besonders bei charismatischen Christen wird die „Corona-Kritik“ allerdings theologisch durch eine „Geistheilungs“-Theologie aufgeladen und dadurch besonders gefährlich.

„Corona-Kritik“ kann nicht per se als rechts gelten, auch wenn die mangelnde Abgrenzung vieler Akteur:innen gegenüber Rechtspopulisten und -Radikalen  frappierend ist. Inzwischen sind alle rechten „alternativen Medien“ auf den Corona-Schwurbel-Zug aufgesprungen und rechte Christen mischen dort kräftig mit. Corona hin oder her: Man muss Christen sicher nicht so weit entgegenkommen, ihre Trump-Begeisterung als etwas anderes als rechte Gesinnung misszuverstehen.

Hammond hat ihr Trump-Video inzwischen vom Netz genommen und beschwert sich bitterlich über einen „Shitstorm“, in den sie wegen der Aufnahme geraten sei. Zwar hat es unter dem Video auch Kritik gegeben, die meisten Zuschauer:innen äußerten sich aber per Like und Kommentar zustimmend. In einer Stellungnahme beharrt Hammond darauf, „Trump nicht als Retter oder Heiligen an[zu]sehen und auch in keiner Weise rassistisches und frauenfeindliches Gedankengut [zu] unterstützen“. Die nachträgliche Stellungnahme steht damit im krassen Kontrast zum Inhalt des Videos. Ob sich darin ein ehrlicher Gesinnungswandel ausdrückt, wird man abwarten müssen.

Ihren Leser:innen und Zuschauer:innen begegnen Hammond und Wentland weiterhin als treu-sorgende Mütter, die sich mit ganzem Herzen um das Wohlergehen ihres Publikums sorgen. Dauerlächeln und Emphase sollten jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie in die Ermunterung für Mädchen, junge Frauen und „Alltagssieger“ rechte Ideologien verpacken. Hinter der familienfreundlichen Oberfläche und der Betonung wertkonservativer Erziehung und Lebensführung verbirgt sich eine hoch-politisierte Verkündigung, deren ideologische Zuspitzung den meisten Zuschauer:innen und Leser:innen möglicherweise verborgen bleibt.

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Ergänzung 23.10.2020, 18:15 Uhr:

Mit einem Schreiben, das von Ekkehart Vetter (1. Vorsitzender), Siegfried Winkler (2. Vorsitzender) und Reinhardt Schink (Generalsekretär) unterzeichnet wurde, reagiert die Evangelische Allianz am heutigen Freitag auf die Kritik am Video von Inka Hammond und Gaby Wentland:

„Zwar gehört Gaby zum Hauptvorstand der EAD – wie Kommentatoren auf FB bemerken – aber in dem Video hat sie nicht in dieser Funktion gesprochen und die EAD auch nicht erwähnt. […]

Es geht uns nicht primär um die inhaltliche Bewertung des aktuellen US-Präsidenten durch die beiden Sprecherinnen, sondern darum, dass hier ein Mann, den man sachlich kritisieren kann und muss, durch den Anspruch eines „Wortes von Gott“ einer Kritik weitestgehend entzogen wird, da Kritiker den Segen Gottes verlieren würden. Das Video lädt nicht zum Prüfen des prophetischen Wortes ein […], es enthält vielmehr den Absolutheitsanspruch, ein „prophetisches Wort für Deutschland“ zu sein. […] Dennoch teilen wir die Art und Weise, wie in dem Video ein prophetisches Wort weitergegeben wurde, sowohl methodisch als auch inhaltlich nicht.“