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Foto: Wang Xi (Unsplash)

Warum wir Kritik von Atheisten aushalten sollten

Wie viel Toleranz müssen Christen im Gespräch mit Atheisten üben? Auch aus Vorwürfen kann sich ein gutes Gespräch ergeben.

Valerie Schönian (@ValSchnian) hat in der Christ & Welt acht Regeln für Gläubige, die mit Kirchenfernen reden wollen, aufgestellt. Ihr antwortete Hanna Jacobs (@hannagelb) in der folgenden Ausgabe mit einer Bitte um mehr Toleranz für Gläubige („Hört auf, uns zu ärgern!“). Ich kann die Bitte um Toleranz nachvollziehen, aber fehlende Toleranz sollte uns nicht vom Dialog abhalten.

Wer als junger Mensch heutzutage an Gott glaubt und diesen Glauben auch im Alltag lebt, dem begegnen andere oft mit Erstaunen und teilweise auch Unverständnis. Vor allem in Gesprächen mit meinen Kommiliton*innen fällt mir dies auf. Eine Kommilitonin fragte mich, ob die Kreuzkette, die ich oft trage, bedeute, dass ich Christin bin. Als ich das bejahte, war sie sehr erstaunt, weil ich so rational wirken würde . Als ich ihr daraufhin antwortete, dass Rationalität und Glauben sich in meinen Augen nicht ausschließen, lud sie mich ein bei einem Kaffee mal darüber zu reden.

Diskussion bei einem Kaffee

Wir haben dann über eine Stunde lang diskutiert. Ich habe ihr mehr über meinen Glauben erzählt und sie mir mehr darüber, warum sie nicht an die Existenz Gottes glaubt. Das war nur eines von vielen guten Gesprächen, die ich in den letzten zwei Jahren mit Atheisten und Agnostikern geführt habe. Negative Erfahrungen habe ich fast nur bei Onlinediskussionen gemacht.

Warum habe ich überwiegend gute Erfahrungen in Diskussionen mit Nichtgläubigen gemacht? Ich denke, es liegt daran, dass ich ihre Position ernst nehme, mich für ihre Argumente interessiere und über Provokationen auch mal hinwegsehe. Am wichtigsten ist mir aber zu erfahren, wie sie zu ihrer Position gekommen sind.

Manch einer ist ohne Glauben an Gott aufgewachsen und hatte bisher keinen Grund an der Nichtexistenz Gottes zu zweifeln, ein anderer hat seinen Glauben an Gott durch einen Schicksalsschlag verloren, ein anderer hat sich nach negativen Erfahrungen von seiner Glaubensgemeinschaft distanziert und mit der Zeit auch Zweifel an der Existenz Gottes bekommen und wieder andere sind, nachdem sie sich lange Zeit mit Philosophie beschäftigt haben, zu der Erkenntnis gekommen zu glauben, dass es Gott nicht gibt.

Perspektivwechsel

Häufig ist mein Gegenüber dann auch daran interessiert zu erfahren, was ich denn glaube und wie es dazu kam.

Dann erzähle ich, dass ich in einer nicht-christlichen Glaubensgemeinschaft mit dem Glauben an Gott aufgewachsen bin und als Teenager meine Zweifel an der Existenz Gottes bekam. Dass ich mich daraufhin mit den Argumenten von Atheisten beschäftigte, diese einleuchtend fand, aber nach einigen Wochen auch an der Nichtexistenz Gottes meine Zweifel hatte. Ich fand die Vorstellung schön, dass es einen Gott geben könnte. Aber sie überzeugte mich einfach nicht.

Dann lernte ich zwei Jahre später einen jungen evangelischen Christ kennen, der sich in seiner Landeskirche engagierte. Dass man an die Existenz Gottes glaubt, konnte ich noch irgendwie verstehen. Aber dass man als junger Mensch daran glaubt, dass ein Mann namens Jesus vor ungefähr 2000 Jahren auferstanden ist, das fand ich völlig absurd. Also fragte ich ihn nicht gerade freundlich, wie er denn bitte an so etwas Absurdes wie die Auferstehung glauben kann und wie er überhaupt so ein frauenfeindliches und homophobes altes Buch ernst nehmen kann?

Er erklärte mir geduldig und ausführlich, was er glaubt und warum er das tut. Ich lernte, dass er und viele andere Christen nichts gegen gleichgeschlechtliche Paare haben und das auch mit der Bibel begründen, und dass er seinen Glauben mit den Erkenntnissen moderner Naturwissenschaft vereinbaren kann. Nach dem Gespräch glaubte ich nicht plötzlich wieder an Gott, aber mein Bild von Christen hatte sich verändert und meine Neugier war geweckt. Ich bin ihm dankbar, dass er meine provokanten Fragen ausgehalten und beantwortet hat.

Vorwürfe aushalten

Jetzt ein paar Jahre später stehe ich auf der anderen Seite der Diskussionen und bekomme oft zu hören, dass mein Glaube an Gott irrational sei. Am häufigsten aber werde ich auf die (vermeintliche) Homophobie meines Glaubens angesprochen. Am Anfang hat mich das genervt, weil ich stolz bin einer Landeskirche anzugehören, in der gleichgeschlechtliche Paare getraut werden. Mit der Zeit ist mir aufgefallen, dass fast alle Menschen, die mir vorwerfen, mein Glaube sei homophob, erlebt haben, wie sie selbst oder andere Menschen von Christen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert wurden.

Über die letzten Jahrhunderte waren wir Christen in Deutschland in der Mehrheit und weil wir eben nicht nur Heilige, sondern auch Sünder sind, haben viele Christen die Macht auch ausgenutzt, die eine Mehrheitsposition mit sich bringt. Auch weil wir immer noch ein paar Privilegien haben, wie z.B. Feiertage, sollten wir Kritik und Vorwürfe auch mal aushalten.

Manchmal kann sich auch aus Vorwürfen ein gutes, tiefgehendes Gespräch ergeben. Und wenn nicht, dann hat mein Gesprächspartner hoffentlich trotzdem eine gute Erfahrung mit einer Christin gemacht.

Für gute Begegnungen zwischen Christen und Atheisten braucht es vor allem Respekt und Interesse, am besten von beiden Seiten. Das Wichtigste aber ist, dass wir miteinander reden, auch wenn es manchmal nicht gerade einfach und angenehm ist. Es kann außerdem sehr interessant sein etwas darüber zu erfahren, wie mein Gegenüber die Welt wahrnimmt, was die Person glaubt oder eben auch nicht glaubt. Und immer wieder erstaunt es mich, welche tiefgehenden Fragen sich Menschen stellen, von denen man dies nicht erwartet.

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