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Zum Gedächtnis – Die #LaTdH vom 20. August

Heute ist Israelsonntag. Erinnerung kommt aus dem Weitererzählen von Geschichte(n). Die #LaTdH u.a. mit der alten Sau Luther, Antisemitismus hier und in den USA, zwei Predigten und Filterkaffee.

Nach den Terroranschlägen in Spanien und Finnland ist vieles nach wie vor unklar. In Trauerzeiten wie diesen steht der Respekt vor den Opfern und die Anteilnahme mit den Hinterbliebenen im Vordergrund, weshalb diese #LaTdH einen weiten Bogen um alle Spekulationen, Schuldzuweisungen und Gerüchte machen.

Stattdessen …

Debatte

Heute begehen viele Christen in ihren Gottesdiensten den Israelsonntag. Einmal im Jahr stehen das besondere Verhältnis von Juden und Christen, die geteilte (nicht gemeinsame!) Geschichte, das Schicksal des Volkes Israel im Fokus der (evangelischen) Kirche und ihrer Predigten.

Israelsonntag 2017 – Sich besser verstehen: Christsein im Angesicht des Judentums

Einen Überblick über die Arbeitsmaterialien zum diesjährigen Israelsonntag und viel mehr Material aus den vergangenen Jahren bietet die Website des Arbeitsfeldes Kirche und Judentum der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers. Von dort aus lässt sich wunderbar recherchieren. Während der Arbeit an einer Predigt für den Israelsonntag 2015 habe ich eine etwas andere Materialsammlung auf meinem Blog angelegt.

Die Luthersau – Christoph Diekmann (Die Zeit)

An kaum einem anderen Beispiel als an dem der „Judensau“ an der Wittenberger Stadtkirche lässt sich der schwierige Umgang des Protestantismus mit dem Judentum besser studieren. Gegner, Befürworter und – wichtig! – diejenigen, die gegen den durch die Sau vorgetragenen Antisemitismus und trotzdem oder deswegen für den Erhalt des Denkmals sind – also die Mehrheit der Leute vor Ort -, kommen in diesem Artikel von Christoph Diekmann zu Wort. Auch der Dichter der Zeilen, die seit 1988 auf dem Gegendenkmal stehen:

Selbstverständlich muss die Judensau bleiben, sagt Rennert. Sie abzunehmen wäre wie eine Luther-Gesamtausgabe ohne die Schmähschriften. Luthers Ambivalenz ist von tragischer Größe, sie muss ausgehalten werden. Und das Bodenmal wirkt, es wurde schon zweimal geschändet, das hat mich fast gefreut.

Der alte Luther und das moderne Israel – Ricklef Münnich (Jüdische Allgemeine)

Zwar haben sich die Kirchen von ihrem antijudaistischen lutherischen Erbe distanziert, antreten müssen sie es sehr wohl. Ricklef Münnich (@ahavta), selbst Pfarrer in Erfurt, beschreibt die Fortschritte in der jüdisch-christlichen Zusammenarbeit, nicht ohne auch auf eine aktuelle Gefahr (s. Antisemitismus-Debatte in den #LaTdH vom 25. Juni) einzugehen:

Bei der eigenen Sorge um »einen gerechten Frieden für sowohl Palästinenser als auch Israelis« (Ökumenischer Rat der Kirchen) gerät zudem die Abgrenzung von einem muslimischen Antisemitismus, der bei uns heimisch und frech wird, aus dem Blick. Allgemeine Israelkritik gilt hierzulande nicht als Antisemitismus. Doch wer gerade erst die eigene »erbliche Disposition Judenfeindschaft« entdeckt hat, darf diese weder bei sich noch im Islam einfach wegdefinieren, wenn sie sich das modische Kleid der Israelfeindschaft anzieht.

„Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung“

Erinnerung ist Gedächtnisarbeit. Sich erinnern heißt, Geschichte(n) weiterzuerzählen, heißt die Namen und Geschichten der Opfer nicht zu vergessen. An dieser Stelle darum nochmal ein Hinweis auf zwei große Erinnerungsstücke der letzten Wochen:

Navid Kermanis Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte und der Notwendigkeit, sie auch für die Menschen mit Migrationshintergrund und aus jüngeren Generationen weiterzugeben: „Auschwitz morgen“ (FAZ). Die Rede gibt es inzwischen auch auf Youtube zu sehen.

Und Mathias Döpfners Reportage über seine Reise in die ehemaligen Vernichtungslager Nazi-Deutschlands im heutigen Ostpolen: „Bei der ganzen Sache mit den Juden hat man sich gar nichts dabei gedacht“ (Die Welt).

Why the Charlottesville Marchers Were Obsessed With Jews – Emma Green (The Atlantic, englisch)

Auch auf den Protesten in Charlottesville, die zu Beginn dieser turbulenten Woche die Schlagzeilen bestimmten, feierte der Antisemitismus fröhliche Urstände. Amerikanische Zustände im August ’17: Der amtierende Präsident stellt sich an die Seite der Neonazis, Rassisten und Antisemiten.

Nazi websites posted a call to burn their building. As a precautionary measure, congregants had removed their Torah scrolls and exited through the back of the building when they were done praying.
(„Nazi-Websiten riefen dazu auf, die Synagoge niederzubrennen. Als Vorsichtsmaßnahmen hatten Gemeindemitglieder die Torah-Rollen in Sicherheit gebracht und das Gebäude nach dem Gebet durch den Hinterausgang verlassen.“)

Randständiges

Yes, What About the “Alt-Left”? – Dahlia Lithwick (Slate, englisch)

Im verlinkten Artikel kommen viele der Beteiligten an den Gegenprotesten zu Wort und erklären, was sie in Charlottesville tatsächlich getan und gelassen haben, darunter viele Geistliche und christliche Aktivisten. So sieht die „alternative Linke“ aus, die Präsident Trump mitverantwortlich schimpft.

I am a pastor in Charlottesville, and antifa saved my life twice on Saturday. Indeed, they saved many lives from psychological and physical violence — I believe the body count could have been much worse […]
(„Ich bin Pastor in Charlottesville, und die antifaschistischen Gegenprotestanten haben am Samstag zwei Mal mein Leben gerettet. In der Tat: Sie haben viele Leben von psychischer und physischer Gewalt gerettet – Ich glaube, die Opferzahlen wären andernfalls viel schlimmer ausgefallen […]“)

Trump muss kein Nazi sein, und das ist der Punkt – Marina Weisband

Über Trumps Reaktion auf die Nazi-Proteste und den feigen Terroranschlag, der zum Tode von Heather Heyer (#SayHerName) führte, schreibt auch Marina Weisband (Ex-Piratin) und zieht daraus die exakt richtigen Schlüsse. Gefährlich sind nicht nur Nazi-Nazis, die aus ideologischer Verblendung heraus handeln. Gefährlich sind auch diejenigen, die aus anderen Motiven dem Unheil keinen Einhalt gebieten. Neben anderen klugen Dingen schreibt Weisband:

Trump liebt keine Ideologie der Rassenüberlegenheit. Er liebt sich selbst und er klammert sich an alles und jeden, der ihn bestätigt und liebt. Im Moment sind das stramme Nazis. Also pflegt er sie, verteidigt sie, stellt sie ein und füttert sie, bis sie wieder eine relevante Bewegung der amerikanischen Gesellschaft sind, bis sie vielleicht an der Macht sind. Er muss kein strammer Nazi sein, um strammen Nazis die Tür zu öffnen.

„Noch zwei, drei Anschläge. Das mobilisiert unsere Wähler“ – Danijel Majic (Frankfurter Rundschau)

Der Autor Leif Tewes war ein Jahr lang undercover in der AfD unterwegs. Über seine Erfahrungen hat er mit der Frankfurter Rundschau gesprochen:

Gab es einen Moment in diesem einen Jahr in der AfD, der sie wirklich geschockt hat?

Ja, es gab da ein Gespräch mit dem Kreisverbandsvorsitzenden. Das war an dem Tag, als ein islamistischer Attentäter in Stockholm mit einem Lkw in die Fußgängerzone gerast ist und Menschen getötet hat. An dem Tag hatten wir einen Stammtisch in der Umgebung von Frankfurt. Da habe ich den Vorsitzenden gefragt: Sagen Sie mal, die Petry hat jetzt diese Fundi-Realo-Diskussion losgetreten. Schadet uns das nicht bei der Bundestagswahl im September? Da sagte er: Ach wissen Sie was, bis dahin gibt es noch zwei, drei Anschläge. Das mobilisiert dann unsere Wähler.

Mein Dreivierteljahr mit Luther – Achim Landwehr (meinjahrmitluther.wordpress.com)

Prof. Achim Landwehr (@AchimLandwehr) gibt auf. Statt eines vollen Jahres Reformationsjubiläumsbegleitung im Sinne einer kritischen Geschichtskultur macht er nach einem dreiviertel Jahr Schluss, weil er die Nase voll hat.

Landwehr kann man in seiner Diagnose wunderbar recht geben und noch einmal durch die Beiträge seines Themen-Blogs streifen. Auch kommt seine Kritik nicht so hochnäsig daher, wie anderswo „Kulturkritik“ vorgetragen wird. Dennoch: Gehört nicht auch das ständige Neuverfassen von Thesen irgendwie zum kritikwürdigen Reformationskulturkompott?

[…] das Reformationsjubiläum und mit ihm, so meine starke Vermutung, die aktuelle bundesrepublikanische Geschichtskultur in ihrer Gesamtheit, setzt auf Ähnlichkeit und Präsentismus statt auf Irritation durch das Andere des Vergangenen. Vor diesem Hintergrund habe ich versucht, einige Thesen zur Geschichtskultur zu formulieren. Jawohl, ich gebe zu, diese Thesenbildung sollte meine plumpe Verbeugung vor dem Reformationsgeschehen sein.

Children of Catholic priests live with secrets and sorrow – Spotlight (The Boston Globe, englisch)

Den Oscar-Abräumer Spotlight schon mal gesehen? Das Investigativ-Team des Boston Globe recherchiert weiter im katholischen Milieu. Diesmal stehen Kinder von Priestern im Fokus. Eine lange, lohnenswerte Lektüre.

Predigt

Zum Israel-Sonntag gleich zwei Predigthinweise:

Lesepredigt zu Ex 19, 1-8 – Axel Töllner (Arbeitshilfe zum Israelsonntag 2017)

In der Arbeitshilfe (s.o.) gibt es gleich mehrere Auslegungen des diesjährigen Textes und des Leitgedankens „Alles, was der Ewige geredet hat, wollen wir tun.“ (Ex 19,8). Aus der Lesepredigt von Axel Töllner (ab S. 30):

Wenn wir heute mit am Sinai stehen, dann dürfen wir durch Gottes Gnade Seite an Seite neben Jüdinnen und Juden stehen. Vielleicht stehen wir da ganz ähnlich wie die Menschen am 21. März 1965 auf dem Weg von Selma nach Montgomery im US-Bundesstaat Alabama: Auf Fotos vom berühmten Protestmarsch der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung sehen wir Frauen und Männer aller Hautfarben, die sich untergehakt haben, um den Hals haben sie einen Blütenkranz gehängt. Und in der ersten Reihe sehen wir die beiden Freunde Pastor Martin Luther King und Rabbiner Abraham Joshua Heschel. Der eine war ein afroamerikanischer Christ, Nachkomme von Menschen, die Menschenhändler aus Afrika in die Sklaverei verschleppt hatten. Der andere war ein polnischer Jude, der im Deutschen Reich studiert hatte und vor den Nationalsozialisten fliehen musste.

In deinen Toren werd ich stehen (Extended Version) – Predigt zum Israelsonntag 2015 (philipp-greifenstein.de)

Die zweite Predigt stammt aus meiner eigenen Feder, ich habe sie im Jahr 2015 gehalten. Sie ist ein bisschen lang geraten, ich habe mich damals sehr intensiv mit dem Israel-Sonntag auseinandergesetzt, auch weil ich erst nicht sonderlich erpicht war, ihn tatsächlich wahrzunehmen. Die Arbeit an dieser Predigt hat mich eines Besseren belehrt.

Wir erinnern uns heute an eine oft genug getrennte und verletzte Geschichte, die Juden und Christen schmerzvoll teilen. Wir erinnern uns, mit Dankbarkeit und Nachdenklichkeit an all das, was wir als Christen aus dem Judentum geerbt haben. Wir erinnern uns heute aber vor allem unserer gemeinsamen Zukunft, der Verheißungen Gottes. In deinen Toren werd ich stehen, Du freie Stadt Jerusalem. In deinen Toren kann ich atmen, erwacht mein Lied.

Ein schöner Satz

Die @HeiligeJohanna mit einem Plädoyer für ein analogeres, staubigeres Real Life. So hab ich das jedenfalls verstanden.

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