Wichtig ist, gut auseinanderzugeh′n
Der Rückzug von Georg Bätzing vom Vorsitz der römisch-katholischen Deutschen Bischofskonferenz fällt in eine heiße Phase des Kampfes um Reformen. Warum tritt er nicht zur Wiederwahl an? Wer sollte ihm nachfolgen?

Liebe Eule-Leser:innen,
vor ziemlich genau einem Monat, am 21. Dezember 2025, sendete der Deutschlandfunk ein ausführliches „Interview der Woche“ mit Georg Bätzing (hier auch zum Nachlesen), der seit September 2016 Bischof von Limburg und seit März 2020 Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) ist. Gegen Ende des Gesprächs wies DLF-Redakteur Andreas Main darauf hin, turnusgemäß werde Ende Februar 2026 ein neuer DBK-Vorsitzender gewählt – oder der bisherige im Amt bestätigt. Auf die Frage, ob Bätzing für eine zweite Amtszeit zur Verfügung stehe und erneut zur Wahl antrete, entspann sich folgender Dialog:
„Bätzing: Das werden wir sehen. Es ist noch Zeit bis zur Frühjahrsvollversammlung. Beides hat etwas für sich, und da muss man gut überlegen.
Main: Es gibt aber schon Stimmen, sagen wir mal, in informierten Kreisen, die davon ausgehen, dass der nächste Vorsitzende nicht mehr Georg Bätzing heißt. Liegen die falsch?
Bätzing: Die Stimmen habe ich noch nicht gehört.
Main: Sie sind als Moderator und Mittler gewählt worden vor sechs Jahren. Sie haben diese Rolle manchmal verlassen. Könnte es Ihnen auf die Füße fallen, dass Sie die Deutsche Bischofskonferenz nicht zu neuer Einheit führen konnten?
Bätzing: Ja, das ist schon etwas, das lastet auch auf mir, dass wir nicht mit einer Stimme in jeder Frage reden.“
Klarheit in der Frage schuf an diesem Montag dann eine Pressemeldung der DBK, in der aus einem Brief Bätzings an die Mitglieder der Bischofskonferenz zitiert wird:
„Um im Vorfeld gute diesbezügliche Überlegungen zu ermöglichen, möchte ich Euch mitteilen, dass ich für eine erneute Wahl nicht zur Verfügung stehe. Ich habe mich dazu nach Beratung und reiflicher Überlegung entschieden. (…)
Es waren sechs intensive Jahre, in denen wir Bischöfe gemeinsam mit vielen anderen aus dem Volk Gottes einiges bewegen und für eine tragfähige Zukunftsgestalt von Kirche in unserem Land realisieren konnten. Jetzt ist es Zeit, diese für die Arbeit der Bischofskonferenz wichtige Aufgabe in andere Hände zu legen.“
Dass Bätzings Entscheidung zum Rückzug außerhalb der kleinen Bubble römisch-katholischer Insider und journalistischer Beobachter der kirchlichen Szene weitgehend als Überraschung wahrgenommen wird, mag auch daran liegen, dass Ende November 2025 per einstimmigem Beschluss des Synodalen Ausschusses die Satzung der künftigen „Synodalkonferenz“ der römisch-katholischen Kirche in Deutschland verabschiedet, vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) bestätigt und gleichzeitig Irme Stetter-Karp mit großer Mehrheit als Präsidentin des ZdK wiedergewählt wurde.
Alles sah danach aus, als ob sich auch in den nächsten Jahren ein eingespieltes Team, flankiert von Beate Gilles, einer Vertrauten von Bätzing, als erster Generalsekretärin der DBK und Geschäftsführerin des Verbandes der Diözesen Deutschlands (VDD), die Bälle der deutschen Kirchenpolitik zuspielen würde. Zumal der 64-jährige Bätzing noch gut zehn Jahre als Bischof von Limburg vor sich hat.
Bei ihrer Frühjahrsvollversammlung im Februar sollen nun auch die deutschen Bischöfe über die Satzung der geplanten „Synodalkonferenz“ abstimmen, anschließend soll der Text in Rom zur recognitio ad experimentum vorgelegt werden. Derzeit werde „auf weltkirchlicher Ebene versucht, in der Angelegenheit durch gezielte Platzierung von Informationen Druck aufzubauen“, raunt Benjamin Leven bei Communio.
Noch einen Monat vor der DBK-Sitzung findet Ende Januar in Stuttgart die sechste und letzte Synodalversammlung des Synodalen Weges statt. Man könne „großen Respekt vor den ehrenamtlich Engagierten im Synodalen Weg, die in einem ursprünglich auf zwei Jahre angelegten Prozess über sechs Jahre dabeigeblieben sind“ haben, „diesen zu Ende geführt zu haben ist allerdings noch kein Erfolg an sich“, kommentiert Simon Linder in seinem „Standpunkt“ bei katholisch.de.
Gegen die kirchenrechtlich fundierte Einschätzung, es habe sich beim Synodalen Weg um eine erneute Fortschreibung einer „Partizipationssimulation“ gehandelt, wird ebenso unverdrossen eine „pastorale Bilanz“ gezogen, nach der der Synodale Weg „ohne kirchenrechtliche Reformen vorzunehmen, (…) bestehende Strukturen performativ transformiert“ habe.
Matthias Sellmann, Leiter des Zentrums für angewandte Pastoralforschung (ZAP) in Bochum und selbst einer der rund 230 Delegierten des Synodalen Weges, sieht den „Dampfer Kirche“ mitten in einem „Wendeprozess“, auch wenn die Richtungsänderungen noch nicht überall zu spüren seien:
„In den Gemeinden und bei den Gläubigen vor Ort ist nicht viel angekommen. Man konnte in Deutschland in den letzten sechs Jahren sehr engagiert katholischer Christ sein, ohne den Synodalen Weg zu kennen.“
Respekt und Bedauern, Hoffnung und Sorge
Irme Stetter-Karp wies in einer ersten Stellungnahme zu Bätzings Rückzug darauf hin, „insbesondere auf dem Synodalen Weg“ sei der Limburger Oberhirte „ein mit Augenmaß agierender, zugleich zukunftsorientiert vorangehender Vorsitzender (gewesen), mit dem ich im Co-Vorsitz der Synodalversammlungen und im Synodalen Ausschuss sehr gern zusammengearbeitet habe“.
Im Respekt des ZdK über den Rückzug Bätzings schwingt unverkennbar die Sorge mit, ob sich auch sein Nachfolger als „kollegiales, wahrhaftiges und hochengagiertes Gegenüber“ erweisen wird. Der größte römisch-katholische Frauenverband, die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd), äußerte großes Bedauern und dankte Bätzing „für seinen engagierten Einsatz, vor allem im Synodalen Weg (…) oft gegen erheblichen Gegenwind, teils aus den eigenen Reihen wie auch aus Rom“.
Bei „nicht komplett reaktionären Katholik*innen“ werde Bätzings Ausscheiden aus dem Amt mit Hoffnungen und Sorgen gesehen, schreibt Sebastian Weiermann in seinem nd-Beitrag über den „progressiven Kirchenfürst“:
„Hoffnung darauf, dass eine personelle Veränderung in den Gesprächen mit Rom für neuen Schwung sorgen könnte. Sorgen davor, dass ein weniger progressiver Chef der Bischofskonferenz die angedachten Reförmchen wieder umwerfen könnte.“
Die KirchenVolksBewegung „Wir sind Kirche“ sieht Bätzing „angesichts der Machtverhältnisse innerhalb der DBK“ gar „zum Verzicht einer zweiten Amtszeit gezwungen“ und wertet das in einer Pressemitteilung als „herben Rückschlag für die mühsam begonnene Aufarbeitung sexualisierter Gewalt, für alle anstehenden Reformen in der Kirche in Deutschland und besonders für die so dringend notwendigen Reformen, die im Synodalen Weg beschlossen wurden“. Es sei …
„… ein Trauerspiel, wie es den traditionalistischen spalterischen Kräften innerhalb der deutschen Bischöfe gelungen ist, den Synodalen Weg von Anfang an zu bremsen, die Weiterarbeit im Synodalen Ausschuss zu blockieren und jetzt ihre Sperrminorität zu nutzen, eine Wiederwahl von Bischof Bätzing zu verhindern.“
Ähnlich deutlich wurde auch der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller in einem Statement gegenüber der dpa. Bätzing habe unter seinen Bischofskollegen keine Mehrheit mehr gehabt und verzichte deshalb politisch klug auf eine erneute Kandidatur. Sein Versuch, die in Gruppen und Eigeninteressen zerstrittene Bischofskonferenz zu leiten, sei gescheitert:
„Zu den Gründen, warum es ihm nicht gelingen konnte, zählt vorrangig die illoyale Haltung einer kleinen, aber wirkmächtig mit Rom verbundenen Gruppe von reaktionären Bischöfen wie Vorderholzer, Oster und Woelki, die es an jeder mitbrüderlichen Solidarität in für die katholische Kirche in Deutschland schwierigen Zeiten haben mangeln lassen. (…) So wurden sie zu einer Art von ‚Königsmördern‘.“
Der DBK-Vorsitzende habe „viel gewagt und viel eingesteckt“, so Markus Nolte in seinem Kommentar für Kirche + Leben (€). Dass Bätzing zu seinem Rückzug nicht Klartext rede, sei ärgerlich – und typisch: Bei allem Reformeifer halte auch er es „offenbar für unnötig, transparent die Gründe dafür zu benennen, warum er für eine zweite Amtszeit […] nicht zur Verfügung steht“.
Gekämpft, gelitten und zermürbt
Bätzing habe „tapfer gekämpft“ für Reformen in der römisch-katholischen Kirche, attestiert ihm Philipp Gessler in seinem „Nachruf“ für die evangelischen zeitzeichen. Er habe aber „zusehends unter der Zermürbungsstrategie seiner innerkirchlichen Gegner [gelitten], auch wenn er sich das in der Öffentlichkeit mit zusammengebissenen Zähnen kaum anmerken ließ“. Eine Begründung für seinen Schritt sei in der öffentlichen Erklärung tatsächlich kaum zu finden:
„Aber wer zwischen den Zeilen zu lesen bereit ist, erkennt, dass der 64-jährige Theologe am Ende einfach genug hatte von dieser Leitungsaufgabe in der römisch-katholischen Kirche der Bundesrepublik, und dass er offenbar auch nicht mehr glaubte, das durchsetzen zu können, was er für wichtig hält. (…)
Die letzten Signale aus dem Vatikan, nicht zuletzt die Informationen, wen der Papst zur Beratung dieser Frage trifft oder eben nicht trifft, lassen nichts Gutes für den Reformprozess in Deutschland erahnen. Auch dies ist sicherlich ein Grund, weshalb Bätzing nun für sich die Reißleine gezogen hat. Dies ist nicht unbedingt als ein ‚Macht euren Sch… alleine‘ zu verstehen – aber sehr weit entfernt davon ist das auch nicht.“
Gegen einen Wechsel beim DBK-Vorsitz hat Daniel Deckers von der FAZ nichts einzuwenden. Zügige Wechsel entsprächen zudem „dem ungeschriebenen Willen der römischen Kurie, durch regelmäßige Wechsel an der Spitze jeden Versuch im Keim zu ersticken, dass sich so etwas wie regionaler Eigensinn entwickeln könnte, von Selbstbewusstsein gar nicht zu reden“. In seinem Kommentar teilt der frühere Fanboy von Kardinal Lehmann kräftig aus: Bätzing habe sich …
„… in Deutschland wie im Vatikan Seite an Seite mit Aktivisten aus den Reihen des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) für eine innerkirchliche Reformagenda verkämpft, deren theologischer Gehalt ebenso dürftig ist wie ihre gesellschaftliche Relevanz. Entsprechend klein ist die Lücke, die er hinterlässt.“
Bätzing sei es „nicht hinreichend gelungen, seine Brüder zu vereinen“, stellt Domradio-Chefredakteur Renardo Schlegelmilch in seinem Beitrag für den Sender des Erzbistums Köln fest:
„Der Konflikt geht so weit, dass mehrere Bischöfe, die dem Synodalen Weg gegenüber kritisch eingestellt sind, ihre Mitarbeit beim Reformdialog aufgekündigt haben. Insofern ist es nur konsequent und zu respektieren, dass Bätzing nun den Weg für einen Nachfolger freimacht, der andere Akzente setzen mag,“
Der Verzicht auf eine zweite Amtszeit verweise auch auf Defizite im Umgang mit dem Vatikan, meint Mario Trifunovic in seinem „Standpunkt“ für katholisch.de. Bätzing fehlten dort Rückhalt und eine stärkere Vernetzung. Der Rückzug Bätzings wirke …
„… nicht wie ein Schlussstrich, noch weniger wie eine Niederlage oder ein nüchternes Resümee. Vielmehr wie die bewusste Übergabe in neue, frische Kräfte. Mit dem bevorstehenden Abgang des Apostolischen Nuntius Nikola Eterović aus Berlin könnten sich zudem neue Konstellationen ergeben – und möglicherweise auch neue Wege zu mehr Rückhalt aus Rom.“
Spekulationen über eine mögliche Nachfolge Bätzings gebe es auch im Vatikan, berichtet Ludwig Ring-Eifel für die KNA, verbunden mit der Hoffnung auf einen Neuanfang in einer Bischofskonferenz, die aus römischer Sicht als besonders konfliktgeladen gilt. Papst Leo XIV. könnte sich auch ganz persönlich um eine „Überwindung der Risse“ in der deutschen Kirche kümmern, das würde gut in sein „Pontifikat der Entpolarisierung“ passen. Ein Wunschkandidat des Vatikans müsste „eine ‚Syntonie‘, also ein Gleichklang, mit der Kirchenvision des jetzigen Papstes“ mitbringen.
„Kommt jetzt der Kanzler-Kaplan?“
So fragt Patrik Schwarz in seinem Text für die ZEIT-Beilage „Christ & Welt“. Dass Udo Markus Bentz, der noch nicht einmal zwei Jahre als Metropolit der Erzdiözese Paderborn im Amt ist, von ihm als „Heimatbischof“ und „Hauskaplan von Familie Merz“ bezeichnet wird, wirkt jedoch überzogen. Bei der Bätzing-Nachfolge sieht Schwarz auch noch den Essener Oberhirten und DBK-Militärbischof Franz-Josef Overbeck in einer Favoriten-Rolle. Egal, für wen sich die 60 Bischöfe und Weihbischöfe aus den 27 deutschen Bistümern entscheiden, der neue Papst biete einem künftigen DBK-Vorsitzenden durchaus Chancen:
„Als relativ junger Pontifex hat Leo – gute Gesundheit vorausgesetzt – womöglich ein Pontifikat von zehn, fünfzehn oder gar zwanzig Jahren vor sich. Damit wird ihm mit einiger Wahrscheinlichkeit auch die Schlichterrolle im Zentralstreit des organisierten deutschen Katholizismus zukommen, bei der Frage also, wie viel Beteiligung und Entscheidungsmacht den einfachen Gläubigen in Zukunft zukommen soll.“
In der Augsburger Allgemeinen blickt Daniel Wirsching zurück auf den Start des bisherigen DBK-Vorsitzenden vor sechs Jahren:
„Als Georg Bätzing in Mainz zum Nachfolger des Münchner Kardinals Reinhard Marx an die Spitze der Deutschen Bischofskonferenz gewählt worden war, galt das als Zeichen der Kontinuität. Er solle, so die Erwartung, den eingeschlagenen Reformkurs fortsetzen, wenngleich in einer mehr vermittelnden Art.
Sein Nachfolger steht vor einer ähnlichen, allerdings deutlich schwieriger gewordenen Aufgabe. Der Streit zwischen Reformern und Bewahrern über den Kurs der Kirche in die Zukunft hat Gräben vertieft, auch und gerade in der Bischofskonferenz. Gefragt sein dürfte demnach ein Vermittler und moderater Reformer. Im Grunde einer wie Papst Leo XIV.“
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Ein schönes Wochenende wünscht
Thomas Wystrach
Ein guter Satz
„Rom ist kein Gegner.“
– Bischof Georg Bätzing zur Frage, warum die Kirche Reformen braucht
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