Gute Nachrichten für die Vielfalt
Zwei neue Veröffentlichungen laden zum Nachdenken über Gender und Queerness ein: Gute Beispiele für the*logisches und kirchliches Engagement für Vielfalt.
Es gibt sie noch, die guten Nachrichten. Trotz Iran-Krieg. Trotzdem Menschen töten und Drohnen und Bomben bauen /steuern / programmieren. Trotz immer neuer Hiobsbotschaften beim Vorgehen gegen die Klimakrise, die von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) produziert werden. Trotzdem die AfD bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg ihr Ergebnis im Vergleich zur Wahl zuvor verdoppeln konnte.
Oder zwei andere, deutlich weniger prominente Beispiele: Der Migrant Gender Pay Gap, der Lohnunterschiede zwischen nicht-migrierten Männern und Migrant*innen ermittelt, beläuft sich auf 30%, bei geflüchteten Frauen auf 36%. Und im immer noch jungen Jahr 2026 verübten in Deutschland bereits 45 Täter (versuchte) Femizide.
Gute Nachrichten sind rar gesät und im Moment wirklich nicht in der Mehrheit, aber: Es gibt sie. Auf zwei Beispiele für gute Nachrichten möchte ich hinweisen. Beide Male geht es um Veröffentlichungen:
Der Aufsatzband „In aller Vielfalt“, in dem Neutestamentler*innen sich mit „Geschlechter[n], Sexualitäten, Beziehungsformen im Neuen Testament und seinen Kontexten“ befasst haben. Das Buch ist im Open Access erschienen und kann kostenfrei heruntergeladen werden. Und die Arbeitshilfe „Ich möchte einfach Mensch sein“ für „eine gendersensible und queerfreundliche Praxis in der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers“ (hier zum Download).
Welche Beziehungsmodelle tauchen in der Bibel auf, werden „gesegnet“ oder als gut bzw. schlecht angesehen? Wie wird in der Bibel über Geschlechtlichkeit und Gender gesprochen? Über Fragen der L(i)ebensformen in der Bibel tobt ein weltweiter Kampf zwischen Christ*innen, der nicht allein ein Wettstreit der exegetischen Disziplinen der Theologie ist, sondern vielfach mit Gewalt und Diskriminierung geführt wird, Gemeinden und Kirchen zerrüttet bis hin zur Trennung.
Umso wichtiger ist es, die Bibel und hier genauer: das Neue Testament nicht jenen christlichen Akteur*innen zu überlassen, die heute (vermeintlich) eindeutige queerfeindliche Antworten formulieren.
L(i)ebensformen in neutestamentlichen Perspektiven
Mit „In aller Vielfalt“ legen die Herausgeberinnen Tanja Forderer, Christine Gerber, Ulrike Kaiser und Silke Petersen „Einspruch“ ein „gegen die Inanspruchnahme des Neuen Testaments zur Propagierung bestimmter Familienkonzepte als gottgewollt“ (S. 3) und widersprechen „der Behauptung, die komplementäre Zweigeschlechtlichkeit des Menschen und die Ehe zwischen Mann und Frau seien überzeitliche Tatsachen und folgten der ‚Schöpfungsordnung‘ Gottes seit Adam und Eva“ (ebd.).
Der Aufsatzband korrigiert die (beispielsweise) vom Heidelberger Professor für Neutestamentliche Theologie, Matthias Becker, vorgelegte Deutung des neutestamentlichen Befundes zu L(i)ebensformen (s. meine „Sektion F“-Kolumne vom Februar 2024). Becker setzt neutestamentliche und gegenwärtige L(i)ebensverhältnisse mehr oder weniger in eins und spricht sich daher gegen eine pluralitätsoffene christliche Sexualmoral aus.
Christ*innen heute seien, so Becker, in einer ähnlichen Situation wie ihre Glaubensgeschwister damals, „[d]a es sexuelle Vielfalt und plurale Lebensformen im 1. Jahrhundert in vergleichbarer Form im Römischen Reich gab“. Angesichts „der Pluralität von Lebensformen und der sexuellen Vielfalt seiner Entstehungszeit“ trete das Neue Testament allerdings „nur für die monogame Ehe zwischen einem Mann und einer Frau, für daraus entstehende Familien sowie für die auf Sexualität verzichtende Ehelosigkeit [ein]“. „Im Kern“ gehe es bei der Frage nach der bevorzugten bzw. erlaubten L(i)ebensformen „um Gotteslehre und Christologie“, ist sich Becker sicher und fragt: „Weshalb sollte sich in der aktuellen Situation der Pluralität an diesem Grundsatz etwas geändert haben?“*
Gegen solche Verkürzungen und Vereinnahmungen treten die Autor*innen von „In aller Vielfalt“ mit exegetischer und theologischer Expertise an. Die Herausgeberinnen formulieren in ihrer Einleitung:
„Eine Ehe war in der Antike hierarchisch und, was sexuelle Exklusivität betrifft, asymmetrisch konzipiert. Die heute idealisierte Vater-Mutter-Kind-Familie gab es in der Zeit des Neuen Testaments nicht. […] Die exklusive eheliche Einheit von Mann und Frau war […] für eine beträchtliche Zahl der Christusglaubenden kaum lebbar, denn Sklav*innen hatten gar nicht die Möglichkeit, sich aus eigenen Stücken für eine Ehe zu entscheiden.“ (S. 3)
In den Aufsätzen sind Expertisen zu Geschlecht, Körper, Sklaverei, Sexualität und L(i)ebensformen im Neuen Testament, aber auch zu gegenwärtigen Fragestellungen versammelt, wie zur Frage, welche Relevanz biblische Texte für gegenwärtige Ethik haben können. Ja, es handelt sich um ein the*logisches Fachbuch mit Fußnoten etc., aber es ist die aufmerksame Lektüre wert! Die Aufsätze gewähren Einblicke in die Vielfalt innerhalb des Neuen Testaments, aber auch darauf, was und was nicht aus diesen Befunden abgeleitet werden kann.
Für eine neue Praxis in der Kirche!
Die zweite Veröffentlichung, auf die ich hinweisen möchte und die ebenfalls digital allen interessierten Leser*innen kostenfrei zugänglich ist, ist die neue Arbeitshilfe „Ich möchte einfach Mensch sein“ der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Die Landessynode hatte eine solche Arbeitshilfe beauftragt. In der Redaktion wirkten Theodor Adam (queersensible Seelsorge), Cornelia Dassler (Gleichstellungsbeauftragte), Susanne Paul (Evangelische Frauen* Hannover) und Sonja Thomaier (queersensible Seelsorge) mit.
Herausgekommen ist ein 200 Seiten starkes Heft, das grundsätzliche Informationen zu Geschlecht und Geschlechtervielfalt aufschlüsselt, Kommunikationshilfen teilt, aber auch ganz konkrete Praxisvorschläge bzw. -tipps für die Jugendarbeit, den G*ttesdienst und weitere kirchliche Handlungsfelder versammelt. In der Arbeitshilfe wird ebenfalls festgehalten, dass es bei einer queersensiblen kirchlichen Praxis am Ende auch um Demokratiebildung geht, die sich im interreligiösen und interkulturellen Kontakt verortet. Dafür sind auch the*logische Aufbrüche nötig, die ebenfalls skizziert werden.
Nur weil die Arbeitshilfe lokal „für“ Hannover verfasst wurde, heißt es natürlich nicht, dass die Arbeitshilfe anderswo nicht eingesetzt werden könnte! Die Mühe, Kraft und Expertise, die in die Erstellung geflossen sind, können vermutlich auch nicht überall in unseren Kirchen (noch einmal) eingesetzt werden. Der Arbeitshilfe ist eine weite Verbreitung innerhalb unserer Kirchen zu wünschen!
Weil sowohl die Arbeitshilfe als auch der Aufsatzband „In aller Vielfalt“ online und ohne Bezahlhürden zur Verfügung stehen, können sie über ihren jeweiligen „Ort“ Hannoversche Landeskirche oder Neutestamentliche Wissenschaft hinaus strahlen! Und das ist bei allen schlechten Nachrichten in der Welt, die uns in den Nachrichten und auf Social-Media-Plattformen mal näher oder ferner rücken und drücken immerhin etwas:
Da gibt es Menschen, die sich auf den Weg und ihre Expertise zugänglich gemacht haben. Damit arbeiten sie an einer Kirche und The*logie mit, die nicht dem Hass und der queerfeindlichen Hetze Platz machen. Und das macht Mut weiterzumachen bei allen Aussichtslosigkeiten, die diese Welt und Zeit mit sich bringen!
Alle Ausgaben der Kolumne „Sektion F“ von Carlotta Israel hier in der Eule.
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* Zitiert nach Matthias Becker: „Ehe, Familie und Agamie. Die Begründung von Lebensformen angesichts gesellschaftlicher Pluralität im Neuen Testament und heute“, Tübingen 2023, S. 173 f.
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