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Feste glauben!

Was bleibt vom Katholikentag 2026 in Würzburg? Das Echo auf das größte Treffen von Christ:innen in diesem Jahr ist sehr positiv. Kann das Glaubensfest der Kirche Schwung geben?

Thomas Wystrach

Liebe Eule-Leser:innen,

am vergangenen Sonntag ist der 104. Katholikentag in Würzburg zu Ende gegangen. Am größten christlichen Treffen Deutschlands in diesem Jahr haben mehr als 70.000 Menschen teilgenommen, über fünf Tage lang wurden 900 Veranstaltungen angeboten. Nicht nur bei den Veranstaltern, dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und dem Bistum Würzburg, sondern auch in den Medien fällt die Bilanz durchweg positiv aus.

„Hab Mut, steh auf!“ – so hieß das Leitwort des Katholikentages. Das Zitat aus der Geschichte im Markusevangelium, in der Jesus dem blinden Bartimäus begegnet, habe sich nicht nur als „perfekt slogan-tauglich“ erwiesen, meint Paul Kreiner in seinem Kommentar bei Publik-Forum, sondern gebe auch den „Geist des Treffens“ selbst präzise wieder:

„Würzburg 2026 war ein Glaubensfest des entschlossenen Widerstands gegen Zukunftsangst und Defätismus. Eine fröhliche Selbstvergewisserung – und gleichzeitig recht unbequem.“

Auch für Philipp Gessler hat sich das Motto als „recht günstig erwiesen“, um den Weg des deutschen Katholizismus „raus aus der Tristesse“ zu begleiten, schreibt er bei den zeitzeichen:

„Der Katholikentag ist häufig ein Gradmesser für die zumindest gefühlte Situation in der katholischen Kirche Deutschlands insgesamt: Die rund anderthalb Jahrzehnte der Niedergeschlagenheit und der Scham seit Beginn der so dringend nötigen Aufarbeitung des jahrzehntelangen Missbrauchsskandals hierzulande scheinen langsam einer besseren, ja vielleicht gar einer leichten Aufbruchsstimmung zu weichen.“

Das alle zwei Jahre stattfindende Glaubensfest habe sich wie der Evangelische Kirchentag zu einem „wichtigen Diskussionsort der Zivilgesellschaft“ entwickelt:

„Fast nur noch dort kann um die Zukunft des Landes ohne Schaum vor dem Mund und auf höchstem Niveau gestritten werden. Zugleich könnten Kirchentage, ob evangelisch oder katholisch, zunehmend zu einem closed shop verkommen.“

Relevanz und Selbstbeschäftigung

Dass die Teilnehmer:innen insbesondere für die Übernachtungskosten tief in die Tasche greifen mussten, kritisiert auch Benjamin Lassiwe in seinem Kommentar für die Herder Korrespondenz und unterbreitet dem ZdK gleich auch ein paar konkrete Vorschläge für zukünftige Katholikentage, etwa einen kompakteren Programmaufbau, eine Kooperation mit einem Reiseveranstalter sowie überhaupt einen längeren zeitlichen Vorlauf bei der Planung:

„Perspektivisch jedenfalls wird es nicht mehr ausreichen, darauf zu hoffen, dass die Dauerteilnehmer eines Katholikentags dazu bereit sind, jeden noch so exorbitanten Preis für ihre Teilnahme zu bezahlen. Die Veranstalter müssen den Teilnehmern auch organisatorisch entgegenkommen, sollen die Christentreffen eine Zukunft haben.“

„Hab Mut, steh auf – und geh hinaus.“ – so würde Ludger Möllers das Motto des Katholikentages gerne ergänzen. In seinem Beitrag für die Schwäbische Zeitung würdigt er das Treffen als „Signal dafür, dass Kirchen in Deutschland noch längst nicht erledigt sind– auch wenn viele sie schon abgeschrieben haben“. Die Zeit der „Selbstbeschäftigung“ einer Kirche, „die nur noch um sich selbst kreist“, müsse vorbei sein. Ein stärkeres gesellschaftliches Engagement sei wieder gewünscht:

„Denn Christen werden gebraucht. Vielleicht mehr denn je. In einer Gesellschaft, die zunehmend polarisiert, orientierungslos und erschöpft wirkt, braucht es Menschen, die Verantwortung übernehmen, die Würde verteidigen, die Hoffnung glaubwürdig vertreten. Genau darin liegt die eigentliche Stärke des Christentums – nicht in Macht, nicht in Privilegien, sondern in einer Haltung.“

Auch Felix Neumann stellt in seiner Bilanz bei katholisch.de fest, es sei zu bemerken, wie der Katholikentag in Zeiten politischer Unsicherheit an gesellschaftlicher Relevanz gewinnt:

„Nicht unbedingt durch seine Strahlkraft nach außen. Aber als Debattenort nach innen – und als Ort, wo die sozial engagierten Katholiken sich als überzeugte Demokratinnen und Demokraten angesichts einer wachsenden rechtsextremen Bedrohung gegenseitig stärken können. Dafür stehen vielfrequentierte Orte wie die zur ‚Demokratiekirche‘ umfunktionierte zentrale Marienkapelle, aber auch viele Podien, die sich mit den gesellschaftlichen Herausforderungen durch Krisen, Populismus und Extremismus widmeten.“

„Der Vorhang zerreißt“

Christoph Fleischmann geht in Publik-Forum einer wenig beachteten Personalie nach. Bernardo Johannes Bahlmann, Bischof von Óbidos in Brasilien, der Partnerdiözese des Bistums Würzburg, hatte kurzfristig eine Eucharistiefeier mit Gastgeber-Bischof Franz Jung sowie zwei weitere Veranstaltungen beim Katholikentag abgesagt.

Gegen den aus dem Münsterland stammenden Franziskaner Bahlmann seien bereits im Jahr 2022 Vorwürfe erhoben worden, er unterstütze eine „Kultur des Schweigens und Vertuschens“ von Missbrauch. Drei römisch-katholische Hilfswerke aus Deutschland (Adveniat, Misereor und Sternsinger) haben ihre Unterstützung offenbar schon damals eingestellt, dem ZdK seien die Vorwürfe zum Zeitpunkt der Programmplanung unbekannt gewesen, heißt es.

Die Kölner NGL-Band „Ruhama“, seit vielen Jahren auch bei den Hauptgottesdiensten von Katholikentagen musikalisch beteiligt, hat in Würzburg zusammen mit dem Medienhaus CORRECTIV das Kirchenlied „Der Vorhang zerreißt“ veröffentlicht. Motiviert von der Recherche „Akten des Missbrauchs“ haben Thomas Laubach (Text) und Thomas Quast (Musik) den Song geschrieben. Alle Kirchen und Gemeinden seien eingeladen, das Lied in Gottesdiensten, Andachten und Veranstaltungen zu singen. Noten und Text stehen zum kostenlosen Download zur Verfügung, auf Youtube gibt es auch ein Video.

Synodalität in Würzburg und Rom

Auch beim Katholikentag war spürbar: Die römisch-katholische Kirche in Deutschland wartet auf den nächsten Schritt aus dem Vatikan in Sachen der geplanten Synodalkonferenz. Bekommt das Nachfolgegremium des Synodalen Weges mit einer römischen recognitio doch noch eine Chance? Wird es weitere Korrektur-Forderungen aus Rom geben? Oder gar das endgültige Aus?

Schon bei der letzten Synodalversammlung im Januar 2026 stand die Frage im Raum, was das jahrelange synodale Tagen wirklich gebracht, ob sich das Engagement überhaupt gelohnt habe. Im Theologischen Feuilleton feinschwarz denkt die Pastoraltheologin Katharina Karl, die mit der Evaluation des Synodalen Weges beauftragt war, über „Sinn, Grenzen und Umsetzungsperspektiven einer Prozessanalyse“ nach:

„Der Synodale Weg war ein Experiment, das Erfolgsmomente und Schwachstellen aufzeigt. Seine Evaluation jedoch erfüllt nur dann ihren Sinn, wenn auch eine Umsetzung ihrer Erkenntnisse geplant und strukturell mitgedacht wird. Was macht also eine Synodalkonferenz aus den Ergebnissen? Werden sie diskutiert? Wird ein Setting geschaffen, an einer ‚Kultur des Hörens‘, am Fremdverstehen und an einer kirchlichen Streitkultur zu arbeiten?“

In Würzburg selbst prallten wieder einmal unterschiedliche Vorstellungen von Synodalität aufeinander. Der von Papst Leo XIV. zum Katholikentag entsandte Kardinal Mario Grech, Generalsekretär der römischen Weltsynode, hielt einen Impulsvortrag über „Synodalität als Strukturprinzip der Kirche“ und lobte die „Symphonie der Gemeinschaft“, wurde dann aber von der Theologiestudentin Finja Miriam Weber, die selbst Mitglied der Synodalversammlung war, herausgefordert:

„Es ist ein schönes Bild vom Orchester, aber mich würde interessieren, wer der Dirigent ist? Wie verteilen wir die Instrumente, wer spielt welches Instrument? Darf wirklich jeder oder geben wir vor, dass gewisse Instrumente von nur gewissen Ämtern gespielt werden können? Dann ist es völlig klar, dass ich als Frau nicht jedes Instrument spielen darf – nur weil ich eine Frau bin.“

Diesen entscheidenden Moment der Veranstaltung diskutieren im Rückblick auf den Katholikentag 2026 im „Eule-Podcast“ auch Eule-Redakteur Philipp Greifenstein und Podcast-Host Michael Greder.

In dieser Woche hat der Vatikan nun Leitlinien für die weitere Umsetzung der Weltsynode veröffentlicht. Im nächsten Jahr soll eine neue Phase des weltweiten synodalen Prozesses beginnen. Zunächst ist vorgesehen, dass die einzelnen Bistümer ihre Erfahrungen mit der Umsetzung des Abschlussberichts von 2024 schildern. Anschließend sollen die nationalen Bischofskonferenzen die Berichte aus ihren Diözesen sammeln und eine „theologisch-pastorale Deutung“ des bisherigen Wegs verfassen. Für 2028 sind dann auf kontinentaler Ebene Versammlungen geplant, die gemeinsame Prioritäten und Ausrichtungen in einem Bericht vorlegen sollen. Daraus soll ein Arbeitsdokument für die finale „Kirchliche Versammlung“ im Herbst 2028 im Vatikan erstellt werden.

In seinem „Standpunkt“ bei katholisch.de sieht Thomas Arnold nun die Chance, endlich die Stränge der Prozesse in Rom und Deutschland zu verbinden – und neue Perspektiven zu entwickeln:

„Unabhängig von der Frage einer Recognitio der Satzung einer Synodalkonferenz in Deutschland sollte jetzt von den Trägern in Deutschland und im Vatikan jede Mühe aufgewandt werden, die Stränge der verschiedenen Prozesse zu einem künftigen Miteinander von Laien und Bischöfen in der katholischen Kirche zusammenzuführen. Es ist eine entscheidende Gelingensbedingung, den zuletzt erlebten Aufbruch von Würzburg fortzuführen und eine neue Option gelebten Glaubens der Kirche in Deutschland zu entfalten.“


Aktuell im Magazin

Durch das Dunkel hindurch – Philipp Greifenstein

In der Eule-Analyse des Katholikentages 2026 schreibt Philipp Greifenstein darüber, was aus Würzburg für zukünftige Kirchen- und Katholikentage gelernt werden kann:

„Wie auch schon in Erfurt und vor allem bei den evangelischen Kirchentagen der vergangenen Jahre ließ sich in Würzburg eine Veränderung in der Struktur der Veranstaltungen beobachten: Viele Besucher:innen wollen sich als aktive Teilnehmer:innen in kleineren Gesprächsrunden einbringen. Mit der „Demokratiekirche“, zahlreichen „Fishbowl“-Runden und Workshops bediente der Katholikentag diese Nachfrage. Zum Teil fanden sich auch prominente Politiker:innen, wie beispielsweise die Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Karin Prien (CDU), in solchen Konstellationen wieder.“

Eule-Podcast (59): Hab Mut, hör hin!

Michael Greder und Philipp Greifenstein schauen im „Eule-Podcast“ auf den 104. Katholikentag 2026 mit „Kirchenmeile“, Kanzler und ohne Gesang zurück. Angesichts des Besuchs von Kardinal Grech in Würzburg gehen die beiden auch der Frage nach, was der Katholikentag eigentlich auf dem Weg zu Reformen in der römisch-katholischen Kirche bedeutet.

Wir wollen aufstehn – „Splitter“ vom Katholikentag 2026 (Teil 1)

In Würzburg diskutierte Elke Büdenbender über Polarisierung, Bischof Gerber präsentierte seine Suhrkamp-Bibliothek und Jugendliche reichten PolitikerInnen den Kochlöffel. Philipp Greifenstein mit einigen Eindrücken von den ersten beiden Tagen des Katholikentages, der als „Oase der Gleichgestimmtheit“ seine Berechtigung habe.

„Du auch hier?“ (Louis Berger)

Die Empfänge der Parteien auf Kirchen- und Katholikentagen gelten als sagenumwobene Black Boxes. Wer hinhöre, lerne viel über die religionspolitische Gegenwart des Landes. Alles halb so wild, meint Louis Berger:

„Missbrauchsskandale und eine zunehmende lebensweltliche Entfremdung haben dazu geführt, dass Politiker*innen heute spürbaren Abstand zu den Kirchen halten.

Umso bemerkenswerter ist es, dass sich fast alle politisch relevanten Parteien in Würzburg präsentieren. Für die „Funktionselite“ von Kirchen- und Katholikentagen, für Verbands- und Kirchenvertreter*innen ebenso wie für Journalist*innen, bieten diese Empfänge nicht nur Gelegenheit, nach einem langen Tag etwas Ordentliches zu essen und zu trinken, sondern auch zum Wiedersehen und zum sprichwörtlichen Netzwerken. Und was dort gesagt wird, erzählt einiges über die religionspolitische Gegenwart der Bundesrepublik.“


Du erreichst uns z.B. per E-Mail oder über die verschiedenen Kommentarfunktionen, auf Mastodon, Facebook und Instagram sowie Bluesky.

Ein schönes Wochenende und frohe Pfingsttage wünscht
Thomas Wystrach


Ein guter Satz

„Vielleicht wäre das schon eine Revolution: dass die amtliche Kirche nicht mehr hauptsächlich versucht, ihre eigene Kirchen-Ordnung zu retten. Sondern ihren Schatz wiederfindet: die Neugier auf Menschen. Die Komplizierten. Die Erschöpften. Die mit den zwei Jobs wegen der teuren Miete.“

— Peter Otten zum Motto des Katholikentages 2026


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