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Bild: "yeet"-Kanalwerbung (GEP)

Alarm im Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik

Das Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP) ist der publizistische Arm der EKD und muss dieser Tage an mehreren Fronten um die eigene Zukunft kämpfen.

Das Telefonat mit Denis Krick endet abrupt. Durch die Büros des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik (GEP) hallt am Mittwochvormittag ein Feueralarm. Die Kolleg*innen warten schon vor der Tür auf Krick, der seit Anfang des Monats Leiter Digitale Kommunikation beim GEP ist. Dieser Tage kämpfen er und seine Kolleg*innen gleich an mehreren Fronten.

Bis 2024 muss das GEP 1,9 Millionen Euro sparen. Und das ist nur die erste Sparrunde. Die Vorgaben dazu kommen vom Eigentümer des Gemeinschaftswerks, der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Von dort fließen jedes Jahr 12 Millionen Euro in Richtung GEP. Das entspricht gut 60 % des Etats, den Rest müssen die verschiedenen Medienmarken des Hauses selbst erwirtschaften. Angesichts des Medienwandels und interner Vorgaben kein leichtes Geschäft.

Die EKD muss sparen, weil die Zuweisungen der evangelischen Landeskirchen sinken werden, die hauptsächlich ihren Haushalt füllen. Nicht erst 2060, sondern jetzt, ab sofort, unverzüglich. (Vielleicht mit etwas Verzögerung, wie EKD-Finanzer Andreas Barner auf der EKD-Synode schilderte.) Darum wird nun flächendeckend eingespart, nach Quote und – so Kritiker*innen – mit wenig Verstand. Denn statt stärker zwischen wichtigen Zukunftsaufgaben und verzichtbaren Engagements zu unterscheiden, erschwischt das Spardiktat alle kirchlichen Aufgaben gleichermaßen. Ein prominentes Opfer dieses Vorgehens könnte nun die Evangelische Journalistenschule (ejs) in Berlin werden.

Evangelische Publizistik zwischen Kirchen-PR und gesellschaftlichem Engagement

Wie dieser Tage öffentlich wurde, soll es an der ejs keinen weiteren Ausbildungsgang für junge Journalist*innen geben. Dagegen wehren sich die Alumni der ejs zum Beispiel mit einem Offenen Brief, den das Who’s who des deutschsprachigen Journalismus unterzeichnet hat. Gerade in Zeiten von Fake News brauche es Journalist*innen-Ausbildung von hoher Qualität, meinen die Unterstützer*innen. Nicht zuletzt zeigt die Berichterstattung rund um Terroranschläge wie in Hanau, dass Bedarf nach ethisch reflektiertem Journalismus besteht.

Das sieht auch die EKD-Führung so. Die ejs-Retter*innen erinnern dieser Tage an eine Wortmeldung des Ratsvorsitzenden Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, nach der Qualitätsjournalismus angesichts digitaler Medien und Algorithmen wichtiger sei als je zuvor. Aus der Binnenlogik von GEP und EKD aber erschien die Kürzung bei der ejs sinnvoll. GEP-Direktor Jörg Bollmann möchte die Einsparungen gerne sozialverträglich hinbekommen. Zwei Stellen bei der ejs werden nächstes und übernächstes Jahr ohnehin durch den Renteneintritt ihrer Inhaber*innen frei, sie einfach nicht nachzubesetzen galt darum als elegante Lösung.

Sich mit der Journalismus-Blase der Republik anzulegen, war aber doch keine gute Idee. Der Protest der ejs-Retter*innen richtet sich an den Rat der EKD, der kommenden Donnerstag zusammenkommen wird. Die Finanzierungslücke ist mit 500 000 € nicht unendlich groß und vielleicht finden die Ratsmitglieder ja doch irgendwo ein paar Heller und Pfennige, die sie für die ejs locker machen wollen. Ohne eine Reform der Journalist*innen-Ausbildung aber wird das kaum möglich werden.

Unter dem Spardiktat wird in den evangelischen Kirchen stärker gefragt, was man denn von all dem wichtigen gesellschaftlichen Engagement habe. Die evangelische Publizistik operiert stets im Spannungsfeld zwischen PR, die binnenlogisch dringend geboten ist, und Journalismus, der vor allem dann gelobt wird, wenn man selbst nicht in den Fokus kritischer Berichterstattung gerät. Dozent*innen, Absolvent*innen und Studierende der ejs rühmen sich der Unabhängigkeit von den Kirchengranden, die in den 25 Jahren seit Gründung der Journalistenschule immer wieder behauptet wurde. Es geht also nicht allein ums Geld, sondern um die Beantwortung der Frage, welchen Nutzen die evangelischen Kirchen aus der Journalist*innen-Ausbildung an einer eigenen Schule ziehen.

Ein Blick über den evangelischen Tellerrand könnte hier inspirieren: Die Katholische Journalistenschule ifp in München bietet zum Beispiel einen Lehrgang zur Fachjournalist*in für Religionsfragen an und vernetzt ihre Absolvent*innen in einem umtriebigen Ehemaligenverein. Daneben werden in der Gesellschaft Katholischer Publizisten (GKP) vor allem katholische Journalist*innen eingebunden.* Eine engere Kooperation oder gar eine Fusion zu einer Ökumenischen Journalistenschule wird jedoch nicht nur positiv bewertet. Den katholischen Kolleg*innen wird von einigen ejs-Retter*innen genau jene Kirchendistanz abgesprochen, die für das eigene Haus stilbildend sei.

„yeet“ – Auftragsgemäße Content-Vernetzung

Während die Alumni und ihre Unterstützer*innen das ihnen Mögliche tun, um die ejs zu retten, startete das GEP zu Beginn der Woche mit „yeet“ das lang erwartete „evangelische Contentnetzwerk“. Anders als der ejs-Protest hat der „yeet“-Start in den Medien des Landes kaum Resonanz gefunden. Was relevant ist, bestimmen halt die anderen.

Unter der Dachmarke „yeet“ sollen sich evangelische „Sinnfluencer*innen“ versammeln, die mit ihren Gesichtern und Geschichten für die evangelischen Kirchen im Netz stehen. Man darf sich von den Neo- und Anglizismen der neuen Mediensprache nicht täuschen lassen: „yeet“ liegt ganz auf der Linie des traditionellen Programmauftrags des GEP, evangelische Medienangebote zu bündeln und zu fördern.

Dass das auch YouTuber*innen und Instagramer*innen umfassen muss, ist eine oft und beharrlich vorgebrachte Forderung der digitalen Kirche. Darauf hat der Rat der EKD vor einem Jahr geantwortet, indem er dem GEP den Auftrag zum Aufbau des Contentnetzwerks weitergeleitet hat. Vergessen wurde dabei, die neue Aufgabe mit einer kräftigen Finanzspritze zu pushen. Das „yeet“-Team setzt sich aus Mitarbeiter*innen zusammen, die aus anderen Arbeitsbereichen des Gemeinschaftswerks abgezogen wurden.

Die #digitaleKirche-Blase darf sich also nicht täuschen: Das GEP kann und wird nicht einfach ein Dutzend weiterer Kanäle auf YouTube, Instagram & Co. durchproduzieren können. Dafür sind weder Geld noch Personal da. Denis Krick und „yeet“-Projektleiterin Lilith Becker umreißen gegenüber der Eule das Angebot des GEP an „Sinnfluencer“ realistisch: Redaktionelle Beratung, Produktionshilfe und Unterstützung beim Community-Management könne und wolle man durchaus leisten.

Zum Start führt „yeet“ vor allem bereits bekannte Kanäle aus den evangelischen Kirchen zusammen. Von der gemeinsamen Präsentation dürften die Formate langfristig profitieren. Vorausgesetzt, die Formate vernetzen sich nicht allein auf einer Website und einer Handvoll Kanal-Instanzen in den Sozialen Netzwerken, sondern durch konsequentes Füreinander-Werben in den jeweiligen Sendungen. Dann könnte sich die Vielfalt der evangelischen Kirchen durchaus attraktiv auch in den „neuen Medien“ darstellen.

Wie das gelingen kann, zeigt vor allem der neue YouTube-Kanal „Anders Amen“ aus der hannoverschen Kirche. Auf dem Kanal erzählen Ellen und Stefanie Radtke von ihrem Leben als lesbische Landpfarrerinnen. „Anders Amen“ ist der intensiv geforderte Kontrapunkt zur GEP-Produktion „Jana“, die im vergangenen Jahr wegen ihrer konservativen Ausrichtung kritisiert wurde (wir berichteten), und wird darum zu Recht enthusiastisch aufgenommen.

Bei „yeet“ ebenfalls mit dabei: Die vor allem von Instagram bekannten klassischen Influencer Theresa Brückner, Jörg Niesner und Josephine Teske. Alle drei sind schon seit Jahren in den Sozialen Netzwerken unterwegs. Was „yeet“ für ihre hoch personalisierten Angebote tun kann, wird sich erst zeigen müssen. Zumindest bei der Bewältigung des Dauerbeschusses durch Hater und Trolle, denen gerade die weiblichen „Sinnfluencerinnen“ im Netz ausgesetzt sind, könnte das Shitstorm-erprobte Community-Managament des GEP helfen.

Nach dem Start von „yeet“ hätten sich bereits fünfzehn weitere Interessent*innen beim GEP gemeldet. Man trage sich durchaus mit einem hohen Qualitätsanspruch, verspricht Denis Krick gegenüber der Eule. Der ist auch dringend notwendig, soll „yeet“ sich nicht in Beliebigkeit verlieren. „Sinnfluencer*in“ wird man nicht ohne Anstrengung. Regelmäßigkeit und hohe Qualität der Angebote erfordern ein hohes Maß an Engagement und Geschick. Lässt sich das ohne Aufwandsentschädigungen für die Influencer*innen durchhalten?

Ohne Honorare sind es vor allem Pfarrer*innen, die bei „yeet“ für die Kirche senden. Das ist auch eine Herausforderung für das evangelische Kirchenbild, das eben keinen Klerus kennt. Zunächst aber darf man sich als Zuschauer*in auch daran freuen, wie unterschiedlich die Menschen doch sind, die als Pfarrer*innen in den evangelischen Kirchen tätig sind. Dem Bild des weitschweifigen Kanzelredners entsprechen die „Sinnfluencer*innen“ jedenfalls nicht –  auch wenn ihre Angebote instagram-typisch vielleicht ein bisschen zu geleckt daher kommen.

Zukunftsfragen – nicht nur für das GEP

Dem „yeet“-Team sind also eine Menge Fragen gestellt, die es in den kommenden Monaten zu beantworten gilt. Zunächst aber steht die Beseitigung einiger Kinderkrankenheiten des neuen Angebots im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Inzwischen kann man „yeet“ sogar auf Facebook finden. Das Soziale Netzwerk hatte „yeet“ zunächst ausgesperrt, weil das Posten des Netzwerknamens einen Verstoß gegen die Gemeinschaftsstandards des Sozialen Netzwerks darstellte. Eine vermeidbare Panne zum Start, die unter digitalaffinen Beobachter*innen für Heiterkeit sorgte. Angesichts des minütlich auf Facebook geposteten Hasses und Spams ist es geradezu lächerlich, dass ausgerechnet ein frommes Angebot des GEP die „Standards“ der US-amerikanischen Fake-News-Schleuder unterläuft.

Evangelische Publizistik erschöpft sich aber zum Glück nicht in den Unternehmungen des GEP. Das muss man sich bei der Betrachtung der „Sinnfluencer*innen“ und auch des Streits um die ejs immer wieder vor Augen führen. „In Zeiten von Fake News“ und algorithmen-gesteuertem Journalismus können und müssen auch neue Wege beschritten werden. Soll das GEP auch weiterhin zur evangelischen Publizistik einen gewichtigen Beitrag leisten, ist ein Abschied vom Spardiktat notwendig.

Schon Oliver Kahn wusste: „Wenn’s scheiße läuft, läuft’s scheiße“. Dann bleibt einem nichts anderes übrig, als weiter anzugreifen, bis sich der Fußballgott wieder gnädiger zeigt. Bis sich in den evangelischen Kirchen und im Rat der EKD die Überzeugung durchsetzt, dass es ohne ein verstärktes finanzielles Engagement für kritischen Journalismus und digitale Kirchen-PR nicht geht, werden die Mitarbeiter*innen des GEP mit den Ressourcen haushalten müssen, die ihnen zur Verfügung stehen. Das ist der Ernstfall der evangelischen Publizistik, auch wenn der Feueralarm im GEP nur eine Übung war.


Offenlegung: Gelegentlich schreibe ich als freier Autor für Medien des GEP.

* Den Absatz zur Katholischen Journalistenschule ifp und zur Gesellschaft Katholischer Publizisten (GKP) haben wir nachträglich korrigiert. ifp-Absolvent*innen sind nicht verpflichtet, Mitglied in der GKP zu werden, vielmehr besteht ein eigener ifp-Ehemaligenverein, der Absolvent*innen deutschlandweit zusammenbringt.