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Aufräumarbeiten – Die #LaTdH vom 25. Juli

In den Katastrophengebieten wird nach den Überschwemmungen mit Unterstützung der Kirche aufgeräumt. Außerdem: Ein Skandal, ein Abschied und Un-Gleichzeitigkeiten.

Herzlich Willkommen!

„Wir bleiben an eurer Seite, wir wollen Verbündete sein“, verspricht Diakonie-Präsident Ulrich Lilie den Opfern der Flutkatastrophe im Westen Deutschlands. Wie der epd weiter berichtet, sind inzwischen über 5 Millionen Euro an Spenden für die Fluthilfe auf den kirchlichen und diakonischen Konten eingelaufen. Das Geld steht auch für eine unkomplizierte Soforthilfe von 1500 € pro Person zur Verfügung – und nicht allein Kirchenmitgliedern.

Während im Nachgang der Flutkatastrophe über Klimawandel- und Klimaschutz diskutiert wird, gerät die andere Krise unserer Tage etwas aus dem Fokus. Der Sommer und andere Krisenlagen lassen die Corona-Pandemie weniger dringlich erscheinen. Knapp 50 % der Bevölkerung sind zudem inzwischen zwei Mal gegen Corona geimpft, 60 % haben zumindest eine Impfdosis intus. Was wird uns – auch in der Kirche – im Herbst erwarten? Die aktuelle Corona-Resignation fasst Frank Hofmann (@FrankRHofmann) im Hauptstadtbrief gut zusammen.

Eine gute Woche wünscht
Philipp Greifenstein


Debatte

Die Unwetterkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz hat 170 Menschen das Leben gekostet. Ursachen und Gründe für Zerstörungen und Todesfälle werden heftig debattiert. Am vergangenen Freitag luden evangelische Landeskirchen und katholische Bistümer mit einem gemeinsamen Glockengeläut zum Gebet für die Verstorbenen, Angehörigen und Betroffenen der Überschwemmungen ein.

Kirche und Diakonie starten Soforthilfe in Unwettergebiet (epd, evangelisch.de)

Dem epd gegenüber schilderte Diakonie-Präsident Ulrich Lilie (s.o.), wie wichtig die langfristige Unterstützung der Menschen vor Ort sein wird: „Was die Menschen jetzt gerade leisten, das werden sie nicht lange durchhalten können“. Beim Wiederaufbau und bei der seelischen Unterstützung und Aufarbeitung wollen Kirchen und Caritas und Diakonie helfen.

Das Ausmaß dieses Katastrophenfalls werde erst richtig deutlich, wenn die Agenturen nicht mehr täglich berichten, ist Lilie überzeugt. Hier brauche es langfristige Unterstützung. „Das wird eine Frage von Jahren sein“, sagte er.

Bollerwagen statt Gottesdienst – Katja Bernardy (DIE ZEIT)

Katja Bernardy schreibt in der ZEIT über Pfarrerin Maren Vanessa Kluge, die im Trierer Stadtteil Ehrang versucht, den Opfern der Überschwemmung zu helfen. Die Betroffenen kämen zwar jetzt nicht zur Kirche oder schrieben unter dem Hashtag #unwetterklage, „aber sie sind dankbar, wenn die Kirche mit dem Bollerwagen zu ihnen kommt“, ist sich Kluge sicher.

Im Gemeindesaal holen jetzt Leute Brot, Kleider und Spielsachen ab. Unweit ihrer Kirche türmen sich Müllberge. „Das Leben liegt wie hingekippt auf der Straße“, sagt sie. Erst wenn das aufgeräumt wird, merken viele mit Schrecken: Mein Leben ist weg.

#kirchehilft-Andachten zur Flutkatastrophe

Bereits am vergangenen Sonntag meldeten sich Jörg Meyrer und Heiko Marquardsen von der katholische Kirche in Bad Neuenahr-Ahrweiler mit einem „Lebenszeichen“ zu Wort. Und unter der Woche hielt der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR), Thorsten Latzel (@Thorsten_Latzel), gemeinsam mit der Ahrbrücker Pfarrerin Claudia Rössling-Marenbach eine Andacht im Flußbett der Ahr.

Latzel führt auf der Website der EKiR ein inzwischen umfängliches Tagebuch von seinen Eindrücken aus der Region. In den bis dato 16 Videos sind die Zerstörungen zu sehen und nachvollziehbar und Latzel spricht mit Betroffenen und Helfer:innen.

In der Flußbett-Andacht spricht Latzel von den Zerstörungen, die das Wasser angerichtet hat, an Natur und Kultur. Viele Menschen sind gestorben. Wann wird wirklich Zeit sein, um die Verstorbenen zu trauern? Noch mehr Menschen haben einen Teil ihres Lebens eingebüßt, Kindheitserinnerungen und die Sicherheit der eigenen vier Wände wurden weggespült. Eine Flut hinterlässt materielle und immaterielle Schäden.

Ich habe 2002 in Dresden und 2013 in Halle erleben dürfen, dass es – wenn auch nur für wenige Tage – nach den Zerstörungen eine neue Kultur der Solidarität und Hilfsbereitschaft gab. Die Millionen-Spenden sind dafür nur ein offensichtliches Zeugnis. Flurbereinigungen und ein neuer verstärkter Hochwasserschutz sind in beiden Städten seitdem immer wieder Thema. Und Kostenfaktor. Gelegentlich hilft es da, sich die immensen Zerstörungen vor Augen zu führen, die die Hochwasser angerichtet haben und die das menschliche Hirn schnell verdrängt. Erinnern und hoffnungsvoll in die Zukunft schauen, gehören zusammen.

„Ich stand 18 Meter unter dem Wasserspiegel“ – Interview von Jonas Jansen (FAZ)

In einem kritischen Moment der Unwetterkatastrophe hat Hubert Schilles mit seinem Bagger den Abfluss der Steinbachtalsperre freigeräumt. Für die FAZ hat Jonas Jansen (@vierzueinser) mit dem frommen Bauunternehmer gesprochen:

Wissen Sie, ich bin ein gläubiger Mensch. Ich habe mich zwei Mal gesegnet als ich runter gefahren bin. ,Du Herr, musst wissen, was passiert`, habe ich gesagt. Und ich hatte keine Sekunde Angst.

nachgefasst

Nicht mehr unter deutscher Flagge – Ralf Pauli (taz)

Das erste Seenotrettungsschiff der Organisation Sea-Eye läuft zukünftig nicht mehr unter deutscher Flagge zu Hilfseinsätzen auf dem Mittelmeer aus, sondern wurde an eine italienische Seenotrettungsorganisation verkauft, schreibt Ralf Pauli (@weitblickend_es) in der taz. Hintergrund sind die immensen Kosten, die immer wieder neue rechtliche Schikanen in den italienischen Häfen für die Hilfsorganisation bedeuteten, die mit der Sea-Eye 4 das zweite #United4Rescue-Rettungsschiff betreibt.

#United4Rescue ist das zivilgesellschaftliche Bündnis mit Beteiligung der Kirchen aus Deutschland, das inzwischen mit der Sea-Eye 4 und Sea-Watch 4 zwei Rettungsschiffe für die zivile Seenotrettung auf dem Mittelmeer finanzieren konnte. Immer wieder werden die Schiffe allerdings nach erfolgreichen Rettungsmissionen in ihren Zielhäfen festgesetzt und an weiteren Fahrten gehindert (wir berichteten).

Traditionis Custodes

Mit „Traditionis Custodes“ hat Papst Franziskus ins Kontor der Traditionalisten in seiner Kirche gehauen: Weltweit regt sich Widerstand gegen das neue Motu Proprio des Papstes, mit dem er die Feier der sog. „Alten Messe“ stark einschränkt. In Deutschland wollen einige Gruppen an der „außerordentlichen Messform“ festhalten. Kritik am Papst-Entscheid gibt es aber auch aus anderer Richtung:

Wolfgang Rothe (@WolfgangFRothe, hier in der Eule) kritisiert bei kath.ch (@kathch) die Entscheidung, die über die Köpfe der Gläubigen hinweg getroffen wurde, und sieht darin kein gutes Zeichen für die Einheit der Kirche:

Es wäre eine Illusion zu glauben, durch «Traditionis Custodes» würde sich auch nur ein einziger Priester davon abhalten lassen, im «Alten Ritus» zu zelebrieren, sich auch nur ein einziger Priesterkandidat davon abhalten lassen, in einem Umfeld weihen zu lassen, in dem er (ausschliesslich) den «Alten Ritus» feiern kann, sich auch nur eine einzige Gläubige bzw. ein einziger Gläubiger davon abhalten lassen, die «Alte Messe» zu besuchen.

Buntes

Evangelische Kirche bittet queere Menschen in Berlin um Vergebung – Benjamin Lassiwe (Tagesspiegel)

Am Vorabend des Christopher Street Days (CSD) in Berlin lud die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) zum Gottesdienst mit Taufe ein, schreibt Benjamin Lassiwe (@lassiwe) für den Berliner Tagesspiegel. Der ehemalige Fußballspieler und Jugendnationalspieler Marcus Urban ließ sich im Rahmen des CSD-Gottesdienstes taufen. Marcus weist auf die Parallelen der Diskriminierungsstrukturen für LGBTQI in Kirchen und in der Fußballwelt hin.

Im Gottesdienst verlas Bischof Christian Stäblein auch ein offizielles Schuldeingeständnis seiner Kirche (PDF):

Darin bat er LGBTIQ-Menschen um Vergebung für das Leid, das sie durch die Hand der evangelischen Kirche erlebt haben. Aus Sicht des Bischofs war das „ein großer Schritt bei der Änderung der Haltung unserer Kirche gegenüber queeren Menschen.“ Die Kirchenleitung erklärte, für eine Kirche der Vielfalt zu stehen: Alle Menschen sollten an der Kirche teilhaben und teilnehmen können. „Wir glauben, dass das Gottes Wille entspringt.“

The Pillar investigation of Msgr. Burrill is unethical, homophobic innuendo – Steven P. Millies (National Catholic Reporter, englisch)

In den USA hat sich diese Woche ein bisher einmaliger Vorgang zugetragen. Der Generalsekretär der römisch-katholischen Bischofskonferenz in den USA, Jeffrey Burrill, trat von seinen Ämtern zurück, nachdem er intern mit Enthüllungen konfrontiert wurde, die wenig später vom rechts-katholischen Magazin The Pillar öffentlich gemacht wurden:

Demnach nutzte Burrill mehrfach die App Grindr, die vor allem Schwule weltweit zur Verabredung unverbindlicher Treffen nutzen. Steven Millies vom National Catholic Reporter hält das Vorgehen von The Pillar für unethisch und von Vorurteilen gegenüber Homosexuellen geleitet.

Darüber hinaus bleiben Fragen unbeantwortet, wie es den Pillar-Autoren überhaupt gelingen konnte, die Datenpunkte der App mit Burrill zu verknüpfen. Hintergrund der erstaunlichen Vorgänge ist der Machtkampf zwischen Traditionalisten, katholischen Rechtsradikalen und Unterstützer:innen des Papstes in der US-amerikanischen katholischen Kirche, der mit viel Geld – u.a. für entsprechende Medien – ausgetragen wird. Eine kurze Zusammenfassung der Vorgänge bietet das schweizerische katholische Nachrichtenportal kath.ch.

Queer und gläubig? Homosexualität in den Religionen – Michael Hollenbach, Florian Breitmeier (vertikal horizontal, NDR)

Im NDR-Podcast für Religionsfragen sprechen Florian Breitmeier (@breitmeierf) und Michael Hollenbach über das schwierige Verhältnis von Religionsgemeinschaften zu queeren Menschen. Sie sprechen mit katholischen und protestantischen, mit jüdischen und muslimischen queeren Menschen über deren Erfahrungen. Die Spannbreite ist groß: von der kirchlichen Trauung homosexueller Paare über eine besondere Seelsorge bis hin zu konkreter Ausgrenzung.

Polizei stoppt „Kreuzweg für die Schöpfung“ in Hamm (epd)

Die Polizei hat den „Kreuzweg für die Schöpfung“, dessen Etappen zu Orten der Umweltzerstörung führen, am Freitag unterbrochen. Bei der Maßnahme wurde auch ein Teilnehmer in Gewahrsam genommen. Pikant: Die Polizei stufte die Veranstaltung als politische Demonstration ein, u.a. weil die Pilger:innen ein Transparent mit dem Papst-Franziskus-Zitat „Diese Wirtschaft tötet“ dabei hatten.

Auf der Projekt-Website schreiben die Pilger:innen:

Bei dem Polizeieinsatz wurde ein Rentnerehepaar von “Christians for future Aachen” von der Polizei zu Boden gestoßen. Der bekannte Waldpädagoge Michael Zobel wurde in Handschellen abgeführt. Der Kreuzträger Jonas wurde festgenommen und auf das Polizeipräsidium Hamm gebracht. Nach Intervention mehrerer Pfarrer*innen beider großer Konfessionen durfte der Kreuzweg zwar weitergehen, aber mit der Auflage, ausschließlich explizit religiöse Fahnen und Transparente mitzuführen.

Rummelbude – Dirk Peitz (ZEITonline)

Für ZEITonline hat Dirk Peitz (@dirkpeitz) dem neueröffneten Humboldt-Forum im neuen Berliner Stadtschloss einen Besuch abgestattet. Sein Reisebericht ist nichts für Humorbefreite und legt den Finger in die Wunden derjenigen, die sich für solche restaurativen, doch geschichtsvergessenen Projekte erwärmen können.

An nicht wenigen Orten des Landes beteilig(t)en sich auch die Kirchen an der (Wieder-)Herstellung von „Rummelbuden“. Vielleicht kann ja das Humboldt-Forum ein Nachdenkort dafür werden, ob’s das wirklich braucht?

Man muss das mit eigenen Augen gesehen haben. Dann entwickelt man schlagartig, woran einen die wohl gottgegebene robuste Fröhlichkeit ansonsten hindert: ein bisher ungekanntes Steuerzahlerempfinden. Wenn man zum Beispiel über die Balustrade im ersten Stock hinunterschaut in die riesenhafte Eingangshalle und einfach nur staunt. Wo kriege ich mein Geld zurück? Wer denkt sich denn so etwas aus? Lässt so etwas bauen? Wen kann man dafür sofort persönlich verantwortlich machen?

Wissenschaftlicher Kommentar zur religiösen Kommunikation 2020/21: Not all is lost that’s lost – Lars Rademacher (PR-Journal)

Im PR-Journal sind Auszüge des Kommentars von Lars Rademacher, Direktor des Instituts für Kommunikation und Medien (ikum) in Darmstadt, zum MDG-Trendmonitor – Religiöse Kommunikation 2020/21 zu lesen. Er beschreibt darin die gegenwärtigen Herausforderungen für die Kommunikations- und Medienarbeit der Kirchen:

Dafür muss man den Mut haben, die noch bestehenden Ressourcen zu bündeln, in Training und Entwicklung zu investieren und die Kommunikationshaltung grundlegend zu verändern. Das wird ohnehin notwendig sein, um als Katholische Kirche in einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft noch die eigene Legitimation zu behaupten. Je früher dieser Wandel im medialen Portfolio und in der Kommunikationsstrategie eingeleitet wird, umso eher besteht eine Chance, nicht nur den Rückbau zu verlangsamen, sondern auch eine neue gesellschaftliche Rolle einzunehmen.

Theologie

Noch lange nicht ausgesorgt – Andreas Feige (y-nachten)

Gleich zwei Artikel in theologischen Online-Magazinen beschäftigten sich diese Woche mit der Seelsorge. Bei y-nachten schreibt Andreas Feige, der in Freiburg in Pastoraltheologie und Homiletik promoviert, ein „Plädoyer für die aufsuchende Seelsorge“:

„Seelsorge hat […] vor allem mit dem Aufmerksam werden zu tun, wo jene Menschen sind, die Hilfe brauchen – und eben nicht nur mit dem Warten, dass sich jemand von sich aus rührt und kommt […]“11, trifft es der Wiener Pastoraltheologe Johann Pock auf den Punkt. ‚Aufsuchende Seelsorge‘ könnte diese Praxis von Seelsorge genannt werden. Vielleicht liegt gerade in ihr einer der Schlüssel für eine zukünftige Kirche, die sich weniger um sich selbst als um andere sorgt.

Während – Birgit Mattausch (feinschwarz.net)

Gewohnt poetisch schreibt Birgit Mattausch (@FrauAuge) im theologischen Feuilleton feinschwarz.net über die Un-Gleichzeitigkeiten der Kirche während der Corona-Pandemie. Sie bekennt auch ihre Ratlosigkeit gegenüber weitreichenden Planungsvorstellungen in der Kirche und über den Graben, der sich zwischen Digitalisierungs-Affinen und Analog-Fans auftut.

Mattauschs „Währends“ sind enorm binnenkirchlich: Christ:innen, die nicht hauptamtlich bei Kirchens unterwegs sind, dürfte vieles davon nicht nur entgangen sein, sondern zu Recht kaum interessieren. Durch die Zeilen hindurch aber werden die Mentalitäten sichtbar, die innerhalb der Kirche im Widerstreit liegen.

Ein guter Satz

„Für wen die Kirche betet und wie sie betet, wen sie segnet oder wer dort ausgeschlossen oder abgewertet wird, sagt auch etwas darüber aus, wie wir uns als katholische Christ*innen in der Gesellschaft verstehen.“

– Burkhard Hose (@HoseBurkhard, hier in der Eule) in seinem „Standpunkt“ auf katholisch.de zum neuen Motu Proprio des Papstes

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