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Background: Der lange Marsch von Bischof Rudolf

Beim Synodalen Weg lud Bischof Rudolf Voderholzer die Präsidentin des ZdK, Irme Stetter-Karp, zum „Marsch für das Leben“ am Samstag in Berlin ein. Eine vergiftete Einladung.

Niemand kann behaupten, Bischof Rudolf Voderholzer von Regensburg habe keinen Humor. In der „Aktuellen Aussprache“ zu Beginn der vierten Versammlung des Syodalen Weges wurde ausführlich über die Stellungnahme zur Abtreibungs-Gesetzgebung der Vorsitzenden des Zentralkomitees der Katholiken (ZdK), Irme Stetter-Karp, gesprochen. Auch der Regensburger Bischof meldete sich zu Wort, obwohl das Thema gar nicht auf der Tagesordnung der ohnehin überladenen Sitzung stand.

Der Konflikt

Stetter-Karp hatte sich in einem Gastbeitrag in der Christ & Welt für die bestehende Regelung der Schwangerschaftskonfliktberatung ausgesprochen und sowohl die Verfügbarkeit von sicheren Schwangerschaftsabbrüchen wie auch den Schutz des ungeborenen Lebens gefordert (wir berichteten in den #LaTdH vom 17. Juli 2022). Sie schrieb deutlich: „Paragraf 218a darf unter keinen Umständen in seiner Substanz angetastet werden!“ (Die Paragraphen 218, 218a, 218b, 218c sowie 219 und 219b des Strafgesetzbuches (StGB) enthalten die gesetzlichen Regelungen zum Schwangerschaftsabbruch in Deutschland.)

Anstoß nehmen ihre Kritiker:innen aber an Stetter-Karps Forderung, „dass der medizinische Eingriff eines Schwangerschaftsabbruchs flächendeckend ermöglicht wird“. Tatsächlich ist die Zahl der Praxen und Krankenhäuser, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen, seit Jahren rückläufig (2003: 2 030, 2021: 1 100). Je nach Wohnort müssen Frauen für eine sichere Abtreibung einen längeren Weg zu eine:r Ärzt:in in Kauf nehmen. Die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) widersprach Stetter-Karp: „Statt einer flächendeckenden Möglichkeit für Abtreibungen brauchen wir ein flächendeckendes qualifiziertes Beratungsangebot für Frauen.“

Ich hatte das bereits im Juli eine Nebelkerze genannt, denn die „flächendeckende qualifizierte Beratung“ ist wohl in keinem Land der Welt so gut aufgestellt wie in Deutschland. In der Tat dürfte es in den von Stetter-Karp angesprochenen ländlichen Räumen an einer Beratung nicht mangeln, wohl aber an Ärzt:innen, die einen Abbruch auch durchführen können und wollen. Stetter-Karp widersprach darum der Bischofskonferenz: „Alles Recht auf Selbstbestimmung hilft nicht, wenn die Hürden unüberwindlich sind.“ Die gesetzliche Beratung von Frauen in Schwangerschaftskonflikten sei seit „Jahrzehnten bewährt. Sie schließt aber das Selbstbestimmungsrecht der Frau ausdrücklich ein“.

Stetter-Karp befindet sich mit ihrer Position in guter Gesellschaft der Mehrzahl der christlichen Frauenorganisationen in Deutschland, die zwar die Abschaffung des Werbeverbots (§ 219a) zunächst gefordert und im Juni 2022 begrüßt haben, aber an der Schwangerschaftskonfliktberatung festhalten wollen. Einige von ihnen setzen sich dafür ein, die Abtreibungsgesetzgebung aus dem Strafgesetzbuch herauszulösen. Ein Anliegen, das man(n) gut verstehen kann. Stetter-Karp scheint dafür offen zu sein, solange eben die „Substanz“ aus Beratungspflicht und qualifiziertem Beratungsangebot nicht angetastet wird.

Die Einladung

Eine Aussprache zu Stetter-Karps Positionierung in der „Aktuellen Aussprache“ der Synodalversammlung wurde erwartet. Zu Beginn einer jeden Versammlung des Plenums des Synodalen Weges werden aktuelle kirchen- und gesellschaftspolitische Themen besprochen. Da zu ihnen zumeist keine Anträge oder Texte vorliegen und die Redezeit auf eine Minute begrenzt ist, entwickelt sich kaum eine fruchtbare Debatte.

Wohl aber wird das Format dazu genutzt, eigene Positionen kundzutun. Die wenigen konservativen Teilnehmer:innen nutzten die „Aktuelle Aussprache“ der 4. Synodalversammlung (8.-10. September), um Kritik an Stetter-Karp zu üben, andere sprangen ihr mit Solidaritätsbekundungen bei.

Als profilierter Vertreter der „lehramtstreuen“ Konservativen im deutschen Episkopat meldete sich auch Bischof Rudolf Voderholzer zu Wort. Eine inhaltliche Kritik nahm er in seiner kurzen Redezeit nicht vor, sondern nutzte sie für eine Einladung: „Frau Stetter-Karp, ich lade Sie herzlich ein, am »Marsch für das Leben« teilzunehmen und auf diese Weise ihr klares Bekenntnis öffentlich zu machen und mit mir Zeugnis zu geben für den Lebensschutz als ein absolut wichtiges Thema für unsere Kirche“.

Voderholzer kündigte seine Teilnahme am „Marsch für das Leben“ am 17. September in Berlin an. Er habe „diese Kundgebung als die einzige Gelegenheit erlebt, bei der sich Christen noch öffentlich gesellschaftspolitisch in einem wichtigen Thema zu Wort melden“ und „als Zeichen eines gemeinsamen ökumenischen Engagements“. Voderholzer wies darauf hin, dass der „Marsch für das Leben“ jedes Jahr Grußworte vom apostolischen Nuntius (Botschafter des Vatikans) und vom Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz erhalte und auf die „Teilnahme des Ortsbischofs, einer Handvoll Diözesanbischöfe und auch Weihbischöfe“ zurückblicke.

In diesem Jahr zeigt sich Bischof Georg Bätzing (Limburg), der Vorsitzende der Bischofskonferenz, in einem Grußwort dankbar für den „beharrlichen Einsatz“ und den Teilnehmer:innen „in Gedanken und im Gebet verbunden“.

Voderholzer dürfte sich jedoch im Klaren darüber sein, dass Stetter-Karp mit Sicherheit nicht am „Marsch für das Leben“ teilnehmen will und wird, ebenso wie die Mehrheit seiner Brüder im Bischofsamt. Denn der jährliche „Marsch für das Leben“ in Berlin ist nicht nur die größte Kundgebung der Lebensschutz-Bewegung in Deutschland (ca. 3 500-5 000 Teilnehmer:innen), sondern auch ein Hochamt der rechten „Querfront“ aus katholischen, evangelikalen und charismatischen Christ:innen, die gegen Frauenrechte und LGBTQI* agitieren.

Voderholzers Einladung kann man daher auch als gezielte Provokation verstehen. Zwei junge Teilnehmer:innen des Synodalen Weges wiesen darum in späteren Wortmeldungen darauf hin, was es mit dem „Marsch für das Leben“ auf sich hat.

Der lange Marsch

In diesem Jahr wird der „Marsch für das Leben“ zum zwanzigsten Mal durch die Hauptstadt ziehen. Organisiert wird er vom „Bundesverband Lebensrecht“, einem Verein, dem mehrere Lebensrechtsgruppen aus Deutschland angehören. Bis 2017 war der rechts-katholische Aktivist Martin Lohmann Vorsitzender des Vereins, dem seitdem Alexandra Maria Linder vorsteht. Stellvertretender Vorsitzender ist der Evangelikale Hartmut Steeb. Lohmann und Steeb schlagen seit der Corona-Pandemie eifrig Brücken ins Lager der Verschwörungsgläubigen. Steebs „Corona-Informationen“ fungierten zeitweise als eines der zentralen Nachrichtenorgane der christlichen Pandemie-Leugner und „Maßnahmenkritiker“.

Linder tritt demgegenüber in der Öffentlichkeit gemäßigter auf. 2019 diskutierte sie sogar mit der Feministin Teresa Bücker in einem Format des STERN über die Abtreibungspolitik. Rechtsoffen und an Allianzen mit anderen LGBTQI*-feindlichen Gruppen interessiert ist der Bundesverband aber auch unter ihrer Leitung.

Am „Marsch für das Leben“ nehmen zahlreiche rechtsradikale PolitikerInnen teil, wie z.B. Beatrix von Storch (AfD). Das Lebensschützer-Lager ist mit dem christlich-reaktionären Rechtsradikalismus verschmolzen. Prägend sind nach wie vor AkteurInnen aus vormaligen Adelshäusern wie Hedwig von Beverfoerde. Engagement für den „Schutz des ungeborenen Lebens“ wird konsequent mit der Ablehnung von LGBTQI* und Frauenrechten zusammengedacht. Übertragen wird das Geschehen in Berlin vom rechtskatholischen Medienkonzern EWTN und dessen Ableger CNA Deutsch.

Mit dabei sind weiterhin auch die „Christdemokraten für das Leben“ (CDL), eine Initiative der auch Landes- und Bundestagsabgeordnete der CDU und CSU angehören. Die CDL war Sonderorganisation der Unionsparteien, bis ihr dieses Vorrecht 2018 von Präsidium und Bundesvorstand der CDU entzogen wurde. Die Bundesvorsitzende Mechthild Löhr (CDU) ist tief im bundesrepublikanischen Konservatismus verwurzelt, während die stellvertretende Bundesvorsitzende Sophia Kuby über das „Europäische Parlamentarische Forum für Sexuelle und Reproduktive Rechte (EPF)“ und „Agenda Europe“ die Vernetzung mit der reaktionären christlichen Rechten europaweit vorantreibt. Finanziert wird dieses „gemeinsame ökumenische Engagement“ von Rechtsextremen und russischen Oligarchen.

Kontakte in die Kirchen

Diese Allianzen sind auch kirchlichen Verantwortungsträgern seit langem bekannt. Kontakte in beide großen Kirchen gibt es jedoch trotzdem: Alle DBK-Vorsitzenden der letzten Jahre, auch der „liberale“ Kardinal Reinhard Marx, haben den Demonstrant:innen schriftlich Grüße ausgerichtet. Die DBK veröffentlicht dazu gewohnheitsmäßig auch eine Pressemitteilung. Grußworte und Pressemitteilungen betonen das gemeinsame Anliegen, den Schutz des Lebens von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod, verschweigen aber die politischen Ambitionen der „Marsch für das Leben“-Koalition.

Auch wenige evangelische Spitzenkräfte haben in der Vergangenheit die Nähe zur Veranstaltung gesucht. Der 2019 zurückgetretene sächsische Landesbischof Carsten Rentzing (wir berichteten) richtete 2018 ein schriftliches Grußwort an die Teilnehmer:innen. Im gleichen Jahr predigte mit dem damaligen Bischof im Sprengel Mecklenburg und Pommern der Nordkirche, Hans-Jürgen Abromeit, erstmals ein landeskirchlicher Bischof im Abschlussgottesdienst der Veranstaltung. Ein Umstand, der von den Veranstaltern begeistert hervorgehoben wurde.

Damals nahm auch der aktuelle Erzbischof von Berlin, Heiner Koch, an der Veranstaltung teil, ebenso wie sein Weihbischof Matthias Heinrich und natürlich Rudolf Voderholzer. 2020 predigte Koch beim Gottesdienst der Demo. 2016 waren außerdem die Weihbischöfe Dominikus Schwaderlapp (Köln) und Florian Wörner (Augsburg) dabei. Alle katholischen Bischöfe sind auch Teilnehmer des Synodalen Weges.

Dort ist sich insbesondere die Berliner Delegation uneins über die verhandelten Fragen: Während Erzbischof Koch dem Grundlagentext „Frauen in Diensten und Ämtern in der Kirche“ und der „Lehramtlichen Neubewertung von Homosexualität“ am vergangenen Freitag zustimmte, lehnte Heinrich beides ab.

Die Unterstützung des „Marsch für das Leben“ hat in Berlin auch eine kirchen-politische Dimension. In der Hauptstadt gibt es eine zwar kleine, aber umtriebige, finanzstarke und gut vernetzte Gruppe von traditionalistischen Katholik:innen, die man im Erzbistum nicht (endgültig) verschrecken will. Grußworte und Teilnahme am „Marsch für das Leben“ sind konservatives virtue signalling. Es halten sich nachhaltig Gerüchte, ausgerechnet die traditionalistischen Gemeinden in Berlin hätten Zulauf, während es mit den Pfarreien des Erzbistums bergab gehe. Solche Vermutungen sind seit Jahrzehnten gewohnte Übung im Verhältnis zwischen evangelikalen Freikirchen und evangelischen Landeskirchen und seit wenigen Jahren auch zwischen charimatischen und traditionalistischen Gemeinschaften und der römisch-katholischen Amtskirche zu beobachten.

Aus ähnlicher Motivation heraus erklären sich die offiziellen Grußworte des jeweiligen Vorsitzenden der Bischofskonferenz. Diese greifen seit Jahren auf ähnliche Formulierungen zurück („augenfällig“). Das kann man entweder als Nachweis besonderer Fantasielosigkeit vonseiten der Autoren lesen oder aber als Zeichen dafür, dass es sich bei den von den Veranstaltern gefeierten Grußadressen um ungeliebte Pflichtübungen handelt.

Die Begeisterung ob der amtskirchlichen Anerkennung wird seit jeher auch von einem großen Misstrauen gegenüber den beiden großen Kirchen begleitet: Nicht wenige Teilnehmer:innen wollen darin eine Anbiederung erkennen. Widerstand gegen vermeintlich „liberale Bischöfe“ oder die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ist Teil der üblichen rechts-christlichen Narrative. So sehr man sich die Anerkennung als „einzige Gelegenheit, bei der sich Christen noch öffentlich gesellschaftspolitisch“ positionieren, wünscht, fürchten die rechten Aktivist:innen auch eine „Umarmung“ durch die Amtskirche, die notwendig zu einer Mäßigung führen würde.

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