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Der Traum offener Grenzen

In diesem Sommer begegnet uns Europa als verriegelter Kontinent. Über die Errungenschaft der (Reise-)Freiheit und den Schutz von „Respekt, Menschlichkeit und Gerechtigkeit“.

Thomas Wystrach

Liebe Eule-Leser:innen,

als wir Anfang und Mitte der 1980er Jahre mit der ganzen Familie in den Sommerferien zum Bergsteigen nach Südtirol fuhren, konnten wir gleich zweimal eine merkwürdige Unterbrechung der Reise miterleben: Zuerst an der Grenze zwischen Deutschland und Österreich, ein zweites Mal am Brenner-Paß beim Übergang nach Italien kam der Verkehr fast zum Stehen.

Für uns Kinder auf der Rückbank des Opel Rekord war der jeweilige Grenzübertritt mit einer diffusen Aufregung verbunden. Große Schilder kündeten schon kilometerweit vorher warnend das Verlassen des Landes an, ehe die Gebäude für die Grenz- und Zollbeamten auftauchten. Nur im Schritttempo ging es weiter. An Masten flatterten die Fahnen der beiden Länder im Wind, ein kurzes Innehalten im vermeintlichen Niemandsland, bevor irgendein streng dreinblickender Mann in jedes Mal wechselnder Uniform die aus dem Autofenster gereichten Reisepässe überflog, danach fragte, ob wir etwas zu verzollen hätten und uns dann mit dem Wunsch einer „guten Weiterfahrt“ durchwinkte. Kurz kam bei mir ein Gefühl der Erleichterung auf, dass wir es wieder „geschafft“ hatten, über die Grenze zu kommen.

Wenige Jahre später verfolgten wir dann gebannt am Fernsehbildschirm, wie im September 1989 zunächst Ungarn die Grenze zu Österreich öffnete und zwei Monate später die Berliner Mauer eingerissen wurde. Im März 1995 entfielen die Grenzkontrollen Richtung Frankreich und den Benelux-Staaten, im April 1998 auch bei der Einreise nach Österreich und Italien. Seit März 2001 kann man ungehindert von Finnland bis Spanien durchfahren und auf dem Weg überall mit Euro bezahlen.

Seit dem 15. Juli 2026 gibt es offiziell auch keine Grenzkontrollen zwischen Spanien und Gibraltar mehr. Die Freizügigkeit im Schengen-Raum, der „grenzenloses Reisen“ innerhalb von Europa ermöglichen soll, ist wohl eine der greifbarsten Errungenschaften der europäischen Integration. Heute ist es in Grenzregionen wie bei uns zwischen Deutschland und den Niederlanden völlig normal, im jeweiligen Nachbarland zu wohnen, zu arbeiten, einzukaufen oder am kulturellen Leben teilzunehmen.

Neue Grenzpatrouille

Doch die Corona-Pandemie, Besucherströme zu internationalen Sportveranstaltungen, Angst vor Terror und ein „harter Kurs gegen die irreguläre Migration“ haben inzwischen dazu geführt, dass an vielen Binnengrenzen wieder Polizeikontrollen stattfinden. Pendler und LKW-Fahrer stehen regelmäßig in Staus. Und an den Außengrenzen werden hohe, stacheldrahtbewehrte Zäune hochgezogen, Soldaten patrouillieren und „Pushbacks“, also illegale Zurückweisungen von Asylsuchenden, sind in Polen, Kroatien oder Griechenland an der Tagesordnung.

Aus den Kirchen wird immer wieder Kritik an der zunehmenden Abschottung der EU laut. Seit 2014 sind laut Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) über 31.000 Menschen im Mittelmeer ertrunken. Das sind 42 Prozent aller weltweit in diesem Zeitraum auf der Flucht gestorbenen Geflüchteten.

Ende Juli 2026 versuchten zehntausende Menschen, schwimmend aus Marokko nach Ceuta zu gelangen. Inzwischen sind die meisten wieder zurück in Marokko, doch der „Ansturm“ auf die spanische Exklave in Nordafrika, gegenüber von Gibraltar, hat Folgen: Vor allem Spaniens linke Regierung unter dem sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez wird aus der EU heftig angegriffen. Italien hat das Schengen-Abkommen mit Spanien ausgesetzt, Frankreich die Grenzkontrollen verschärft. Auf Initiative von Italien und Dänemark fordern 22 EU-Länder, darunter auch Deutschland, in einem Offenen Brief eine europäische Antwort auf die Ereignisse. Es dürfe nicht zugelassen werden, …

„… dass massenhafte und unkontrollierte Grenzübertritte, die Instrumentalisierung von Migration oder andere hybride Bedrohungen den Eindruck erwecken, es sei möglich, illegal in die Europäische Union einzureisen“, …

… so die Staats- und Regierungschefs, die den Brief unterzeichnet haben.

Ist GEAS schon wieder obsolet?

Eigentlich sollte das erst vor wenigen Wochen in Kraft getretene „Gemeinsame Europäische Asylsystem“ (GEAS) solche Situationen verhindern. Diese Asylrechtsreform sieht außerdem mehr Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedsländern vor. Doch ausgerechnet Polen und Ungarn mit ihren EU-Außengrenzen verweigern die Teilnahme am sogenannten „Solidaritätsmechanismus“, der für eine „gerechtere“ Verteilung von Geflüchteten auf alle EU-Mitgliedsstaaten sorgen soll.

Hier in der Eule hat Philipp Greifenstein ausführlich über das 26. Berliner Symposiums zum Flüchtlingsschutz berichtet, das sich Ende Juni 2026 mit den Gefahren von GEAS befasst hat. Die Liste der Probleme sei lang und reiche von solchen, die in der europäischen Außenpolitik liegen („Return Hubs“) bis zur Begleitung und Unterstützung von Asylsuchenden in den Kommunen.

Respekt, Menschlichkeit und Gerechtigkeit

Marokko setze die Not der Menschen als Druckmittel gegen die EU ein, kritisiert der Journalist Hans-Günter Kellner:

„Wegen Ceuta nun die Reisefreiheit im Schengen-Raum in Frage zu stellen, wäre populistischer Opportunismus. Hilfreicher wäre es, wenn sich die Europäer überlegten, wie sie gegenüber vielen ihrer Nachbarstaaten weniger erpressbar werden könnten. Eine erste Antwort wäre, Geschlossenheit nach außen zu zeigen.“

Die römisch-katholische Kirche in Spanien sorgt sich indessen um Jugendliche und Kinder ohne ihre Eltern, die in Ceuta geblieben sind und nicht angemessen betreut werden. In einem Kommuniqué drückt die Cáritas Española

„… ihre tiefe Besorgnis und Bestürzung über die Tragödie aus, die sich in den letzten Tagen in Ceuta ereignet hat und die einmal mehr das menschliche Leid hinter den Migrationsbewegungen und die Zerbrechlichkeit Tausender Menschen, die nach einer Chance auf ein würdevolles Leben suchen, deutlich gemacht hat. (…)

Wir verurteilen die Instrumentalisierung von Migranten für politische oder strategische Zwecke und den Einsatz demografischer Daten als Waffe geopolitischen Drucks. Kein Mensch darf als Druckmittel oder Konfrontationsinstrument missbraucht werden. Migranten sind Träger von Rechten und verdienen Respekt, Menschlichkeit und Gerechtigkeit.“


Aktuell im Magazin

Aus der Geschichte lernen? – Carlotta Israel (Sektion F)

Carlotta Israel geht der Frage nach, wie Christ*innen und Kirchen der Gefahr durch die AfD begegnen können. Was können wir aus einem kirchengeschichtlichen Vergleich zum Aufbau des NS-Staates lernen?

„Wir können aus der (Kirchen-)Geschichte lernen! Wir können sie als Warnung davor betrachten, was wir jetzt verhindern müssen. Es gilt, die Pläne der AfD zu durchkreuzen. Wichtig ist darauf zu schauen, was Christ*innen heute aktiv aufbauen und im Miteinander mit Partner*innen aus der Zivilgesellschaft gestalten können. Packen wir es an!

Eule-Podcast (60): „KI“ in der Kirchgemeinde – Hanno Terbuyken und Philipp Greifenstein (57 Minuten)

In Folge 60 des „Eule-Podcast“ sprechen Hanno Terbuyken und Eule-Redakteur Philipp Greifenstein über den aktuellen Stand der Arbeit mit „KI“-Werkzeugen in Kirchgemeinden. Welche Rolle spielt „KI“ im Alltag einer Kirchgemeinde? Welche Aufgaben werden mit generativer KI erledigt und welche Arbeitsprozesse haben sich (für immer?) verändert?

Eule-Podcast (61): „KI“ in der EKD – Max Niessner und Michael Greder (45 Minuten)

In einer weiteren Ausgabe des „Eule-Podcast“ befragt Michael Greder Oberkirchenrat Max Niessner von der Stabsstelle Digitalisierung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) danach, was sie mit „Künstlicher Intelligenz“ vorhat. Welche „KI“-Projekte fördert die evangelische Kirche? Was hat es mit dem Pilotprojekt ELOKI auf sich? Und welche „KI“-Strategie wird in den EKD-Kirchen verfolgt?


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Ein schönes Wochenende wünscht
Thomas Wystrach


Ein guter Satz

„Ihr seid keine Zahlen und keine Aktennummern. Ihr seid Menschen mit einer Familie und einem Zuhause, das ihr zurückgelassen habt; mit Träumen, die niemand das Recht hat, zu missachten.“

— Papst Leo XIV. in seiner Rede über Migration am 11. Juni 2026 auf Gran Canaria


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