Kolumne Sektion F

Aus der Geschichte lernen?

Wie können Christ*innen und Kirchen der Gefahr durch die AfD begegnen? Was können wir aus einem kirchengeschichtlichen Vergleich zum Aufbau des NS-Staates lernen?

Die nahende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt lösen bei vielen Menschen eine gewisse Angst aus. Zurecht. Auch aus kirchlicher Perspektive schreckt ab, was die in den Umfragen führende AfD vorhat, sollte sie die Landesregierung anführen. Nach der Veröffentlichung des Wahlprogramms verurteilten evangelische und katholische Kirchenleitende dessen Inhalt und unterstrichen die Unvereinbarkeit „mit dem christlichen Menschenbild“.

Der römisch-katholische Bischof von Magdeburg, Gerhard Feige, Kirchenpräsident Karsten Wolkenhauer von der Evangelischen Landeskirche Anhalts und Landesbischof Friedrich Kramer von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) kritisierten bereits im April 2026, wie die AfD zu Kirchen und Religionsgemeinschaften denkt: „Religionsfreiheit wird nach politischer Zweckmäßigkeit bemessen.“

Die AfD unterscheidet zwischen den großen Kirchen, von denen sie immer wieder laut kritisiert wird, und anderen christlichen (Frei-)Kirchen. Aufhänger der Unterscheidung sind der Einzug von Kirchensteuer und die Staatsleistungen. Die AfD will einen Keil in die christliche Ökumene treiben. Von der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) in Sachsen-Anhalt und Deutschland wurde diese Instrumentalisierung zurückgewiesen (s. Eule-Interview mit dem ACK-Vorsitzenden Christopher Easthill).

„Religionsfreiheit wird nach politischer Zweckmäßigkeit bemessen.“ – Wer irgendwann einmal etwas über die Geschichte des deutschen Protestantismus im 20. Jahrhundert gehört, gelesen, wahrgenommen hat, kommt nicht umhin, an das NSDAP-Programm von 1920 zu denken: „Wir fordern die Freiheit aller religiösen Bekenntnisse im Staat, soweit sie nicht dessen Bestand gefährden oder gegen das Sittlichkeits- u. Moralgefühl der germanischen Rasse verstoßen.“

Interessant ist auch eine Parallele zu den Richtlinien von 1932 der Glaubensbewegung Deutsche Christen: „Wir wollen, daß unsere Kirche in dem Entscheidungskampf um Sein oder Nichtsein unseres Volkes an der Spitze kämpft. Sie darf nicht abseits stehen oder gar von den Befreiungskämpfern abrücken.“

Warum (Kirchen-)Geschichte?

Warum sollten wir uns im Jahr 2026 mit der verwickelten Kirchengeschichte im 20. Jahrhundert, vor allem mit den Entwicklungen während der Weimarer Republik und zu Beginn der nationalsozialistischen Diktatur befassen? Was hat das mit uns zu tun? Ist der historische Vergleich nicht übertriebene Panikmache?

Harmjan Dan, der sich mit Kirchengeschichtsdidaktik, also der Vermittlung von Kirchengeschichte befasst hat, hat drei Typen herausgearbeitet, wie im Religionsunterricht auf Kirchengeschichte Bezug genommen wird. Er unterscheidet den traditionserschließenden Typus, den biografischen und den ethischen.

Diese Benennungen zeigen schon das jeweilig leitende Interesse an: Geht es in Richtung „Das muss gewusst werden“/ „Das gehört zu unserer Geschichte“? Oder „Wie haben Christ*innen in früheren Zeiten gelebt und geglaubt“, woran sich auch anschließt: (Wie) Inspiriert das vielleicht auch meine (christliche) Lebensführung? Oder „Welche christlichen Orientierungspunkte für gegenwärtige Debatten um Politik und Lebensführung bietet Kirchengeschichte?“

Gedenktafel für die Bekennende Kirche Gedenktafel am Ort des ehemaligen CVJM-Hauses in Berlin-Kreuzberg (Foto: OTFW / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Der Protestantismus hat sich schon einmal organisatorisch und ideologisch spalten lassen. Die „Gleichschaltung“ in der Diktatur haben viele Kirchenleute – in Gemeinden und in Leitungspositionen – nicht verhindert, sondern willkommen geheißen. Auch Menschen, die der NSDAP nicht nahe standen, erhofften sich von der „deutschen Revolution“ 1933, dass die Kirchen wieder voller werden würden.

Im Frühjahr 1933 herrschte gerade unter Protestant*innen in Deutschland Zustimmung für das Ende der parlamentarischen Demokratie. Man(n) war gerne Teil der nationalen Erhebung, auch wenn man(n) sich selbst als christlich-konservativ begriff oder einer anderen Spielart des Nationalismus oder des völkischen Denkens zurechnete als der nationalsozialistischen Bewegung.

Andere sorgten sich, während um sie herum die Diktatur etabliert wurde, vor allem um die Selbstverwaltung und rechtlichen Privilegien der Kirche. Dieser Denk- und Handlungsstrang, dem es vor allem um die kirchliche Selbstbehauptung ging, reicht (mindestens) bis zum Beginn der Weimarer Republik zurück. Welchen Platz die Kirche in der Demokratie der Weimarer Republik (noch) einnehmen sollte, wurde in den evangelischen Kirchen heftig diskutiert. Die Demokratie-Skeptiker waren dabei in der Mehrheit.

Nur wenige Kirchenleute kritisierten offen und unter Einsatz zuerst ihrer beruflichen und gesellschaftlichen Perspektiven und später ihres Lebens die nationalsozialistische Ideologie als unvereinbar mit dem christlichen Glauben. Von ganz vielen Pfarrern und Christ*innen haben wir keine klaren Zeugnisse, aber aus der Perspektive der Nachgeborenen lässt sich ja schon fragen, ob keine klare Positionierung „dagegen“ im Grunde als „dafür“ zu verstehen ist.

Das lenkt den Blick zum zweiten Typus: dem biografischen. Welchen Mut hatten einzelne Menschen? Hätte ich auch einen solchen Mut oder Glauben, um tatsächlich offensiven Widerstand zu leisten? Bei allem, was daraus folgen könnte für meine Familie, Freund*innen und mich? Und verpflichtet dieses „Erbe“ nicht auch zu einer widerständigen Lebensführung in der Gegenwart und Zukunft? Das fasst alle drei Typen zusammen.

Wo stehen wir heute?

Bei allen nachvollziehbaren, angebrachten und lebensnotwendigen Befürchtungen über die Stärke der AfD, die derzeit unser gesellschaftliches, kirchliches und politisches Leben prägen, ist es wichtig, den historischen Vergleich nicht überzustrapazieren. Vergleich heißt nicht Gleichsetzung.

Wer einen historischen Vergleich zieht, muss sich immer auch fragen lassen und selbst fragen, aus welchem Interesse heraus er*sie das tut. Geht es darum, mögliche zukünftige Entwicklungen vor der Folie vergangener Ereignisse zu beschreiben – oder gar vor ihnen zu warnen? Entsteht durch den Vergleich – weil wir ja wissen, „wie die Geschichte ausgegangen ist“ – nicht der Eindruck von einer Unvermeidlichkeit von schlechten Entwicklungen?

Noch haben wir in Deutschland keine Diktatur. Es ist nicht „Viertel nach 1933“. Auch in Sachsen-Anhalt nicht. Das zeigen sorgfältige historische Vergleiche. Sie zeigen, was möglich war und darum, so denke ich, was wieder möglich ist. Und sie können uns dabei helfen zu verstehen, was wir als Bürger*innen heute gegen das Widererstarken von Nationalismus, Rassismus und völkischem Denken unternehmen können – und wie die Institutionen der Demokratie gegen eine Übernahme gesichert werden könnten.

Aber ich kann auch gut nachvollziehen, dass sich Menschen, besonders aus vulnerablen Gruppen, heute schon über Emigrationsüberlegungen austauschen. Wer Freund*innen und Familie in Sachsen-Anhalt hat, weiß darum, dass sich viele Menschen Sorgen um die Schulen, Universitäten und das Miteinander in den Dörfern und Städten machen. Soll mensch sich selbst und z. B. auch den eigenen Kindern das alles zumuten? Gerade diejenigen, deren L(i)ebensform nicht im Visier ist, die von der AfD nicht schon längst als missliebig markiert wurden, sind als Allys dazu aufgerufen, konkret die (Vor-)Sorgen derer mitzutragen, deren Leben jetzt schon bedroht ist.

Die Pläne durchkreuzen!

Es geht also darum, sich die (Kirchen-)Geschichte vom Aufbau des NS-Staats nicht als „Masterplan“ für unsere Zeit aufdrängen zu lassen, sondern heute schon Solidarität, Engagement und Wachsamkeit zu üben. Aus intersektional-feministischer und the*logischer Perspektive gibt es dafür wichtige Impulse:

(1) Antifeminismus bzw. „Antigenderismus“ (es gibt keinen „Genderismus“, deswegen in Anführungszeichen) sind vor allem für viele junge Männer Einstiegs- oder Brückenideologien zum Rechtsextremismus. Frauen- und queerfeindliche Einstellungen werden nicht zuletzt immer wieder auch religiös legitimiert.

Die Religion spielt in Sachsen-Anhalt als Triebfeder von rechtsextremer Radikalisierung fast gar keine Rolle, aber die AfD will an ein „traditionelles“ Verständnis von Partner*innenschaft und Familie „anknüpfen“, das lange Zeit exklusiv als „christlich“ propagiert wurde. Terre des Femmes analysiert „acht frauenfeindliche Vorhaben der AfD“, die in diesem Denken wurzeln und warnt: „Die AfD macht Politik für den Mann und setzt sich explizit gegen Frauenrechte ein.“

(2) Intersektionalität fordert uns zu einer Solidarität auf, die Unterschiede anerkennt, aber gemeinsame Anliegen formuliert und stark macht. Schon jetzt verschlechtern sich die Lebensverhältnisse von queeren Personen in Regionen, in denen die AfD besonders stark ist. Menschen mit Behinderung werden im Zusammenhang mit der Diskussion um die Eingliederungshilfen vor allem als Kostenfaktor, denn als Menschen betrachtet. Menschen, die rassistische Diskriminierung erfahren, müssen mit einer erhöhten Gewaltbereitschaft rechnen, wo sich Rassist*innen durch die starken AfD-Wahlergebnisse bestätigt und „in der Mehrheit“ fühlen.

(3) Christ*innen und Kirchen stehen in einer besonderen Gemengelage: Das kirchenfeindliche Programm der AfD steht einem rechtsradikalen Reclaim des Christ*innentums eigentlich entgegen. Die Partei bedroht die Grundlagen der Arbeit der Kirchen und ihrer Wohlfahrtsverbände ganz unmittelbar. Sich gegen die AfD zu wehren, ist also auch eine Frage der Selbstbehauptung.

Die AfD meint, die „traditionellen Werte“ eines „christlichen Abendlandes“ gegen die tatsächlich vorhandenen Kirchen verteidigen zu müssen, die von ihr verunglimpft werden würden. Die überall vorhandene Binnenpluralität in den Kirchen wird von der Partei verleugnet. Damit zieht die AfD immer wieder auch Menschen an, die mit der aktuellen (Kirchen-)Politik unzufrieden sind oder sich mit ihren Überzeugungen nicht (mehr) gesehen fühlen.

Zugleich sind die meisten Kirchenmitglieder in den „großen Kirchen“ dadurch privilegiert, dass sie (zunächst) nicht zu den Opfern einer möglichen AfD-Regierungspolitik gehören, weil sie zum Beispiel keine Migrationsgeschichte haben und vermögender sind als der Bevölkerungsdurchschnitt. Wenn sich die Christ*innen hinter ihre Kirchenmauern zurückziehen, werden sie womöglich von der AfD in Ruhe gelassen. Aber zu welchem Preis?

Wir können aus der (Kirchen-)Geschichte lernen! Wir können sie als Warnung davor betrachten, was wir jetzt verhindern müssen. Es gilt, die Pläne der AfD zu durchkreuzen. Wichtig ist darauf zu schauen, was Christ*innen heute aktiv aufbauen und im Miteinander mit Partner*innen aus der Zivilgesellschaft gestalten können. Packen wir es an!


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