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Foto: Melanie Wasser (Unsplash)

#ChurchToo: Die vergessenen Opfer

Erwachsene Betroffene sexuellen Missbrauchs in den Kirchen sind fast vergessen. Ohne ihre Geschichten ändert sich nichts an den systemischen Ursachen des Missbrauchs.

Vor einem Jahr schwappte der Kirchenableger von #MeToo auch nach Deutschland. Es gab nur eine kurze Welle der Berichterstattung zu #ChurchToo, zu sexueller Belästigung und sexuellem Missbrauch von erwachsenen Frauen in der Kirche. Initiiert wurde die Diskussion durch betroffene Frauen wie Ruth Everhart, deren Geschichte wir in der Eule in einer deutschen Übersetzung gebracht haben.

#ChurchToo, das soll heißen, auch in der Kirche gibt es alltäglichen Sexismus, der sich in anzüglichen Bemerkungen, übergriffigem Verhalten bis hin zu sexueller Gewalt Bahn bricht. In den USA teilten viele Frauen ihre Geschichten. In der röm.-kath. Kirche und einigen evangelikalen (Mega-)Kirchen folgten auf die Enthüllungen Entlassungen und Strafverfahren. Häufig genug aber konnten sich die vermutlichen Täter aus der Affäre ziehen. Waren die Geistlichen nicht eigentlich untadelige Leute oder – so eine beliebte Erklärung – nur Opfer der Anzüglichkeiten der vermeintlichen Opfer geworden?

Die vergessenen Opfer

Bei minderjährigen und schutzbefohlenen Betroffenen ist für alle Welt klar, wer Opfer und wer Täter sind. Im Falle von volljährigen und erwachsenen Betroffenen kommt es häufig zum sogenannten victim blaming. Betroffene werden für ihr Leid (mit-)verantwortlich gemacht. Haben sie anzügliche Kommentare und fehlgeleitete Komplimente nicht durch aufreizende Kleidung oder eigene Annäherung „provoziert“?

Was auffällt: In allen Fällen spielt das Machtgefälle zwischen Opfern und Tätern die entscheidende Rolle. Es besteht auch zwischen erwachsenen Kirchenmitgliedern und Geistlichen, vor allem in Kirchen, in denen Pastoren und Priestern in besonderer Weise gehuldigt wird. Im Kern sind viele #ChurchToo-Betroffene Opfer geistlichen Missbrauchs und eines Systems, das männliche Macht vergöttert.

Es stellt sich also auch bei erwachsenen Betroffenen die Frage, ob eine einvernehmliche Beziehung – wie sie von Beschuldigten immer wieder behauptet wird – im Kontext eines solchen Machtgefälles überhaupt möglich ist. Anwalt Peter Karp, der Missbrauchsopfer in Verfahren gegen die Kirche vertritt, stellt gegenüber der australischen Zeitung The Age fest:

„Es geht nicht einfach um zwei Erwachsene, die eine Beziehung miteinander haben. Es geht um einen Priester in herausgehobener Stellung und ein Gemeindemitglied, das verwundbar („vulnerable“) ist. Die Kirche sollte zur Verantwortung gezogen werden.“

Karp hat besonders Klientinnen im Blick, die teils über Jahre in geheimen Beziehungen mit katholischen Priestern lebten. Als Folge der Geheimhaltung schirmten die Frauen ihr Privatleben von ihren Verwandten und Freunden ab, wechselten den Wohnort, verheimlichten Schwangerschaften, Abtreibungen und Geburten.

Anders als in den USA und Australien wurden im deutschsprachigen Raum nur wenige Fälle bekannt, man kann sie an einer Hand abzählen. Es ist hierzulande schon selten genug, dass Frauen übergriffige Bemerkungen und Alltagssexismus am Arbeitsplatz Kirche öffentlich machen. Dort wo Täter benannt oder bekannt wurden, gab es keine Konsequenzen, die mit denen in anderen Ländern vergleichbar wären. Selbst kirchleitendes Personal redet sich mit ein paar Floskeln heraus oder schweigt sich lieber aus.

Beobachter*innen gingen Anfang 2018 davon aus, dass ein intensives Nachdenken über sexuelle Diskriminierung und Gewalt auch in der Kirche einsetzen würde – hatte nicht #MeToo genau dies in anderen Bereichen der Gesellschaft erreicht? Doch anders als die große Schwester #MeToo kam #ChurchToo hierzulande nie richtig vom Fleck: Zu groß die Angst, sich als Betroffene zu exponieren, sich in Opposition zur eigenen Gemeinde, zum allseits beliebten Pfarrer zu stellen? Zu groß ganz offensichtlich auch die systemischen Hürden, die eigene Geschichte zu Gehör zu bringen.

Deshalb sollte dringend geschaut werden, was auch erwachsene Opfer daran hindert, ihre Geschichten zu erzählen. Hier lohnt der Vergleich mit der Aufdeckung des tausendfachen Missbrauchs von Kindern in der Kirche: Die Opfer erhielten hier – zum Teil jedenfalls, und nach Jahrzehnten – die Unterstützung von Ermittlungsbehörden und Journalist*innen. Sie haben sich selbst organisiert, um Druck auf die Institution Kirche auszuüben. So entstanden in den USA, Australien, Deutschland und anderswo bedrückende Berichte über Missbrauchsfälle und systematische Vertuschungen, die 2018 nicht zum Jahr von #ChurchToo machten, sondern zu einem historischen Datum der Aufarbeitung von Kindesmissbrauch in der Kirche. Ohne die Geschichten der Betroffenen keine Diskussion über systemische Ursachen des Missbrauchs.

Die Anwälte von Betroffenen in Australien nennen ihre Klientinnen inzwischen forgotten ones („Vergessene“), weil ihre Geschichten auch trotz aller Aufmerksamkeit für die Missbrauchsproblematik in der Kirche noch nicht gehört wurden. In der australischen Zeitung The Age schreibt die Investigativreporterin Farrah Tomazin (@FarrahTomazin) über diese Frauen und ihre Geschichten:

Mit dem Untersuchungsbericht der Royal Commission geht Tomazin davon aus, dass es vier Mal so viele Frauen wie Kinder gibt, die Opfer sexuellen Missbrauchs durch Geistliche wurden. Sie inkludiert ausdrücklich jene Frauen, die in teils langfristigen „Beziehungen“ mit Priestern oder verheirateten Pastoren lebten.

Die von ihr protokollierten Geschichten haben Gemeinsamkeiten, die uns einen Eindruck davon geben können, unter welchen Bedingungen sexueller Missbrauch gedeiht. Es wird klar: Das Problem ist nicht auf Australien oder die USA, und auch nicht auf evangelikale Megachurches oder die röm.-kath. Kirche beschränkt.

Neil Ormerod, ein emeritierter katholischer Theologieprofessor, gibt Tomazin den entscheidenden Hinweis:

„Die Schlüsselfrage ist: Wo haben diese Beziehungen begonnen? Hatte der Priester in irgendeiner Form den Auftrag, sich um diese Menschen zu kümmern – hatte er pastorale Verantwortung?“

Die meisten Leidensgeschichten der Frauen beginnen in einer psychischen Stresssituation, in der der Geistliche als guter Zuhörer und vertrauenserweckender Gesprächspartner wahrgenommen wird. Einige fühlten sich durch die besondere Aufmerksamkeit des Geistlichen geschmeichelt, schnell wurden sie emotional abhängig. Betroffene schildern ihr Gefangensein in einem Netz aus Schweigen und Scham.

Zu diesem Schweigen trägt auch das Tabu einvernehmlicher Partnerschaften für zölibatär lebende Geistliche wie röm.-kath. Priester bei. In evangelikalen Gemeinden gibt es ein ähnlich starkes Tabu des Ehebruchs, das die Scham auf Seiten der Opfer vergrößert. Für alle Fälle gilt die nicht unberechtigte Vermutung der Betroffenen, ihren Geschichten würde im Angesicht des Renommees der Beschuldigten nicht geglaubt.

Das Schweigen der Betroffenen

Laut The Age haben im Erzbistum Melbourne seit 1996 38 Frauen Beschwerden gegen Kirchenmitarbeiter vorgebracht. Die Diözese hat insgesamt 1,5 Millionen Dollar an Opfer gezahlt. Im Erzbistum Brisbane wurden 21 Beschwerden entgegengenommen und als zutreffend beurteilt. Insgesamt wurden in den beiden australischen Bistümern also 59 Fälle von sexuellem Missbrauch von Erwachsenen bekannt.

Beide Erzbistümer zählen zusammen rund 1,9 Millionen Kirchenmitglieder. Sie sind damit gemeinsam ungefähr so groß wie das größte Bistum Deutschlands, das Erzbistum Köln. In den beiden australischen Erzbistümern arbeiten ca. 650 Diözesan- und Ordenspriester, während im Erzbistum Köln ca. 950 beschäftigt sind.

Die australischen Erzbistümer sind dem Erzbistum Köln recht ähnlich. Die Metropolen Brisbane (ca. 2 Millionen) und Melbourne (ca. 4,7 Millionen) prägen die Bistümer so sehr wie die Großstädte Köln, Düsseldorf und Bonn das Erzbistum Köln, doch sind auch eher ländliche Regionen Teil der Bistümer. Das ist von Bedeutung, weil im ländlichen Raum eine größere Gefahr besteht, dass Missbrauch nicht aufgedeckt wird.

Ein gewichtiger Unterschied zwischen Köln und den australischen Bistümern ist, dass die Katholiken in Australien stets eine größere Minderheit der Bevölkerung ausmachten, während die katholische Kirche im Rheinland nahezu hegemonialen Status genoß. Das gilt besonders für die Jahre zwischen 1960 und 1980, in denen Missbrauch und dessen Vertuschung deutlich häufiger geschahen als heute.

Aus der MHG-Studie der Deutschen Bischofskonferenz wissen wir, dass es bei ca. 5% aller Diözesanpriester im Untersuchungszeitraum von 1946 bis 2014 Hinweise auf Beschuldigungen gab. Nun sind beide Tätergruppen sicher nicht kongruent, doch spricht viel dafür, dass die Zahl der eingesetzten Priester im direkten Zusammenhang mit der Zahl von Missbrauchsfällen steht.

Unter Berücksichtigung der deutlich höheren Zahl von Priestern und der etwas unterschiedlichen Struktur der Bistümer liegt es nahe davon auszugehen, dass es im Erzbistum Köln eher mehr erwachsene Betroffene sexuellen Missbrauchs geben könnte als in den beiden australischen Erzbistümern zusammen.

Der Vergleich mit dem Erzbistum Köln wird hier nicht gewählt, um zu unterstellen, dass es dort (besonders viele) solche Fälle gegeben haben muss. Es geht nicht darum, das Erzbistum Köln oder irgendein anderes deutsches Bistum an den Pranger zu stellen. Ein weiterer Grund das Erzbistum Köln als Beispiel zu wählen ist auch, dass der dortige Newsroom Anfragen zügig und konkret beantwortet.

Die Eule hat beim Erzbistum Köln nachgefragt, wieviele Fälle sexuellen Missbrauchs von Erwachsenen durch Mitarbeiter des Erzbistums Köln im Zeitraum von 1996 bis heute dem Bistum bekannt sind. Nach Informationen des Bistums gibt es einen Fall, in dem auch die Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufgenommen hatte. Das Verfahren wurde eingestellt. Auch das kirchliche Verfahren, das vom Bistum eingeleitet worden war, wurde nach Einstellung des Verfahrens der Staatsanwaltschaft fallen gelassen. Bisher wurden an Opfer, die zum Tatzeitpunkt bereits volljährig waren, keine Entschädigungen gezahlt.

Eine Erklärung für den erheblichen Unterschied an bekannten Missbrauchsfällen zwischen dem Erzbistum Köln und den australischen Bistümern könnte in den unterschiedlichen Rechtstraditionen Deutschlands und Australiens zu finden sein. Während die Frauen in Australien für ihr Leid auch die Kirche verantwortlich und mit der Hilfe von Anwälten Druck machen und Entschädigungen erwirken, ist das in Deutschland bisher nicht üblich. Sehen Betroffene in Deutschland die Kirche nicht in der Pflicht zu handeln?

Vielleicht aber ist hier auch der gleiche institutionelle Täterschutz am Werk, der die Aufklärung des Missbrauchs von Minderjährigen jahrzehntelang behindert hat? Deutschland ist keine Insel der Glückseeligen, was Missbrauchsfälle anbelangt. Alle Beteuerungen, Missbrauch habe es „hier bei uns“ nicht in solchen Extremen gegeben wie anderswo in der Welt, haben sich in den letzten Jahren als fromme Wünsche herausgestellt.

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