Doppelagent gegen die Trinität

Genialer Verführer oder naiver Pechvogel? Adam Neusers Kritik an der Trinitätslehre ließ ihn zum Konvertiten und Doppelagenten am Hofe des Sultans werden.

Das Jahr 2024 hält aus frühneuzeitwissenschaftlicher Sicht ein paar hübsche Jubiläen bereit: 300 Jahre Immanuel Kant, 400 Jahre „Buch der teutschen Poetery“ und 500 Jahre Evangelisches Gesangbuch. Jedoch gibt es für mich persönlich ein besonders schönes Jubiläum, das allerdings wohl kaum groß gefeiert werden wird:

Vor 250 Jahren, im Jahre 1774, wurde ein Aufsatz des damaligen Bibliothekars Gotthold Ephraim Lessing veröffentlicht. Anlass für diesen Aufsatz war der Fund eines Briefes des Heidelberger Theologen Adam Neuser. Ausgehend von diesem Fund stellte Lessing ein paar spektakuläre Annahmen zu Neuser und dem dahinter stehenden Skandal auf, die die Forschung über 200 Jahre lang beschäftigen sollten.

Die Geschichte nimmt ihren Anfang im Heidelberg der 1560er Jahre. Kurfürst Friedrich III. bereitete den Übergang seiner Pfalzgrafschaft zum Calvinismus vor. Ein neues Bekenntnis und eine neue Kirchenordnung werden eingeführt. In diesem Umfeld entstand auch der bis heute wichtige Heidelberger Katechismus. Doch dieser Wandel geschieht nicht ohne Widerstand anderer Theologen. Unter ihnen befindet sich auch Adam Neuser, damals reformierter Pfarrer an der Kirche St. Peter. Die Fraktion um Neuser pflegte schriftliche Korrespondenzen mit reformierten Theologen in Polen und Siebenbürgen. Wohl über diesen Austausch fanden auch zunehmend trinitätskritische Argumente ihren Weg nach Heidelberg, die heimlich diskutiert wurden.

Neuser und andere Theologen, darunter Johannes Sylvanus, Jacob Suter und Matthias Vehe bildeten eine konspirative Gruppe, die bis heute in der Forschung als die „Heidelberger Antitrinitarier“ bezeichnet wird. Neuser und seine Mitstreiter äußerten Zweifel am Dogma von der Trinität, also der Dreieinigkeit Gottes. Damit erschienen die Heidelberger Theologen als Wiedergänger einer bereits in der Alten Kirche verurteilten Häresie.

Im Jahr 1569 versuchte Neuser, nach Siebenbürgen zu reisen, um die Möglichkeiten einer Emigration zu eruieren. In dem Fürstentum, einem Vasallenstaat des Osmanischen Reiches, ist eine reformierte antitrinitarische Konfession anders als in seiner Heimat zugelassen. Er scheiterte jedoch – nicht zum letzten Mal – und musste unverrichteter Dinge umkehren.

Der Brief an den Sultan

Nach seiner Rückkehr verschlechterte sich das Klima für die Abweichler weiter. Neuser verlor seine Pfarrstelle und entschied sich wohl endgültig zur Auswanderung. Im März 1570 traf er eine Entscheidung, die ihn sein restliches Leben verfolgen sollte: Er schrieb einen Brief an den osmanischen Sultan Selim II.. Neuser nahm in diesem Brief Bezug auf die sog. „Vier-Reiche-Lehre“, eine allegorische Auslegung des Buchs Daniel. Eine gängige Auslegung im Mittelalter und der Frühen Neuzeit identifizierte die vier Reiche mit dem Babylonischen Reich, dem Persischen Reich, dem Reich Alexanders des Großen und dem Römischen Reich. Neuser hingegen artikulierte in dem Brief die Ansicht, das Osmanische Reich wäre das vierte und damit letzte Reich. Neuser vertrat in diesem Brief also nicht nur ketzerische Absichten, sondern hatte auch Landesverrat begangen.

Überreicht werden sollte der Brief dem siebenbürgischen Gesandten Kaspar Békés. Dieser hielt sich auf dem Reichstag zu Augsburg auf. Jedoch hatte der Plan einen Haken: Békés suchte den Anschluss an den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und leitete den Kontaktversuch darum an die kaiserlichen Autoritäten weiter.

Als zusätzlich fatal erweist sich für Neuser die (konfessions-)politische Lage im Reich: Die Einführung des reformierten Bekenntnisses in der Pfalz war umstritten und wenn auch de facto geduldet, war die kirchenpolitische Situation für Friedrich III. heikel. Die Frage, ob der Augsburger Religionsfrieden die reformierte Konfession einschließen würde, war alles andere als geklärt. Der Kurfürst jedenfalls lieferte die Theologen aus.

Neuser war jedoch entkommen. Als Frau verkleidet gelang ihm die Flucht und er versuchte ein zweites Mal nach Siebenbürgen zu gelangen, aber scheiterte erneut. Währenddessen hatten die Ermittler Neusers Brief an den Sultan gefunden, den er nie abgeschickt hatte. Neuser stellte sich schließlich und wurde eingekerkert.

Auf der Flucht durch Europa

1571 gelang Neuser erneut die Flucht. Er suchte erst in England, Frankreich und dann Polen Zuflucht. Jedoch konnte er nie lange bleiben. Mal konnte er Stellen nicht antreten, weil er seine Identität verbergen musste, mal wurde er erkannt und musste erneut fliehen. Neuser versuchte ein drittes Mal (und später vielleicht sogar ein viertes Mal) nach Siebenbürgen zu gelangen. Doch scheiterte er erneut, unter anderem beim Versuch, sich in einem Weinfass über die Grenze schmuggeln zu lassen. Tatsächlich ist gar nicht klar, wie oft genau Neuser den Grenzübertritt versuchte, da in den Quellen möglicherweise auch Versuche miteinander verwechselt werden. Von Polen aus gelang ihm schließlich endgültig die Einreise nach Siebenbürgen.

Obwohl Neuser dort eine Anstellung fand, blieb er vom Pech verfolgt. Im Gegensatz zu seinem ehemaligen Kollegen Matthias Vehe, den es ebenfalls nach Siebenbürgen verschlagen hatte, blieb seine Ankunft nicht verborgen: Im Reich wurde sogar seine Entführung geplant. Neuser, der wohl in dieser Zeit an einer Apologie des Vorfalls arbeitete, beschloss, mit zwei Mitstreitern die Grenze zum Osmanischen Reich zu überschreiten, um seine Verteidigungsschrift drucken lassen zu können. Doch erneut erwies sich ein Grenzübertritt als fatal: Auf osmanischem Gebiet wurde er als Spion verhaftet und wurde 1572 nach Istanbul verbracht.

Wohl unter dem Druck einer Auslieferung an die Kaiserlichen konvertierte Neuser in der neuerlichen Gefangenschaft zum Islam. Er nahm den Namen „Mustafa Beg“ an und fand dank seiner Sprachkenntnisse eine Anstellung als Übersetzer am osmanischen Hof in Istanbul. Zeitgenössische Berichte zeichnen das Bild eines misstrauischen Mannes, der sich in einem deutschsprachigen Netzwerk in der Metropole bewegte und engen Kontakt zu anderen deutschsprachigen Konvertiten pflegte. Man traf sich in der fremden Stadt und betrank sich regelmäßig.

Karriere als Doppelagent

Trotz dieser Umstände hatte sein Interesse an trinitätskritischen Argumenten keineswegs nachgelassen: Neuser sammelte griechische Handschriften, um zu beweisen, dass die Trinität eine spätere Erfindung sei, an die die ersten Christen nicht geglaubt hätten. Er hielt auch Kontakt mit ehemaligen Weggefährten und anderen christlichen Theologen, darunter seinem ehemaligen Weggefährten Jakobus Palaeologus.

Palaeologus war wie Neuser Antitrinitarier. Auch er war nach mehreren Gefängnisaufenthalten über Polen nach Siebenbürgen gelangt. Und wie Neuser versuchte er erfolglos in seine Heimat, die griechische Insel Chios, zurückzukehren. In einem später gedruckten Brief beschreibt Palaeologus, wie der Heidelberger versuchte, ihn zu einer Konversion zum Islam zu bewegen. Neuser scheint, entgegen späteren Behauptungen, seiner neuen Religionszugehörigkeit durchaus zugetan gewesen zu sein, auch wenn auch Palaeologus‘ Darstellung nahelegt, dass er wenig bis keine Ahnung von islamischer Theologie hatte.

Eine besonders umfangreiche Darstellung des Lebens von Adam Neuser verdanken wir dem Tübinger Professor Stephan Gerlach (1546-1612, 1674 wurde sein „Tage-Buch“ ins Deutsche übersetzt). Gerlach begleitete als Gesandtschaftsprediger den habsburgischen Diplomaten David Ungnad nach Konstantinopel. Dass der Lutheraner Ungnad überhaupt zu diesem Amt berufen wurde, verdankte er einer Zeit der relativen Toleranz der innerösterreichischen Protestanten unter Kaiser Maximilian II.

Gerlachs Bericht, wenngleich polemisch, beschreibt Neuser als einen Menschen, der sowohl eine muslimische als auch eine christliche Identität lebte: Ein Grenzgänger zwischen Konstantinopel und Heidelberg. Er war sowohl Mustafa Beg als auch Adam Neuser. Dem Bericht verdanken wir auch einen Einblick in einen Spionagekrimi, in dessen Zentrum Neuser stand. Als Übersetzer am Hofe gehörte es zu Neusers Aufgaben, abgefangene Briefe der Gesandtschaft zu übersetzen. Doch die Gesandtschaft machte mit Neuser einen Deal: Er verfälschte den Inhalt dieser Briefe zugunsten der Kaiserlichen. Dafür erhielt Neusers Sohn Geld für eine Ausbildung und Neuser selbst wurde eine Rückkehr nach Deutschland in Aussicht gestellt. Da er unter Heimweh und der Trennung von seiner Familie gelitten zu haben scheint, willigte er ein.

Und die Zusammenarbeit trug Früchte: Laut Gerlach verhinderten einige von Neusers Fälschungen einen Krieg zwischen dem Kaiser und den Osmanen. Eine Rückkehr des Spions in die Heimat erfolgte jedoch nie. Als seine Dienste nicht mehr benötigt wurden, wurde er fallen gelassen. Neusers Depressionen verschlimmerten sich anscheinend und im Dezember 1576 verstarb er schließlich in Konstantinopel.

Auf den Fund gekommen

Doch mit seinem Tod ist Neusers Geschichte noch nicht zu Ende: Lutherischen Theologen galten Neuser und sein Brief als Bestätigung für die These, dass die gesamte reformierte Theologie eine Vorstufe der Trinitätsleugnung sei. So spielte er in den Streitigkeiten innerhalb der reformatorischen Kirchen eine große Rolle. Doch der Brief selbst war verschwunden, sein exakter Inhalt blieb lange unbekannt.

Im Jahr 1701 wurde eine deutsche Übersetzung abgedruckt. Lessings Fundbericht verwarf diese vermeintlich authentische Übersetzung als unauthentisch: Neuser habe wahrscheinlich unter dem kirchenpolitischen Druck eine Ansiedlung in Siebenbürgen versucht. Auch habe Neuser, anders als behauptet, diesen Brief nicht nur nicht abgeschickt, sondern der Brief sei angeblich erst nach der Flucht entstanden.

Im Jahr 2011 vermeldete schließlich die Forschungsbibliothek Gotha (Thüringen) eine Sensation: In den Unterlagen von Stephan Gerlach, dem ehemaligen Gesandtschaftsprediger, fand sich eine authentische Abschriften des Briefes in zwei Fassungen. Neuser hatte sie wohl aus dem Gedächtnis für seine angedachte Apologie angefertigt. Und Lessing hatte recht: Es handelt sich bei der bisher bekannten „Übersetzung“ und Neusers Gedächtnisabschrift um zwei verschiedene Texte: Zwar weisen beide Texte eine ähnliche Argumentation auf, aber aus der Rekonstruktion Neusers geht hervor, dass dieser Text so nie abgeschickt wurde. Ferner enthielt der Brief eine Marginalie, von der Neuser behauptete, dass sie den ganzen Brief ungültig machen würde; ein Argument, das Martin Mulsow, der das Umfeld der beiden Fassungen rekonstruierte, in Zweifel zog. Neuser scheint lediglich von der versuchten Migration nach Siebenbürgen Abstand genommen zu haben.

In einer zweiten Fassung schwächte Neuser erneut scharfe Formulierungen ab und konstruierte unter dem Eindruck seiner Zusammenarbeit mit der Gesandtschaft um David Ungnad ein neues Argument: Aus List habe er konvertiert, um ungestört im Osmanischen Reich nach Manuskripten suchen zu können, die seine trinitätskritischen Argumente hätten stützen können. Ob der im Original abgeschwächte Brief Neusers Fall nennenswert geholfen hätte, darf jedoch zurecht bezweifelt werden.


mind_the_gap – Vergessene Kapitel der Kirchengeschichte

Flora Hochschild stöbert für uns in den Untiefen der frühneuzeitlichen Kirchengeschichte und kramt aus dem Schatz der Historie erstaunliche Episoden hervor: In der Serie „mind_the_gap“ geht es im Frühjahr / Sommer 2024 um vergessene Kirchengeschichte(n), gottesfürchtige Abenteurer:innen und verborgene Wahrheiten. Wir freuen uns auf Feedback, Fragen und Hinweise auf dieser Schatzsuche in die Vergangenheit!

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