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Eine unbarmherzige Huldigung

Peter Seewald legt eine monumentale Biografie des ehemaligen Papstes vor. In epischer Länge erklärt er Joseph Ratzinger zum Heiligen unserer Tage.

Auf gut 1100 Seiten Text bringt es die neue Biografie Joseph Ratzingers / Papst Benedikt XVI. aus der Feder seines langjährigen publizistischen Begleiters Peter Seewald. Gemeinsam haben die beiden Bestseller geschrieben: „Salz der Erde“, „Gott und die Welt“, „Licht der Welt“ und „Letzte Gespräche“ heißen die Interview-Bücher, die Seewald aus ausführlichen Gesprächen mit Ratzinger / Benedikt gemacht hat und die allesamt zu Verkaufsschlagern wurden.

Auch sonst widmet sich Seewald als dezidiert katholischer Journalist vor allem Ratzingers Denken und Wirken. Nun da sich das Leben des ehemaligen Papstes dem Ende neigt, liegt es auf der Hand, seiner Biografie und der eigenen publizistischen Beschäftigung mit dem „deutschen Papst“ die Krone aufzusetzen. „Benedikt XVI. – Ein Leben“ soll genau das sein.

Seewald naht sich Ratzinger in sechs großen Kapiteln über Kindheit, Studienjahre, Konzilsmitarbeit, Professoren- und Kirchenjahre, Präfektenengagement und Pontifikat. Den Schluss bilden ein Epilog zum „Papa emeritus“ und ein paar letzte Fragen an Ratzinger, die auf dem Weg der Vorabveröffentlichung als Interview bereits vor Erscheinen des Buches den Weg in die Öffentlichkeit gefunden hatten.

Nichts Neues unter der Sonne

In seinen letzten Antworten auf die schriftlichen Fragen Seewalds sieht sich Ratzinger, ganz im Stile gealterter Meinungsführer, missverstanden und an den Rand der Öffentlichkeit gedrängt, den er gleichwohl mit seinem Rücktritt selbst zum Aufenthaltsort gewählt hat. Auch scheint in diesen – womöglich tatsächlich – allerletzten Einlassungen ein Ressentiment gegen die plurale Gesellschaft durch und Ratzinger wirkt, gegen die Intention des Autors, wie ein greiser Kirchenmann mit provinziellen Sehnsüchten. Das mediale Bohei um dieses Interview war wohl zum Teil dem bekannten Anti-Ratzinger-Reflex geschuldet, denn grundstürzend neue Erkenntnisse liefert dieses letzte der „Gespräche“ zwischen Seewald und Ratzinger nicht.

Das gilt leider auch für den Rest des Buches. Man ist ja doch immer auf der Suche nach etwas Neuem, sei es nur eine Anekdote aus längst untergegangenen Welten wie dem ländlich-bayerischen Katholizismus der Kindheit oder der deutsch-steifen Universität, der theologisch-abgekarteten Kurie usw.. Die Neugier treibt das Lesen, und wird bitter enttäuscht. Es findet sich nichts Neues in diesem ausführlichen Buch, vor allem was die zeitgeschichtlich relevanten Daten der Missbrauchskrise und des Rücktritts vom Papstamt angeht.

Seewald schildert die Krise der Kirche durch den anhaltenden Skandal des sexuellen und geistlichen Missbrauchs wohl. Auch wenn man sich gelegentlich erstaunt die Augen reibt, wie viel Platz er Exkursen in andere gesellschaftliche Foren einräumt, der besser mit den katholischen Verwicklungen gefüllt wäre. Wer mit der Materie bekannt ist, wird von der Auswahl und Anordnung des Materials allerdings keineswegs überrascht sein.

Der Rücktritt vom Papstamt sei dann allein aufgrund der Verschlechterung des Gesundheitszustands erfolgt. Darin folgt Seewald den Erklärungen Ratzingers und den Deutungen, die dessen Adlatus Erzbischof Gänswein seit Jahren vorträgt. Weder VatiLeaks-Skandal, noch Überwältigung durch die Missbrauchskrise hätten eine Rolle gespielt. Wie sich das mit der Behauptung seines Umfelds verträgt, Ratzinger sei bis zum heutigen Tage bei klarem Verstand, erörtert Seewald nicht. Die Überprüfung der Plausibilität dieser Interpretation bleibt der Leser*in vorbehalten.

Unbarmherzige Bewunderung

Zu einer solchen nachträglichen Recherche sieht man sich in vielen Passagen des Buches genötigt. Nicht, dass Seewald nicht ausführlich Personal und Szenerien beschriebe! Seine Biografie aber soll ganz ausdrücklich ein Kontrapunkt zu der oft unbarmherzigen Behandlung sein, die Ratzinger in den deutschen Medien widerfuhr. Dabei schießt Seewald übers Ziel hinaus. Er begleitet Ratzinger seit über 20 Jahren, die beiden haben vier Bücher gemeinsam verfasst. Darunter jene Bestseller, die in ihren besten Momenten den Eindruck eines interessierten Dialogs zweier Personen erweckten. In dieser Biografie aber verschmelzen beide Stimmen zu einhelligem Jubel.

In den Augen Seewalds hat Ratzinger keine schlechten Eigenschaften, von seiner Schüchternheit einmal abgesehen. Diese wird wahlweise als Gabe der Demut oder als beneidenswerte Objektivität gegenüber Personen und Betrachtungsgegenständen interpretiert – also doch als eigentliche Charakterstärke dargestellt. Damit gelingt Seewald tatsächlich der maximale Kontrast zur kritischen Begleitung, die Ratzinger – auch in Form wenig zimperlicher Polemik – in den vergangenen Jahrzehnten erfahren hat. Dem Zweck einer Hagiographie mag damit Genüge getan sein.

Über viele Seiten und Kapitel hinweg zitiert Seewald ausführlich Weggefährten, Schüler und Bewunderer Ratzingers. Dort wo sich zwischen die Huldigungen sanfte Kritik in die Berichte schleicht, ertränkt sie der Autor in einer Soße aus adjektivgeschwängerten Lobpreisungen, die sich der eigenen Wertschätzung verdanken. Keine Frage: Seewald ist selbst der größte Fan Ratzingers. Das Buch durchzieht eine unbarmherzige Bewunderung seiner Person, die ihn um der Huldigung Willen aus dem Kreis seiner Mitmenschen entrückt.

Lähmende Exkurse

Die 93 Lebensjahre des ehemaligen Papstes böten an sich genügend Stoff für eine umfangreiche, gerade noch lesbare Biografie. Doch Seewald unternimmt zusätzlich zur Schilderung der Lebensstationen den Versuch, diese durch Hinweise auf sonstige Weltereignisse zu kontextualisieren. Die meisten dieser Einschaltungen illustrieren im besten Falle nur, was Seewald über seinen Protagonisten sagen möchte. Etwa wenn das Leben in den zahlreichen Priesterseminaren, in denen Ratzinger zu unterschiedlichen Zeitpunkten seiner Biografie wohnte, als gesellig beschrieben oder Bonn als „pulsierende Hauptstadt“ bezeichnet wird.

Völlig überflüssig sind die weltpolitischen Exkurse des Autors. In ihrer vereindeutigenden Interpretation auf das Geschehen rund um Ratzinger plump und als dramaturgische Mittel überflüssig, stehlen sie der Leser*in vor allem Zeit. Gelegentlich und vom Autor gänzlich unbeabsichtigt stellt sich anhand dieser Ausflüge allerdings die Frage, was denn Ratzinger selbst zu den Ereignissen zu sagen hatte. Da diese Frage fast immer unbeantwortet bleibt, drängt sich der Eindruck auf, dass er von den Zeitenläufen wohl Notiz genommen, ihnen aber für sein Wirken nur geringe Bedeutung beigemessen hat.

Dem Anliegen, eine abschließende und darum vollumfängliche Biografie vorzulegen, sollen wohl auch die Ausflüge in die Biografien von nahen und fernen Verwandten, Nachbarn und Schülern Ratzingers dienen. Wie schon bei den Zitaten der Bewunderer Ratzingers gilt auch hier: Weniger wäre mehr gewesen.

Etwas peinlich geraten gar die Passagen, die sich mit Gegnern Ratzingers auseinandersetzen. Hier ist vor allem Hans Küng zu nennen, dem ab dem Konzilskapitel immer wieder Absätze beißender Kritik gewidmet werden, die gleichwohl bei Äußerlichkeiten stehen bleibt, wie dem eleganten Kleidungsstil des Schweizers oder den verschiedenen Vehikelvorlieben der Konkurrenten (Küng fuhr Alfa Romeo, Ratzinger ein – natürlich – klappriges Fahrrad).

Der größte Theologe auf dem Stuhl Petri

Eine Erklärung theologischer Streitpunkte, die über die Dichotomie von Bewahren und Erneuern hinausgeht, fällt Seewald sichtlich schwer. Was ist es eigentlich, das Schüler und Studenten an dem jungen Theologieprofessor begeistert? An welche seiner theologischen Ideen knüpft sich die jahrzehntelange Verehrung und Gefolgschaft, die Ratzinger genießt?

Vor der Folie einer völlig in der Neuscholastik erstickten Theologie, wie sie Ratzingers frühe Bewunderer noch erlebt haben mögen, konnte sein neuer Tonfall, so stellt es Seewald plausibel dar, durchaus als erfrischend und erhebend wahrgenommen werden. Dem Leser von heute aber wird Ratzingers Theologie durch die Linse Seewalds nur als Wunder begreiflich, das imstande ist, Menschen ganz existentiell anzugehen – wie zahlreiche Zeugen wortreich beteuern. Könnte es sein, dass sich Ratzingers Theologie in einer Ästhetisierung alter und älterer, wenig origineller Gedanken erschöpft?

Von Beginn seiner Autorentätigkeit an ist Ratzingers Schriften – von denen Seewald seinen Lesern opulente Festmahle, statt Kostproben auftischt – ein eigentümlicher Schwulst eigen, von dem man gerne annehmen kann, dass er von der materialistisch gestimmten Nachkriegszeit ernüchterte Zeitgenossen anrühren konnte. In dieser Zeit und auf dem Konzil, auf dem er die kirchenjuristisch abgeschlossene Sprache der ersten Entwürfe durch seine Interventionen aufbrach, erwarb sich Ratzinger den Ruf, zugleich Neues und ewig Gültiges zu formulieren. Dieser Ratzinger-Stil hält sich bis in seine Papstzeit durch, kennzeichnet noch heute die Äußerungen aus dem vatikanischen Ruhesitz, die auf die ein oder andere rätselhafte Weise das Licht der Weltöffentlichkeit erblicken.

Nicht nur schlägt Seewald der Leser*in keine Schneise durch die Wörtergeschmeide Ratzingers, er liefert sich mit seinem Akteur ein Wettrennen der Kitsch-Produktion. Hätte man ihm rechtzeitig alle Adjektive aus der Hand geschlagen, die er maximal großzügig zur Anwendung bringt, wäre wohl ein lesbarer Text entstanden. Wie häufig kann man eigentlich schreiben, dass Ratzingers Denken, Schreiben, Auftreten hervorragend, überwältigend, bescheiden, bewundernswert und tief beeindruckend waren?

Seewald will seine Leser*innen von der Großartigkeit und Demut seines Akteurs allein dadurch überzeugen, dass er sie immer wieder behauptet und durch ein Heer gleichlautender Zeugenaussagen bestätigen lässt. Das mag ehrenwert sein, zumal es wohl der eigenen Begeisterung geschuldet ist, aber selbst stahlharte Ratzinger-Fans dürften davon nach wenigen Kapiteln ermattet und erschlagen sein.

Joseph Ratzinger in den Medien

In den vergangenen Monaten sind gleich zwei Filme zur Biografie Joseph Ratzingers erschienen, die wir auch in der Eule besprochen haben: Der Dokumentarfilmer Christoph Röhl bietet in „Verteidiger des Glaubens“ eine sehr kritische Lebensgeschichte des ehemaligen Papstes. Der Film reiht sich damit in eine Serie „katholischer Filme“ ein, schreibt Philipp Greifenstein in seiner Rezension. Und zu Beginn des Jahres sorgte der Netflix-Film „Die zwei Päpste“ für Furore, in dem das Mit- und Gegeneinander von Jorge Bergoglio / Franziskus und Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. dramatisch in Szene gesetzt wird (Rezension hier).

Was bleibt?

Wozu ist diese Biografie also nütze? Leser*innen, die sich zum ersten Mal mit der Biografie Ratzingers vertraut machen wollen, wird der Umfang des Buches abschrecken. Auf dem Buchmarkt gibt es andere, komprimierte und kritische Darstellungen. Dem eingefleischten Ratzinger-Fan werden die Lesestunden vielleicht ein nostalgisches Vergnügen bereiten, aber was dürfen Wissenschaft und Kirche von der neuen Biografie aus Seewalds Feder erwarten? Gereichen Leben und Werk Ratzingers heute (noch) zur Inspiration?

Zum Ende des 2. Vatikanums lässt Seewald Ratzinger zu Recht feststellen, dass es für eine Einordnung des Geschehens in die Kirchengeschichte noch viel zu früh sei. Erst müsse man abwarten, ob und wie sich die geleistete Arbeit bewährt, welche Interpretationen hervortreten und sich durchsetzen, wie sich das ganze ausläuft.

Eine solche Zurückhaltung empfiehlt sich auch für die Betrachtung der Biografie Ratzingers, den Seewald vollmundig als größten Theologen anpreist, der jemals auf dem Stuhle Petri saß. Immerhin lebt der Mann ja noch. Doch eine Parallele zur Rezeptionsgeschichte des Konzils drängt sich bei der Lektüre nun wirklich auf: Wie es sich ausläuft, wird von konkreten Akteuren bestimmt, die ein Erbe verwalten. Die Erforschung, Schilderung und Deutung des Lebens von Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. allein seinen Bewunderern zu überlassen, wird seiner Bedeutung nicht gerecht.


Benedikt XIV. – Ein Leben
Peter Seewald
1184 Seiten (inkl. Anhang)
38 € (29,99 € E-Book)
Droemer HC

2 Kommentare zum Artikel

Stefan

Einladung Joseph Ratzinger im Original zu lesen

Ich kenne kaum eine Person des öffentlichen Lebens, die so sehr aus der Second-Hand-Perspektive wahrgenommen wird wie Joseph Ratzinger. Daher ist es zunächst einmal gut, dass dem Artikel die Beschäftigung mit einer voluminösen Biographie zugrunde liegt.

Nun ist es im öffentlichen Diskurs in Deutschland eine regelrechte Mode, dem Leben und Denken von Joseph Ratzinger eimerweise abwertende Begriffe überzukippen (die ich hier nicht wiederholen möchte).

Ich behaupte nicht, dass Joseph Ratzinger unfehlbar ist und teile auch nicht alle seine Ansichten, aber in aller Regel überragt er seine Kritiker doch um ein Vielfaches. Beispiel: Als sich fast die ganze deutsche Öffentlichkeit mit dem Kommunismus in Osteuropa abgefunden hat, hielt Ratzinger daran fest, dass er überwunden werden müsse. Heute genießen wir die Früchte der damals Standhaften.

Deshalb mein Vorschlag: Lest einfach Joseph Ratzinger im Original – und bildet euch ein eigenes Urteil!

Ein sehr zu empfehlender Einstieg ist seine erste Schrift als Papst: „Gott ist die Liebe“. Leicht zugänglich unter: http://www.vatican.va/content/benedict-xvi/de/encyclicals/documents/hf_ben-xvi_enc_20051225_deus-caritas-est.html

Aktueller denn je ist Ratzingers Rede im Deutschen Bundestag, in der er von der „Stärke des Rechts“ spricht, die über dem „Recht des Stärkeren“ zu stehen habe, und von einer neu zu entwickelnden „Ökologie des Menschen“. Auch diese Rede ist einfach zugänglich: https://www.youtube.com/watch?v=dArmbkjY_GI

Ich halte Ratzinger für einen veritablen Postwachstums-Denker. Zur „Ökologie des Menschen“ gehört für ihn (ist das jetzt altmodisch oder hipster-modern?) „das rechte Maß“ und der „Einklang mit der Schöpfung“. Das Leben ist für ihn ein Geschenk, das dankbar anzunehmen ist und nicht manipuliert werden sollte.

Schließlich: Wir merken zur Zeit vor allem mit Blick auf die USA, wie sehr eine Kultur von „Fake-News“ und „Alternativen Fakten“ politisch dominant geworden ist. Hört man Trump und ihm nahestehende Medien, merkt man, dass es fast keinen Respekt mehr vor der Wahrheit gibt. Wir sehen fast täglich, wie sehr dies Gesellschaft und Kultur von innen zerstört. Ratzinger hat die Gefährdungen eines Relativismus, für den es keine Wahrheit und keine Lüge gibt, sehr früh erkannt und deutlich kritisiert. Es liest sich heute geradezu prophetisch, was Ratzinger schon vor über einem Jahrzehnt mitten in unsere relativistische (postmoderne) Kultur hinein gesagt hat:

„Wir müssen den Wagemut haben zu sagen: Ja, der Mensch muss nach Wahrheit ausschauen; er ist wahrheitsfähig. Dass die Wahrheit Kriterien der Verifizierbarkeit und der Falsifizierbarkeit braucht, ist selbstverständlich. Sie muss auch mit Toleranz einhergehen. Die Wahrheit zeigt uns dann aber auch jene konstanten Werte auf, die die Menschheit groß gemacht haben. Deshalb muss die Demut, Wahrheit anzuerkennen und maßstäblich werden zu lassen, wieder neu gelernt und eingeübt werden.“

Für diese unbequeme Aufrichtigkeit schätze ich Ratzinger sehr. Er verleugnet die großen Schätze des christlichen Glaubens nicht, und er hält die Perspektive offen für den, der größer ist als wir.

Von daher kann ich nur empfehlen: Statt Second-Hand-Urteilen einfach mit dem Original beschäftigen!

Antworten
Freddy Derwahl

So gar nichts Gutes in den tausend Seiten zu finden
macht stutzig. Ist der Rezensent etwa ebenso parteiisch wie der Rezensierte?

Dennoch, die Kritik ist lesenswert, sollte jedoch mit
anderen vergleichen werden.

Freddy Derwahl
PEN-Zentrum Flandern

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