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Es geht wieder los: Who cares?

Wie kann der Neuanfang im Corona-Sommer gelingen? Unsere Kolumnistin Carlotta Israel fragt danach, wer nun Ausschau nach den Verletzten und Zurückgelassenen hält:

Es geht wieder los. Die Todes- und Inzidenzzahlen sind auf hohem Niveau, aber die Masken fallen. Die Rücknahme vieler Schutzmaßnahmen fällt auch damit zusammen, dass in Kirche und Universität Pläne zur Rückkehr zu den vorpandemischen Präsenzveranstaltungen geschmiedet werden. Es geht wieder los – das erinnert an bisherige sogenannte Öffnungsstrategien, an Jahreszeitenwechsel inklusive Inzidenzzahlenveränderungen und zeichnet sich als Motto u.a. auch durch „früher war alles besser“, „back to the roots“ und „echt“ oder „richtig“ vs. digital aus.

Nein, jetzt diskutiere ich hier nicht, warum insbesondere die letzte Gegenüberstellung aus meiner Perspektive nicht passt. Und ich bin auch nicht dagegen, dass sich Menschen jetzt wieder mehr sehen und treffen können. Aber sowohl für Kirchengemeinden als auch Fakultäten ist bei allem Blick nach vorne wichtig, dass der Blick für die Zwischenzeit zwischen ersehntem Früher und Jetzt nicht verloren geht.

Wenn sich dieser Tage Menschen wieder begegnen – zwischendurch haben sie sich wahrscheinlich ja schon wieder sehen können, aber vielleicht fühlt es sich für einige jetzt so an, als ob sie sich das erste Mal wieder treffen würden – sind natürlich Anknüpfungen an die Zeit vor März 2020 möglich und schön. Aber individuell und gesellschaftlich hat sich Vieles verändert. Die meisten haben diese Zeit als Belastung und Krise erlebt. Und dazu ist mit dem Krieg in der Ukraine nun ein weiteres Bedrohungsszenario omnipräsent und erdrückend.

Mental load: Who cares?

In den vergangenen zwei Jahren hat sich besonders für das häusliche Umfeld immer wieder die Frage aufgedrängt: Wer übernimmt Care-, also Fürsorge-Arbeit? Die professionelle Pflege ist ein ganz eigener Komplex, in dem sich zu oft die Frage aufdrängt: Who cares?

Aber hier soll es um privates Caren gehen: Die Wahrnehmung einer Retraditionalisierung, einer wieder stärkeren Verlagerung familiärer und häuslicher Tätigkeiten auf die Seite von Frauen wurde bereits während des ersten Lockdowns diskutiert, Studien vorgelegt. Philipp Krohn, Volkswirt, Germanist und Redakteur in der Wirtschaftsredaktion der FAZ, kommt in seinem eine tatsächliche Retraditionalisierung in-Frage-stellenden Artikel zu dem Schluss, dass wahrscheinlich der Mental Load bei der Mehrbelastung von Frauen eine Rolle spielen könnte. Diese Erkenntnis kommt jetzt für einige wahrscheinlich nicht allzu überraschend daher.

Mental Load – direkt übersetzt z. B. „geistige Last“ – fasst zusammen, wo die Letztverantwortung im familiären und häuslichen Kontext liegt. Erläuternde Hinweise sowie Hilfestellungen bietet Laura Fröhlich in ihrem Buch „Die Frau fürs Leben ist nicht das Mädchen für alles“. In der weiteren Corona-Pandemie mit ihren bisherigen Überforderungen im Individuellen und Gesellschaftlichen hat sich auch der Mental Load verändert. Doch diese Schieflage ist keineswegs auf den häuslichen Bereich beschränkt!

Die Initiative „Equal Care Day“ bietet auf ihrer Website nicht nur für den häuslichen Bereich, sondern auch für die Erwerbsarbeit einen hilfreichen Fragebogen, anhand dessen mensch den beruflichen Kontext auf „typische“ Aufgabenverteilungen überprüfen kann.

Sicherlich fallen für die Kirchgemeinde vor Ort oder die Fakultät noch weitere Fragen an, aber mit diesem Tool können sich alle Teammitglieder zunächst selber und dann anschließend in der Gruppe auf die Häufigkeit hin überprüfen, mit der sie Tätigkeiten übernehmen, und deren Rang diskutieren. Und falls sich Kolleg*innen nicht auf den Prozess einlassen, ist auch das Sich-selber-Prüfen schon mal was. Für das Ehrenamt ist ein vergleichbarer Bogen gerade in Arbeit . Das wird sicherlich insbesondere in der Gemeinde-Arbeit eine spannende Ressource!

Who cares an der Uni?

Es geht wieder los. Menschen treffen wieder aufeinander. Menschen, die gerade eine Krise erleben und die mehrere Tiefpunkte durch die vergangenen zwei Jahre verändert haben. Da sind zum Beispiel Studierende, deren Studienfinanzierung sich im Grunde in Luft aufgelöst hat, weil ihnen ihre Jobs in der Gastronomie gekündigt wurden. Oder sie konnten aufgrund der Mehrbelastung durch die Pandemie nicht mehr in der Regelstudienzeit bleiben, wodurch Finanzierungen zu einem Ende kamen.

Manche Studierende haben eine Universität oder Bibliothek bisher nur von außen gesehen. Studierende mit chronischen Erkrankungen sind jetzt einem höheren Ansteckungsrisiko ausgesetzt, wenn Veranstaltungen wieder offline stattfinden. Andere Studierende wohnen woanders, als sie studieren, und müssen sich ein Dach über dem Kopf suchen, was auch ohne Pandemie schon schwierig genug war, aber jetzt haben sie noch mehr Konkurrent*innen. Weitere Studierende haben eine Verbindung zur Ukraine und/oder Russland und sind vom Krieg nochmal anders betroffen. Und auch Studierende haben Angehörige verloren und waren in ihrer Trauer vielleicht weniger begleitet, als es nötig gewesen wäre.

Gerade das letzte Beispiel dieser erweiterbaren Liste verweist noch einmal auf eine Besonderheit, die insbesondere theologische Fakultäten, Institute und Fachbereiche betrifft: Das Theologiestudium befasst sich anders existenziell mit dem Thema Tod. Im Semester nach dem Tod meines Vaters war die Eschatologie-Vorlesung bei einer (also im Grunde der) Göttinger Systematikerin für mich weitreichender mitnehmend.

Doch auch der persönliche Austausch mit Kommiliton*innen, deren späteres Berufsziel und potenzielle Studienmotivation Seelsorge umfasst, oder Dozierenden, die teilweise ordiniert sind, mag manche Zwischentöne in Gesprächen zulassen. Zumal, da wegen der im Vergleich geringen Studierendenzahlen direkter Kontakt überhaupt möglich ist. Wenn das Studium im Sommersemester tatsächlich kohlenstoffweltlich abläuft, kommen ganz andere Menschen zusammen, auch wenn es teilweise dieselben Personen sein mögen, als bei den kurzen Präsenzzeiten im vergangenen Wintersemester oder noch im Wintersemester 2019/20.

Und nun stellt sich die Frage: Wer übernimmt und übernimmt überhaupt wer Fürsorge-Arbeit? Es werden Stimmen laut werden, die meinen, das sei überhaupt keine Aufgabe irgendwelcher Universitätsangehöriger. Das kann sein. Aber irgendwo wird es Auffangbecken geben müssen und Austauschmöglichkeiten, um dem Raum zu geben, was die letzten zwei Jahre los war, weil es alle verändert hat und weiter verändern wird. Und es wird sicherlich Reibungsverluste geben, wenn Gespräche nicht ermöglicht werden, weil sie alle beschäftigen und so wahrscheinlich von anderen inhaltlichen Arbeiten abhalten.

Wer wird solche Kontaktmöglichkeiten schaffen? Das müssen keine großen Veranstaltungen sein, Gesprächsbereitschaft lässt sich auf vielerlei Weise signalisieren oder unterstützen. Und dabei ist es eine besondere Beobachtungsaufgabe: Wer gibt Raum für den Austausch? Wer gibt Aufmerksamkeit für die Geschichten einzelner Studierender? Who cares? 

Who cares in der Kirchgemeinde?

Es geht wieder los. Menschen treffen wieder aufeinander. Menschen, die gerade eine Krise erleben und die mehrere Tiefpunkte durch die vergangenen zwei Jahre verändert haben. Das ist auch in Gemeinden der Fall. Welche Gruppen und Kreise treten wieder zusammen? Welche Personen, die vorher immer dabei waren, sind jetzt nicht dabei? Weil sie gestorben sind. Weil sie aufgrund von Vorerkrankungen unter veränderten Hygienebedingungen sicherheitshalber zu Hause bleiben? Wer hat jemanden verloren und konnte der Trauer im Zurückgezogen-Sein nicht den angemessenen Ausdruck verleihen? Wer ist von unterschiedlichen Öffnungswünschen gestresst, verwirrt oder verärgert?

In Gemeinden ist schon klar: Es muss gesprochen werden können. Miteinander. Das macht Gemeinschaft aus. Da konnten bereits und können weiterhin die Erfahrungen der vergangenen Zeit Ausdruck finden und dadurch hoffentlich Erleichterung einsetzen.

Es geht wieder los. Vielleicht wird in alte Muster zurückgefallen nach dem Motto: „Der*die hat doch schon immer diese Aufgabe übernommen?!“ Aber vielleicht ist dies auch der Moment, um zu planen, dass nicht alles wieder so wird, wie es einmal war, weil es nicht möglich ist und weil es für die veränderten Menschen auch nicht per se die beste Variante ist.

Es geht wieder los: Das neue Normal

Es geht wieder los. Pläne werden geschmiedet, doch zwischen dem von vielen ersehnten Old Normal und dem sich immer wieder verändernden New Normal ist bei allen viel passiert – und wenn es ein Gefühl von Stagnation und Langeweile en masse war. Die letzten zwei Jahre verliefen nicht nach vorgeschmiedeten Plänen. Es musste immer wieder neu geguckt werden und auch an diesem Zwischenschritt in der Pandemie muss wieder Ausschau gehalten werden.

Wer hält Ausschau nach wem oder was? Vielleicht kann diese Frage auch mit eingeplant werden Zuhause, bei der Arbeit, in der Gemeinde. Vielleicht können entlang an dieser Frage und mit dieser Frage bessere Pläne geschmiedet werden.

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