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Familie läuft nicht nach Schema F

Unsere Kolumnistin ballt die Fäuste, denn Familien mit ihren individuellen Bedürfnissen bleiben in der Corona-Krise oft ungehört. Stattdessen wird die Kompetenz von Eltern in Frage gestellt.

Kürzlich saß ich eineinhalb Stunden vor der örtlichen Tierklinik und wartete auf einen Tierarzt, der meinem Kater einen Verband wechseln sollte. Normalerweise bin ich von der zurückhaltenden Sorte. Ich komme eigentlich nicht auf die Idee, wegen solch einer Verzögerung eine Szene zu machen. Zumal ich ein gutes Buch dabei hatte und das Wetter schön war.

Doch meine innere Drama-Queen sah das an diesem Tag anders. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte ich das Gebäude gestürmt, meine Maske am Empfang in Stücke gerissen und hätte auf den Knien hockend die Fäuste in den Himmel geballt und gerufen: „Ich habe drei Kinder daheim, verdammt!“

Keine Angst, ich habe es dabei belassen, einer Freundin genervte Sprachnachrichten zu schicken. Ansonsten hätten Sie davon sicher in der Zeitung gelesen. Und doch drückt diese Fantasie ziemlich gut meine derzeitige Gemütslage aus.

Vorwürfe statt ehrlicher Austausch

Wie viele andere Väter und Mütter in diesem Land balle ich nämlich in letzter Zeit in Gedanken ziemlich oft meine Fäuste gen Himmel und schreie in der Hoffnung, dass mich endlich mal irgendeiner auf dieser Erde sieht und hört. Dabei habe ich dazu, wie ich vor kurzem in der ZEIT lesen durfte, eigentlich gar nicht soviel Grund: Anuschka Eberhardt findet nämlich mein Wehklagen reichlich übertrieben. Zwar ist auch sie genervt, doch sieht sie nur einen Grund dafür, warum Eltern dieser Tage gänzlich verzweifeln: Es mangele ihnen an Elternkompetenz.

Nun könnte man sich an Eberhardts Text gut sachlich abarbeiten und ich komme auch nicht umhin, ihr in einigen Punkten zuzustimmen. Die Diskussion um Schul- und Kitaschließungen hat in den letzten Wochen absurde Formen angenommen und das wäre gleich auf mehreren Ebenen einen Austausch wert. Zum Beispiel zum Thema Bildungspanik.

Doch hängt meine innere Drama-Queen an einer anderen Stelle in diesem Text fest. Nämlich daran, wie die Autorin ihre eigenen, persönlichen Erfahrungen auf alle anderen Familien als Maßstab anlegt. Weil sie nur ein bisschen genervt, nicht aber überfordert ist, müsse das auch den anderen so gehen. Weil sie es einigermaßen hin bekommt, ihre drei Kinder zu beschulen und zu betreuen, müssten das die anderen Eltern doch auch schaffen. Wenn nicht, dann liegt der Fehler bei ihnen.

Kinder sind kein Thermomix

Eine Logik, die ich in den letzten Wochen viel zu oft angetroffen habe. Mit Kindererziehung, so scheint es, ist es wie mit dem neuen Thermomix. Solange man nur die richtigen Zutaten in der richtigen Reihenfolge und der richtigen Menge eingibt, kommt auch was Gescheites bei raus. Wenn nicht, hast du wohl aus Versehen zu viel Öl genommen – oder zu viel Medienzeit erlaubt, statt die kreative Selbstbeschäftigung zu unterstützen. Selbst schuld und nun jammere nicht.

Blöderweise ist Anuschka Eberhardt mit dieser Logik nicht allein. Mir begegnet sie immer wieder – leider funktioniert auch die Familienarbeit vieler Gemeinden nach diesem Prinzip. Klar haben wir ein Angebot für euch, aber wenn euer Kind zu wild, schüchtern, unkonzentriert, verhaltenskreativ oder neugierig dafür ist, ist das nicht unser Problem. Solange wir nicht verstehen, dass Gott sich einzigartige kleine und große Menschen ausgedacht hat, die eben nicht nach Schema F funktionieren, werden wir uns auch in Zukunft immer wieder fragen, warum wir in Gemeinden so viele junge Familien nicht erreichen.

Und auch das Problem, dass Kinder die großen Verlierer der Corona-Krise sind, lösen wir so ganz sicher nicht. Stattdessen sitzen da draußen immer noch ganz viele Eltern – die von den zu lauten, den zu leisen, den zu hibbeligen und den zu kreativen Kindern – und ich kann nur hoffen, dass sie alle wissen, dass Jesus sie sieht – hier auf der Erde fühlen sie sich nämlich oft genug unsichtbar.

2 Kommentare zum Artikel

Gert Flessing

Ein wesentliches Thema. Kinder, Erziehung und Corona.
Ich habe keine Kinder mehr, die beschult werden müssten, wohl aber Enkelkinder, deren Eltern ähnliche Lieder singen.
Kinder sind nun mal nicht immer pflegeleicht. Sie sind, nun ja, manchmal, wie ein Kater, der dann und wann mal dazu kommt, das ein Verband gewechselt werden muss.
Ich bin zwar ein Mann, aber modern genug, auch etwas mit Kindererziehung, von windeln wechseln, über Bäuerchen machen, bis hin zu Schulhilfsarbeiten, zu tun zu haben.
Ja, es gibt Augenblicke, da nervt es.
Selbst war ich auch mal Kind. In einer Zeit, da gab es keinen Hort, keinen Kindergarten und keine nachmittägliche Betreuung in der Schule.
Da waren die Nachmittage ausgefüllt mit Spielen. Wir waren eine Menge Kinder, in unserer Straße. Freiheit nannte sich das, was ich da erlebt habe. Auch nach der Schule.
Ich fürchte, das fehlt Kindern heute oft.
Ich habe später Reli gegeben und lernte da, in den Neunzigern, die ersten Ansätze von den berühmten Helikoptereltern kennen. Die hätten ihr Kind am liebsten bis ins Klassenzimmer gefahren.
Meinen Kindern gab ich, was ich selbst erlebt hatte: Freiheit. Die Möglichkeit, sich auszuprobieren und das Leben, auch von seiner schmerzhaften Seite, kennen zu lernen.
Wenn sie dann abends, abgeäschert und müde, am Abendbrottisch saßen, waren sie weder hyperaktiv, noch sonst etwas, sondern hungrig und müde.
Manchmal hatte ich zu tun. Manchmal dauerte es etwas länger. Manchmal war auch meine Frau nicht da. Meine Fäuste musste ich nicht ballen. Die Kinder waren irgendwo draußen. Möglich, das sie die Scheune abfackeln oder sich nur die Hosen zerreißen. Ich war überzeugt, das auch sie nicht ohne Gottes Schutz Blödsinn machen.
So, wie es mir ging.
Vielleicht ist es das, was manchen Eltern heute fehlt.
Gert Flessing

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Dr. Thomas Hanstein

Bitte: „Eltern stark machen“! Es war eine Ausnahmesituation. Aber sie rechtfertigt nicht, dass Eltern den Job von Lehrern machen sollten. Das hat man oft so erlebt, hat aber keiner von ihnen verlangt! Und Krise rechtfertigt nicht, dass man ggü. Kindern handgreiflich wird! Never.

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