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Gegen das Vergessen – Die #LaTdH vom 27. Januar

Zum Internationalen Gedenktag an die Opfer des Holocausts geht es um das Nicht-Vergessen. Außerdem: Bannon in Italien, Lachen auf Twitter & Debattieren in Bad Boll.

Debatte

27. Januar, Internationaler Gedenktag an die Opfer des Holocaust. Der Tag, an dem Auschwitz befreit wurde. So wichtig er ist, so oft gibt er leider immer wieder Anstoß zu Debatte. Wie oft habe ich schon mit Menschen diskutiert – leider auch in meinem Freundeskreis -, dass der Holocaust eben nicht lange her ist und unsere bzw. meine Generation sehr wohl noch betrifft. Dass wir entscheidend dazu beizutragen haben, dass auch die Generationen nach uns nicht vergessen. Und wenn es mit der Frage nicht genug wäre, ob oder ob nicht das Nicht-Vergessen gepflegt werden will, bricht die nächste Debatte aus, mit welchen Mitteln man vorgehen darf.

Mit zitternder Kamera gefilmt – Philipp Stadelmaier (Süddeutsche Zeitung)

In diesem Jahr jährt sich auch die Premiere des Films „Schindlers Liste“ zum 25sten Mal, weshalb er heute nochmal in die Kinos kommt. Damals schon und heute wieder wird diskutiert, ob Wahrheit mit Fiktion geschmückt werden darf und wann es damit zu viel ist.

Das Verhältnis von Schoah und Fiktion hat gerade das Kino nach 1945 stark geprägt. Kaum jemand hat das besser verstanden als der französische Filmkritiker Serge Daney. In einem seiner letzten Texte von 1992, „Das Travelling in Kapo“, beschreibt er, wie sich Jacques Rivette über eine Kamerafahrt in einem italienischen Spielfilm von 1960 echauffierte, die eine sterbende KZ-Insassin ästhetisierend einfasste. Wo es um die Schoah geht, muss laut Daney deutlich werden, dass Fiktion und Ästhetisierung fehl am Platz sind.

Ein Besuch in Auschwitz – Thomas Limberg (Breitengrad66.de)

Eine Methode des Nicht-Vergessens, die lange noch hauptsächlich in der Schulzeit begangen wurde, ist der Besuch eines der vielen Konzentrationslager. Der hier beschriebene Besuch und die Bilder sind aus dem Jahr 2014. Schaut man andernorts nach Bildern und liest man den Beitrag von Emilia Smechowski im aktuellen ZEITmagazin (exklusiv für Abonnenten), wird deutlich, dass zumindest Auschwitz-Birkenau inzwischen zu einer regelrechten Touristenattraktion geworden ist.

Es war eine Reise, die sich für immer ins Gedächtnis einbrennen wird. Mit einem Zug fuhren wir von Krakau nach Auschwitz. Während eine normale Zugfahrt nichts Besonderes ist, beschlich mich hier schon ein sehr komisches Gefühl. Wir rollten über die gleichen Schienen, auf denen vor 70 Jahren über eine Million Juden ihrem Tod entgegen rollten. Unweigerlich tauchen bei einer solchen Anreise immer wieder die entsetzlichen Bilder der damaligen Deportationszüge vor dem geistigen Auge auf. Man schaut, während der Zug langsam Richtung Auschwitz rattert, gedankenverloren in die Landschaft und fragt sich, was die Menschen, die damals hier lang fuhren wohl gedacht haben müssen.

Die Shoa auf Snapchat – eine neue Form des Erinnerns – Redaktion (Welt.de)

Die Methoden zu erweitern, um neue Generationen am Nicht-Vergessen teilhaben zu lassen ist wichtig. Inzwischen werden auch digitale Wege in den Sozialen Medien beschritten. Sachor Jetzt ist eine Initiative, Zeitzeugen über Snapchat zu interviewen.

Am Sonntag, dem Holocaust-Gedenktag, geht es gleich um zwei Protagonisten: Don Greenbaum, 93, und Ernest Gross, 89. Gross ist gebürtiger Rumäne, nach dem Einmarsch der Nazis kam er nach Auschwitz und später ins KZ Dachau. Am 29. April 1945 glaubte Gross, der krank und ausgehungert war, fest daran, dass sein letzter Tag angebrochen sei. Doch es kam anders: Der 29. April 1945 wurde der Tag der Befreiung.

Wie hat sich das Erinnern in Deutschland verändert – Götz Aly (Gedenkstunde, Thüringer Landtag)

Bei aller Erinnerung und nicht Nicht-Vergessen wird dann aber leider, und das muss für die Geschehnisse der unmittelbar letzten Jahre ein großes leider sein, doch etwas vergessen. Wie hat es dazu kommen können? Nicht-Vergessen darf man nicht nur die Greueltaten an sich, sondern auch die Menschen, die diese begangen haben. Menschen wie du und ich, im Grunde gut und prinzipienvoll erzogen, können sich viel zu schnell verändern.

Werner Viehweg fand am 8. Februar 1942 den sogenannten Heldentod. Wir sollten auch seiner gedenken, allerdings mit Schaudern vor den menschlichen Abgründen, mit dem selbstkritischen und demütigen Wissen, wie schnell Menschen verrohen und das nur scheinbar feste Korsett bürgerlicher Kultiviertheit abschütteln können. Auch Werner Viehweg war einer von uns. Kein Fremdkörper. Er gehört zu Deutschland, zur deutschen Geschichte. Vergessen wir ihn nicht, indem wir uns bequem mit den Opfern des nationalsozialistischen Volksstaats identifizieren und uns einbilden, wir Heutigen stünden auf der moralisch sicheren Seite.

Götz Alys Rede kann man sich beim MDR auch als Video aus dem Thüringer Landtag anschauen. Aly adressiert die vor ihm sitzenden Abgeordneten der AfD gleich in mehreren Passagen seiner Rede direkt, die ihm anschließend die Ovationen verweigern. Deutschland 2019 heißt auch: Ein Grundkonsens des Nicht-Vergessens gibt es in unseren Parlamenten nicht mehr, um ihn müssen wir kämpfen.

nachgefasst

Vom rechten Antisemitismus zum linken Antizionismus – Interview mit dem SYM-Magazin der Evangelischen Akademie Bad Boll – Michael Blume (Natur des Glaubens)

Auf seinem Blog Natur des Glaubens berichtet Michael Blume (@BlumeEvolution), Beauftragter der baden-württembergischen Landesregierung gegen Antisemitismus, noch einmal von seiner Beteiligung an der umstrittenen „shrinking spaces“-Tagung der Evangelischen Akademie Bad Boll (@EvAkademieBoll, s. #LaTdH vom 23. September 2018). Lesenswert ist die gesamte Ausgabe des SYM-Magazins der Akademie, auf das er hinweist, weil darin in zahlreichen Beiträgen auf die Tagung und die zugrundliegenden Konflikte eingegangen wird.

Schlimmer als angenommen – Andreas Öhler (Christ & Welt)

#ChurchToo ist nicht vergessen, sollte es auch weiterhin nicht sein. In der Eule berichten wir deshalb und versuchen auf dem neuesten Stand zu bleiben. Und wenn man die Medienwelt durchsucht findet man auch so einige Zeichen dafür, dass die Aufklärung auf dem Vormarsch ist. Andreas Öhler (@Ohlearius) berichtet derweil von einer Konferenz in Chicago und der American Catholic Historical Association, die Ursachenforschung betreibt, um Lehren aus der Vergangenheit ziehen zu können.

…die Religionswissenschaftlerin Kathleen Holscher räumte mit der Einschätzung auf, dass sexueller Missbrauch in den USA überwiegend ein städtisches Ostküsten-Thema sei. Auch dass wie bisher angenommen meist Weiße die Opfer seien, dafür fehlten schlicht die historischen Belege.

Buntes

„Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herren.“ – Rainer Bucher (feinschwarz.net)

Am Anfang des Holocaust steht Adolf Hitler und seine gezielte Verfolgung und Ausrottung der Juden. Rainer Bucher hat für feinschwarz.net und sein Buch zu Hitlers Theologie viele Quellen studiert und sich ein Bild von Hitlers theologischen Ansichten gemacht, mit denen dieser die Shoa zu rechtfertigen sucht.

Das Judentum verkörpert für Hitler im Verhältnis des Politischen zum Religiösen die exakte Gegenfolie zu seinem eige­nen Projekt: Ist der Nationalsozialismus für Hitler ein primär politisches Unternehmen, das freilich in einer religiösen Legitimation wurzelt, so das Judentum eine religiöse Wirklichkeit, welche real doch nur rein politischen Zielen diene.

Italiens Parlament befasst sich mit Bannon-Akademie bei Rom (kathpress.at)

Die Katholische Presseagentur Österreich berichtet über kritische Nachfragen bezüglich des von Steve Bannon (ehem. Chefberater Donald Trumps) in Italien mitgegründeten katholisch-nationalistischen Thinktanks, der seinen Sitz in einem alten Kloster in Trisulti erhalten soll.

Die Zeitung „La Repubblica“ hatte Harnwell, der auch als Pächter des Anwesens auftritt, früher mit der Aussage zitiert, Trisulti solle Sitz des „Verteidigungskampfs der jüdisch-christlichen Kultur“ weltweit werden. Ende Dezember dann hatten italienische Bürger und Politiker gegen die geplante Akademie in Trisulti demonstriert. Für Mitte März sind weitere Proteste angekündigt. Medienberichten zufolge will das Institut ab 2019 in Rom und von 2020 an in der mittelalterlichen Kartause politische Seminare abhalten, die Bannons Denkrichtung verpflichtet sind und unter anderem die Grundlagen des Populismus und Nationalismus behandeln. Zum Beirat der Denkfabrik gehören unter anderem die Kardinäle Raymond Leo Burke und Walter Brandmüller.

Burke und Brandmüller (zuletzt hiermit in der Eule) sind die beiden noch lebenden von ursprünglich einmal vier Kardinälen, die Papst Franziskus mit den sog. Dubia zu seinem Schreiben „Amoris Laetitia“ zu Leibe rückten. Koalitionen gibt’s, dass kann man sich gar nicht ausdenken!

Twitterfavs 24. Januar (Pressepfarrerin)

Untenstehenden Tweet haben wir einer der Listen von amüsanten Tweets mit Religionsbezug entnommen, die die @pressepfarrerin immer wieder anfertigt. Da gibt es immer etwas zu lachen.

Ein guter Satz

„Gerade deshalb sind die Überlebenden von Auschwitz in diesen Tagen besonders froh darüber, dass ein Ruck durch Europa zu gehen scheint und immer mehr Menschen ihre gleichgültige Distanz aufgeben und diesen Entwicklungen entgegentreten.“

– Christoph Heubner (Internationales Auschwitz Komitee), von hier

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