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Ist Mütterlichkeit wirklich ein Einfallstor ins Querdenken-Lager?

Ist die Romantisierung von Mütterlichkeit gefährlich? Führt sie in der Corona-Pandemie geradewegs ins Querdenken-Lager? Daniela Albert spricht sich für mehr Differenzierung aus.

Der Journalist und Autor Andreas Speit beschäftigt sich mit der Frage, wie es zu den seltsamen Allianzen kommt, die wir derzeit im Querdenkenlager sehen. Da marschieren Althippies mit Neonazis, Menschen aus einer alternativen, naturverbundenen Szene mit AfD-Politiker:innen, konservative Christ:innen mit Antisemit:innen.

Nun gibt es viele Untersuchungen dazu, dass es schon immer eine gefährliche Nähe zwischen all diesen Gruppen gab. Doch von einem Zusammenhang, den Speit im Interview mit der WOZ beschreibt, lasen viele zum ersten Mal: Die Schnittmenge zwischen einem romantisierten Bild von Mütterlichkeit und der Teilnahme an Protesten gegen Corona-Maßnahmen.

Ganz neu ist dieser Gedanke indes nicht. Vor eineinhalb Jahren sorgte ein Artikel von Anne Dittman für Aufsehen, in dem sie beschrieb, dass es gerade im Bereich des Attachment Parenting eine große Anschlussfähigkeit ins rechte Lager gibt. Denn Bindung, das scheint auch in Teilen dieser Bewegung noch immer vor allen Dingen die Sache von Müttern zu sein.

Gerade die hohe Bedeutung des Stillens ist für manche der Beweis dafür, dass Fürsorge für Kinder die natürliche Bestimmung der Frau sei. Hier werden Geschlechterstereotype bedient, wie sie Speit im Interview beschreibt, die den Mann als Kämpfer und die Frau als naturverbundene Mutter preisen. Es gibt diese Stereotype in esoterischen Szenen, in rechtsradikalen Milieus und auch unter konservativen Christ:innen.

Vom Attachment Parenting zum Querdenken?

Doch ist das wirklich eine hinreichende Erklärung dafür, wie aus einer bindungsorientierten, langzeitstillenden Mutter, die über längere Zeit ausschließlich Familienarbeit leistet, eine Querdenkerin wird? Ich denke nicht. Als ich vor circa 15 Jahren (mit konkretem eigenen Kinderwunsch) anfing, neben meiner wissenschaftlichen Beschäftigung mit solchen Themen auch Elternforen zu lesen, fiel mir schnell auf, dass es schon immer zwei Lager gab:

Diejenigen, die bindungsorientiert auf eine sehr moderne und wissenschaftsbasierte Art lebten: mit aktiven Vätern, Kompromissen und eigenen Wegen bei außerhäuslicher Betreuung und der Lust, sich beständig in diesen Fragen weiterzuentwickeln.

Und es gab von Anfang an auch diejenigen, die Eva Hermann feierten, die Bindung vor allen Dingen und in den ersten Lebensjahren ausschließlich den Müttern zuschreiben. Gerade hier bestand auch schon immer eine starke Ablehnung gegenüber dem medizinischen Fortschritt, Geburten im Krankenhaus, Impfungen und sogar U-Untersuchungen beim Kinderarzt. Es überrascht mich also nicht wirklich, dass viele von diesen Vertreterinnen in der Corona-Krise den Weg genommen haben, den sie gegangen sind.

Ist die Romantisierung von Mütterlichkeit gefährlich? Foto: Liana Mikah (Unsplash)

Dramatischer als das empfinde ich, dass noch eine weitere Gruppe von Müttern in dieser Krise falsch abgebogen ist. Einige dieser Frauen haben mich in meinem Online-Leben lange begleitet. Sie ticken konservativ, auch und gerade, was ihr Bild von Mütterlichkeit angeht, doch offen für den Weg nach Rechtsaußen waren sie nicht immer. Nur fanden sie in anderen Kreisen irgendwann keinen Anschluss mehr.

Gern gelebte Mütterlichkeit, eine langfristige Entscheidung gegen den Job oder gar die Karriere und die Überzeugung, dass Kinder am besten Zuhause aufgehoben seien, brachte ihnen viel Spott, Häme und auch falsche Schubladen ein. In sehr konservativen christlichen Gemeinschaften wurde ihnen hingegen der roten Teppich ausgerollt – genau wie ganz weit rechts. Doch eigentlich gehören sie da nicht hin. Sie sollten dort nicht sein und ich bin davon überzeugt, dass wir sie auch zurückholen können. Doch dafür müssen wir unsere eigenen Bilder und Schubladen hinterfragen.

Zwei Arten der Mütterlichkeit

Antje Schrupp hat einen aufschlussreichen Beitrag über gefährliche Nähe geschrieben, in dem sie sich für die trennscharfe Unterscheidung von Begrifflichkeiten ausspricht. Im Bereich der Mütterlichkeit unterscheidet sie deshalb eine freiheitliche und eine repressive Art Mütterlichkeit und einen starken Fokus auf Fürsorgearbeit zu leben.

Für mich sähe das in der Praxis so aus, dass eine Frau Fürsorgearbeit für viele Jahre zu ihrer Hauptaufgabe machen und ihre Mütterlichkeit ein prägender, dominierender Teil ihres Lebens sein kann. In einem freiheitlichen Konzept dürfen ihre Töchter aber andere Wege gehen. Und solche Mütter geben sich auch Mühe, andere Lebensentwürfe für ihre Kinder sichtbar zu machen und wertzuschätzen. Diese Mütter sind offen für andere Lebenskonzepte und setzen sich im besten Fall dafür ein, dass eine andere Mutter mit ganz anderen Lebensvorstellungen ihren Weg auch gehen kann. Sie sieht darin keinen Affront gegen sich.

Eine repressive Art der Mütterlichkeit ist hingegen dann gegeben, wenn der eigene Lebensentwurf als einzig richtig und für Kinder wohltuend empfunden wird. Andere Lebensrealitäten werden abwertend betrachtet und Investitionen darin als Angriff auf den eigenen Lebensstil sowie auf Kinder und Familien im Ganzen empfunden. Das eigene Glück, das man in der eigenen Konstellation empfindet, scheint ständig von außen bedroht: durch neue Familienformen, Krippen oder andere Kulturen.

Zu viel Betonung auf Mütterlichkeit?

Nun glauben viele aus dem liberalen oder progressiven Lager und auch in feministischen Szenen, dass für Mütter aus der ersten Gruppe längst alle Türen offen ständen. Doch auch wenn sich im Bereich der Akzeptanz von Care-Arbeit in den letzten Jahren viel getan hat, ist es so einfach dann doch nicht.

Die Bloggerin Ana Luz de Leon zum Beispiel steht für mich für ein freiheitliches und sehr feministisches Bild von Mütterlichkeit. Neben viel Bewunderung bekommt sie aber auch immer wieder giftige Kommentare, in denen Frauen ihr vorwerfen, ihre Mütterlichkeit zu sehr zu betonen und zu wenig Erwerbsarbeit zu leisten und damit falsche Rollenklischees zu zementieren.

In der aktuellen Diskussion um den Schulbesuch unserer Kinder zeigt sich ebenfalls, dass manche Befürworter:innen von Distanzunterricht sich mit Differenzierung inzwischen schwer tun. Schnell wird online alles, was die problematischen Auswirkungen von fehlendem Präsenzunterricht oder insgesamt die Verengung des Lebensraums von Kindern und Jugendlichen thematisiert, niedergebrüllt und als Plädoyer für eine „Durchseuchungsstrategie“ fehlgedeutet. Das erschwert eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Nöten von Kindern und Jugendlichen.

Auch ich selbst durfte schon erfahren, wie schnell man in der falschen Schublade landet. Vor Jahren machte ich in einen Blogbeitrag meinem Ärger Luft, dass immer häufiger Kinder krank in Betreuungseinrichtungen geschickt werden, weil unter anderem ein zu großer Druck auf Arbeitnehmer:innen lastet, nicht auszufallen – eine Schattenseite des Hypes um Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Das brachte mir viel ungeplanten Applaus von rechts ein – und jede Menge Hate aus dem feministischen Lager.

Während ich damit dank eines stabilen Umfelds von ähnlich denkenden Frauen und guter Rolemodels gut umgehen konnte, erleben viele Frauen solche Zuordnungen oft ungeschützt. Die, die sich im eigenen Weg sowieso unsichtbar fühlen und den Eindruck haben, dass der andere Lebensentwurf – Karrieremutter oder scheinbar modernere Familie – mehr wert ist als ihr eigener.

Nicht selten bringen diese Frauen auch von Haus aus schon eine konservative Prägung mit, sodass der Weg ins unfreie Lager kurz und scheinbar einfach ist. Sie nehmen ihre Schubladen an und klammern sich an Menschen, die die Gefährlichkeit von ungesunden Allianzen von konservativer Lebens- und Glaubenswelt und rechtsradikalen Kreisen relativieren, um so aufkommendes Unwohlsein zu kurieren.

Und ich finde, es ist unsere Aufgabe, weiter um genau diese Frauen zu kämpfen. Mag sein, dass wir sie, wenn es um diese Pandemie geht, verloren haben – aber es gibt ja auch ein Leben danach.