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Kopfnoten

Zum Schluss des Corona-Schuljahres kommen die Kinder erschöpft und mit Zeugnissen nach Hause. Was für eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, findet Daniela Albert:

In Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland starten heute die Sommerferien. Auch die Albertschen Gotteskinder und Satansbraten werden in den nächsten Stunden nach und nach Zuhause eintrudeln. Im Gepäck werden sie eine Menge guter und schlechter Ideen für die nächsten Wochen haben. Ein paar Träume und Wünsche, von denen wir ihnen gern welche erfüllen wollen. Ein bisschen Abschiedsschmerz, denn für zwei Kinder endet ein Lebensabschnitt, – ach ja – und ihre Zeugnisse.

Ihre Zeugnisse, das sind in unserem Fall Zahlen auf Papierstücken. Aus dem Alter der Fließtexte sind die Schulkinder nämlich schon raus. Ich fand es schon immer ein bisschen schräg, dass der Lernzuwachs von kleinen Menschen in Ziffern gemessen werden kann und dass diese Ziffern dann eine Aussage über unsere Kinder treffen. Doch in diesem Jahr befremdet mich das ganz besonders.

Ein Kind erzählte mir kürzlich, was für eine Note es im Arbeitsverhalten bekommen würde. Diese „Kopfnote“ wird in der Klassenkonferenz von allen Lehrer:innen gemeinsam entschieden, die dieses Kind unterrichten. Unabhängig von der Zahl, die da nun stehen wird, frage ich mich seither, warum ich zu dieser Konferenz nicht auch eingeladen war oder mein Mann oder vielleicht meine Schwiegermutter. Denn eigentlich können wir in diesem Jahr deutlich besser beurteilen, welches Arbeitsverhalten unsere Kinder an den Tag gelegt haben.

Von den Lehrer:innen der Klassenkonferenz habe ich hier jedenfalls niemanden an unserem Esstisch gesehen, an dem die Kinder Tag für Tag monatelang saßen und Aufgaben erledigten, die auf irgendeinen Bildungsserver, der seinen Namen nicht einmal verdient hatte, hochgeladen wurden.

Himmelschreiende Ungerechtigkeit

Aber die Noten, so wurde es den Kindern erklärt, bemessen sich ja nach dem, was wir wiederum dann am Ende der Woche auf selbigen Server hochgeladen haben und der Art, wie die Kinder ihre Aufgaben erledigten. Wenn dem so ist, dann hätte ich gern auch eine Note im Arbeitsverhalten! Oder mein Mann. Denn viel von dem technischen Support, der für das pünktliche Hochladen nötig war, haben wir übernommen.

Allein unseren einigermaßen vorhandenen Kompetenzen auf diesem Gebiet verdankt es unser Kind also, dass seine Note nicht ganz so mies ausfallen wird. Viele andere Schüler:innen hatten weniger Glück. Deren Eltern hatten weder das nötige Know-how noch die Ausstattung oder schlicht und ergreifend nicht die Zeit oder die Kraft, ihre Kinder in dieser schwierigen Phase zu unterstützen. Entsprechend wird ihr Arbeitsverhalten nun bewertet werden. Wenn ihr mich fragt, eine himmelschreiende Ungerechtigkeit.

Davon gibt es so viele, wenn es um diese Pandemie und unsere Kinder geht, da fallen ein paar Zahlen auf einem Stück Papier wohl gar nicht mehr ins Gewicht. Doch für diejenigen, die sie heute druckfrisch auf den Tisch geknallt bekommen, tun sie das eben doch. Für manche Schüler:innen ist das heutige Zeugnis der finale Schlag in die Magengrube in einem Schuljahr, in dem sie permanent übersehen und vergessen wurden und in denen ihnen sehr deutlich gemacht wurde, was die erwachsene Welt von ihnen erwartet: Funktionieren und ruhig sein! Aufgaben erledigen und bloß nicht auffallen. Nach monatelanger Schulschließung zurückkommen und bitte die Abläufe nicht stören. Testen. Alles dabei haben. Lernstoff nachholen. Klappe halten.

Denn in einem Schuljahr, in dem nichts nach Plan lief, aber in dem von oben dennoch erwartet wurde, dass Schulen den Plan einhalten, kann man vor allem eins nicht gebrauchen: Störenfriede und Störenfriedas, die das, was in der Schule in den wenigen Wochen des Präsenzunterrichts lief, in Frage stellten.

Den Betrieb sprengen?

Für die, die dennoch aufbegehrten, hat dieses heutige Zeugnis eine zweite Kopfnote: Das Sozialverhalten. Nun müsste man meinen, dort stände bei allen jungen Menschen dieses Jahr pauschal eine 1 – denn immerhin haben sie aus Rücksicht auf andere Menschen einfach mal eineinhalb Jahre ihrer Kindheit oder Jugend hergeschenkt, und zwar größtenteils, ohne auf die Barrikaden zu gehen. Kann es etwas Sozialeres geben? Doch auch hier bekommt der/die eine oder andere wohl nicht einmal eine 2.

Einige sprengen den Betrieb komplett, erzählte mir eine befreundete Lehrerin kürzlich müde. Sie hat mein volles Mitgefühl, denn was sie berichtete, klang wirklich anstrengend. Schüler:innen, die nicht mehr in der Lage waren, die einfachsten Regeln des schulischen Miteinanders einzuhalten, die sich nicht mehr konzentrieren konnten und das Klassenraumsetting schlicht verlernt hatten. Solche, denen alles zu viel war und die ihre Überforderung an ihren Mitschüler:innen, Lehrkräften oder der Einrichtung ausließen. Manche waren im Grunde nicht mehr beschulbar.

Doch können wir ihnen das wirklich verdenken? Ist Rebellion nicht eigentlich die einzige gesunde Antwort, die unsere jungen Menschen auf diese Situation finden können? Ist es nicht eher verwunderlich, dass nicht noch viel mehr von ihnen den Unterricht sprengen und die Pausenhallen verwüsten?

Wären nicht in den wenigen Präsenzwochen in diesem Schuljahr ganz andere Dinge dran gewesen als Klassenarbeiten, Schulstoff im Schnelldurchlauf und Noten? Was ist mit Wandertagen, Grillparties, Projektwochen, Klassenfahrten und Schwimmbadbesuchen? Wo ist der Raum, sich mal so richtig bei jemandem über die vergangenen 16 Monate auszukotzen? Wer hatte Zeit, sie wirklich anzusehen, ihnen zuzuhören und herauszufinden, was sie beim schulischen Neustart wirklich gebraucht hätten?

Und sollten wir nicht anstatt über ihre Kopfnoten einmal über das Arbeits- und Sozialverhalten derjenigen diskutieren, die ihnen sichere Bildung und einen einigermaßen altersgerechten Alltag hätten ermöglichen müssen? Wann tagt da eigentlich die Klassenkonferenz?