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Krisen-Neglect – Die #LaTdH vom 21. Juni

Auf was konzentrieren wir uns während der Corona-Krise, die noch lange nicht vorbei ist? Außerdem: Vertrauenskrise in der Schweiz, goldene Rahmung und ein betrunkener Stammvater.

Gestern war Weltflüchtlingstag. In einer noch unausgestrahlten, umstrittenen SWR-Dokumentation über das Corona-Virus attestiert Christian Drosten „einen gesellschaftlichen Neglect“, eine Aufmerksamkeitsstörung: Wir machen uns blind gegenüber den Corona-Opfern in anderen, fernen und nahen Ländern. Eine andere Dokumentation wurde diese Woche in der ARD ausgestrahlt: Die Doku „Wir schicken ein Schiff“ über #United4Rescue (Mediathek). Das ist gut, weil auch das Schicksal der Flüchtlinge an den Grenzen Europas immer wieder verdrängt wird.

Debatte

Die Corona-Krise ist nicht vorbei. Die Corona-Krise ist nicht vorbei. Dem vielbeachteten Ausbruch des Virus‘ in einem Fleischwerk der Tönnies Holding könnten auch Ansteckungen während eines Gottesdienstes zugrunde liegen, berichtete gestern Nachmittag t-online.de. Nur wenige Infizierte entzündeten dann unter den miserablen Arbeits- und Unterbringungsbedingungen bei Tönnies den Corona-Hotspot.

„Ich bin mir ganz sicher, dass wir auch in Südoldenburg und im Emsland – also überall dort, wo die Fleischindustrie stark vertreten ist – in der nächsten Zeit Corona-Ausbrüche erleben werden“, gab Sozialpfarrer Peter Kossen, der sich seit Jahren für bessere Produktions- und Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie einsetzt, der KNA zu Protokoll. Auch Gottesdienste sind am 21. Juni noch genauso gefährlich wie am 15. März oder 15. April (s. hier & hier).

Immer wieder stellen sie sich als sog. „Superspreader-Events“ heraus, d.h. auch wenn nur ein oder zwei Infizierte mitfeiern, können sich bei mangelnden Sicherheitsvorkehrungen viele Menschen anstecken. Doch auch der Umkehrschluss ist möglich: Der flächendeckende Gottesdienst-Verzicht und dann -Ausfall per Anordnung haben Menschenleben gerettet und vor Krankheit bewahrt. Die Corona-Krise ist nicht vorbei.

Digitale Verkündigungsformate während der Corona-Krise: Eine Ad-hoc-Studie im Auftrag der EKD – Daniel Hörsch (midi)

Die frische Ad-hoc-Studie der Evangelischen Arbeitsstelle für missionarische Kirchenentwicklung und diakonische Profilbildung „midi“ beschäftigt sich mit digitalen Verkündigungsformaten während der Corona-Krise. Die Studie steht auf einer soliden Datenbasis, es wurden Gemeinden aus vier exemplarisch ausgewählten evangelischen Landeskirchen befragt.

Im midi magazin hat Studienautor Daniel Hörsch (@dahoe1974) einige Ergebnisse der Studie kurz zusammengefasst. Eine Würdigung der Ergebnisse, auch im Kontext der Ergebnisse anderer momentan im Entstehen begriffenen Erhebungen, würde hier den Rahmen sprengen, allerdings: Für den schnellen Zugriff auf das Thema und die Gestaltung des Projekts (!) kann man schon jetzt ein Kompliment aussprechen.

Wie geht es weiter, Coronakirche? Eine Regnose – Christian Lunkenheimer (pastor und beyond)

Doppelter Perspektivwechsel: Christian Lunkenheimer (@PastorUndBeyond) beschreibt die Folgen der Corona-Krise für Gemeinden und Kirchen aus Sicht eines FeG-Pastors. Freikirchen sind zum Teil mit anderen Problemen konfrontiert als Gemeinden der großen Kirchen. Lunkenheimer schreibt seine Analyse zudem als eine fiktive Rückschau vom 1. Januar des kommenden Jahres aus.

Sein Artikel, der auch in der FeG-Zeitschrift Christsein heute erschienen ist, enthält reichlich diskussionswürdige Gedanken zur analogen, digitalen, hybriden und asynchronen Gemeindearbeit. Beim Lesen wird deutlich, wie nützlich ein intensiver Austausch der Kirchen und Religionsgemeinschaften untereinander für die Bewältigung der Folgen der Corona-Krise sein könnte:

Die Freikirchen könnten durchaus vom hohen Reflexionsniveau auf digitale Kirche in den großen Kirchen profitieren (Plattformsouveränität & Datenschutz eingeschlossen), während die Gemeinden der großen Kirchen sich von Gestaltungswillen und Flexibilität freikirchlicher Gemeinden inspirieren lassen können, die ohne Netz und doppelten Boden einer großen Institution arbeiten.

Die Stunde der Paradiesvögel – Katharina Scholl (zeitzeichen.net)

Katharina Scholl fasst auf zeitzeichen.net die Debatte um gottesdienstliche Formen während der Corona-Krise zusammen. Sie wünscht sich, dass die innovativen Paradiesvögel nicht wieder ganz an den Rand der Institution Kirche verschwinden, in der die Traditionalisten wieder das Ruder übernehmen. Warum, das begründet sie mit guter evangelischer Theologie. Aus der Fülle der Artikel, die sich mit dem „neuen“ Gottesdienst beschäftigen, ragt dieser hier heraus.

Dabei lässt sich gerade im Hinblick auf die aktuelle Situation gottesdienstlicher Liturgie deutlich spüren, dass die beiden Pole „Tradition“ und „Innovation“ produktiv aufeinander bezogen werden müssen statt sie in Grabenkämpfen gegeneinander auszuspielen. […] Diese aktuelle Aufgabe rund um die Liturgie wäre auch eine gute Gelegenheit um zu spüren, dass die Traditionalisten bewahren um immer wieder neu zu erleben und die Innovationsfreudigen variieren, weil es ihre Art ist zu bewahren.

nachgefasst: Vertrauenskrise in der EKS

Die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS, bis 2019 SEK), die als Zusammenschluss der reformierten Kantonalkirchen und der Evangelisch-methodistischen Kirche ungefähr der EKD in Deutschland entspricht, wird von einer tiefen Vertrauenskrise erschüttert.

Im Zentrum stehen (eigentlich) schwere Vorwürfe von „Grenzverletzungen“ gegen den inzwischen ehemaligen EKS-Präsidenten Gottfried Locher, der Ende Mai von seinem Amt ohne eine Erklärung zu den Vorwürfen und den Umständen seines Rücktritts zurücktrat. Zu Beginn der Woche tagte nun die Synode der EKS, auf der zumindest einige Schlaglichter in die Vorgänge geworfen wurden (und hier im Magazin der Kirche).

Mit der Klärung der Vorwürfe gegen Locher war zunächst u.a. die zuständige Kirchenrätin Sabine Brändlin befasst. Sie selbst hatte aber 2018/2019 eine Beziehung mit Locher geführt, und das dem Rat und der Kirchenöffentlichkeit aus naheliegenden Gründen verheimlicht. Am April trat sie von ihren Aufgaben in der Kirchenleitung wegen „unüberbrückbarer Differenzen“ zurück.

Zuvor hatte sie jedoch nach eigener Aussage die Vorwürfe der ehemaligen EKS-Angestellten weiterverfolgt, was u.a. erhebliche Kosten für die Kirche verursachte. Ihre Darstellung der Umstände ihres Rücktritts widerspricht in zentralen Punkten der Darstellung der EKS-Führung auf der Synode. Was die Empörung um das Privatleben von Brändlin und Locher verdeckt, ist die Unfähigkeit der Kirche, Vorwürfen sexueller Übergriffigkeit gründlich und nach den eigenen Richtlinien nachzugehen.

Und damit wird die Vertrauenkrise auch zu einem Thema für die evangelischen Schwesternkirchen in Deutschland. Im September 2018 wurde Locher im Amt des Präsidenten der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (Geke) bestätigt, trotzdem in der Schweiz bereits damals Vorwürfe gegen ihn erhoben wurden (wir berichteten). Die evangelischen Kirchen haben sich einer Null-Toleranz-Politik gegenüber sexuellem Missbrauch verschrieben. Das darf nicht vor mächtigen Männern Halt machen.

Buntes

„Die Kirchen müssen rote Linien ziehen“ – Interview mit Wolfgang Schroeder (Deutschlandfunk)

Wie reagieren die Kirchen auf rechtsextreme Strömungen? Das hat die Otto-Brenner-Stiftung im Rahmen der Untersuchung „Bedrängte Zivilgesellschaft von rechts“ (kostenfreier Download) analysiert. Ein Autor der Studie, Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder von der Universität Kassel, sagte dazu Anfang der Woche im Deutschlandfunk:

Es gibt eine religiöse Rechte, die für sich beansprucht, das „wahre Christentum“ zu verkörpern, eine enge Vorstellung von Wahrheit, von Göttlichkeit, von einer Gesellschaft, die mit sich eins ist, weil sie homogen ist. Das ist ja auch einer der Nährböden des Rechtspopulismus, dass man die heterogene, plurale Gesellschaft und die plurale Demokratie ablehnt, weil sie eine „Gefahr für das Zusammenleben der Menschen“ bedeute.

Denkmalschutzbehörde will „Judensau“-Darstellung zurück an Kirche (KNA, katholisch.de)

Eine Gemeinde saniert ihre Kirche und will eine antisemitische Darstellung nicht wieder anbringen. Das Denkmalschutzamt sagt: Muss aber. Nun kommt die „Judensau“ wohl wieder an die Kirche in Sachsen-Anhalt dran, und wird verhüllt. Ein gutes Vorbild für die anderen Gemeinden, die um den richtigen Umgang mit diesem schwierigen Erbe christlichen Antisemitismus ringen? Man schaue nach Wittenberg und Köln!

Bibel

Betrunken, entblößt und nicht rassistisch – Till Magnus Steiner (Dei Verbum)

Till Magnus Steiner (@TillMSteiner) geht auf dem Bibel-Blog Dei Verbum einer biblischen Quelle rassistischer Überzeugungen unter Christ*innen nach. Ein eindrückliches Beispiel für christlich codierten Rassismus (wir berichteten). Steiner analysiert die Geschichte der „Verfluchung Hams“ in der Genesis:

Kein Mensch sollte unter Rassismus leiden müssen. Rassismus muss aus den menschlichen Gesellschaften eliminiert werden und im christlichen Glauben sollte man sich wieder darauf besinnen, dass alle Menschen von dem betrunkenen und entblößten Noach abstammen.

Predigt

Jede Lebensgeschichte braucht einen Goldrahmen – Sabrina Hoppe (#himmelwärts, Sonntagsblatt)

Sabrina Hoppe (@Sabrinella_Hope) schreibt beim bayerischen Sonntagsblatt einen immer wieder lesenswerten „Blog“ unter dem Schlagwort #himmelwärts. Diese Woche begleiten wir sie auf Besuche, die sie als Pfarrerin Menschen an den Wendepunkten des Lebens abstattet. Mit dabei: Ein goldener Rahmen.

Warum die Menschen meine Fragen nicht als übergriffig und unverschämt empfinden? Ich glaube, weil ich bei meinen Küchentisch-Gesprächen einen Goldrahmen dabei habe. Einen glänzenden goldenen Rahmen. Sogar in verschiedenen Größen. Ich halte ihn ganz vorsichtig fest, wenn der Andere spricht. Wenn die Angst ein bisschen hervorschaut. Wenn das Glück durch die Ritzen blitzt.

Ein guter Satz

Der Glaube an tausend neue Offenbarungsmöglichkeiten des Ewigen, den wir haben, sieht für die andern meist nur wie eitler Zweifel am Bestehenden aus. Wenn er nur das ist, ist er auch steril.

– Hermann Hesse in einem Brief an Martin Doerne, 19. Januar 1918