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Foto: Dayne Topkin (Unsplash)

Macht ihr jetzt auch vor der Ehe Liebe?

Sex und Ehe werden unter Evangelikalen permanent diskutiert. Wie halten es Christen, die sich vom evangelikalen Glauben verabschiedet haben, mit Partnerschaft und Sexualmoral?

Lieber Christoph,

in den letzten beiden Ausgaben deiner Kolumne hast Du uns Fragen zum Gottesdienst– und Abendmahlsverständnis von Post-Evangelikalen beantwortet. Immer wieder geht es um den liebenden Gott, den post-evangelikale Christen entdecken und gelten lassen wollen. Wie sieht es mit der Liebe unter Post-Evangelikalen aus? Inwieweit haben traditionelle, konservative Lebensentwürfe für euch noch Gültigkeit, die unter Evangelikalen mit der Bibel begründet werden? Habt ihr jetzt auch ohne Trauschein Sex?

Fröhliche Grüße!


Hallo liebe Eule,

dass das Thema Sexualmoral bei einer Diskussion um (Post-)Evangelikalismus auf den Tisch kommen muss, scheint ja leider unausweichlich. So ist Sexualmoral gerade in vielen evangelikalen Kreisen ein (oft übermäßig) großes Thema. Natürlich ist ein Wertewandel auch in evangelikalen Milieus mittlerweile angekommen – junge evangelikale Christen sind so in der Regel deutlich liberaler eingestellt als die Eltern- oder Großeltern-Generationen.

Dennoch, vielleicht auch aufgrund der demografischen Konstellation in eher traditionellen Freikirchen, werden Fragen um Sexualität und Partnerschaft oftmals noch sehr konservativ beantwortet. Vielfach natürlich mit dem Verweis auf die Bibel und moralische oder sittliche Standards, die man meint hier extrahieren zu können oder zu müssen.

Lebt man als junger Mensch im evangelikalen Milieu liberaler und individueller, wird dies in der Regel zwar toleriert, oftmals aber eben nicht als vorbildlich angesehen. Spätestens wenn es um Fragen der Leitungsverantwortung geht, wird oft genauer hingeschaut. Die unverheiratet schwangere junge Worship-Sängerin, die daraufhin nicht mehr auf der Bühne stehen darf, oder das Hauskreisleiter-Pärchen, das unverheiratet zusammen zieht und die Gruppenleitung aufgeben muss – das begegnet einem auch heute immer noch sehr häufig. Durchaus auch in jüngeren evangelikalen Bewegungen wie der Vineyard, ICF oder manchen City Churches.

„If you liked it, then you should have put a ring on it“, Foto: Marcelo Matarazzo (Unsplash)

Wie positionieren sich Post-Evangelikale zur konservativen Sexualmoral?

Machen wir es kurz: In post-evangelikalen Kreisen wird Sexualität in der Regel nicht als etwas reflektiert, das generell einer moralisch-sittlichen Erörterung Bedarf. Sexualität wird weitgehend erst einmal als Privatsache behandelt und bedingt vor allem die Prämisse der Einvernehmlichkeit. In der Sexualpädagogik spricht man hier auch von Verhandlungsmoral.

Das meint aber auch, dass nicht unbedingt jeder post-evangelikale Christ eine libertäre, progressive Haltung bezüglich Partnerschaft und Sexualität vertreten muss, sondern erst einmal nur, dass Sexualität etwas ist, wo jeder selbst zu eigenen Werten und Normen finden darf und sollte, solange man niemandem damit schadet.

Wer seine heteronormale Ehe abfeiern will und darin für sich die Erfüllung sieht – voll ok. Wer eher polyamorös leben möchte und entsprechend Partner findet, die das genau so wollen – why not? Jeder soll Sexualität und Partnerschaft erfüllt und glücklich leben dürfen und dies so, wie er halt kann und mag. So werden sittliche Aussagen in der Bibel generell eher historisch kritisch gelesen – heißt, als kulturelle Artefakte behandelt und nicht unter dem Stichwort Sünde besprochen. An einer Metaphysik der Sitten, die für alle Menschen gleichermaßen gelten soll, arbeiten sich post-evangelikale Menschen nicht mehr ab. Man hat ein Bewusstsein für gesellschaftlichen Wandel, für Diversität, wie auch für die Diskursivität von Werten und Normen.

Sexualität wird, wie in anderen liberal geprägten gesellschaftlichen Gruppen auch, weniger als Thema der Gruppe, sondern vornehmlich auf persönlicher, zwischenmenschlicher Gesprächsebene besprochen – also genau dort, wo das Gespräch primär auch erst einmal hingehört. Dort, wo Sexualität eben auch stattfindet.

Der Evangelikalismus hingegen wünscht sich Universalien

Im evangelikalen Denken gestaltet sich dies natürlich ganz anders. Hier ist man gerade bestrebt klare Vorstellungen zu formulieren, die uns Gottes Sicht auch auf zwischenmenschliche Themen offenbaren sollen. Und so wird hier in der Regel nicht vom Einzelfall ausgegangen, sondern eher universalistisch gedacht. Das ist natürlich immer schwierig für Menschen, die in die gängigen Normative wie Cis-Gender, Heterosexualität, Monogamie und Missionarsstellung nicht recht passen mögen. Deshalb findet man im evangelikalen Raum natürlich auch unterdurchschnittlich wenig Menschen an, die von solchen heteronormativen Identitätsmarkern abweichen.

Nicht von ungefähr kommt es so auch, dass für viele Post-Evangelikale gerade die Reflexion der evangelikalen Sexualmoral mit zum Anstoß eines Hinterfragens auch vieler deutlich grundsätzlicherer Glaubenssätze werden kann, die vormals als selbstverständlich erachtetet wurden. Wachsen wir vielleicht noch in behütetem, evangelikal-christlichen Elternhaus im Bergischen Land auf, ziehen wir zum Studieren vielleicht nach Köln oder Berlin und werden dort mit ganz anderen, deutlich heterogeneren Lebenswelten konfrontiert, zu denen wir uns nun zu verhalten haben.

Ein Verständnis, auch Formulieren von Moral hat immer viel mit Biografie zu tun – so auch damit, wie homogen bzw. heterogen unsere Lebenswelt sich gestaltet, mit der wir uns auseinanderzusetzen haben. Durch unsere heutige soziale Mobilität werden soziale Gruppe und Identitäten aber zunehmend durchlässiger, Biografien diverser, und so natürlich auch unsere Anfragen an die tradierte Werte und Normen unserer Sozialisation signifikanter, da sie uns in kognitive Dissonanzen führen können, die wir für uns zu klären haben.

Der Evangelikalismus idealisiert Sex und Partnerschaft

Gerade in jüngeren evangelikalen Gemeindebewegungen sieht man zudem, dass gerade Partnerschaft in besonderem Maße idealisiert wird. Ehe wird hier oftmals nahezu als sakramental rezipiert. In evangelikaler Sprache: Ehe ist das Beziehungsmodell, zu dem sich Gott in besonderer Weise stellt, das in besonderer Weise gesegnet ist.

Auch Sexualität wird unter solcher Topik natürlich in besonderer Weise idealisiert. Der „Kein Sex vor der Ehe“-Topos wird heute oftmals gar nicht mehr primär als sittliches Argument angeführt, sondern schöpft seine Signifikanz vielmehr aus diesem Moment der Idealisierung: „Wahre Liebe wartet“ – Deine Sexualität ist etwas besonderes, fast schon heiliges. Etwas, wo es sich lohnt zu warten – auf den perfekten Partner. Auf den einen Menschen, mit dem wir für immer zusammen bleiben. Das ist natürlich ein schöner, weil hoch romantischer Gedanke.

Überromantisierung (Symbolbild), Foto: Joel Overbeck (Unsplash)

Eine solche Idealisierung kann jedoch schnell in die sogenannte „AMEFI“-Falle führen, wie manche Paartherapeuten oder Psychologen heute problematisieren: „Alles mit einem für immer“. Ein solches romantisches Ideal kann man durchaus gesamtgesellschaftlich beobachten – man spricht hier gerne auch von einer Überromantisierung, oder etwas populärer: der Disneysierung von Beziehung. In der Topik mancher evangelikaler Gruppen wird dieses Bild nochmals in besonderer Weise forciert, da zusätzlich spirituell ausgedeutet.

Letztlich werden so enorm hohe Ansprüche und Erwartungen an Beziehung formuliert. Wo früher vielleicht eine ganze Großfamilie für unser Glück mitverantwortlich war, projiziert man heute das gelingende Leben und das persönliche Glück sehr stark auf die romantische Zweierbeziehung und den einen Lebenspartner, mit dem man dies nun realisieren möchte. Problematisiert wird dies vor allem hinsichtlich unser Bindungsfähigkeit: „Drum prüfe, wer sich ewig bindet!“ Mit einer solchen Haltung ist man natürlich deutlich vorsichtiger bei der Partnerwahl. Durch die starke spirituelle Aufladung des Themas kann ein solches Denken auch in deutlich existentiellere Krisen führen, wenn es dann doch nicht so klappt, wie man sich das vorgestellt hat.

So begegnen einem gerade in post-evangelikalen Kreisen öfter einmal Menschen, die aufgrund ihrer jung gescheiterten christlichen Ehen ihr ganzes evangelikales Glaubensgerüst hinterfragt haben, weil das Versprechen, der von Gott gesegneten Beziehung, nicht eingelöst wurde. Ein „Mit Gottes Hilfe“ scheint nicht immer die Wunderwaffe zu sein, mit der man Beziehungsprobleme oder enttäuschte Erwartungen, langfristig kompensieren kann. Als Nachwirkung verliert mancher in einer solchen Krise nicht nur das Vertrauen in sich, seine eigene Beziehungsfähigkeit oder in andere Menschen, sondern gar in Gott und Glauben. So findet man sich schnell auch einmal in einem Dekonstruktionsprozess wieder, der wie ein Domino-Effekt auch vor anderen Glaubensätzen keinen Halt macht.

Ein kurzes Resümee

Sexualmoral ist ein Thema, mit dem post-evangelikale Christen vor allem biografisch Berührung haben. Entweder passt man selbst nicht in die Normative hinein, die evangelikale Sexualmoral formuliert, oder muss sich aufgrund der heterogenen sozio-kulturellen Kontexte in denen man lebt, hier stärker abgrenzen, um kognitive Dissonanzen aufzulösen. In manchen Fällen können zudem Enttäuschungen oder auch ein Scheitern an der starken Idealisierung von Sexualität und Partnerschaft im evangelikal Raum zu einem Moment in der eigenen Biografie werden, der eine Auseinandersetzung mit der eigenen evangelikalen Sozialisation erst anstößt.

Kolumne post-evangelikal

Wir wollen wissen, was es mit den Post-Evangelikalen auf sich hat. Die Post-Evangelikalen sind keine einheitliche Gruppe: Wir wollen verstehen, was sie trotz Unterschieden eint, welche Fragen sie bewegen und welche Antworten sie für sich neu finden. In unserer Kolumne post-evangelikal befragen wir deshalb Christoph Schmieding. Christoph ist in der Lebenswert Stadtkirche Köln zuhause und fühlt sich der „Emerging Church“-Bewegung zugehörig.

Generell muss man aber festhalten, dass Sexualmoral vor allem in eher konservativen Gruppen thematisiert wird. In Gruppen, die eben eher universalistische Annahmen vertreten und für sich daher auch einen Anspruch auf Diskurs postulieren. Eine liberale Haltung hingegen lebt hier eher aus dem Moment der Toleranz, der Akzeptanz und sieht für sich daher auch weniger Gesprächsbedarf. Man kann hier sehr unterschiedliche Positionen verstehen und auch wertschätzen.

Problematisch wird ein Diskurs um Moral aus liberaler Perspektive immer erst dann, wenn die Absolutheitsansprüche einer Gruppe auch politisch vertreten werden. Menschen also ausgegrenzt, diffamiert oder in ihren persönlichen Rechten beschnitten werden könnten. Das ist der Moment, wo man in den Diskurs einsteigt und sich auch bewusst solidarisiert.

Moral als politischer Diskurs

Ein Problem, das sich in einem solchen politischen Diskurs oft ergibt ist, dass viele Konservative eine liberale Haltung selbst als einen Anspruch wahrnehmen, dem sie eine gewisse Absolutheit unterstellen. Man empfindet sich selbst als Minderheit und einem gesellschaftlichen Druck ausgesetzt, der eine „political correctness“ einfordert, die man vielleicht nicht einzulösen vermag.

Das Oxymoron „Toleranz der Intoleranz“ drückt diese Problematik recht treffend aus. Moralische Fragen sind gerade für sehr religiöse Menschen auch Gewissensfragen und das Gewissen eben kein komplett rational funktionierender Apparat. Das Ausüben der eigenen Religion, die Freiheit der eigenen Meinung  auch wenn diese anderen Ansichten intolerant gegenübertritt, sind Fragen, wo liberales Denken zunächst an seine Grenzen stößt.

Auch Liberale müssen lernen, dass man ihren Move – also die Trennung zwischen persönlicher Meinung und öffentlichem Diskurs -, nicht als selbstverständlich setzen kann. Dass gerade in moralischen Fragen hier auch Momente hineinspielen, die man nicht einfach mit einer Rationalisierung und durch bewusste Trennung der Diskurse nivellieren kann. Gerade in einer multikulturellen Welt, die immer näher zusammenrückt, wird man hier lernen müssen, weiter im Gespräch zu bleiben. Und Anfragen an eine liberal geprägte Moral kommen ja nicht nur aus dem konservativen Lager, sondern ebenso auch aus dem linken.

Offensichtlich ist, dass wir uns in unseren Diskursen nicht in eine Polarisierung zurückziehen können, sondern wir weiter im Gespräch bleiben müssen, ob man nun mag oder nicht.

Das Emergent-Forum 2018, das vom 14. bis 16. September 2018 in Leipzig stattfinden wird, will sich unter dem Titel: „BEEF – emergent streiten“ genau dieser Herausforderung stellen. Man möchte gemeinsam nach Lösungsstrategien und Reflexionen suchen, die uns helfen sollen, in unserem Streiten konstruktiv zu bleiben. Also eine definitive Veranstaltungsempfehlung meinerseits. Auf der Website man sich genauer informieren und bei Interesse auch gleich anmelden.

Wie immer – Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit und bis bald!

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