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Mit Gotteskindern und Satansbraten durch die digitale Schallmauer

In unserer neuen Kolumne schreibt Daniela Albert über Kindersegen, Familienstress und ihren Ort in der Kirche. Denn: „Wir ticken anders.“

Seien Sie ehrlich: Wie oft schaffen Sie es in der Regel in den Gottesdienst um zehn Uhr? Falls ihre Antwort sich irgendwo zwischen nie und Erntedank bewegt, dann sind Sie nicht allein. Egal welche Gründe Sie dafür haben, ich schätze, sie sind gut.

Meine guten Gründe sind fünf, neun und elf Jahre alt und streiten sich während des Glockenläutens meistens um die Schokocreme. In den Jahren davor haben sie uns fast eine Dekade lang so viel Schlaf gekostet, dass mindestens ein Erwachsener diesen regelmäßig am Sonntagvormittag nachholte. Und als Elternteil ohne den Partner und mit drei Kindern in den Gottesdienst? Mal ehrlich, genauso gut könnten Sie sich freiwillig beim Kampfmittelräumdienst melden.

Neue Kolumne: Gotteskind und Satansbraten

Daniela Albert ist Erziehungswissenschafterin, Eltern- und Familienberaterin, Autorin und Referentin. Ihre Leidenschaft ist überall da, wo Familien Gott begegnen können: Zum Beispiel im Eltern-Kind-Team ihrer Gemeinde. In der neuen monatlichen Kolumne „Gotteskind und Satansbraten“ schreibt sie für Die Eule über Familie, Kinder und ihren Ort in der Kirche.

Das macht sie außerdem noch auf ihrem Blog. Daniela Albert ist bindungsorientiert mit Gott unterwegs auf Twitter, Instagram und in ihrem Podcast. Wenn sie nicht gerade ihre Kanäle füllt, füllt sie ziemlich gern die Mägen von drei Kindern, drei Katern und dem Mann, der all die Gotteskinder und Satansbraten mit ihr managed.

Zum Glück gibt es in meiner Gemeinde andere Formate, die wir als Familie regelmäßig besuchen können – extra Familiengottesdienste am späten Vormittag, Mitmachkirche oder Gottesdienste mit Kinderbetreuung am Abend. Denn so wie uns geht es vielen Familien. Der klassische Gottesdienst am Sonntagmorgen gehört nicht mehr zu unserer Lebensrealität.

Predigtzentriert, mit alten Liedern und Liturgien – das spricht mich an den wenigen Tagen im Jahr an, an denen ich allein unterwegs bin. Doch nicht, wenn ich meine drei Kinder bei mir habe. Wir erziehen sie aus guten Gründen nicht mehr mit den Vorstellungen von Gehorsam, die viele Generationen lang gesetzt waren. Ich glaube, das hat viele Vorteile für die Menschheit. Und einen entscheidenden Nachteil, wenn sie in einem Gottesdienstformat sitzen sollen, das so gar nichts für sie bietet.

Digitaler Gottesdienst als Chance?

Ich habe noch eine Frage an Sie: Wie oft haben Sie es in den letzten Wochen in den Gottesdienst um zehn Uhr geschafft? Wenn Sie jetzt feststellen, dass es fast jeden Sonntag war, haben Sie wahrscheinlich einen guten Livestream gefunden. Ich jedenfalls habe den Kindern um fünf vor zehn einen feuchten Lappen in die Hand gedrückt, damit sie die Schokoladenspuren vom Tisch putzen und derweil meinen Laptop hochgefahren.

Während die Glocken läuteten, konnte ich in unsere menschenleere Kirche schauen, in der unser Pfarrer jeden Sonntag predigt. Meine Kinder haben mir über die Schulter geschaut und sich gefreut, ihn mal zu sehen. Zumindest etwa drei Minuten. Dann haben sie sich ein Tablet geschnappt und einen digitalen Kindergottesdienst angesehen. Zumindest vermute ich das, vielleicht haben sie aber auch Minecraft gespielt. Ich konnte in Ruhe die Predigt hören und so laut mitsingen, wie ich wollte, ohne dass sich jemand an meinem mangelnden Gespür für die richtigen Töne stört.

Haben wir also die Lösung für Familien gefunden, die sich nach Sonntagen mit Jesus sehnen? Ich denke nicht. Denn genauso wenig wie ein paar Arbeitspläne auf der Website der Schule mich zu einer Hauslehrerin machen, schafft ein Livestream eine Hauskirche. Lebendiges Gemeindeleben braucht Begegnungen.

Wir ticken anders

Damit Familien sich jedoch auf den Weg machen und diese Gemeinschaft suchen, müssen Orte und Formate geschaffen werden, die allen Spaß machen. Dafür müssen Kirchen sich die Frage stellen, wie Familien von heute ticken, was ihnen wichtig ist und was sie brauchen. Dabei hilft es nicht, wenn man Eltern und Kinder von heute kritisch beäugt. Mit Diskussionen über „Tyrannenkinder“ verdient sich zwar manch einer eine goldene Nase, Kirchenbänke werden sie aber nicht füllen. Genauso wenig wie die eingestaubten Erziehungsvorträge von manchem christlichen Anbieter.

Vielmehr können wir uns fragen, was diese neuen, nicht mehr zum langen Stillsitzen und Schweigen erzogenen Kinder uns als Gemeinden bringen können, wo ihr Platz bei uns ist und wie wir sie für Jesus gewinnen. Wenn man eins über uns als Familien heute sagen kann dann das: Wir ticken anders. Um uns zu gewinnen, müssen Kirchen verstehen, wie. Wenn meine Kolumne in der Eule einen kleinen Teil dazu beiträgt, freue ich mich sehr.

2 Kommentare zum Artikel

Gert Flessing

Es ist wahr. Der Gottesdienst, früh um zehn Uhr ist ein wenig weg von der Realität der meisten Menschen.
Soll ich sagen: „Leider.“? Neun, eher nicht. Ich habe ihn, als ich genügend Vakanzen hatte, als Notwendigkeit angesehen. Heute, da ich Pensionär bin, nicht mehr.
Es ist auch nicht neu, das Kinder nicht zu den Gottesdienstteilnehmern gehören, die eine, einstündige, Veranstaltung, die ihnen nichts bietet, als Geschwätz, das sie nicht interessiert und Lieder, die sie nicht mögen, akzeptieren, sondern sie gern mit eigenen Beiträgen auflockern.
Ist halt so.
Ich ahne schon, das Disziplin nicht zu den Dingen gehört, die von der werten Schreiberin des guten Artikels für lebenswichtig erachtet werden.
Nun, altmodisch, wie ich bin, habe ich meinen beiden Jungs versucht, deren Notwendigkeit zu verdeutlichen und auch, das dazu gehört, auch mal Dinge zu ertragen, die einen langweilen.
Ob es geklappt hat? So lala. Wie bei mir selbst. Bei langen Sitzungen und öden Synoden habe ich irgendwann auch gegähnt und mich in Traumwelten verzogen.
Froh war ich immer, wenn wir, in der Gemeinde, einen Kindergottesdienst anbieten konnten. Setzt voraus, es ist jemand da, der ihn macht.
Ansonsten muss man das, was man macht, straffen, darf nicht langweilen mit der Predigt und sollte vielleicht mal die Kinder ansprechen und mit einbeziehen. Setzt natürlich Spontanität voraus, kann auch zu merkwürdigen Predigten führen (würdig, zu merken), ist aber immer noch besser, als zu versuchen, mit eigener Lautstärke die Kindlein zu übertönen.
Gert Flessing

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Heiko Reinhold

Mit drei – mittlerweile erwachsenen – Kindern kann ich diese Erfahrungen gut nachvollziehen. Ich möchte aber auch andere Erfahrungen danebenstellen, da oft pauschal geurteilt wird und Wünsche nach Veränderungen geäußert werden, die nicht von allen als Verbesserung wahrgenommen werden.
Interessanterweise ist es in vielen Gemeinden selbstverständlich und problemlos möglich, dass Familien gemeinsam zum sonntäglichen Vormittagsgottesdienst kommen. Und das betrifft z. B. sowohl katholische Gemeinden mit streng liturgischem Format als auch freikirchliche Gemeinden mit eher lockerem Ablauf.
Die aktuelle Umfrage, nach der über zwei Drittel der Deutschen öffentliche Gottesdienste während der Coronakrise nicht für nötig halten, finde ich bedenklich. Wenn Autohäuser als wichtiger eingestuft werden als Kirchen, müssen wir nicht noch selbst unsere „normalen“ Gottesdienste kritisieren. Ich wünsche mir eine Wieder-/Neuentdeckung als Kraftquelle, als Ort und Zeit des wirklichen Feierns. Das schließt die eine oder andere Reform ein – mehr Beteiligung, mehr Authentizität, mehr Flexibilität, mehr Vielfalt…

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