Ein Bericht aus der Testküche
Über das neue Evangelische Gesangbuch, das im Jahr 2028 erscheinen soll, wird leidenschaftlich gestritten. Ein Blick aus der Gesangbuchkommission hilft, vorschnellen Urteilen vorzubeugen.
Stell dir vor: Siebzig Köch*innen verschiedener Stilrichtungen sollen über mehrere Jahre ein Sechs-Gänge-Menü konzeptionieren, das die Quintessenz des Kochens im 21. Jahrhundert darstellt. Von Haute Cuisine bis Streetfood ist alles dabei. Cornelia Pelotto, Yotam Ottolenghi und Pichaya Soontornyanakij stehen gemeinsam in der Testküche und philosophieren über Gerüche, Geschmäcker und Gewürze. Kann das funktionieren? Es muss!
Was derzeit öffentlich bisweilen als Beliebigkeit bei der Zusammenstellung des neuen Evangelischen Gesangbuchs kritisiert wird, ist in Wirklichkeit das Ergebnis eines bewusst angelegten, komplexen Aushandlungsprozesses.
Vor sechs Jahren, mitten in der Pandemie, begann die Arbeit in der Gesangbuchkommission. Jede Landeskirche entsandte jeweils eine*n Kirchenmusiker*in und eine*n Theolog*in, dazu kamen weitere Expert*innen für spezifische Themenfelder. Eine Steuerungsgruppe und einige wenige hauptamtliche Stellen flankierten das Vorhaben. Die Kommission arbeitete in Untergruppen: Eine größere Gruppe sichtete und bewertete tausende von Liedern anhand klar definierter Kriterien, andere Gruppen arbeiteten an Texten, Begleitmaterialien, Designs und der digitalen Plattform – die sogenannte „Bank“.
Von Anfang an war klar: Diese Aufgabe ist komplex – und sie ist partizipativ angelegt. Nutzer*innen sollten sich einbringen können, durch Abstimmungen, Einreichungen und Tagungen, zudem über die Plattform mitsingen.de sowie mit einem gedruckten und digitalen Erprobungsband in der aktuellen Erprobungsphase.
Früh wurde die inhaltliche Ausrichtung festgelegt. Das neue Evangelische Gesangbuch soll nicht nur ein gottesdienstliches Gebrauchsbuch sein, sondern auch als Hausbuch dienen – als ein Abbild evangelischer Frömmigkeit im 21. Jahrhundert. Dafür wurden Zielgruppen definiert und mögliche Nutzungsszenarien durchdacht. Parallel dazu entstand ein differenziertes Bewertungssystem für Lieder und Texte, das über die Jahre hinweg immer wieder überprüft und angepasst wurde. Lieder mit einer Bewertung von über 2,5 Punkten galten als besonders geeignet für den weiteren Prozess.
Ein wichtiger Impuls kam aus dem Textausschuss: die Verschränkung von Liedern und Texten. Anders als im bisherigen Gesangbuch werden diese nicht mehr getrennt präsentiert, sondern thematisch miteinander verbunden. Das erste Erprobungskapitel zur Taufe folgte diesem Ansatz. Im weiteren Verlauf arbeiteten die verschiedenen Gruppen an den sechs Erprobungskapiteln, den Psalmen und an spezifischen Liedtraditionen – von internationalen Songs bis zu gendersensiblen Texten. Auch ethische Fragen, etwa im Blick auf Antisemitismus oder sexualisierte Gewalt, werden in einem Fachbeirat reflektiert.
Im vergangenen Frühsommer begann die sogenannte „Rubrikenkomposition“: Die einzelnen Kapitel wurden zusammengestellt, Lieder und Texte entlang eines inhaltlichen roten Fadens angeordnet – bewusst auch unter Inkaufnahme von Spannungen, um die Vielfalt sichtbar zu machen.
Die Arbeit ist noch lange nicht abgeschlossen
Erst im letzten Monat, also nach über sechs Jahren Arbeit, wurde eine vorläufige Liederliste der Kirchenkonferenz der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vorgelegt. Sie kann auf der Website der EKD eingesehen werden. Doch auch jetzt ist der Prozess noch nicht abgeschlossen: Historische und hymnologische Prüfungen, Rechteklärungen, gestalterische Fragen und vor allem die Auswertung der Rückmeldungen aus den Erprobungsgemeinden stehen noch aus.
Ja, dieser Prozess ist komplex und oft auch mühsam. Aber er nimmt ernst, dass eine Gesellschaft, die vielfältiger und individueller wird, diese Vielfalt auch in ihren religiösen Ausdrucksformen lebt. Paul Gerhardt, Johann Sebastian Bach und Martin Luther stehen heute neben Timo Böcking, Judy Bailey und Christina Brudereck. Für manche ist das ein Bruch, für andere längst gelebte Praxis.
So hat sich in den letzten Jahren sowohl die kirchenmusikalische als auch die liturgische Landschaft ausdifferenziert, um anschlussfähig für neue Zielgruppen zu sein. Einfache Sprache, theopoetische Texte und partizipative Formen halten über die theologischen Fakultäten, Gottesdienstinstitute und nicht zuletzt den Evangelischen Kirchentag Einzug in die Verkündigung.
Für diejenigen, die mit rhetorisch kunstvollen Predigten und hochkulturell geprägter Kirchenmusik aufgewachsen sind, kann sich diese Entwicklung wie eine Verflachung anfühlen. Dieser Eindruck ist verständlich, greift aber zu kurz. Jüngere Generationen bringen mit ihren jeweiligen Milieus eigene kulturelle Prägungen mit, die nicht trotz, sondern wegen ihrer Verschiedenheit dieselbe Dignität besitzen.
Eine Balance zwischen Tradition und Innovation finden
Viele der Debatten, die derzeit öffentlich geführt werden, sind mir aus der Arbeit in der Kommission vertraut: Braucht es noch gregorianische Tagzeitengebete? Welche Bekenntnisse sind in gedruckter Form unersetzlich? Wie gelingt die Balance zwischen Tradition und Innovation?
Dass in einer so heterogenen Gruppe wie der Gesangbuchkommission, in der theologische, musikhistorische und popmusikalische Expertise und reichlich gemeindepraktische Erfahrungen versammelt sind, dennoch tragfähige Entscheidungen getroffen wurden, spricht weniger für Beliebigkeit als für ein hohes Maß an Professionalität, Ambiguitätstoleranz und gemeinsamer Verantwortung.
Im Jahr 2028 wird ein neues Evangelisches Gesangbuch erscheinen – analog und digital. Es wird kein Buch sein, das allen gleichermaßen entspricht. Es bleibt ein Versuch, das Evangelisch-Sein im 21. Jahrhundert auf wenige Blätter und Bytes zu destillieren.
Viel wichtiger jedoch als die Frage nach Geschmacksurteilen wird sein, wie wir als evangelische Kirche von den personellen und finanziellen Ressourcen zukünftig aufgestellt sein werden. Denn auch die schönsten Lieder brauchen Menschen, die sie vor Ort begleiten können, die das musikalische Erbe in Chören, Blechblas-Ensembles und Bands wachhalten.
Dann können wir uns hoffentlich auch in dreißig oder vierzig Jahren noch an einem reichen Buffet evangelischer Lied- und Texttraditionen bedienen, das mit Finesse von Köch*innen verschiedener Stilrichtungen zubereitet wurde: Eines, das nicht allen schmeckt, aber viele nährt.
Mehr:
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