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Nobody’s perfect: Offene Fragen nach dem Rücktritt von John Ortberg

Mit John Ortberg ist ein weiterer berühmter evangelikaler Pastor inmitten eines Skandals um Missbrauchsvorwürfe zurückgetreten. Was können (evangelikale) Gemeinden daraus lernen?

Anfang August hielt John Ortberg seine Abschiedspredigt von der Menlo Church in der kalifornischen Bay Area bei San Francisco. Ortberg musste als Hauptpastor der Kirche zurücktreten, nachdem er gegenüber Gemeinde und Öffentlichkeit verheimlicht hatte, dass ein Ehrenamtlicher sich ihm gegenüber als pädophil geoutet hatte und trotzdem fast anderthalb Jahre weiter in der Kinder- und Jugendarbeit der Gemeinde eingesetzt wurde.

Relevant ist der Vorgang auch für Christ:innen in Deutschland: John Ortberg gehörte 2018 zu denjenigen, die von der Willow-Creek-Kirche und ihrem Leiter Bill Hybels umfassende Aufklärung forderten (wir berichteten). Dies resultierte im Rücktritt von Willow-Chef Hybels und einem Skandal, der die evangelikale Gemeinschaft erschütterte. Auch Ortberg und seine Frau Nancy sind auf vielfältige Weise mit dem Willow-Creek-Netzwerk verbunden und als LeiterInnen und RednerInnen weit über die eigene Kirche hinaus bekannt.

Es ist kaum möglich, alle Stationen der Affäre Ortberg seit dem Juli 2018 in einem Artikel zu schildern. Interessierten Leser:innen, die der englischen Sprache mächtig sind, sei die Website menlo-church.com empfohlen. Dort tragen John Ortbergs zweites Kind Daniel M. Lavery und seine Frau in einer chronologischen Aufschlüsselung Emails und Stellungnahmen der Beteiligten zusammen.

Auf diese und weitere öffentliche Stellungnahmen beziehe ich mich in diesem Beitrag, der vor allem danach fragt, was (evangelikale) Gemeinden im deutschsprachigen Raum aus der Affäre Ortberg lernen können.


Chronologische Zusammenfassung

In den USA berichten auch deshalb zahlreiche (christliche) Medien über den Vorgang, weil es sich bei dem pädophilen Ehrenamtlichen um Ortbergs drittes Kind, John Ortberg III., handelt. Im Juli 2018 hatte er gegenüber seinen Eltern John und Nancy Ortberg seine pädophile Neigung gestanden.

Die Gemeindeleitung (Elder Board, Kirchenälteste) erfuhr davon allerdings erst im November 2019 durch das zweite Kind der Ortbergs. Daniel M. Lavery wandte sich damals mit einer Email an einige Mitarbeiter:innen und Kirchenälteste, und schilderte nicht allein die Einlassungen seines Bruders, die er ihm gegenüber kurz zuvor wiederholt hatte, sondern auch die Vertuschung des Vorgangs durch seine Eltern. Zuvor hatte er seinen Vater aufgefordert, gegenüber der Gemeinde reinen Tisch zu machen. Die Gelegenheit dazu ließ John Ortberg jedoch verstreichen.

Ortberg nahm sich nach der Enthüllung durch Lavery eine „persönliche Auszeit“, trat jedoch nach einer „unabhängigen“ Untersuchung im Frühjahr 2020 wieder in den aktiven Gemeindedienst. Die Untersuchung habe ergeben, so die Gemeindeleitung, dass Kinder und Jugendliche in der Gemeinde zu keinem Zeitpunkt gefährdet waren.

Allerdings wurden weder John Ortberg III., noch aktive und ehemalige Ehrenamtliche aus der Kinder- und Jugendarbeit der Kirche sowie Eltern und Jugendliche befragt. Die Identität des Beschuldigten und der Grund für die Befragungen wurde den wenigen Interviewpartner:innen aus der Kirchenmitarbeiterschaft nicht mitgeteilt. Stattdessen wurden „forensische Computer-Untersuchungen“ durchgeführt, d.h. Emails und Nachrichten von John Ortberg untersucht.

Ziel der Ermittlung durch einen Arbeitsrechtsanwalt war es, ein mögliches Fehlverhalten John Ortbergs zu identifizieren – und sich in den klageverrückten USA institutionell gegen Forderungen von Familien und möglichen Betroffenen abzusichern. Die Gemeindeleitung hielt fest, dass Ortberg zwar das Vertrauensverhältnis zu Mitarbeiter:innen und Kirchenältesten durch sein Schweigen beschädigt habe, er aber nach Absolvierung eines „Versöhnungsplanes“ wieder in den Dienst treten dürfe. Ortberg entschuldigte sich gegenüber der Gemeinde in recht allgemeiner Façon und kehrte im März 2020 auf die Kanzel zurück.

Außer einigen Mitarbeiter:innen und den Kirchenältesten wusste in der Gemeinde allerdings zu diesem Zeitpunkt niemand davon, dass es sich bei dem pädophilen Ehrenamtlichen um Ortbergs Sohn handelt. Auf einer Gemeindeversammlung bestritt Ortberg die Vorwürfe seines mittleren Kindes Daniel M. Lavery. Dessen Engagement in der Sache wurde von der Vorsitzenden der Kirchenältesten, Beth Seabolt, öffentlich als „lashing out“ gegenüber den von ihm entfremdeten Eltern beschrieben. Zuvor hatte sie sich in Nachrichten an Lavery für sein Whistleblowing jedoch bedankt.

Daniel M. Lavery wurde als Mallory Ortberg geboren. Nach der Ausbildung an einem christlichen College erlangte Ortberg in den USA als feministische und queere Autorin rasch Bekanntheit. Von 2013 bis 2016 führte Ortberg gemeinsam mit Nicole Cliffe das hochgelobte feministische Internet-Magazin The Toast. Für Slate schreibt Lavery die bekannte Ratgeber-Kolumne „Dear Prudence“. Lavery identifiziert sich seit 2018 als Transmann und ist seit Dezember 2019 mit Grace Lavery verheiratet.

Mit dem Vorgehen der Gemeindeleitung war Daniel M. Lavery nicht einverstanden, und veröffentlichte im Juni 2020 auch den Namen des Ehrenamtlichen, machte also den familiären Hintergrund der Affäre Ortberg transparent. Auf Twitter beschuldigte nun auch das älteste Kind der Ortbergs, Laura Turner, Lavery „Halbwahrheiten“ zu verbreiten. Die Öffentlichkeit erfuhr auch, dass die Familie seit mindestens November 2019 über die Vorkommnisse entzweit ist und Lavery keinen Kontakt zu seinen Eltern und Geschwistern mehr hält.

Durch die neuerliche Öffentlichkeit und weitere Presseberichte zum Handeln gezwungen, versprach die Gemeindeleitung am 6. Juli 2020 eine „ergänzende Untersuchung“ der Vorgänge. Inzwischen hatten weitere aktive und ehemalige Gemeindeglieder ihren Unmut gegenüber der Kirchenleitung und in Sozialen Netzwerken geteilt, und u.a. von Leitern berichtet, „die keine Grenzen kennen und übergriffig waren“. John Ortberg verblieb im aktiven Kirchendienst.

In den darauffolgenden Wochen wurden weitere Widersprüche in der Darstellung Ortbergs bekannt, die wohl auch in der Gemeindeleitung den Eindruck verstärkten, das ein „Weiter-so“ mit ihm nicht möglich ist. Aus den von Lavery veröffentlichten Nachrichten geht hervor, dass Ortberg über sein Handeln mehrfach unzutreffend informiert hat. Auf einen Offenen Brief von anderen Kirchenleiter:innen vom 15. Juli reagierten Gemeindemitglieder online mit transfeindlichen Kommentaren über Daniel M. Lavery und seine Frau und verglichen die Vorgänge mit einem Abwehrkampf gegen „Dämonen“.

Am 29. Juli gab die Gemeinde bekannt, dass John Ortberg von seinem Amt als Hauptpastor zurücktritt. Am 2. August verabschiedete sich Ortberg im Rahmen eines Gottesdienst-Streams mit einer emotionalen Predigt von seiner Kirche. Auf die Vorfälle ging er dabei nicht ein, sprach aber – wie bereits zuvor – von einer „schwierigen Zeit“ (season) für die Gemeinde.


Die Vorgänge in der Menlo-Church um John Ortberg und seine Familie müssen im Licht vergangener Kirchenskandale um Kindes- und Machtmissbrauch erstaunen. Noch 2018 sprach sich Ortberg vehement für die Notwendigkeit unabhängiger Untersuchungen und eine neue Kultur der Verantwortung von Leiter:innen aus. Was zum Teufel hat ihn also geritten, seine eigenen Maßstäbe derart zu missachten? Und was können (evangelikale) Gemeinden aus dem Ortberg-Skandal lernen?

Machtmissbrauch

Sexuellem Missbrauch von Kindern und Erwachsenen geht immer ein Machtmissbrauch voraus. Das gilt für den sehr häufigen Missbrauch in der Familie und im sozialen Nahraum, wo Täter häufig in einer natürlichen Machtposition als Väter, Onkel und Freunde der Familie sind. Das gilt aber auch für den Missbrauch im Sport (Trainer, Funktionäre), im Bildungssystem (Lehrer, Professoren), im Arbeitsleben (Vorgesetzte) und im besonderen Maße in Kirchen und Religionsgemeinschaften, wo Täter ihre Macht religiös begründen und metaphysisch überhöhen (Priester, Pfarrer, charismatische Leiter).

Ob tatsächlich keine Kinder und Jugendlichen zu Schaden gekommen sind, wie Ortbergs behaupten, wird erst eine unabhängige, gründliche Untersuchung mit Befragungen von Familien, möglichen Betroffenen und haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen zeigen.

Machtpositionen bieten jedoch nicht nur zahlreiche Anlässe für missbräuchliches Verhalten von Leiter:innen, sondern schützen Täter:innen. Kern der Vorwürfe gegen John Ortberg ist, dass er seine Machtposition als Hauptpastor der Kirche dazu genutzt hat, seinen Sohn vor der Öffentlichkeit und einer ausführlichen Untersuchung zu schützen. Stattdessen ließ er es zu, dass John Ortberg III. 16 Monate weiter mit Kindern und Jugendlichen arbeiten konnte (auch in seinem Beruf als Sporttrainer).

Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass nicht alle Pädophilen auch zu Tätern werden. Aus zahlreichen Missbrauchsstudien wissen wir außerdem, dass die Mehrzahl der Täter wohl nicht im medizinischen Sinne pädophil sind, sondern Sex und Nähe deshalb bei Kindern und Jugendlichen suchen, weil ihre Sexualität aus anderen Gründen gehemmt ist oder weil sie das damit verbundene Machtgefälle genießen. Viele spätere Täter sind selbst in ihrer Kindheit und Jugend Opfer von Missbrauch geworden. Um Täter zu werden, muss man keine manifeste sexuelle Anziehung gegenüber Kindern und Heranwachsenden verspüren.

Auch wissen wir aus zahlreichen Untersuchungen, dass sich die Intensität des Missbrauchs über die Zeit hinweg steigert – aus Übergriffigkeiten und Grenzverletzungen später sexueller Missbrauch bis hin zur Vergewaltigung wird. Dazu kann es kommen, weil sich Täter mit ihrem missbräuchlichen Verhalten sicher fühlen können, weil sie in ihrer (Macht-)Position unantastbar sind.

Der Ausstieg aus der Spirale des Missbrauchs gelingt darum nur, wenn der zugrundeliegende Machtmissbrauch bekämpft wird. Um diesem vorzubeugen, genügt es nicht, einer flachen Hierarchie das Wort zu reden – wie es in vielen evangelischen Freikirchen geschieht. Vielmehr braucht es unabhängige Ansprechpartner:innen und Missbrauchbeauftragte, an die sich Betroffene und Familien mit einem Verdacht wenden können. Diese Beauftragten müssen unabhängig von der Kirchenleitung agieren und mit der Kompetenz ausgestattet sein, ohne Weisung derselben Untersuchungen durchführen zu können.

Alle ehren- und hauptamtlichen Mitarbeiter:innen müssen darauf verpflichtet werden, übergriffiges Verhalten und möglichen Missbrauch in jedem Fall anzuzeigen. In der Menlo-Kirche existiert ein solches Protokoll, das Ortbergs im Fall ihres Sohnes John Ortberg III. missachteten.

Wie schon beim Fall von Bill Hybels beobachtet, hat ein – dazu noch persönlich involvierter – Pastor in einer Ermittlung keine Rolle zu spielen, weil er Kraft seiner geistlichen Autorität absichtlich oder unabsichtlich Einfluss auf das Ergebnis nimmt. Im Vordergrund stehen dann tief empfundene Loyalitäten gegenüber dem Leiter und nicht das Schicksal der Betroffenen. John Ortberg wies im Fall Hybels zu Recht darauf hin: „Die Geschichten der Frauen sind unser wichtigstes Anliegen.“

Leiter-Kult

Darum besteht eine Lehre aus der Affäre Ortberg darin, den in evangelischen Freikirchen vorherrschenden Leiter-Kult kritisch zu hinterfragen. Insbesondere Männer in geistlichen Leitungspositionen sonnen sich im Licht ihrer Wirksamkeit. Sie haben Kirchen und Gemeinden gegründet, viele Jahre ihres Lebens und viel Kraft und Engagement in das oft erstaunliche Wachstum ihrer Gemeinschaften investiert. Ohne sie erscheint ein Fortbestand der Gemeinschaft kaum vorstellbar.

Daraus resultiert eine Unantastbarkeit, die sich häufig auch in einer kaum beschränkten institutionellen Kompetenzfülle niederschlägt. In der Menlo-Kirche gibt es allerdings eigentlich eine vom Hauptpastor getrennte Gemeindeleitung und Mitarbeiter:innenschaft. Der Leiter-Kult bleibt jedoch auch dann wirksam, wenn institutionelle Schranken zur Machtbegrenzung eingezogen wurden.

Denn Leiter:innen spielen für das individuelle Glaubensleben und die Glaubensbiografie vieler Gemeindemitglieder eine große Rolle. Ihrer charismatischen Verkündigung schenkt man Glauben, sie führen in die Gemeinde ein und werden für positive Richtungswechsel in der eigenen Biografie verantwortlich gemacht. Das gilt besonders in hoch-individuellen Frömmigkeiten, in denen die persönliche Beziehung zu Jesus Christus im Vordergrund steht, und in denen Heilung und moralisches Wohlverhalten auf die Wirksamkeit des eigenen Glaubens zurückgeführt werden.

Gegen die Gefahren des Leiter-Kults helfen nicht allein Gewaltenteilung und Kompetenzbeschränkungen in den Gemeinden und Kirchen, es braucht einen Kulturwandel. Leiter:innen erfüllen im Auftrag der Gemeinde verschiedene Ämter und Aufgaben, die auf unterschiedliche Schultern verteilt werden sollten. Sie sind durch Beauftragung oder Weihe an die Gemeinschaft der Gläubigen zurückgebunden, der sie für eine Zeit lang und im Rahmen einer konkreten Aufgabe dienen (1. Korinther 1, 10-17).

Gute Leiterschaft, so verkündet es gerade die Willow-Creek-Bewegung, besteht darin, die Gläubigen zu einem selbstverantworteten Glaubensleben zu ermutigen (empowerment). Dazu gehört auch eine emotionale und ontologische Trennung von der Person des Leiters, die nicht zuletzt auch den Leiter selbst Mensch sein lässt.

Moralische Vorbilder

Die Fallhöhe religiöser Leiter:innen ist auch deshalb besonders hoch – und sorgt nicht zuletzt für eine erhöhte mediale Aufmerksamkeit für Missbrauch in Kirchen -, weil sie in ihren religiösen Traditionen als heilige Menschen verehrt werden.

Die Hinweise aus dem Neuen Testament zur Auswahl des Gemeindeleiters, zum Beispiel im 1. Brief an Timotheus 3, 1-7, können in ihr Gegenteil verkehrt werden, wenn sie als unbedingtes Vorbild verstanden werden. Dem Apostel Paulus ist daran gelegen, dass Gemeindeleiter auf Redlichkeit und Aufrichtigkeit geprüft werden, so dass sie in und außerhalb der Gemeinde keinen Anstoß erregen. Ihr Lebenswandel soll keinen Anlass bieten, die noch jungen Christengemeinden zu diskreditieren. Doch rechnet Paulus in jedem seiner Briefe damit, dass alle Menschen – besonders Gemeindeleiter – als gefallene Geschöpfe von sich aus nicht zum Tun des Guten begabt sind.

„Wenn einer seinem eigenen Haus nicht vorstehen kann, wie soll der für die Kirche Gottes sorgen?“ Die Frage des Paulus an Timotheus bürdet Leiter:innen – insbesondere Männern, die sich in Familie und Kirche als Patriarchen verstehen – eine nicht tragbare Last auf, wenn man sie einzig als moralische Maßgabe versteht.

Man kann aus der Entfernung nur vermuten, dass John Ortberg dieser Vers wohl durch den Kopf gegangen ist, als er unter Aufbietung von Geheimhaltung und ohne Rücksicht auf den Schutz von Kindern in der Gemeinde seinen eigenen Sohn in Schutz nehmen wollte. Dabei mag auch eine Rolle spielen, dass Ortbergs mit der von der evangelikalen Norm abweichenden Sexualität zweier ihrer Kinder überfordert waren. Das „Scheitern“ an den eigenen rigorosen Moralvorstellungen kann Scham verursachen, die wiederum zu Geheimhaltung und Vertuschung führt.

Sexualität

Dabei spielt auch die Unfähigkeit vieler Evangelikaler eine Rolle, angemessen über Sexualität zu sprechen, eigene sexuelle Empfindungen zu deuten und von evangelikalen Normvorstellungen abweichende Sexualität gelten zu lassen. So werden Homosexualität und Pädophilie von vielen evangelikalen Christ:innen nach wie vor gleichgesetzt.

Dass Daniel M. Lavery sich als queer und transgender identifiziert, wird von evangelikalen Christ:innen als ebenso so schwerwiegende Abirrung begriffen wie die pädophile Neigung John Ortbergs III.. Die an sich sehr unterschiedlichen sexuellen Neigungen und Genderidentitäten erscheinen als Sünden, denen man sich zu enthalten und durch geistliche und therapeutische Maßnahmen zu entledigen hat.

Unsicherheit, über sexuelle Neigungen und Genderfragen angemessen zu sprechen, besteht weit über den Evangelikalismus hinaus. Die Autor:innen des Offenen Briefes an John Ortberg und die Menlo-Kirche aus anderen christlichen Kirchen fordern darum zu Recht eine LGBTQI-Weiterbildung für alle Mitarbeiter:innen, wie sie in vielen Kirchen duchgeführt werden sollte.

Ziel eines solchen Prozesses ist, jenseits der moralischen Setzungen der eigenen religiösen Tradition überhaupt sprachfähig zu werden. Wenn alle möglichen sexuellen Präferenzen und Gender-Indentitäten in einen Topf geworfen werden, ist ein angemessener Umgang mit ihnen ausgeschlossen. Dann steht allein das (religiös grundierte) Vorurteil im Vordergrund, nicht der einzelne Mensch mit seinen je eigenen Ausgrenzungserfahrungen und Bedürfnissen. Weder Opfern noch Tätern ist dadurch geholfen.

Versöhnung und Heilung

Rund um Missbrauchsskandale in christlichen Kirchen ist viel von Heilung und Versöhnung die Rede. Insbesondere in evangelikalen und charismatischen Kontexten wird der Geist-Heilung eine große Wirkung zugeschrieben. Schon im Fall Bill Hybels sprach die Gemeindeleitung der Willow-Creek-Gemeinde davon, die Ankläger:innen sollen sich mit Hybels aussöhnen. Auch jetzt ist wieder viel von „Wegen der Versöhnung“ und Heilung die Rede, für die Gemeindemitglieder beten sollen. Die fromme Rhetorik verstellt hier sicher den Blick darauf, dass höchst unterschiedliche Prozesse in unzulässiger Weise vermengt werden.

Von Täter:innen, Mitwisser:innen und verantwortlichen Amtsträger:innen wird man wohl eine angemessene Bitte um Entschuldigung (und/oder Vergebung) erwarten können. Jedoch muss zunächst auch die Funktion einer solchen Bitte im vorliegenden religiösen Kontext reflektiert werden. Eine Bitte um Versöhnung könnte sonst selbst zu einer Form geistlichen Missbrauchs werden, wenn sie erlittenes Leid unter einem von der Gemeinschaft gewünschten Vorhang der Vergebung unsichtbar macht. Vor der Vergebung kommt daher – gut biblisch – das Schuldeingeständnis und die (öffentliche) Buße.

Ähnlich verhält es sich mit der Bitte um Heilung, die recht unspezifisch, aber darum nicht seltener formuliert wird. Wer muss geheilt werden, und wovon? Wenn damit gemeint ist, dass (potentielle) Betroffene und Täter die therapeutische und seelsorgliche Hilfe erhalten, die sie benötigen, wird man solche Bitten nur unterstützen können.

Sexuelle Präferenzen und Identitäten sowie auch Störungen derselben, wie Pädophilie, lassen sich aber nicht wegbeten. Hier wirkt ein unguter Hang zu pseudo-wissenschaftlichen Überzeugungen fort, die gerade auf dem Feld der Sexualität in evangelikalen Gemeinschaften nach wie vor gepflegt werden (wir berichten).

Dass Betroffenen allein mit einer geistlichen „Therapie“ geholfen werden könne, die noch dazu unter Aufsicht eines Verwandten durchgeführt wird, ist ein schwerer Irrtum, den man einem versierten Theologen und Doktor der Psychologie wie John Ortberg nicht zugetraut hätte. Ortbergs Handeln steht im krassen Widerspruch zu den Maßstäben für einen sachgerechten Umgang mit Missbrauchsfällen, die er im Fall Hybels zu Recht formulierte.


Mehr:

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Christian Rommert ist Pastor im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG). Er war maßgeblich an der Durchführung der Initiative „Auf dem Weg zur Sicheren Gemeinde“ im BEFG beteiligt. Im Bereich des Kinderschutzes liegt auch heute noch ein besonderer Schwerpunkt seiner Arbeit als Trainer und Berater. Die Eule sprach bereits im März 2018 mit ihm über den Missbrauch in den Kirchen.

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