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Foto: Alexander Paul (Unsplash)

Querida Amazonia: Leidenschaft für das gemeinsame Haus

„Querida Amazonia“ sollte uns mit heiligem Zorn erfüllen: Wir brauchen leidenschaftlich gelebte Solidarität und Verantwortung angesichts der öko-sozialen Katastrophe.

Papst Franziskus erwähnt in Querida Amazonia Empörung und den heiligen Zorn: „Man muss sich empören, so wie Mose zornig wurde (vgl. Ex 11,8), so wie Jesus zürnte (vgl. Mk 3,5), so wie Gott angesichts der Ungerechtigkeit in Zorn entbrannte (vgl. Am 2,4-8; 5,7-12; Ps 106,40).“ (QA 15). Dieser heilige Zorn richtet sich gegen ungerechte Strukturen und drängt, sich nicht zu gewöhnen, sondern aktiv zu werden und der ungerechten Sache etwas Positives entgegenzusetzen.

Empörung und Zorn gab es viel in den letzten Wochen – gespeist von einer enttäuschten Hoffnung auf wichtige innerkirchliche Reformschritte. Dabei wurde meist auch nicht vergessen, auf die vielen positiven Aspekte von „Querida Amazonia“ hinzuweisen. Das von Querida Amazonia angesprochene Unrecht ist aber zu groß, um es einfach nur zur Kenntnis zu nehmen – es sollte uns auch zornig machen! Denn wir brauchen heiligen Zorn, der zu echter Veränderung führt.

Querida Amazonia beinhaltet in der ersten Vision einen deutlichen Aufruf zur Option für die Armen und Ausgegrenzten (QA27) verbunden mit einer zusammenfassenden, aber dennoch deutlichen Darstellung der erschütternden Probleme vor Ort – die im Papier der Synode noch deutlich
konkreter geschildert werden. Wie viele von uns leben die Option für die Armen, abgesehen natürlich von den sehr empfehlenswerten, jährlichen Spenden an Misereor und Adveniat? Wer aber versucht im Alltag gelebte Solidarität?

Unser Handeln hängt mit Amazonien zusammen. Querida Amazonia verweist auf den Zusammenhang der Probleme Amazoniens mit internationalen wirtschaftlichen Interessen (QA 50). Viele von uns sind mit Heften aufgewachsen, in denen „Kein Zellstoff aus den Tropen“ stand. Ich befürchte, bei manchen ist dadurch der Eindruck entstanden, mit Recyclingpapier wäre das Problem erledigt. Daher kann man Querida Amazonia mit einem „gut, dass das nun auch der Papst erwähnt“ abhaken.

Gelebte Solidarität mit Amazonien

Das ist leider Unsinn, denn Papier ist nicht der Grund für die Abholzung des Amazonas. Einer der Hauptgründe für die Entwaldung des Amazonasgebietes ist der Platzbedarf der brasilianischen Agrarindustrie, die auf den entwaldeten Flächen Soja als Futtermittel für unsere Viehproduktion anbaut oder Rinder für unseren Fleischkonsum weiden lässt. Alleine im Jahr 2011 wurden 1000 km2 Regenwald nur für die europäischen Vieh und Viehfutterimporte gerodet – 300 Fußballfelder pro Tag.

Doch auch unsere Importe aus anderen Ländern schaden indirekt dem Regenwald und den dort lebenden Menschen: Wenn wir unser Soja vermehrt aus den USA und China beziehen und weniger aus Brasilien, ist nichts gewonnen. Wir müssen nicht nur gute Quellen verwenden, sondern auch den Fleischkonsum reduzieren. Sollten wir nicht die Berichte aus dem Amazonasgebiet ernst nehmen und unseren Fleischkonsum überdenken? Persönlich, aber auch in den Gemeinden? Wer traut sich, diese Diskussion im Pfarrgemeinderat zu starten? (Männer haben übrigens einen doppelt so großen Fleischkonsum wie Frauen.)

So wichtig das persönliche Verhalten ist, das Entscheidende sind die politischen Rahmenbedingungen. Auch da gäbe es genug Gelegenheiten, auf die Stimme der Indigenen des Amazonasgebiets zu hören. Diese haben in mehreren Mitteilungen deutliche Kritik am geplanten Freihandelsabkommen zwischen der EU und dem MERCOSUR geübt. Vorerst gestoppt wurde es aber erst nach den massiven Bränden (und anscheinend auch wegen der österreichischen Agrarpolitik) im September 2019. Werden wir bei einer neuen Version für die Indigenen eintreten?

Genauso beteiligen wir uns auch indirekt an der Zerstörung des Regenwaldes: Nicht nur die Abholzung setzt dem Wald zu, sondern auch der Klimawandel. Dieser erhöht schon jetzt die Frequenz und Stärke von Dürren in Amazonien und wird dies auch in Zukunft tun. Die EU steht nach den USA auf Platz 2 der historischen Emissionen, und Deutschland hat daran einen großen Anteil. Daher bedeutet echte Solidarität eine möglichst schnelle Reduktion unserer Treibhausgasemissionen. Die bisherigen Maßnahmen reichen nicht aus. Diese Reduktion wird auch im Abschlussdokument der Synode gefordert (77).

Inkulturation reflektieren

Auch kulturell können wir viel von Querida Amazonia lernen. Papst Franziskus zitiert ausführlich vielfältige Stimmen aus dem Amazonasgebiet. Wir würden selbst stark davon profitieren diese Stimmen zu hören und uns diesen Diskurs vertraut zu machen. Wer von uns hat schon mal ein theologisches Buch von Indigenen oder über postkoloniale Theologie gelesen? Ich nicht und es war auch bestimmt nicht Teil meines Theologiestudiums. Für den nordamerikanischen Raum hat Kaitlin Curtice eine Empfehlungsliste erstellt. Für das Amazonasgebiet selbst findet sich vieles in „Querida Amazonia“ und im Abschlussdokument der Synode.

Auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Inkulturation ist wichtig: Viel zu viele Europäer*innen und Nordamerikaner*innen scheinen noch nicht
verstanden zu haben, dass auch wir eine inkulturierte Form des Christentums leben, die keinen Anspruch auf Alleinvertretung hat. Eine Aufarbeitung des kolonialen Denkens ist notwendig, um gemeinsam in die Zukunft zu gehen.

Papst Franziskus spricht auch einige Punkte an, die wir in diesem Prozess des kulturellen und spirituellen Dialogs lernen können: „Die indigenen Völker können uns helfen zu erkennen, was eine glückliche Genügsamkeit ist“ – das „buen vivir“ – eine auf Harmonie bezogene Genügsamkeit, die sich am kleinen erfreut und die Ökosysteme bewahrt (QA71). (Dazu bietet Adveniat Material an.)

Darüber hinaus betont Franziskus die „Spiritualität einer heiligen Bewunderung der Natur“ (QA73), verbunden mit der Vorstellung, dass Jesus Christus, der Auferstandene, alles durchdringt (QA74). Auch die europäische Theologie bietet für eine solche Schöpfungsspiritualität viele Ressourcen: Naheliegend ist natürlich die Spiritualität des heiligen Franziskus, doch auch viele Ansätze von deutlich älteren mystischen Traditionen bis zu modernen Ansätzen wie der Prozesstheologie bieten viele mögliche Optionen zur Vertiefung.

Eine solch genügsame Lebenseinstellung mit Bewusstsein für unsere Verbundenheit mit der Welt und einer Ehrfurcht vor dieser, wäre auch für uns eine wichtige Grundlage für die großen Veränderungen, die zur Abwendung einer noch schlimmeren Klimakatastrophe so wichtig wären. Lasst uns sie kultivieren!

Aufgaben für die Kirche in Deutschland

Das von „Querida Amazonia“ angesprochene Unrecht ist zu groß und zu global, als das wir uns damit als deutsche Kirche nicht intensiv beschäftigen können. Natürlich findet das an vielen Orten in der Kirche schon statt. Doch wir müssen dieses Handeln in Anbetracht der Lage deutlich verstärken. Dies müssen wir schaffen, auch wenn wichtige innerkirchliche Diskussionen Kräfte binden. Beides muss sich auch nicht widersprechen: Gerechtigkeitsfragen lassen sich nicht auf ein Themenbereich beschränken – sie überlappen sich immer.

Nicht zuletzt der Papst macht das in „Laudato Si‘“ mit der Verknüpfung der Frage der Armut und der Umweltzerstörung deutlich und auch gerade die säkulare Klimabewegung thematisiert immer wieder die Zusammenhänge aller Gerechtigkeitsfragen unter dem Stichwort der Intersektionalität. Wir werden auf jeden Fall durch die Beschäftigung mit Gerechtigkeit in der Welt auch viel für die innerkirchlichen Diskurse lernen. Auch „Querida Amazonia“ gibt gerade in den Abschniten, die auf den ersten Blick am wenigsten mit dem synodalen Weg zu tun haben, besonders spannende Impulse für diesen.

Gerade die Ausführungen zum sozialen Dialog (QA26-27) scheinen wie gemacht für den Weg: „Wenn wir aber miteinander sprechen wollen, sollten wir dies zuallererst mit den Geringsten tun.“ „Der Dialog muss nicht nur der vorrangigen Option für die Verteidigung der Armen, der Ausgegrenzten und der Ausgeschlossenen das Vorrecht einräumen, sondern diese als Hauptpersonen betrachten. Es geht darum, den anderen „als anderen“ anzuerkennen und mit seinem Empfinden, mit seinen ganz persönlichen Entscheidungen und seiner Lebens- und Arbeitsweise wertzuschätzen. Andernfalls wird das Ergebnis wie immer ein „Plan einiger weniger für einige wenige“ sein, wenn nicht sogar „einen Konsens auf dem Papier […] oder einen oberflächlichen Frieden für eine glückliche Minderheit“ darstellen. Wenn dies geschieht, „muss eine prophetische Stimme erhoben werden“, und wir Christen sind gerufen, diese zu Gehör zu bringen.“

Lasst uns den heiligen, Ungerechtigkeit anprangernden und diese überwindenden Zorn üben und unsere prophetische Stimme erheben – und dabei immer auch auf die Welt schauen. Ein solcher Zorn kann uns die die Möglichkeit geben, Dinge in Freiheit zu ändern, anstatt auf Katastrophen zu warten. Nicht zuletzt Greta Thunberg hat uns bei ihrer Ansprache zum UN Klimagipfel diesen heiligen Zorn vorgelebt. Let‘s be angry!

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