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Schuld und Sühne – Die #LaTdH vom 30. Juli

Etwas angestaubte, aber brauchbare Begriffe, um das Weltgeschehen zu ordnen. In der Debatte dreht sich alles um den NSU-Komplex. Außerdem: Lutherbibel, Parzany, Pax Christi, Ehe für alle und Brexit.

Sommerzeit ist Lesezeit, ob am Strand, unter der Sonne oder am heimischen Fenster, an das der Regen trommelt. Warum nicht mal Dostojewski? Der lingustisch überlebte, theologisch aber lohnenswerte Titel dieser Links am Tag des Herrn wäre doch ein guter Einstieg.

Debatte

Der Drang nach dem Schlussstrich – Konrad Litschko (taz)

Der NSU-Prozess in München biegt auf die Zielgerade ein, diese Woche begannen die Schlussplädoyers. Die Bundesanwaltschaft unternimmt den Versuch, den Opfermythos zu zerlegen, den Beate Zschäpe und ihre Anwälte um sie herum in den letzten Monaten konstruiert haben. Das ist kein einfaches Stück Arbeit. Nicht nur in der Presse hat das Schicksal der Hauptangeklagten das der Opfer häufig in den Schatten gestellt.

Sie [die Bundesanwaltschaft] bricht mit der Opfererzählung Beates Zschäpes. Alle NSU-Taten waren nur das Werk von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Zschäpe hingegen habe diese nicht gewollt und war nur die unterdrückte Mitläuferin. So hatte es die Hauptangeklagte selbst im Prozess schildern lassen. Und so hatte es auch ein von ihr bestellter Gutachter dargestellt. Es könnte so gewesen sein. Nur spricht fast nichts dafür. Zeugen schilderten Zschäpe als durchsetzungsstark, als aktive Rechtsextremistin, die Waffen sammelte und vor dem Untertauchen für mehr Radikalität plädierte. Und plötzlich ist sie nur noch die Geisel ihrer Kumpanen?

In seinem Kommentar geht Konrad Litschko (@konradlitschko) auch auf die große Leerstelle des NSU-Prozesses ein: Die vermutete Mittäterschaft durch einen größeren Helferkreis, der durch viele Indizien wahrscheinlich erscheint und dessen Ausleuchtung im aktuellen Prozess nur mangelhaft ist.

Interview mit Clemens Binninger: „Viele haben versagt“ – Gunther Hartwig und André Bochow (Südwest Presse)

Im Interview mit Clemens Binninger (MdB, CDU), dem Vorsitzenden des 2. NSU-Untersuchungsausschusses des Bundestages, kommen alle ungeklärten Ungereimtheiten auf den Tisch. Auch Binninger glaubt nicht, dass alle Verbrechen allein von Bönhardt und Mundlos verübt wurden:

Es gibt 27 Tatorte, an denen Böhnhardt und Mundlos ihre Verbrechen begangen haben sollen. Also 10 Morde, 15 Banküberfälle, 2 Sprengstoffanschläge. An keinem einzigen Tatort wurden Fingerabdrücke und DNA-Spuren von den beiden gefunden. Das ist ausgesprochen ungewöhnlich. Stattdessen haben wir an verschiedenen Tatorten anonyme DNA, die bis heute niemandem zugeordnet werden konnte. Und auch auf den Bekenner-DVDs gibt es keine personenbezogenen Aussagen. Dort ist immer nur vom NSU die Rede. Und zwar als einem „Netzwerk von Kameraden.“ Auch die Auswahl der Tatorte spricht für die Unterstützung von Ortskundigen. So gibt es noch viele Indizien, die für die Beteiligung weiterer Täter sprechen.

Im Grunde ist niemand, der sich mit dem NSU-Komplex in Untersuchungsausschüssen, durch die Begleitung des NSU-Prozesses oder durch eigene journalistische Recherchen befasst hat, überzeugt von der Drei-Täter-Hypothese. Auch in der kommenden Legislaturperiode sollte es darum einen weiteren, den 3. NSU-Untersuchungsausschuss im Bundestag geben. Untersuchungsrelevante Verfassungsschutz-Akten sollten nicht in Archiven verschwinden.

Die Behörde setzt den Versuch der Umdeutung des NSU fort. (nsu-nebenklage.de)

Die Strategie der Generalbundesanwaltschaft (GBA), in ihrem Plädoyer vor allem die Mittäterschaft Zschäpes dingfest zu machen, wird von den Vertretern der Nebenkläger (der Opfer des NSU-Terrors) kritisiert. Sie begleiten den Prozess mit einem eigenen Blog.

Die GBA ignoriert damit – das liegt auf der Hand – die rassistische Ausrichtung des NSU. Daneben ignoriert sie aber auch den institutionellen Rassismus in den Ermittlungsbehörden, der dazu führte, dass die Ermittlungen jahrelang überwiegend gegen die Opfer der Taten des NSU selbst gerichtet wurden […]. Die Anschläge des NSU versetzten – wie geplant – die migrantische Bevölkerung in Angst und Schrecken, während der Großteil der deutschen Bevölkerung und insbesondere die „politischen Funktionsträger“ im Spiegel und den restlichen Medien rassistisch geprägte Artikel über „Dönermorde“ lasen.

Die Suche nach den Schuldigen geht also weiter, der NSU-Komplex ist noch lange nicht aufgeklärt. Verbrechen müssen geahndet, Täter bestraft werden. Die Kategorie der Schuld jedoch verweist auch auf die Rolle von Medien, Sicherheitsorganen, Geheimdiensten, ja, der ganzen Mehrheitsgesellschaft. Die Frage „Wie konnte das nur geschehen?“ verlangt auch nach einer theologischen Antwort.

Randständiges

As a British EU negotiator, I can tell you that Brexit is going to be far worse than anyone could have guessed – Steve Bullock (The Independent, englisch)

Diese Woche schrieb Carla Maurer bei uns, und wunderte sich, wie es sein kann, dass Politiker und „Experten“, die nachweislich gelogen haben, weiterhin Verantwortung für das Schicksal des Vereinigten Königreichs und den Brexit tragen. Steve Bullock wundert sich in seinem Gastbeitrag für den Independent, wie es sein kann, dass wirkliche Experten von der britischen Regierung ignoriert werden.

Was nun, Kirche? Kann so ein Buch Mut machen? – Markus Till (aufatmen in gottes gegenwart)

Markus Till lobt das neue Buch Ulrich Parzanys, in dem er mit der evangelischen Kirche hart ins Gericht geht. Mein Lektüretisch ist voll, so dass ich wohl nicht dazu kommen werde, den laut Till „beste[n] Beitrag zum Reformationsjubiläum“ selbst zu lesen. Doch: Einige der von Till mit dem Buch geäußerten Gedanken sind beachtenswert.

Es ist genug Ehe für alle da – Martin Höhl (y-nachten)

Auf y-nachten schreibt Martin Höhl noch einmal ausführlich über die Ehe für alle und bestätigt freudig-fleißig die Befürchtungen seiner konservativen Glaubensgeschwister, die der politischen Öffnungsentscheidung eine Türöffnerfunktion auch für die katholische Kirche zuschreiben. Durch Bibel und Tradition wühlt sich Martin Höhl hindurch, um einen sachlichen Überblick bzgl. der Ehe im römischen Katholizismus zu geben. Erst danach kommt sein „Ich“ zum Zuge:

Ich bin überzeugt, dass die Kirche an einem Scheideweg steht. In einer Zeit, in der immer weniger Menschen sich konfessionell gebunden fühlen und eine immer breitere Masse der „Amtskirche“ den Rücken kehrt, kann die Kirche sich keine weiteren zwölf Jahre Homophobie in der Ratzinger‘schen Form leisten.

Reformationsreformation – Marthori (marthori.wordpress.com)

In meinem Beitrag zur Diskussion um das Reformationsjubiläum habe ich zum Schluss Fragen gestellt, die im Jubiläumsjahr tatsächlich zu stellen wären. Auch @Marthori stellt Fragen nach der Zukunft, nicht nach der Vergangenheit, denn:

Was bleibt vom Reformationsjahr oder der ganzen -dekade? Das einzige von Belang, das mir einfällt, ist die Lutherbibel 2017. Bei dieser Neuübersetzung ging es besonders um die Annäherung an die Luther-Sprache. Und damit steht sie symptomatisch für die gegenwärtigen Reformationsbestrebungen: Luther und sein Werk zu re-aktualisieren. Ist das alles? […] Bräuchten wir nicht eine Art „Aggiornamento“ des Protestantismus? Denn was uns 1517ff sagen kann/will/soll interessiert mich ehrlich gesagt nicht so doll, wie mich 2017ff interessiert.

Mehr als ein paar Ohrfeigen – Wolfgang Beck (Das Wort zum Sonntag)

Der katholische Pfarrer Wolfgang Beck findet für den Missbrauch bei den Domspatzen in Regensburg, der durch die Veröffentlichung des unabhängigen Abschlussberichts in all seiner Bosheit und Abgründigkeit vor Augen steht, anders als viele andere Kommentatoren gute Worte.

Und wieder einmal muss ich sowohl im Blick auf die Taten, auf die Schicksale der Opfer, wie auch im Blick auf das träge Verhalten der Verantwortlichen bei der Aufklärung sagen: Mir fehlen die Worte! Ich bin als Mitbürger entsetzt! Und ich bin als Priester zutiefst beschämt!

Ein Fall zum Kaputtsparen – Frederik Schindler (jungle.world)

Ein österreichischer Bischof tritt als Präsident der dortigen Sektion von Pax Christi zurück und begründet dies mit dem Antisemitismus der Organisation. Diese steht auch hierzulande seit der aufmerksamkeitserregenden Antisemitismus-Doku (wir berichteten) in der Kritik. Und die Finanzierung durch Kirchensteuermittel per katholischer Kirche steht auch in Frage.

Bibel

Ist Mission nicht gewollt? Gedanken zur neuen Lutherbibel – Sabine Ulrich (kirchgezeiten.de)

Im Text geht es, anders als der Titel vermuten lässt, nicht um eine Generalabrechnung mit der Lutherübersetzung 2017, sondern um eine konkrete Neuerung in der Übersetzung, nämlich die Änderung von „zu Jüngern machen“ zu „lehren“ in Matthäus 28. Sabine Ulrich (@KirchGezeiten) fragt nach den Gründen für diese folgenreiche Änderung.

Wer schnell nur einmal über die Worte fliegt, bemerkt den Unterschied vielleicht gar nicht. Es ist ja auch nur ein Wort anders übersetzt worden. Das griechische „matheteusate“ ist statt mit „zu Jüngern machen“ nun mit „lehren“ wiedergegeben worden und ich frage mich warum? Der eine oder die andere mag meinen, das sei doch so ziemlich dasselbe. Doch ich halte „zu Jüngern machen“ schon für etwas anderes als „lehren“.

Predigt

Schlafend und schreibend das Evangelium umzingeln. #Ekklesiolab – Birgit Mattausch (Frau Auge)

Birgit Mattausch ist Poetin, Pfarrerin, Slammerin. Und irgendwo zwischen diesen drei Rollen ist der aktuelle Text von ihr zu verorten. Ein schönes Beispiel dafür, dass Slam-Predigten oder poetische Homilien ganz und gar nicht flach und voraussetzungslos sind. Damit löst diese Technik m.E. ein, was Ernst Lange mit dem „Ver-Sprechen“ meinte.

Ein schöner Satz

Daher ist der Holocaust für Deutschland nicht allein eine Schuldgeschichte. Er ist zugleich eine Verlustgeschichte.

Die FAZ veröffentlicht eine Rede Navid Kermanis. Er berichtet von seinen Besuchen in Auschwitz, seiner litarischen Begegnung mit Marcel Reich-Ranicki. Kermani schreibt darüber, wie die Schuld der Deutschen erinnert werden kann, auch wenn sie qua eigener Migrationsbiographie oder Generationenzugehörigkeit anders empfunden wird. Ein wichtiger, identitätsstiftender Text.

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