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Tempo raus – Die #LaTdH vom 7. April

Tempo raus – empfiehlt die Kirche und kann der Kirche auch empfohlen werden. Außerdem: Heftiger Beef in der Fastenzeit um „Jana glaubt“, 2 Bischöfe & Höllengottesdienste.

Soll die Kirche politisch handeln? Und wenn ja, wie stellt sie das am besten an? Darüber haben in den vergangenen Tagen Wolfgang Beck (@wolfgang_beck) und ich hier in der Eule diskutiert. Die Frage nach dem Verhältnis von Kirche und Politik liegt oben auf.

Für mich allerdings nicht die, ob Kirche Politik machen darf oder soll. Natürlich darf sie und häufig genug muss sie es auch, um dem Evangelium zu dienen. Doch fordert die Pluralität der eigenen Leute und der Gesellschaft als Ganzes die Kirche heraus, in Stil und Form ihres politischen Engagements flexibler zu werden.

Debatte

Tempo-Limit-Petition der EKM erfolgreich

Ein gutes Beispiel für das breite evangelische Interesse an gesellschaftspolitischen Themen ist die Petition zur Einführung eines Tempolimits von 130 km/h auf Autobahnen, die von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) gestartet und diese Woche erfolgreich beendet werden konnte.

Insgesamt haben 66 430 Menschen die Petition mitgezeichnet (online 59 040, auf Papierlisten 7 390). Damit hat die Petition nicht nur das erforderliche Quorum von 50 000 Unterzeichner*innen erreicht, sondern ist ein richtiger Erfolg geworden.

„Mit diesem Ergebnis ist das Quorum deutlich erreicht. Herzlichen Dank den vielen engagierten Menschen, den Vereinen, Initiativen, Organisationen und Kirchen, die sich mit der Aktion solidarisch erklärt […] haben“,

sagt Oberkirchenrat Christian Fuhrmann, der die Petition im Auftrag des Landeskirchenrates beim Bundestag eingereicht hat. Den Namen können sich interessierte #LaTdH-Leser*innen mal merken (s. Buntes).

Letzte Woche hatte ich die Petition als Negativbeispiel für politisches Engagement der Kirche erwähnt (Wurde das mit den Fahrern des Spitzenpersonals koordiniert?). Dabei ging es mir um die Doppelmoral solcher Interventionen. Ganz andere Kritik kommt allerdings vom Vorsitzenden des Petitionsauschusses des Deutschen Bundestages:

Wendt kritisiert Tempolimit-Kampagne: „Grüne Verbotspolitik hat in Kirche nichts zu suchen“ – Olaf Majer (Leipziger Volkszeitung)

Marian Wendt (CDU, @MdbWendt) aus Nordsachsen, auf dessen Schreibtisch die Petition nun landen wird, meint:

„Kirche sollte keine Tagespolitik machen, sondern sich um eigene Themen sowie grundsätzliche gesellschaftliche Fragen kümmern. […] Wenn ich mit meinen örtlichen Gemeindemitgliedern spreche, bin ich davon überzeugt, dass die Mehrheit an der Basis diese politische Ausrichtung, wie sie mit der Petition angestrebt wird, ablehnt.“

Eigentlich ganz hübsch, dass Wendt hier vorführt, was ich im Artikel beschrieben habe: Interventionen der Kirche werden nach eigenem Gusto abgelehnt bzw. willkommen geheißen. Das Evangelium spielt als Maßstab gar keine Rolle. Wendt weiter:

„Grüne Verbotspolitik hat in der Kirche nichts zu suchen. Kirche darf nicht bevormunden und die Menschen gängeln.“

Komisch, ich dachte genau das wäre über Jahrhunderte eine ihrer Kernkompetenzen gewesen?!

Im Ernst: Von einem Christdemokraten hätte ich weniger Gebimmel und mehr Respekt vor dem Petitionsrecht erwartet. Ob ein Tempolimit ein geeignetes und kluges Mittel ist, die erkannten Missstände zu beseitigen, darf und sollte diskutiert werden – demnächst auch im Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages. Wenn Christdemokraten aber Grundrechte geringschätzen, hört der Spaß auf.

Die MdBs Corinna Rüffer (B’90/Grüne, @crueffer) und Kerstin Kassner (LINKE) jedenfalls sprangen der EKM in einem Schreiben an Wendt bei. Darin:

[Mit dem Petitionsrecht in Art. 17 GG] ist ausdrücklich gemeint, dass alle das Recht haben, eine Petition einzubringen. Dieses demokratische Grundrecht gilt auch für die Evangelische Kirche Mitteldeutschlands. Und dabei ist es völlig egal, worum es sich bei dem Anliegen handelt.

Ein pikantes Detail: Weil die Sachsen erst gegen und dann mit Napoleon verloren, gehörte der nördliche Zipfel des heutigen Freistaats Sachsen einmal auch zu Preußen, war Teil der Kirchenprovinz Sachsen und ist darum heute EKM-Gebiet. Noch einmal Wendt:

„Über notwendige Konsequenzen meiner persönlichen Mitgliedschaft in der EKM denke ich angesichts dieser politischen Ausrichtung stark nach.“

Na, dann denken Sie mal nach! Vielleicht auch darüber, was Sie als Christ und Politiker antreibt: #SundaysforFuture oder so.

Die politische Theologie der neuen Rechten – Rolf Schieder (feinschwarz.net)

Der emeritierte Professor für Praktische Theologie und Religionspädagogik der Humboldt Uni Berlin zerlegt in seinem Beitrag auf feinschwarz.net die politische Theologie der Neuen Rechten. Dazu nimmt er sich den unvermeidlichen Carl Schmitt vor und stellt die Theologie der Neuen Rechten derjenigen der 68er-Generation gegenüber und kommt zu folgendem Schluss:

Theologisch wäre es an der Zeit, die Differenz zwischen einer apokalyptischen und einer eschatologischen Politischen Theologie stark zu machen. Apokalyptiker sehnen den Endkampf zwischen Gut und Böse herbei. Eschatologiker hingegen sind von einer Theologie der Hoffnung erfüllt. Sie arbeiten nicht an der Apokalypse, sie verstehen sich vielmehr als geduldige Mitarbeiter am kommenden Reich Gottes.

Ein Merkmal des politischen Engagements der Kirche sollte also eine Perspektive der Hoffnung für die Menschen sein. Das bedeutete sich auch in der Form nicht den zu bekämpfenden Phänomenen und Gegnern anzugleichen. Dem politischen Engagement der Kirche muss mehr zugrunde liegen als Eigeninteresse und eine gewisse Gelassenheit eigen sein, die um die Vorläufigkeit allen menschlichen Wirkens – auch in der Politik – weiß.

Vier Aspekte der Balance nach David Schnarch

Unter der Woche empfahl Martin Horstmann (@marthori) auf Twitter in ganz anderem Kontext die vier Aspekte der Balance nach David Schnarch. Die stammen aus der Sexual- und Partnerschaftstherapie, scheinen mir aber als Test für das politische Engagement der Kirche geeignet:

1. Stabiles, flexibles Selbst
2. Stiller Geist, ruhiges Herz
3. Maßvolles Reagieren
4. Sinnvolle Beharrlichkeit

Gerade der erste Punkt stimmt mich nachdenklich, weil er zugleich als Beschreibung des idealen Protestantismus funktioniert und einen Mangel anzeigt. Eine Kirche, die sich selbst unsicher ist, wird kaum flexibel reagieren können – auch in der Wahl der Tonhöhe und Lautstärke ihrer Interventionen.

Ich kann auf schnelle Bedürfniserfüllung verzichten um ein größeres und langfristigeres Ziel zu erreichen. Ich versuche in allen schwierigen Situationen einen höheren Sinn zu sehen auch wenn dies sehr schwer sein kann und oft nicht leicht zu erkennen ist. Ich gehe mit dem was mir zustößt so um, dass ich mich nicht in einer „Opferrolle“ einrichte und darin verharre. Ich entwickele Vertrauen in mich und mein Leben. *

nachgefasst

Jana glaubt, Theresa liebt, Steffi hofft – Hanno Terbuyken (Confessio Digitalis, evangelisch.de)

Hanno Terbuyken (@dailybug), Leiter digitale Kommunikation beim Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP), klärt auf seinem Blog Confessio Digitalis über die kircheninternen Hintergründe des YouTube-Kanals „Jana glaubt“ auf. Am Freitag hatte ich über die heftige Diskussion um den Kanal und seine Zukunft in der Eule berichtet.

Das ist Ihnen zu viel Interna? Bleiben Sie dran! Entweder sind sie live dabei, wie die evangelische Kirche wieder einmal ein Digitalprojekt in den Sand setzt, d.h. die Finanzierung von „Jana glaubt“ nicht verlängert und/oder von weiteren offiziellen Kirchenkanälen nichts wissen will. Oder Sie werden Zeuge, dass doch einmal auf Expert*innen gehört wird. Das meint: der Rat der EKD beschließt einen Finanzrahmen, der die Produktion einiger weiterer Bewegtbildformate erlaubt.

Und wer soll sich drum kümmern? Wenn es nach Terbuyken geht natürlich das GEP, wo entsprechende Kompetenzen erst einmal aufgebaut werden müssten. Immer noch günstiger als teure Medienagenturen zu engagieren. Aber es gibt zwischen großen Playern wie mediakraft – die „Jana glaubt“ für unbestätigte 200 000 € im Jahr produzieren –  und dem Prinzip „Do-it-yourself“ ja noch mehr: Kleine Medienagenturen und vielleicht sogar Start-Ups, die mit einem Kirchenvertrag gut bedient wären.

Youtuberin enttäuscht von Kritikern und Kirche – Anna Lutz (pro – christliches Medienmagazin)

Bei der evangelikalen Konkurrenz des Christlichen Medienverbundes KEP (ehemals Konferenz Evangelikaler Publizisten) hat sich nun auch Jana Highholder selbst zur heftigen Diskussion geäußert:

Bisher habe sie die Unterschiede zwischen Landes- und Freikirchen nie als Hindernis wahrgenommen. „Ich mache mit meinem Kanal ja auch keine Werbung für die Evangelische Kirche, sondern ich zeige, wie ich meinen Glauben lebe.“

Damit beschreibt Highholder ganz gut, worin für viele Beobachter*innen ein Missverständnis der Unternehmung besteht. Natürlich ist sie nicht die Pressesprecherin der EKD, wo die fließende Grenze zwischen Kirchen-PR und Glaubenskommunikation aber verläuft, ist eine spannende, immer wieder neu zu klärende Frage.

Was allerdings gar nicht geht, völlig unabhängig davon, wie man nun zu Highholders Überzeugungen und dem Format steht, ist das hier:

Von der Evangelischen Kirche in Deutschland, mit der gemeinsam sie den Kanal „Jana“ betreibt, habe sie noch keine Reaktion zur Debatte erhalten. „Das finde ich ebenfalls nicht sehr wertschätzend im Miteinander“, zeigte sie sich enttäuscht.

Eines ist „Jana glaubt“ ganz sicher nicht: ein Privatvergnügen. Dass niemand von der EKD oder aus dem GEP mal bei Highholder durchklingelt, ist unglaublich schlechter Stil.

Buntes

Christian Stäblein neuer Bischof der EKBO

Am Freitag wurde Propst Christian Stäblein, bisher theologischer Leiter des Konsistoriums in Berlin, zum neuen Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (@ekbo_de) gewählt. Er erhielt schon im zweiten Wahlgang die erforderliche 2/3-Mehrheit von 76 der 113 Synodalen. Nachdem er bereits im 1. Wahlgang uneinholbar vorn gelegen hatte (65 Stimmen), entschieden sich im 2. Wahlgang genügend Synodale für ihn. Stäblein ging als Favorit in die Bischofswahl. (Und seine Schleichermacher-Videos haben wir in der Eule sogar schon einmal thematisiert.)

Was lässt sich nach nun zwei evangelischen Bischofswahlen im Jahr 2019 sagen? Wie schon bei der Wahl von Tilman Jeremias zum neuen Bischof für Mecklenburg und Pommern (Nordkirche) wurde mit Stäblein ein Mann und gebürtiger Westdeutscher gewählt, der ursprünglich aus einer anderen Landeskirche stammend durch Tätigkeit vor Ort (seit 2014) als interner Kandidat gelten kann. Nächster Halt ist die Bischofswahl in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM). Am 10. April werden die Kandidat*innen bekannt gegeben, am 10. Mai wird gewählt.

Evangelium zwischen Schminktipps und Katzenfotos – Alexander Bayer interviewt Bischof Stefan Oster (Straubinger Tagblatt, PDF)

Es bleibt bischöflich, wenngleich der röm.-kath. Bischof von Passau wesentlich größere Gestaltungshoheit genießt als seine evangelischen Kolleg*innen. So hat er erst kürzlich das Firmalter von 12 auf 16 Jahre angehoben. Kann man Jugendliche so zum Bleiben zwingen? Allerdings hat er seinen Spielraum und Erfahrungsschatz für die digitale Kommunikation recht geschickt genutzt:

Bischof Stefan Oster ist einer, der sich einfach auf Instagram angemeldet hat, weil dort die Jungen sind. In wenigen Wochen haben knapp 2 000 Menschen seinen Kanal abonniert, Hunderte schauen seine Videos auf Youtube und Tausende lesen seinen Blog. Die Inhalte produziert der gelernte Journalist nicht alleine. Kürzlich hat er sein Medienteam umstrukturiert. Er arbeitet jetzt mit seiner persönlichen Pressesprecherin und der Redaktion der Bistumspressestelle zusammen. So entstehen beinahe täglich Fotos für Instagram, Videos für YouTube oder geschriebene Texte und Gedanken für den Blog.

Predigt

Manche Gottesdienste sind die Hölle – Carola Scherf (Willkommen in der digitalen Kirche)

Carola Scherf (@PastoraCara) erinnert anlässlich unablässiger Gottesdienst-Diskussionen (noch einmal) daran, was in so einem Gottesdienst auch passieren kann. Und wer da eigentlich am Werk ist.

Dann die Predigt. Kurz und knackig. Das Meiste hat die Leute hoffentlich erreicht. Vieles aber sicherlich nicht. Wieder ein Dankgott: In der ganzen Zeit hat immer wieder unser Jugendchor gesungen. So toll, dass er die Leute spürbar mitgerissen hat. So sehr, dass die Kinder mucksmäuschenstill der Musik gelauscht haben. Das hat wahrscheinlich weit mehr gepredigt als die vielen schönen Worte von der Kanzel.

Und endlich: Der letzte Ton der Orgel verklingt. Geschafft! Mit Gedanken von „Warum mache ich das eigentlich so?“, stelle ich mich an die Tür. Und dann gehen die Leute vorbei und sagen doch tatsächlich: „Vielen Dank. Das war wirklich toll.“ Wow. Gelogen war das bestimmt nicht. Aber ein Zeichen dafür, dass der Heilige Geist wirkt, wo er will.

Ein guter Satz

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