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Under Pressure – Die #LaTdH vom 26. August

Gemeinden, die Kirchenasyl gewähren, werden unter Druck gesetzt. Außerdem: Die Debatte um die Missbrauchsskandale in der Katholischen Kirche brodelt weiter. Da können einem Zweifel kommen.

Debatte

Kirchenasyl unter Druck – Matthias Kamann (Die Welt)

Laut einem Bericht von Matthias Kammann (@Matthias_Kamann) in der Tageszeitung Die Welt halten sich viele Gemeinden, die Kirchenasyl gewähren, nicht an eine Absprache der Kirchen mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) aus dem Jahre 2015, zur Prüfung detaillierte Informationen zu den einzelnen Fälle zu übermitteln und einen kirchlichen Ansprechpartner für die Behörden zu benennen.

„Aus Gesprächen mit dem BAMF wissen wir, dass 2017 bedauerlicherweise nur in etwa der Hälfte aller Kirchenasylfälle ein Dossier eingereicht wurde“

sagt Prälat Karl Jüsten, der das Berliner Büro der Deutschen Bischofskonferenz leitet. Bundesinnenminister Seehofer (CSU) hat mit einem Erlass reagiert, der es für Regelbrecher noch härter macht: Sie müssen sich seit August darauf einstellen, ein Kirchenasyl 18 Monate lang zu gewähren, was kaum zu schaffen ist. Prälat Jüsten hat für die Verschärfung ein erstaunlich staatstragendes Verständnis:

„Gegen Maßnahmen, die der besseren Umsetzung der Vereinbarung dienen, haben wir grundsätzlich nichts einzuwenden.“

Solidarität mit den vielen (auch römisch-katholischen) Gemeinden, die Kirchenasyl gewähren, sieht anders aus. Das kritisiert u.a. das befreiungstheologisch aktive Institut für Theologie und Politik (ITP) in Münster:

„Exempel am Kirchenasyl“ – Markus Dobstadt (Publik-Forum)

Die schärferen Regeln für das Kirchenasyl machen es den Gemeinden deutlich schwerer, Flüchtlinge aufzunehmen, sagt auch Dietlind Jochims, Vorsitzende der Ökumenischen Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche, im Interview mit @MarkusDobstadt von Publik-Forum:

„Ich sehe es als eine Sanktion. Es ist eine Demonstration von Macht und von Stärke. Wir haben uns 2015 auf die Vereinbarung eingelassen in der Hoffnung, dass alle Beteiligten an einer guten, lösungsorientierten Praxis gelegen ist. Das hat auch das erste Jahr geklappt. Es wäre mein großer Wunsch, dass sich alle Seiten dem wieder annähern. Das gilt auch für das Bundesamt. Dessen Entscheidungen sind sehr pauschal und voller Falschannahmen, statt die individuelle Situation zu würdigen.“

Was die Behörden von den Kirchen fordern, sei kaum zu leisten, sagt auch Ilse Junkermann, Bischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM):

„Da verschiebt sich gerade etwas: Die Beweislast geht auf die Kirchengemeinden. Das finde ich rechtsstaatlich sehr bedenklich.“

Der EKD-Ratsvorsitzende Bedford-Strohm hat als bayerischer @Landesbischof einen Brief an alle Gemeinden und Einrichtungen geschickt. Darin stellt er sich hinter das Kirchenasyl und kritisiert die verschärften Verfahrensregeln dafür. Manfred Rekowski (@ManfredRekowski), Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, kritisiert die Verschärfungen im Kirchenasyl als „Quäleinheiten für die Schutzsuchenden„:

„Jedes einzelne Kirchenasyl erinnert den Rechtsstaat daran, dass er seine Praxis noch einmal überprüfen muss.“

nachgefasst

Mit der Veröffentlichung des „Pennsylvania-Reports“ des US-Bundesstaates ist das Thema Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche wieder weltweit in die Schlagzeilen geraten (s. #LaTdH vom 19. August). Auf fast 1 400 Seiten wird die sexualisierte Gewalt von 300 Priestern an über 1 000 Kindern im Zeitraum der letzten 70 Jahre staatlicherseits aufgearbeitet – die Kirche sei nicht nur untätig gewesen, sondern habe alles verschleiert. Es habe ein regelrechtes „Drehbuch der Verdunkelung“ zur Verheimlichung der Taten gegeben, heißt es im Bericht, der besonders unter US-Katholiken für Furore sorgt.

Schreiben an das Volk Gottes – Papst Franziskus (vatican.va)

Als Reaktion auf den US-Bericht hat sich der Papst am 20. August mit einem Brief an alle Gläubigen gewandt:

Mit Scham und Reue geben wir als Gemeinschaft der Kirche zu, dass wir nicht dort gestanden haben, wo wir eigentlich hätten stehen sollen, und dass wir nicht rechtzeitig gehandelt haben, als wir den Umfang und die Schwere des Schadens erkannten, der sich in so vielen Menschenleben auswirkte. Wir haben die Kleinen vernachlässigt und allein gelassen. (…) Es ist unmöglich, sich eine Umkehr des kirchlichen Handelns vorzustellen ohne die aktive Teilnahme aller Glieder des Volks Gottes.

Der Trierer Bischof Stephan Ackermann, Missbrauchsbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz, hat den Papst-Brief in einer Erklärung als „ein wirklich aufrüttelndes Schreiben, das auch uns in Deutschland zur Gewissenserforschung und Erneuerung aufruft“, gewürdigt. Papst Franziskus plant einem Bericht zufolge keine weiteren Anweisungen an die katholischen Bischöfe zum Umgang mit der Missbrauchskrise. Warum eine Bischofssynode zum Thema Missbrauch aber nötig wäre, erklärt der Kirchenrechtler Thomas Schüller (@tschueller61im Interview mit dem Domradio.

Das große Schweigen – Johannes-Wilhelm Rörig (Deutschlandfunk)

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig (@ubskm_de), sieht den entscheidenden Zeitpunkt für eine „umfassende Aufarbeitung und Aufklärung der Sexualverbrechen im kirchlichen Kontext“ erreicht:

»Es kommt jetzt maßgeblich darauf an und nur dann ist es eine Kehrtwende, wenn die Katholische Kirche einen neuen Umgang im Umgang mit Missbrauchsopfern findet, also mit den Menschen, die in der Kirche vergewaltigt, erniedrigt und beschmutzt worden sind. Die Kirche muss verlorenes Vertrauen zurückgewinnen und sie darf die Betroffenen nicht mehr als Bittsteller sehen, die Kirche stört und den Ruf der Kirche beschädigt.«

Im Interview mit der WAZ wirft Rörig der römisch-katholischen Kirche in Deutschland allerdings unzureichende Aufklärung vor:

„Aufarbeitung wird wohl noch zu oft als Gefahr für die eigene Institution gesehen. (…) Es darf nicht mehr nur um den Schutz und das Ansehen der Kirche gehen.“

Der Missbrauchsbeauftragte der Regierung hat Unrecht – Joachim Frank (katholisch.de)

Das klinge gut und auch höchst plausibel, meint Joachim Frank, Vorsitzender der Gesellschaft Katholischer Publizisten (GKP) in seinem Standpunkt auf katholisch.de:

Damit ist die Vergangenheit richtig beschrieben. Aber spätestens seit der Skandalwelle des Jahres 2000 hat sich das in Deutschland grundlegend geändert. Die verbindlichen Leitlinien und die Präventionsordnungen der Bistümer stellen unmissverständlich auf den Opferschutz ab.

Wenn Rörig „wieder die alte Platte von Heimlichtuerei und Vertuschung“ auflege, kämen die systemischen Ursachen nicht in den Blick – genau das aber sei jetzt erforderlich:

Denn an den Zusammenhang zwischen Missbrauch und den männerbündischen Strukturen in der Kirche, ihrer in vielerlei Hinsicht unausgegorenen Haltung zur Sexualität im Allgemeinen, zu Frauen und Homosexuellen im Speziellen sowie der besonderen geistlichen Autorität des zölibatären Klerus wollen längst nicht alle Verantwortlichen in der notwendigen Nüchternheit und Schonungslosigkeit heran.

Ich war das nicht – Peter Otten (Theosalon)

Der Papst hat an das „Volk Gottes“ geschrieben. Aber was hat das Volk Gottes mit den Verbrechen sexualisierter Gewalt eigentlich zu tun? Es sei höchste Zeit, mit den Übergriffigkeiten Schluss zu machen, fordert Peter Otten (@PeterOtten):

Das Schreiben enthält ein Merkmal, in dem der Funke des Übels (…) schon grundgelegt ist. Denn das undifferenzierte »wir« ist, sorry, übergriffig. Und Übergriffigkeit ist der Beginn von Missbrauch, der Beginn einer „annormalen Verständnisweise von Autorität“. Hier werden Täter und Menschen, die mit den Verbrechen nichts zu tun haben, ja sogar auch ein Teil der Opfer undifferenziert als Volk Gottes angeredet und in einen Topf geworfen, in den sie einfach nicht gehören. Mag sein, dass der Papst das gar nicht beabsichtigt hat. Der Sound des Schreibens ist aber ganz zweifelsohne so.

Die Debatte über Missbrauch katholischer Priester in den USA steht nach Auffassung des Theologen Massimo Faggioli in Zusammenhang mit einem „Kulturkampf“ innerhalb der Kirche. Der Skandal sei auch eine Gelegenheit für ultrakonservative Katholiken, Papst Franziskus nahestehende Bischöfe und Kardinäle zu attackieren:

„Alles scheint gut, auch wenn ich missbrauche“ – so der Titel des Blog-Beitrags von Ludger Verst (@interfaith_de) über „das katholische Problem sexualisierter Gewalt“:

Um die Aufklärung von Missbrauchsfällen radikal voranzutreiben und neue zu verhindern, müsste das System bis in die Ämtertheologie und Priesterausbildung hinein umgebaut werden. Natürlich sind solche Forderungen zugleich Überforderungen, wenn man von heute auf morgen oder übermorgen alles klären wollte. Jede Reform aber fängt damit an, das Alte nicht weiter zu fördern, sondern den neuen Weg konsequent zu gehen: die Opfer anzuhören und zu verstehen, statt kalt und nüchtern nur zu »entschädigen«, und diejenigen, die Priester (und Priesterinnen) werden wollen, von der Verpflichtung zum Zölibat zu befreien. An diesen Schmerzpunkten wird sich ein elementares Stück Zukunft dieser Kirche entscheiden.

In Abhängigkeit zur Kirche – Hans-Joachim Sander im Gespräch mit Anne Françoise Weber (Deutschlandfunk Kultur)

Mit dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu erklärt der Theologe Hans-Joachim Sander, warum katholische Bischöfe so häufig sexuellen Missbrauch vertuscht haben. Manche verdanken der Institution Kirche viel und würden sich daher mit der Aufklärung schwer tun.

Man hat kirchliche Schulen gehabt auf dem Land, man hat bischöfliche Ausbildungsstätten gehabt, man hat seinen ersten beruflichen Bereich in der bischöflichen Behörde gehabt. Also, es ist ein rein innerkirchlicher Aufstieg. Mit anderen Worten: Diese Männer, die Bourdieu Oblaten nennt, tun sich unendlich schwer, etwas zu tun gegen die Institution, die sie groß gemacht hat. (…) Es war offenkundig, dass die Hierarchie von all diesen Fällen und wahrscheinlich von sehr viel mehr gewusst hat. Man hat diese Täter versetzt, man hat Privatvereinbarungen mit den Opfern geschlossen, es durfte nur nichts öffentlich werden. Also sozusagen eine Geheimniskrämerei, und das ist das typische Oblatenproblem.

Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Priester aus kirchenrechtlicher Sicht – Norbert Lüdecke (MThZ)

Zum Verständnis der systemischen Hintergründe des sexuellen Missbrauchs in der römisch-katholischen Kirche ist auch ein älterer Beitrag von Norbert Lüdecke, der bereits 2011 in der Münchener Theologischen Zeitschrift erschien, weiterhin hilfreich. Der „korrekte Kanonist“ an der Universität Bonn beschreibt aus kirchenrechtlicher Perspektive die Situation, das katholische System, vorgesehene und praktizierte Verfahrensweisen und fragt insbesondere nach der Verantwortung der Bischöfe:

Wie viele öffentliche Entschuldigungen hörten sich eher nach Rechtfertigung an, nach Skandalmanagement und professioneller Öffentlichkeitsarbeit? Da werden in anonymer Wir-Form und abstrakt „Fehler“ und „Irrtümer“ bedauert, einzelne oder tragische, aus heutiger Sicht und trotz bester Absicht. (…) Alle diese Strategien reklamieren moralische Unschuld wegen guten Willens. Reicht das für Repräsentanten einer Kirche, die den höchstpersönlichen und konkreten Charakter von Schuld und Sünde betonen und sich rühmen, wie niemand sonst ungeborene Leben zu schützen, aber vielfach nicht der Lage und in nicht geklärtem Ausmaß nicht Willens waren, die Schutzbedürftigsten der geborenen zu behüten?

Buntes

Gute Rendite und gute Resultate – Felicitas Steinkrüger, Winfried Hinzen & Thomas Suermann de Nocker (ifs)

Kirchliche Institutionen wollen auch bei Finanzanlagen sicherstellen, dass ihr Handeln mit den eigenen Werten in Einklang ist. Im Mittelpunkt steht das Kriterium der Nachhaltigkeit, also der respektvolle und bewahrende Umgang mit den Ressourcen der Welt, den Menschen und der Umwelt. Spezielle kirchliche Anforderungen kommen hinzu. Dieser Artikel des Instituts für Sozialstrategie (@IfS_de) bietet eine kurze Einführung, was bei Investments in nachhaltige Anlagen zu beachten ist.

Eine Dienstpflicht für alle? – Wolfgang Kessler / Andrea Teupke (Publik-Forum)

CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer (@_A_K_K_) hat eine Dienstpflicht für junge Männer und Frauen angeregt. Sie soll bei der Bundeswehr, als Sozialdienst, im Katastrophenschutz oder in der Entwicklungshilfe abgeleistet werden können. Ob das sinnvoll ist, diskutieren bei Publik-Forum-Chefredakteur Wolfgang Kessler (@wolfgangkessler) (Pro) und Andrea Teupke (@AndreaTeupke), Leiterin des Ressorts Leben & Kultur (Contra).

„Spielend entdecken, wer Gott ist“ – Marie Neumann (elk-wue.de)

Am Samstag ist die Gamescom, die größte Spielemesse Deutschlands, zu Ende gegangen. In Köln wurden die neuesten Spiele und Neuerungen der Gamingbranche vorgestellt. Welche Chancen dieser wachsende Markt für die #digitaleKirche bietet, hat sich Marie Neumann vom Leiter der Missionarischen Dienste Kirchenrat Tobias Schneider und Pfarrer Thomas Ebinger (@Thomas_Ebinger), der im Pädagogisch-Theologischen Zentrum (ptz) der Württembergischen Landeskirche für Konfirmandenarbeit zuständig ist, erklären lassen.

Predigt

„Wollt auch ihr weg gehen?“ (Predigt zu Joh 6,60-71) – Karl Lehmann (dbk.de)

Der verstorbene Mainzer Bischof und (bis 2008) Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Kardinal Lehmann, hat während der DBK-Herbstvollversammlung im September 2009 in Fulda über „die wahre Krise und die notwendige Entscheidung im Glauben“ gepredigt:

Gerade heute gibt es ein pluralistisches Sinnangebot. Nachfolge ist kein blindes Hinter-Jesus-Daherlaufen. Wir sind keine Trottel. Man kann auch nicht unentschieden abwarten, ob man auf diesem Weg mehr profitiert. (…) Wir glauben nicht blindlings und fügen uns nicht einfach einer noch so großen Tradition. Glauben und Erkennen gehören gerade bei Johannes zusammen. Immer wieder geht es ihm um die Überzeugung von innen her, die Verwurzelung des Glaubens in Vernunft und Willen, eben in unseren Herzen. Nur dann hält der Glaube den Zweifeln stand.

Ein guter Satz

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